Schweizerischer Altphilologenverband
Association Suisse des Philologues Classiques
Associazione Svizzera dei Filologi Classici
 

Bulletin 82/2013

Inhalt

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Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser
Es freut mich sehr, dass uns Patrick Kuntschnik, der zur Zeit als Lehrer der Alten Sprachen in England arbeitet, in seinem Leitartikel von der Stellung der lateinischen und griechischen Sprache ebendort berichtet.
Aber auch aus der Schweiz gibt es einen interessanten Artikel zu diesem Thema in dieser Ausgabe zu lesen. Unser Vorstandsmitglied Daniel Rutz schreibt über die Lateinumfrage im Kanton St. Gallen.
Auch die diesjährige Weiterbildung findet in St. Gallen statt. Das Programm und die Anmeldung sind diesem Bulletin zu entnehmen.
Die Jahresversammlung des SAV findet 2013 in Lausanne statt. Unser Präsident Lucius Hartmann lädt alle herzlich ein, am 22. 11. ins Welschland zu reisen. Alle nötigen Informationen dazu sind in seinem Schreiben zu finden.
Martin Meier zeichnet sich ab dieser Ausgabe verantwortlich für die Latein-Seite in unserem Bulletin. Sein erster Beitrag in lateinischer Sprache ist eine Buchbesprechung. Es ist mir eine grosse Freude, so jeweils einen Beitrag in Latein in das Bulletin aufnehmen zu können.
Schliessen möchte ich dieses Vorwort mit dem Hinweis auf den Bericht von Gisela Meier über die Weiterbildung in diesem Sommer in Delphi. Auch die Verfasserin dieser Zeilen nahm daran teil und denkt oft und sehr gerne an die Gastfreundschaft der Griechen, die anregende und herzliche Atmosphäre unter den TeilnehmernInnen und an diesen speziellen Ort unter der griechischen Sonne zurück.

Auf eine anregende Lektüre!

Petra Haldemann
 

Thematischer Artikel

Fish Chipsque
Classics in England

Class-ics

"Good morning, sir, how are you?", trompetet einer der Schüler, die gerade mehr oder weniger pünktlich ins Schulzimmer tröpfeln. "I am very well, Chris, how are you?"-"Goodthanks." Diese und ähnliche Antworten werden für gewöhnlich als ein einzelnes Wort hingenuschelt, und alle Beteiligten gehen überein, dass der Wortwechsel allein zur Begrüssung dient und kaum Information über irgendjemandes Seelenzustand enthält. Man darf annehmen, dass sich das Gegenüber nicht gerade ob einer persönlichen Tragödie abquält, und sich womöglich sogar über das Wiedersehen freut. In der Schweiz sagt man dazu lediglich "Grüezi".

Es ist acht Uhr vierzig, oder eher dreiundvierzig, denn heute war wie jeden Montag assembly, in welcher der Headmaster der versammelten Schulgemeinde ins Gewissen redet, gewöhnlich überzieht und dann schliesst mit: "Now quick to lessons!"

Und so schlendern meine Lateinerinnen und Lateiner gemächlich zu ihren Pulten, und Olivia fragt: "What are we doing today, sir?", wahrscheinlich in der Hoffnung, dass die Antwort ein Film ist.

Ich habe vierundzwanzig uniformierte Jugendliche von fünfzehn Jahren vor mir, die Jungs im Anzug, die Mädchen im Blazer mit kariertem Rock. Alle Mädchen haben langes Haar, alle Buben kurzes. Die Namen sind Olivia oder Imogen, oder Will, George und Chris. Wir schauen keinen Film.

Ich unterrichte Classics an einer englischen boarding school mit neobarockem Hauptgebäude, siebzehn Rugbyfeldern, einem Golfplatz und einigen Hektaren Wald. Ich trage Krawatte und Faltenhosen, wohne auf dem Schulgelände, und arbeite in einer Fachschaft von sieben Lehrpersonen, derer fünf einen Abschluss von Oxford oder Cambridge vorweisen können, und einer über Minoische Archäologie doktoriert hat. Ich bin der einzige aus dem Kanton Luzern.

Imogen, Chris, Olivia, Will und George gehören zu einer Minderheit von sieben Prozent aller Schüler und Schülerinnen Englands, die einen privaten Bildungsweg geht. Sie sind damit in eine englische Bildungstradition getreten, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ihre jetzige Form annahm. Ihr Leben als boarders ist vielen Nicht-Briten durchaus vertraut und mit sehr lebendigen Vorstellungen verbunden: es stellt sich dar wie Hogwarts, nur weniger zauberhaft, mit Rugby und Cricket statt Quidditch, und um einiges teurer. Beispielsweise investieren Eltern an der Westminster School in London in die Ausbildung ihres Kindes £10'450-pro Trimester. Gebühren an anderen namhaften Schulen, zum Beispiel Harrow oder Shrewsbury, sind ähnlich hoch.

Classics, das heisst Griechisch, Latein, ein Fach Classical Civilisation, ja sogar Ancient History, nimmt einen festen Platz ein in vielen independent schools, von denen ganze zwei Drittel diese Kurse in verschiedenen Ausmassen und Zusammenstellungen anbieten. Im staatlichen Sektor dagegen haben die Entwicklungen des letzten Jahrhunderts der Antike schwer zugesetzt: nur ein Sechstel der maintained schools führt Classics, was nicht selten einer einzelnen Lehrperson zu danken ist, die mit wenig Hoffnung auf Verstärkung für das Fach kämpft und sich bemüht, die Brücke in die Alte Welt zu halten. Klasse und Klassische Philologie sind in England schwer zu trennen. Man kann es sich so zusammenfassen: Classics is class-ics.

Gerund Grind & Gentlemen

Das neunzehnte Jahrhundert in England ist das Zeitalter des middle class gentleman: Der Engländer soll über Geistesbildung und Charakter verfügen, um sodann mit Geistesbildung und Charakter das Empire zu vertreten. Dies ist das Ideal, vorgelebt durch die Aristokratie, das im Verlaufe des Jahrhunderts auch von der aufstrebenden Mittelklasse, den Kaufmännern, Ärzten und Anwälten, angepeilt wird. Der abgesteckte Weg zu Geistesbildung und Charakter führt durch die Antike, die in England wie anderswo die Stundenpläne der Schulen fast ganz füllt. Auch an den Universitäten muss die moderne Fachdisziplin erst noch erfunden werden: Oxford und Cambridge verkörpern sozusagen die verlängerten Arme der Ausbildung zum gentleman, und sind zudem streng anglikanische Institutionen, die weder Juden noch Katholiken Abschlüsse zugestehen.

Da der Staat erst ab den 1860er Jahren beginnt, auf die Bildung im Lande Einfluss zu nehmen, obliegt jegliche Initiative Einzelnen, wie zum Beispiel Thomas Arnold, der entscheidendenden Anteil daran hat, dass Mitte des Jahrhunderts eine middle-class education zur Heranzucht eben jener gentlemen entsteht. Dabei handelt es sich natürlich um fee-paying schools, und es ist überaus schwierig, sich einen Überblick über kostenlose Bildungsangebote in England zu verschaffen. Einige Elementarschulen und grammar schools (Sekundarschulen) finanzieren sich über gemeinnützige Gesellschaften oder Wohltäter, doch bleibt Bildung in England eng an Kapital gekoppelt. Bezahlschulen schreiben die Geschichte der Bildung jener Zeit, und nicht selten suchen grammar schools ihr Glück in neu eingeführtem Schulgeld. Während sich gleichzeitig Preussen und Frankreich damit befleissen, Schulsysteme zu installieren, wird Bildung in England dem Markt überlassen.

Seit der englischen Romantik drückt sich die Beschäftigung mit der Alten Welt als Victorian Hellenism aus, dem britischen Gegenstück zum deutschen Philhellenismus. In den public schools (so nennen sich die renommierten Schulen) wird neben Latein auch eifrig Griechisch unterrichtet, welches man zu einem platonischen Ideal von schöner Feinheit stilisiert, das seine Ergänzung im Regelwerk des römischen Pragmatismus finde. Die Krönung jeglicher Bildung ist verse composition, das möglichst leichtfüssige Verfassen griechischer Verse. Stilübungen sind nicht nur Mode oder sublimierte Knobeleien, sondern Ehrensache: Jede Schule brüstet sich mit den Kompositionen ihrer Schüler, und Wettbewerbe küren besonders gelungene Werke der Verskunst. Ein Shrewsbury-Alumnus schreibt: "The school breathed Greek, and through its ancient buildings a Greek wind blew. To enter ‹Head Room›-a dim, panelled chamber which the upper sixth used as a study-was to become a scholar. I doubt if good Greek verse could be written anywhere else. Winged iambics fluttered through the air; they hung like bats along the shelves, and the dust fell in Greek particles."

Die Fixierung auf Stilübungen in den public schools gründet bei aller Anmut auf Knochenarbeit: Der Unterricht in den Alten Sprachen wird von Syntaxdrill und Formentortur beherrscht, und vor jedweder Auseinandersetzung mit Literatur und Geschichte werden von jedem Schüler über Jahre unter Strafandrohung grammatische Gesetzmässigkeiten auswendig gelernt. Dies ist bekannt als ‹Gerundiumschinderei›, gerund grind, der sich einnistet und bis Mitte des folgenden Jahrhunderts die Methode der Wahl bleibt.

Die Fähigkeit, griechisch oder lateinisch zu schreiben und mit den Alten vertrauten Umgang zu pflegen, oder zumindest so zu tun, ist auszeichnendes Merkmal des gentleman. Dieses Merkmal ist umso wichtiger, als der Begriff des anglikanisch-klassizistischen Viktorianers keineswegs festgeschrieben ist. Über die Antike spricht man sich aus class anxiety untereinander Verbundenheit zu und grenzt sich sehr bewusst von anderen Gesellschaftsschichten ab. Wer etwas auf sich hält, verschafft dem Sohnemann eine klassische Bildung. Zweckbefreites Hexameterdichten ist der augenfällige Beweis dafür, dass man es sich eben leisten kann.

Hierin liegt ein weiterer Unterschied zur Gesellschaftsentwicklung auf dem Kontinent. Durch die relativ frühe Industrialisierung hat sich die englische Gesellschaft schon stark geschichtet, und Manufaktur sowie Imperium haben einen Wohlstand hervorgebracht, der dem englischen amateur gentleman einen beschaulichen Lebenswandel als Wissensarbeiter ermöglicht. Eine industrielle Aufholjagd bedeutet für die französischen und deutschen Nachbarn hingegen, dass sich der Übergang zu einer produktionsfreundlichen Ausbildung, welche die Naturwissenschaften einschliesst, rasch vollziehen muss.

Cambridge und Oxford geben dem Bündnis von Classics und class den institutionellen Rahmen. Compulsory Greek und Compulsory Latin stehen dafür, dass keinen Einlass erhält, wer keine klassische Bildung genossen hat. Die public schools selbst selektieren Schüler in den so genannten Common Entrance Examinations, welche Griechisch und Latein voraussetzen, was zur Folge hat, dass vorbereitende Elementarschulen, preparatory schools aufspriessen: sie offerieren gegen Entgelt genau den Unterricht, welcher Zugang zu den besten independent schools verspricht. Prep schools sind ein augenfälliges Beispiel für ein Ausbildungsangebot, das gezielt eine Ausbildungsnachfrage abdeckt.

Selbst Kolonialdienst ist sozial reguliert. Die Eintrittsprüfungen des Indian Civil Service gewichten Mathematik mit 1000 Punkten, englische Sprache und Literatur mit 1500-und Griechisch und Latin mit zusammen 1500 Punkten. So überrascht es nicht, dass die Einnahme der indischen Provinz Sindh im Jahre 1843 per Telegramm lakonisch mit "peccavi" vermeldet wird: "I sinned". Ein ähnliches Telegramm erhält das Foreign Office 1856, als das nordindische Lucknow den Briten zufällt: der Text lautet "nunc fortunatus sum". Nur konsequent also, wenn 1910 eine indische Filiale der noch jungen Classical Association gegründet wird: Die Classical Association of Bombay, der allerdings nur ein kurzes Bestehen beschieden ist.

Eine Reihe von Arbeitskommissionen widmen in den 1860er-Jahren der englischen Bildungslandschaft erstmals von Staats wegen sorgfältige Aufmerksamkeit. Bemerkenswert ist hierbei eine Empfehlung, die an die "nine leading public schools" gerichtet ist, man solle doch nach Möglichkeit den altsprachlichen Unterricht auf drei Fünftel des Stundenplans reduzieren-es wird jedoch bei einer Empfehlung bleiben. Alle übrigen Sekundarschulen werden in Kategorien eingeteilt, die die gesellschaftlichen Verhältnisse klar wiedergeben: "grade 1, leaving age 18, Latin and Greek taught, professional parents; grade 2, leaving age 16, Latin taught, middle class parents; and grade 3, leaving age 14, no classics, lower middle class parents." Der Satiriker Sydney Smith spielt Jahre zuvor mit eben solchen Schichtmerkmalen, wenn er vorschlägt, Grabinschriften je nach Stellung des Verstorbenen in Griechisch, Lateinisch oder Englisch zu halten. Englisch wird im neunzehnten Jahrhundert noch als reine Gebrauchssprache angesehen, die Sprache der unteren Klassen, welche weder in der Schule noch an der Universität den Rang eines eigenen Faches einnimmt. Doch interessanterweise ereignet sich gerade in den Jahrzehnten zur Jahrhundertwende die Entwicklung eines public school English, der Received Pronunciation, die sich über dialektale Unterschiede hinweghebt und, neben Classics, ein weiterer Bündnispartner der middle class wird. Die Macht des Akzents ist übrigens auch heute ungebrochen: Mir selbst haben Schüler, welche vor ihrer jetzigen Zeit am Internat eine staatliche Primarschule besuchten, erklärt, dass sie seither ihre Aussprache mehr oder weniger willentlich veredelt haben: "I've become much more well-spoken. You're just taken more seriously this way."

Der Ausbau der Eisenbahnlinien erlaubt es Schulen, aufs Land zu ziehen, weg von den sozial durchmischten Metropolen. Es entsteht ein weit ausgeworfenes Netz von boarding schools, welche für drei terms im Jahr die Jungen oder Mädchen der Mittelklasse in ihre Hallen aufnehmen-quasi per Hogwarts Express. Diese Schulen sind ein Symptom dafür, dass die Wissensschicht der Gesellschaft zunehmend ein überregionales Selbstverständnis pflegt und sich auch sprachlich von den locals abgrenzt, während in den unteren Klassen ein lokales Heimatgefühl und ein regionaler Dialekt sehr viel stärker ausgeprägt bleiben. Die zeitliche und örtliche Transzendenz einer klassischen Bildung kommt auch deswegen den public schools gerade recht.

1870 nimmt sich der Staat erstmalig der Bildung auf Primarstufe an, richtet diese allerdings erst ab 1891 als kostenlosen Dienst ein. Einmal mehr wirkt staatliche Einflussnahme, genauso wie bei der Stufeneinteilung der Schulen, unabsichtlich zu Gunsten der public schools. Die board schools, also Primarschulen im Auftrag des Board of Education, sind letztlich Schulen der Unterschicht und der lower middle class. Von diesen sucht man sich abzuheben, soweit es einem die Mittel ermöglichen: Die Mittelklasse erachtet kostenlose Bildung als billig, denn was keinen Preis hat, habe auch keinen Wert. Diese Einstellung nimmt zuweilen groteske Züge an, wie in diesem Leserbrief eines empörten Vaters an die Fortnightly Review: "Once one of us tried the experiment of sending his boy to a Board school. Within a year he contracted the following diseases: measles, ringworm, whooping cough, vermin, ill manners, bad language, and a cockney dialect."

Die Topographie der englischen Bildungslandschaft ist also bis zum Ende des Jahrhunderts in wichtigen Grundzügen schon entwickelt. Die public schools ziehen Gewinn aus der Flucht der middle class vor dem Einflussbereich des Staates, und zementieren diesen mit erfundenen traditions, wie school songs, school ties, school clubs, und games, das heisst Sport, welcher ein ungemein wichtiges Spielfeld für Status und Schichtbestätigung bietet.

Wie im Jahre 1870 die Primarstufe, so wird 1902 die Sekundarstufe erstmals durchorganisiert, auch hier zunächst ohne flächendeckend ein staatliches Angebot aufzubauen. Da der entsprechende report konkrete Lehrplanvorschläge macht, die über Classics hinausgehen, sehen sich viele schoolmasters, die Alte Sprachen unterrichten, bedroht und fürchten direkte staatliche Eingriffe in das Gefüge der public schools. Die Gründung der englischen Classical Association ist eine unmittelbare Antwort auf die neue Situation, welche mit einer postviktorianischen Ernüchterung einhergeht. In den Jahren vor dem Krieg sind die Naturwissenschaften im Vormarsch, zumal Grossbritannien im Hinblick auf die industrielle Produktion peinlich zurückgefallen ist. Der Krieg selbst verstärkt den Gegensatz zwischen zweckfreiem Humanismus und zielführender Naturwissenschaft. Vertreter des technischen Fortschritts brandmarken Classics als nutzlos, und möchten das Fach völlig durch Mathematik und Naturwissenschaft ersetzt sehen, denn davon hänge der Sieg ab. Es ist ein Zeichen dieses Paradigmenwechsels, welcher im Grossen Krieg erfolgt, dass 1919 Oxford und Cambridge den viktorianischen Hellenismus für tot erklären, indem sie Compulsory Greek abschaffen. Damit beginnt in England das Zeitalter des Lateins.

Silver Latin

1918 wird die Schulpflicht erhöht, und zieht sich bis zum vierzehnten Lebensjahr. Für diejenigen, welche ihre Ausbildung weiterführen können, wird ein School Certificate eingeführt, das mit sechzehn zu bestehen ist; Achtzehnjährigen wird ein Higher School Certificate zuerkannt. Darin sind die in England typischen Einschnitte im Alter von sechzehn und achtzehn gespiegelt, wenn auch die Schulpflicht erst 1973 auf sechzehn Jahre angehoben wird. Bis dahin verlässt ein beachtlicher Teil der Bevölkerung die Schule ohne Sekundarabschluss.

Schon im Jahre 1921 stehen wir endgültig in einer Epoche des Lateins. An weniger als fünf Prozent der boys' schools wird Griechisch unterrichtet, an 44 Prozent noch Latein. Mädchenschulen führen zu 28 Prozent Latein, aber so gut wie kein Griechisch.

Da inzwischen nurmehr das Latein als Gütesiegel dient, steht einer grösseren Anzahl von Schülerinnen und Schülern zumindest formell eine Universitätslaufbahn offen. In der Zeit zwischen dem ersten Weltkrieg und 1960 werden die grammar schools, die erschwinglichen Cousins der public schools, zu Aufsteigerschmieden, in denen Lateinunterricht gemäss althergebrachtem Verfahren fortgeführt wird. Auch im privaten Sektor ändert sich am gerund grind nichts, obgleich William Rouse, Headmaster der Perse School in Cambridge, seit vor dem Krieg den altsprachlichen Unterricht mit der Direct Method aufzurütteln versucht. Griechisch und Latein sollen demnach ausnahmslos in der Zielsprache unterrichtet werden. Die gesprochene Antike findet jedoch wenig Echo.

In einer Parallelentwicklung zum sehr freien Bildungsmarkt Englands zieht sich die Regierung 1926 auch offiziell von jeglichen Lehrplanvorgaben zurück, was den Weg ebnet für den heutigen Fächermarkt im englischen Bildungswesen. Abgesehen von gewissen Grundvoraussetzungen in Englisch und Mathematik obliegt die Fächerwahl einzig der Schülerin oder dem Schüler. 1944 wird eine Sekundarschulbildung obligatorisch, und der Staat richtet Institute in drei Stufen ein: Grammar Schools bleiben ihrem angestammten Zweck treu und führen zur Universitätsreife, Secondary Modern Schools bedienen das akademische Mittelfeld, während Technical Schools praktisch ausgerichtet sind. Die Schülerschaft wird im Alter von elf Jahren im Rahmen der 11+ exams ausgesiebt, welche bei Kindern wie Eltern für einige Beklemmung sorgen. In den Worten eines Griechischprofessors, den ich kürzlich sprach: 'If you didn't get into grammar school, the feeling was you were done for.'

Nichts von alledem braucht die public schools zu kümmern. Die Idee vom gentleman und seiner Charakterformung wird an Schulen wie Eton weiter hochgehalten. Als solche ist sie aber ein Hindernis für die Entwicklung des Berufspädagogen: Wer durch public school und Oxford oder Cambridge gegangen ist, erwartet, kultiviert genug zu sein, um keines pädagogischen Lehrgangs zu bedürfen. Dazu passt, dass der Lehrkörper vieler Schulen grösstenteils aus den Reihen der eigenen Ehemaligen rekrutiert ist.

1951 werden neue Abschlussprüfungen eingeführt, Ordinary Level oder O-level für 16+ und Advanced Level oder A-level für 18+. Damit wird die freie Fächerwahl institutionalisiert. Jeder O-level ist eine eigenständige Qualifikation in einem Einzelfach, ebenso jeder A-level. Die neuen Diplome schaffen den heutigen Kontext. Erwartungen an einen Schulabschluss werden vom Arbeitsmarkt beziehungsweise den tertiären Einrichtungen vorgegeben. Angesteuert sind etwa zehn O-levels, während nur drei oder vier A-levels ausreichen, um an einer der inzwischen zahlreicheren Universitäten studieren zu dürfen. Beide Prüfungsstufen bleiben jedoch tatsächlich den public und den grammar schools vorbehalten.

Die O-level-Prüfung, welche für Latein aufgesetzt wird, ist äusserst sprachlastig, und verleiht bei Weitem mehr Punkte für die Übersetzung aus dem Englischen als für literarische Erwägungen oder Hintergrundwissen. Was A-levels betrifft, ist eine gewisse Experimentierfreudigkeit ersichtlich: So gibt es einen A-level in Latin & Roman Civilisation, oder einen nur für Greek Civilisation. Aufgrund zu kleiner Zahlen stellt man viele dieser Angebote rasch ein. Obschon die Hoffnung besteht, dass Schülerinnen und Schüler Breite anstreben bei der Wahl ihrer Abschlussfächer, zeigt sich bald, dass in den meisten Fällen nach dem sechzehnten Lebensjahr eine starke Spezialisierung stattfindet, in der man sich auf ein bestimmtes Wissensfeld einschiesst. Dies wird das Bildungsverständnis wie auch das englische Universitätswesen entscheidend prägen.

Compulsory Latin in Cambridge und Oxford ist für die altsprachliche Lehrerschaft trotz dieser Entwicklungen eine verlässliche Rückversicherung, bis das Fach 1960 einen Schock erfährt: Der Kalte Krieg fordert Naturwissenschaftler, und wie schon fünfzig Jahre zuvor reagieren Oxford und Cambridge gemeinsam, indem sie das Lateinobligatorium fallen lassen. Mehr scientists braucht das Land.

1960

Die Abschaffung von Compulsory Latin versetzt die Vertreter des Faches erstmals in die Lage, Classics auf dem Marktplatz der O- und A-levels verkaufen zu müssen. Gleichwohl kommt vor Ende des Jahrzehnts noch eine weitere Herausforderung auf sie zu. Die neugewählte Labour-Regierung wälzt das unlängst eingeführte Stufensystem um und organisiert das Bildungswesen in Gesamtschulen, comprehensive schools. Obgleich nicht alle Regionen ganz von grammar schools ablassen, geht dieser Pozess sehr weit und begründet den jetzigen Status quo: Mit Ausnahme einer Handvoll grammar schools steht ein oft selektiver independent school sector einer grossen Zahl von comprehensives gegenüber. Verschreckte Lehrpersonen der Alten Sprachen berichten, sie seien plötzlich konfrontiert mit "a new type of child".

In der Tat ist der Handlungsbedarf gross. So muss über eine Anpassung der O-levels nachgedacht werden, da beispielsweise Latein vermehrt von Schülern und Schülerinnen belegt wird, die das Fach nicht bis achtzehn weiterführen möchten. Der Unterricht selbst bedarf ebenfalls einiger Veränderung, und die Arbeit an einer induktiven Lehrmethode, die näher an neusprachlichem Unterricht liegt, führt schliesslich zur Veröffentlichung des Cambridge Latin Course: Obgleich dieses fünfbändige textbook zunächst nur mit Vorbehalt aufgenommen wird, da es zumindest in der ersten Auflage von 1970 kaum grammatikalische Begriffe enthält, wird es zum Standard und revolutioniert den Lateinunterricht landesweit. Die Sechziger sind demgemäss eine Zeit des bedrohlichen Umbruchs, aber auch der längst fälligen Erneuerung.

Die Zahlen der folgenden Jahre sprechen dessen ungeachtet eine klare Sprache: 1968 unterziehen sich etwa 46'000 KandidatInnen dem O-level in Latein, 1979 sind es noch 33'000. A-levels gehen von rund 6'500 KandidatInnen auf 3'000 zurück. Das Stichwort des orderly retreat, dass schon vor dem Ersten Weltkrieg fiel, gehört auch in diese Epoche.

NC, GCSE, OCR etc.

Erst 1988 macht man mit dem National Curriculum für alle Schulpflichtigen fachliche Vorgaben, die an die Einführung des General Certificate of Secondary Education, kurz GCSE, geknüpft sind. Wie bei den O-levels verfügt jedes Fach über einen spezifischen GCSE-Prüfungsgang, und Ziel der Sekundarausbildung ist es, im Rahmen des neuen Lehrplans jedem Schüler möglichst viele GCSEs (zehn oder elf) mit möglichst guten Resultaten (A oder A*) zu verschaffen. Zum ersten Mal sind hiermit alle Staatsschulen den independent schools im Hinblick auf den Pflichtabschluss gleichgestellt. Das NC erwähnt allerdings Classics in keiner Weise und steht daher am Endpunkt einer Entwicklung, die ihren Anfang zu Beginn des Jahrhunderts nahm. Latein ist ein Privileg der verbleibenden selektiven grammar schools sowie der public schools: Die staatlichen comprehensive schools stellen 1990 3792 KandidatInnen für das GCSE in Latein, im Jahr 2000 sind es noch 1840. In grammar schools werden 2627 beziehungsweise 2083 Prüfungen abgenommen, während der indpendent sector-sieben Prozent der ganzen Schulpopulation-mit 7774 GCSE-KandidatInnen 1990 die Mehrheit bildet. Die Anzahl sinkt bis 2000 auf immer noch bemerkenswerte 6642. Nach ähnlichen Einbrüchen sind die A-level-Zahlen für das Jahr 2000 90 (comp), 231 (gramm) und 972 (ind). Daraus lässt sich nicht nur ablesen, dass Classics wieder überwiegend Sache der public schools ist, sondern auch, dass nur ein Bruchteil der GCSE-Latinisten das Fach bis zum A-level belegen. Mit Griechisch verhält es sich analog, nur bewegt sich GCSE Greek eher in den Hunderten als den Tausenden.

Eine Erfolgsgeschichte auch im Staatssektor ist hingegen das Fach Classical Civilisation, welches in den Neunzigerjahren gar anwächst und im Jahr 2000 auch in comprehensives mehr als 500 Abnehmer auf A-level-Stufe findet, das heisst mehr als Latein. Es dient als Beispiel für eine äusserst gelungene Strategie, durch welche seit den Sechzigern sowohl das Publikum wie auch die Unterrichtspraxis erweitert wird: Lernende werden in Übersetzung themenorientiert an die Antike herangeführt.

Ein Teacher of Classics in England unterrichtet also nicht nur Latein und selten Griechisch, sondern auch Classical Civilisation, was ganz andere Methoden erfordert als der sich weitgehend selbst strukturierende Sprachunterricht. OCR (Oxford, Cambridge and Royal Society of Arts Examinations), das exam board, welches als einziges sämtliche altertumskundlichen Fächer abdeckt, teilt den ClassCiv-Kurs in vier GCSE-assessments: Es gibt drei Klausuren zu den Themen City Life (Rom oder Athen), Epic (Odyssee oder Ovids Metamorphosen) und Community Life (Pompeii oder Sparta); in allen Prüfungsoptionen werden Bild- oder Textquellen abgedruckt, welche als Stimulus für eher kurze oder längere Essayfragen dienen. Diese exams werden ergänzt durch eine schriftliche Arbeit, zum Beispiel über Women in Ancient Rome.

Wie alle GCSE-Kurse ist Classical Civilisation auf zwei Jahre angelegt, der Unterrichtsinhalt ist durch die public examinations determiniert, die vom exam board durchgeführt werden. Als Lehrperson stützt man sich auf bereitgestellte Inhaltsvorgaben, mark schemes (Bewertungsraster) für die Schülerantworten, und die Erfahrung aus vergangenen Jahrgängen. Die Fragen ändern sich natürlich von Mal zu Mal, doch sind sie gerade auf GCSE-Niveau einigermassen voraussehbar. Beispielsweise könnte im Odyssey paper ein Ausschnitt der Kikonenepisode angeführt sein, mit der Frage: "In this passage, how would you assess Odysseus as a leader?."

England pflegt seit dem neunzehnten Jahrhundert in verschiedenem Umfang public examinations, in denen landesweit sämtliche KandidatInnen dieselbe Prüfung am selben Tag zur selben Uhrzeit ablegen. Exams sind ein fester Teil der Schulerfahrung, und jeden Sommer liefern die exam boards ihre versiegelten papers (die Prüfungsbögen) an sämtliche Schulen, wo sie in Turnhallen und anderen zweckmässigen Sälen ausgefüllt werden, damit man sie sodann wieder zusammenpacken und zurückspedieren kann. Von den exam boards werden die Prüfugen danach zur Bewertung an angeheuerte Lehrpersonen (exam markers) gesandt, die sich ein Zubrot damit verdienen, einen Teil der Sommerferien mit dem Rotstift zuzubringen.

Da seit 2001 die zweijährigen A-level-Kurse durch Zwischenprüfungen abgestuft sind, zieht ab dem letzten obligatorischen Schuljahr (GCSEs) jeder Frühling grosse Examen nach sich: im siebzehnten Altersjahr bringt man den ersten Teil eines jeden A-levels hinter sich, im achtzehnten schliesst man die Schulkarriere mit drei oder vier A-levels ab. Das hat zur Konsequenz, dass der dritte term des Schuljahres, der Summer Term, einzig der Prüfungsvorbereitung dient, und selbst im Frühjahrstrimester oft kaum neuer Stoff durchgenommen wird. Die zweite Hälfte des Schuljahres bedeutet für die Lehrperson eines: teaching to the exam.

Im Falle von GCSE Latin heisst dies, dass Grammatik wiederholt wird, und sogar set texts zum zweiten Mal unterrichtet werden. Mit set texts sind festgelegte Originalpassagen von insgesamt etwa 270 Zeilen gemeint, deren literarische Verarbeitung zwei von vier Prüfungen einnehmen.

Um zu George, Olivia, Will, Imogen und Chris zurückzukommen: dieses Jahr befassen sich unsere Schüler mit einer Gruselgeschichte aus dem Goldenen Esel des Apuleius, und zwei Ausschnitten aus dem zwölften Buch der Aeneis (12.697-765, 887-952). Für Prosa und Dichtung gibt es je zwei Optionen, welche allesamt in einem Dreijahresrhythmus ersetzt werden. Die Prüfungsfragen fussen zumeist auf abgedruckten Textpassagen, welche zu kommentieren sind, und zeigen sich oft als eine Variation von "How does Virgil make his account vivid?" Neben einfachem Textverständnis wird vor allem auch ein Gefühl für stilistische Eigenheiten verlangt, so dass Kenntnis rhetorischer Mittel unabdingbar ist. Im besten Fall entwickeln die Schülerinnen und Schüler tatsächlich ein Gespür für Textgestaltung, im schlimmsten üben sie sich bloss im alliteration spotting, und im Normalfall lernen sie ihre Stilnotizen und die Übersetzung auswendig, denn für die sprachliche Erfassung fehlt oft die Grammatikkenntnis. Dies ist der Preis dafür, dass Originaltext schon früh behandelt wird, doch ist der Lohn nicht abzustreiten: die meisten GCSE-KandidatInnen werden das Fach nicht weiterführen, und trotzdem haben sie sich mit mehr als nur der familia Romana vom Lehrbuch auseinandergesetzt, ein entscheidender Unterschied zu den rein sprachlichen O-levels.

Was die GCSE-Grammatik angeht, herrscht Pragmatismus. Das Hauptbeispiel dafür ist der Konjunktiv, der nur im Imperfekt und Plusquamperfekt gefragt ist da er in diesen Zeitformen ganz einfach am häufigsten vorkommt. Abgesehen davon ist die Formenlehre recht ausführlich, und wird mit nützlicher Syntax ergänzt, purpose clauses und temporal clauses und dergleichen Gebräuchliches. Grammatische Regeln werden eher als Werkzeuge denn als tiefere Wahrheiten angesehen, und der Unterricht verläuft nicht so sehr aufbauend als vielmehr zyklisch: der ablative absolute wird eher mehrmals kurz erklärt als langwierig aufgedröselt, so dass er im Verlauf des Kurses mit punktuellen Drills umkreist wird und hoffentlich noch vor dem language exam völlig umzingelt ist. Die zwei Sprachteile des Latin GCSE sind zusammengesetzt aus reinen Übersetzungen und Verständnisfragen. Die Texte sind einfach gehaltene Mythen oder historische Episoden à la Hyginus oder Eutropius, nur grammatikalisch noch etwas klarer. Sie basieren auf etwa 350 Wörtern, die man für die Prüfungen zu lernen hat.

Auch im A-level ist kein Wörterbuch erlaubt. Die Zwischenprüfungen nach dem ersten Jahr sind dem GCSE nicht unähnlich, erweitern bloss Grammatik und Vokabular, bieten etwas mehr Material an set texts und enthalten eine letzte Spur viktorianischer Stilübungen: es steht den KandidatInnen offen, in einem prose-composition-Teil ein paar englische Sätze ins Lateinische zu übertragen. Der grosse Sprung vollzieht sich von diesem ersten Schritt zu den zwei Abschlussprüfungen in Latein. Ein paper ist der Prosa gewidmet: es verlangt dieses Jahr die genaue Kenntnis von fünfzehn Abschnitten aus Buch 15 der Annalen des Tacitus. Geprüft wird dies in zwei Essays, die je eine gegebene Passage mit Bezug auf eine essay question kommentieren sollen. Die zwei Aufsätze machen eine Stunde der Prosa-Prüfung aus. Die andere Hälfte nimmt eine unseen translation (Primavista) aus einem angekündigten Autor ein, welche mit Verständnis- und Grammatikfragen ergänzt ist. Von 2013 bis 2015 ist der Autor Livius, dessen verkorkste Perioden Vielen Kopfzerbrechen bereiten, zumal keine Vokabelliste vorgegeben ist. Das verse paper verfährt mutatis mutandis mit Vergil (set text) beziehungsweise Ovid (unseen). Wie beim GCSE werden auch im A-level diese Prüfungsautoren, innerhalb eines sinvollen Kanons, regelmässig ausgetauscht. Für die angemessene Vorbereitung auf die Herausforderungen der Primavista-Autoren ist jede Lehrperson selbst verantwortlich, und auch die vorbereitende Kommentierung des set text wird individuell anders ausfallen. Der Anspruch ist recht hoch, doch darf man nicht vergessen, dass jeder Schüler in dieser Phase seiner Schullaufbahn nur noch vier oder gar drei Fächer belegt, und sogar einige Lücken im Stundenplan mit Selbststudium füllt. So zumindest die Hoffnung.

All dies hat tiefgreifende Auswirkungen nicht nur auf die Ziele der Lernenden, sondern auch auf das Verhältnis zwischen Schüler- und Lehrerschaft. Die Lehrperson ist mehr coach als Richter, und greift vor allem dort härter durch, wo KandidatInnen die angestrebte Zielnote in den exams zu verfehlen drohen. Die public exams bewirken auch, dass Schulen messbar sind, und wie Universitäten werden sie jährlich in league tables nach exam success rangiert. Es wird dabei als selbstverständlich betrachtet, dass die angesehensten public schools zuoberst zu stehen kommen. Als exam coach ist man verpflichtet, das beste aus seinen Klassen herauszuholen, das heisst möglichst viel Mehrwert (value added) zu erzielen. Im Falle einer boarding school ist es dabei nicht ungewöhnlich, als Lehrperson abends Nachhilfestunden zu geben, und vor den exams Intensivkurse aufzuziehen. Da sich ihr Leben ohnehin in der Schule abspielt, kommen die meisten Schüler und Schülerinnen auch gerne zu solchen Veranstaltungen und sind dankbar für die zusätzliche Hilfe. Für das Lehrpersonal einer public school gehören diese Zusatzleistungen zum Beruf, auch wenn sie zu sechs sehr intensiven und langen Schultagen pro Woche führen. Es besteht die Erwartung, dass man sich während des terms fast ganz für die Schule aufopfert, und soweit als möglich sicher stellt, dass jede Schülerin und jeder Schüler gut abschneidet. Wieviel dies zur Eigenverantwortung der Jugendlichen beiträgt, sei dahingestellt.

Bei A-level students hat man es zumeist mit Spezialisten zu tun, denn mit ihrer Fächerwahl versuchen sie, sich in eine möglichst gute Position für ihre Universitätsbewerbung zu bringen. Der heilige Gral ist Oxbridge, und jede Schule schmückt sich jedes Jahr mit denjenigen ihrer Abgänger, die es nach Oxford oder Cambridge geschafft haben. Der Wettbewerb um Studienplätze ist hart und trägt dazu bei, dass sich junge Menschen in England schon sehr früh Gedanken machen müssen, in welche Richtung sie beruflich gehen möchten. Die eine Schülerin hofft mit einer Fächerkombination von Maths, Further Maths, Physics und Latin auf eine erfolgreiche Bewerbung für Physik in Cambridge, ein anderer möchte ein Oxford Classicist werden und wählt Latin, Greek, Ancient History und English. Nicht alle wollen oder können dermassen akademische Optionen aufnehmen, und oft sind A-levels trotz Spezialisierung ein Gemisch mit Philosophy & Religion, Drama oder Physical Education. Es besteht eine klare Universitätshierarchie, und damit verbunden entgegen anderweitiger Bekenntnisse eine unmissverständliche Fächerabstufung.

Während also Allgemeinbildung in England nicht als Kern der Universitätsreife gesehen wird, lässt sich mit Hinblick auf Classics sagen, dass Jugendliche mit altertumswissenschaftlichen Ambitionen ein viel tieferes Wissen zum Beispiel über Alte Geschichte oder griechische Literatur erarbeiten als wir es an einem Gymnasium erwarten können. Dies weniger aufgrund der Prüfungsanforderungen, sondern weil jeder und jede darauf hofft, in ihrer university application einen möglichst überzeugenden Eindruck zu hinterlassen, und dies umso mehr in einem allfälligen Oxbridge interview. Ein gewichtiger Unterschied zur Schweizer Bildungslandschaft ist also der Wettbewerb, welcher das Schulleben durchzieht, dem Allgemeinwissen vieler Schüler einigen Abbruch tut, und frühe Entscheidungen einfordert. Man muss sich zudem bewusst sein, dass das Studium an der Universität für die meisten nur aus einem BA besteht, der sich gewöhnlich vom achtzehnten bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr hinzieht. Im Alter, wo man in der Schweiz gerade eben seinen Master abschliesst, blickt man in England oft schon auf mehrjährige Berufserfahrung zurück. Effizientes Studieren ist im Übrigen auch eine Notwendigkeit: Seit 2012 verlangen die meisten Hochschulen mehr als £9'000 an Studiengebühren im Jahr. Die Studienkosten werden in vielen Fällen von staatlichen Darlehen gedeckt, die man nach dem Abschluss abzuzahlen hat, soweit es einem sein Verdienst ermöglicht. Teilzeitmodelle sind selten.

Das englische Bildungswesen nimmt sich sehr viel anders aus als das schweizerische und bietet dem altsprachlichen Unterricht andere Chancen. Die public schools sind vom Staat unabhängig und können dem Wunsch bildungsnaher Familien nach Latein und klassischer Bildung vollständig entgegenkommen. Die Kehrseite davon ist, dass sich die middle class dem Staatssektor entzieht, und dort desto weniger Nachfrage nach Alten Sprachen besteht. Dies scheint mir auch in allgemeineren Sinn der Kern der englischen Bildnungsfrage: Soll man in privater Initiative und mit entsprechendem Kapital Möglichkeiten schaffen, die es sonst kaum gäbe, oder ist dies gerade deshalb zu unterlassen, weil der Staatssektor dadurch einiges an bildungspolitischem Druck und Know-how einbüsst?

Die Kürze des Universitätsstudiums bedeutet ferner, dass Classics in England trotz gängiger Monofach-Ausrichtung nicht unbedingt als Risikowahl gilt. Die meisten graduates machen sich ohnehin erst nach Vollendung des Studiums auf die Suche nach ihrem Berufsweg, und oft spielen dabei die alma mater und die Abschlussnote eine grössere Rolle als die eigentliche Disziplin. Für Classics kann die Devise-im Originalton-so lauten: "Get a First [Bestnote] from Oxford, do a conversion course, become a lawyer and earn a lot of money." Verglichen dazu ist die kontinentale Altphilologenkarriere sehr viel schwerer unter die Leute zu bringen.

Vielleicht werden Imogen und Will Latein als A-level aufnehmen, und sie können sich dabei sicher sein, dass ihnen an unserer Schule allerlei Unterstützung zukommen wird, damit sie die Prüfungen mit top grades bestehen. Daneben werden sie von einem reichhaltigen extension-Angebot profitieren: speakers von Universitäten werden eingeladen, zum Beispiel vom University College London, um über die römische Liebeselegie zu sprechen, oder es halten Kollegen von anderen Schulen wie Westminster Seminare zur Verslehre. A-level students nehmen auch an einer Reihe von essay competitions Teil, und lassen sich die alljährliche Reise nach Griechenland oder Italien nicht entgehen. Die Angebotsfülle für Schüler- wie Lehrerschaft ist ausserordentlich. Indes bemüht man sich in Independent and State School Partnerships, das Fach an staatlichen Schulen zu fördern, und Organisationen wie das Isis Project versuchen im Sinne des Gemeinwohls Lateinkurse an benachteiligten Primarschulen einzuführen, beispielsweise in ärmerern Stadtbezirken Londons. England verfügt über einen grossen Reichtum an Classics, und wo kein Reichtum ist, üben findige Köpfe ihre Originalität.

Ich selbst ziehe als Lehrender wie Lernender ungemein viel aus meiner Zeit am Wellington College: Erfahrung als Betreuer in meinem house (siehe Gryffindor) sowie im Sport (siehe games), frische Impulse vom jährlichen Education Festival, und zudem ein paar Brocken Englisch. Doch es bleibt mir vor allem auch der eine oder andere Vorsatz: den ständigen Austausch zu pflegen, denn es gibt niemanden, der einen nicht etwas lehren könnte; quer zu denken, denn man soll sich immer wieder vom Gewohnten entwöhnen; nicht zynisch zu sein, denn wer nur auf Fehlentscheidungen von oben wartet, hat sich nicht zu beschweren.

So möchte ich zuversichtlich schliessen, genau gesagt mit dem Futur der dritten Konjugation, wozu mein Schüler Chris nach der Lektion beim Zusammenpacken folgendes prep school-Sprüchlein rezitiert:
I'm sorry, sir, I ought to know,
There's no such thing as regebo.
I know it now, I won't forget,
It goes regam, reges, reget!

Und so wie viele Schüler ruft er im Hinausgehen: "Thank you for the lesson, sir!", während schon die nächsten eintrudeln, mit Schreibblock und Xenophon unterm Arm.

"Hello, sir! How are you?"

Patrick Kuntschnik

Further Reading

Moorwood, James (ed.): The Teaching of Classics. Cambridge 2003.

Stray, Christopher: Classics Transformed: Schools, Universities, and Society in England, 1830-1960. Oxford 1998.

Genaue Angaben zu sämtlichen OCR-Qualifikationen sind auf ocr.org.uk zu finden.

 

Anzeigen und Mitteilungen

Einladung zur Jahresversammlung des SAV am 22.11.2013 in Lausanne

Chères et chers collègues, care colleghe e cari colleghi, liebe Kolleginnen und Kollegen
Der Vorstand des SAV freut sich, Sie zur Jahresversammlung und zur Vorstellung des neuen Lateinlehrmittels des Kantons Waadt einladen zu können.

Freitag, 22. November 2013, 16.00 Uhr am Gymnase de Beaulieu (bitte Angaben zum Raum vor Ort beachten), Rue du Maupas 50, 1004 Lausanne, www.gymnasedebeaulieu.ch

14.30Podiumsgespräch des VSG zum Thema Allgemeinbildung (im Rahmen der Didacta Lausanne)
16.00Jahresversammung des SAV 2013/Assemblée annuelle de l'ASPC 2013
Tagesordnung/Ordre du jour

  1. Protokoll der Jahresversammlung / Procès-verbal de l'assemblée 2012
  2. Jahresbericht des Präsidenten / Rapport du président
  3. Kassabericht; Mitgliederbeitrag / Rapport de la caissière; cotisation des membres
  4. Kassarevision / Révision de la caisse
  5. Anträge/Mitteilungen des Vorstands: Griechischwettbewerb, Newsletter
  6. Anträge und Vorschläge der Mitglieder / Motions et propositions des membres
  7. Varia
17.00Vorstellung des neuen Lateinlehrmittels im Kanton Waadt durch Antje Kolde: Latin forum
18.45Apéro und Abendessen in der Brasserie du Cygne (www.lecygne.ch)

Mit freundlichen Grüssen
Lucius Hartmann, Präsident

Anmeldung für das Abendessen (mit Angabe, ob Fleisch oder vegetarisch) bitte bis am 15. November an lucius.hartmann@philologia.ch oder 044 361 20 86

Certamen Helveticum

1. Rückblick auf das erste certamen Helveticum 2013

Dieses Jahr veranstaltete der SAV erstmals ein gesamtschweizerisches certamen. In Form eines Essays galt es die Frage "Soll man sich politisch betätigen?" gestützt auf einer Textpassage von Cicero (de re publica, 1, 9) zu beantworten. Insgesamt wurden 19 Arbeiten eingereicht.
Die Siegerin, Ella Müller (5e Literaturgymnasium Rämibühl, Zürich), analysierte den sprachlichen Gehalt des Textes, hinterfragte die politischen Normen, mit denen Cicero argumentiert und leitete für die Gegenwart ab, "dass politische Betätigung nicht die einzige und nicht zwingend die beste Form ist, um sich für das Wohl der Allgemeinheit zu engagieren und Tugend in Praxis umzusetzen. [...] Liegen die eigenen Stärken in einem anderen Betätigungsfeld, das dem Wohl der Allgemeinheit dienlich ist, so ist ein politisches Engagement womöglich die schlechtere Wahl, sowohl für den Einzelnen als auch für die Allgemeinheit." (www.philologia.ch/Schule/docs/certamen_2013_gewinner.pdf)

2. Ausschreibung Ἀγὼν Ἑλβέτιος 2014

Im Schuljahr 2013/14 veranstaltet der SAV einen Griechischwettbewerb ("Ἀγὼν Ἑλβέτιος"). Teilnahmeberechtigt sind Schülerinnen und Schüler, der letzten drei Jahre vor dem Abschluss des Faches (d.h. in der Regel in der drittletzten, zweitletzten und letzten Klasse vor der Matur). Die besten drei Arbeiten werden mit Büchergutscheinen (300 CHF für beste Arbeit, Büchergutscheine für zweit- und drittplatzierte Arbeiten) belohnt. Die Teilnahme am Wettbewerb erfordert eine vertiefte Auseinandersetzung (eigenständige Interpretation) mit einem lateinischen oder griechischen Originaltext in Form eines Essays. In dieser Auseinandersetzung mit dem Text können die Schülerinnen und Schüler über Inhalt und sprachliche Form der Texte nachdenken sowie die überlieferten Normen und Verhaltensweisen und literarischen Ausdrucksformen zu modernen in Beziehung setzen. Dabei wird keine vollständige Übersetzung erwartet, das Essay sollte aber erkennen lassen, dass die Auseinandersetzung mit dem Originaltext im Vordergrund steht. Dies kann z.B. geschehen, indem Ausschnitte der selbst verfassten Übersetzung in den Text einfliessen.
Die Arbeiten sind in einer Schweizer Landessprache abzufassen. Die Einreichung erfolgt über die Lehrperson (elektronisch und ein Exemplar in Papierform; zusätzlich ist eine von der Schülerin oder Schüler unterschriebene Bestätigung beizulegen, dass die Arbeit selbständig verfasst worden ist). Die Lehrperson ist gebeten, der Schülerin oder dem Schüler unterstützend zur Seite zu stehen (z.B. Tipps zum Verfassen eines Essays), soll aber weder inhaltlich noch korrigierend eingreifen. Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt.
Thema: Ewige Jugend und vollkommene Schönheit (Homer, Odyssee 5. Buch, Verse 192-227)
Verfassen des Essays: 15.9.2013 - 31.3.2014
Einreichung: Daniel Rutz, Melibündtenweg 22, 8887 Mels, daniel.rutz@philologia.ch
Elektronische Form: PDF-Datei, 3-5 Seiten, Schriftgrösse 12pt, Zeilenabstand 1.5, max. 20000 Zeichen (mit Leerzeichen)
Jury: Prof. Dr. Rudolf Wachter, Dr. Beno Meier, Christine Stuber
Weitere Hinweise: http://www.philologia.ch/Schule/certamen.php

Daniel Rutz

Einladung zum Bundeskongress des Deutschen Altphilologenverbandes 2014

Der alle zwei Jahre stattfindende Bundeskongresses des Deutschen Atphilologenverbandes (DAV) findet vom 22. - 26. April 2014 in Innsbruck statt. Es ist dies ein Novum in der Geschichte des DAV, dass ein Bundeskongress im Ausland abhalten wird, und dieses Novum bietet die einzigartige Gelegenheit der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mit der österreichischen Sodalitas und dem Schweizer Altphilologenverband, mit Altphilologen aus Südtirol und dem Trentino. Den Anstoß zu dieser grenzüberschreitenden Kooperation gab der Round Table in Erfurt "Über den Zaun geschaut", an dem Vertreter aus Österreich, der Schweiz, dem Trentino, Südtirol und Griechenland über die Situation des altsprachlichen Unterrichts in ihren Ländern berichteten und diskutierten.
Der Innsbrucker Kongress wird unter das Motto gestellt: Alte Sprachen bauen Brücken
Weitere Informationen finden sich auf der Homepage des Deutschen Altphilologenverbandes (www.altphilologenverband.de)

Prof. Dr. Bernhard Zimmermann, Freiburg im Breisgau
Vorsitzender des Deutschen Altphilologenverbandes

Lateinumfrage 2012/13 im Kanton St. Gallen

1. Ausgangslage

Im Auftrag der LaKo, der paritätischen Lateinkommission Sekundarschule-Mittelschule, und unter Mithilfe des Amtes für Mittelschulen wurde im November 2012 eine kantonale Umfrage zum Lateinunterricht auf der Sekundarstufe I durchgeführt. Ausgewertet wurde die Umfrage, an der gegen 70 Lehrpersonen und 250 Schülerinnen und Schüler teilgenommen hatten, im Januar 2013 und an Sitzungen der LaKo am 20. März 2013 bzw. der kantonalen Fachgruppe für Alte Sprachen am 24. April 2013 besprochen.

Im Lehrerteil (A) der Umfrage wurden Fragen zu den folgenden Themenbereichen gestellt:
(1) Latein und Begabtenförderung
(2) Werbung für den Lateinunterricht
(3) Organisation des Lateinunterrichts innerhalb der Schulstruktur
(4) Gründe für den vorzeitigen Ausstieg aus dem Lateinunterricht
(5) Zusammenarbeit und Unterstützung
(6) Arbeit mit dem Lehrmittel
(7) Handlungsbedarf im Fachbereich Latein

Der Schülerteil (B) konzentrierte sich auf die Bereiche:
a) Wahl des Faches und Motivation
b) Zusatzbelastung
c) Erwartungen an einen attraktiven Lateinunterricht

2. Kurzzusammenfassung der Ergebnisse

A. Lehrerteil

(1) Latein als Begabtenförderung. Neben Latein werden eine Reihe weiterer Angebote der Begabtenförderung aufgezählt, z.B. Förderkurse in Französisch, Englisch und Mathematik. Zu einem überwiegenden Teil steht dieses Angebot nicht in Konkurrenz zum Lateinunterricht.

(2) Werbung für den Lateinunterricht. Knapp 80 % der Befragten geben an, dass für den Lateinunterricht eigens geworben wird. Dies geschieht u.a. an Elternabenden, mit entsprechenden Informationsschreiben an Eltern, durch Schnupperlektionen und durch Werbeveranstaltungen in Primarklassen.

(3) Organisation des Lateinunterrichts innerhalb der Schulstruktur. Der Lateinunterricht beginnt meistens mit Beginn des neuen Schuljahres; immerhin geben rund 24 % der befragten Lehrerinnen und Lehrer an, dass er auch zeitverschoben etwas später im Schuljahr starten kann. Teilweise ist es für begabte Schülerinnen und Schüler auch möglich, nachträglich in den Kurs einzusteigen (ca. 46 %). Der Lateinunterricht findet häufig in Randstunden statt (ca. 54 %). Entlastungslektionen für Lateiner/-innen werden grösstenteils ausgeschöpft (79 %). Rund 64 % der Befragten antworten, dass bei geringen Schülerzahlen schon einzelne Lateinlektionen verschiedener Stufen zusammengelegt worden sind.

(4) Gründe für den vorzeitigen Ausstieg aus dem Lateinunterricht. Am häufigsten wird Folgendes von Lehrerseite zurückgemeldet:

  • Überforderung (31 %)
  • fehlende Motivation (22.5 %)
  • falsche Vorstellungen vom Fach (18.5 %)
  • Einfluss von Kolleginnen und Kollegen (11 %)
  • Stundenplan (7.5 %)

(5) Zusammenarbeit und Unterstützung. Etwa die Hälfte der Lateinlehrer/-innen arbeitet mit anderen Lateinlehrpersonen der Sek I in irgendeiner Form zusammen. Rund 73 % geben hingegen an, dass ein Austausch zwischen den Lehrpersonen von Sek I und Sek II im Fach Latein stattfindet.
Als Unterstützung im Fachbereich Latein wünschen sich Sekundarlehrer/-innen v.a. gutes Ergänzungsmaterial zum Lateinunterricht, etwas weniger Stoffdruck und weiterhin eine gute Zusammenarbeit mit den Mittelschullehrpersonen.

(6) Arbeit mit dem Lehrmittel. Der "Felix" als Lehrmittel bewährt sich. Die Bereitschaft, auf die modernisierte Version umzusteigen, ist gross (45.31 % gross, 46.88 % neutral, 7.81 % klein).

(7) Handlungsbedarf im Fachbereich Latein. Am ehesten Handlungsbedarf sehen die befragten Lateinlehrer/-innen in den folgenden Bereichen:

  • in der Motivation der Jugendlichen für Latein
  • in einem klaren Bekenntnis der Entscheidungsträger zum Lateinunterricht
  • in einer Verbesserung des Weiterbildungsangebots

B. Schülerteil

  1. Wahl des Faches und Motivation. Auf das Fach Latein aufmerksam gemacht werden die Schülerinnen und Schüler
    • durch die Eltern (29.71 %)
    • durch den Primarlehrer bzw. die Primarlehrerin (28.99 %)
    • durch Freunde (11.84 %)
    • durch Geschwister (10.14 %)
    • durch den Sekundarlehrer bzw. die Sekundarlehrerin (6.04 %)
    • durch andere (13.29 %)
    Sie wählen das Fach vor allem aus Neugier und Freude an Sprachen (je etwa 25 %), aber auch im Hinblick auf einen Übertritt an eine Kantonsschule (21.5 %). Historisches Interesse geben immerhin noch 14 % an.
  2. Zusatzbelastung. Die Zusatzbelastung für das Fach Latein wird eher gering eingeschätzt (52.24 %). Eher hoch empfinden sie 34.7 %, sehr hoch lediglich 6.5 %.
  3. Erwartungen an einen attraktiven Lateinunterricht. Die Schülerinnen und Schüler erwarten neben abwechslungsreichen Stunden und guten, verständlichen Erklärungen zur Grammatik vor allem mythologisches und historisches Hintergrundwissen zur griechisch-römischen Antike.

Hinweis: Den Fragebogen und eine detailliertere Auswertung findet man auf www.philologia.ch/Schule.

Daniel Rutz

Vereinsgründung

Ende Mai dieses Jahres ist in Zürich der Verein "Freunde der Alten Sprachen" (FAS; Fautorum Antiquitatis Societas) gegründet worden. Er hat zum Ziel, die Präsenz und Geltung der Alten Sprachen und der antiken Kultur zu fördern und deren Rolle in unserer Kulturtradition einer breiteren Öffentlichkeit bewusst zu machen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Stützung der Stellung von Latein und Griechisch an den Gymnasien und an der Universität des Kantons Zürich. Auch die Vernetzung mit den bereits bestehenden Organisationen und Interessenskreisen im Bereich der Alten Sprachen ist ein Anliegen. Dem Verein gehören bereits zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Bildung und Wissenschaft an. Als Gründungsvorstand amten Dr. Alfred Baumgartner (Präsident), Prof. Dr. Christoph Riedweg (Quaestor) und lic.phil. Lucius Hartmann (Aktuar). An die Gründungsversammlung schloss sich eine Führung durch die archäologische Sammlung der Universität Zürich an. Künftig sind regelmässig Aktivitäten wie Führungen, Filmabende, Podiumsdiskussionen oder Lektürekreise vorgesehen. Ein erste Veranstaltung mit Film und Referat von Prof. Dr. Uli Eigler (Ordinarius für Klassische Philologie (Latein), Universität Zürich) unter dem Titel: "Wohin mit toten Terroristen - Antigone im Deutschen Herbst" befasst sich vornehmlich mit einer Szene aus dem im Jahre 1977 von namhaften deutschen Regisseuren gemeinsam gedrehten Film. Die Veranstaltung findet am Freitag, 25. Oktober 2013, um 20 Uhr in der Aula der Kantonsschule Hohe Promenade, Zürich, statt. Interessierte sind herzlich willkommen.
Weitere Informationen und die Möglichkeit des Beitrittes zum Verein Mitgliedschaft findet man auf der Homepage des Vereins (www.fautores.ch).

Alfred Baumgartner

De me ipso

Petra nostra Haldemann, quae munere redactricis libelli Societatis Palaeophilologorum Helveticae semenstralis fungitur, a me rogata est, num mihi liceret praedicto libello interdum symbolas nonnullas Latine compositas inserere. Quod benignissime mihi permisit condicione hac, ut paucis, quisnam essem, verbis vobis lectricibus lectoribusque maxime honorabilibus narrarem.
Tali monitione impulsus ne prohibear, quin, ut sciatis, quis sit ille, qui Latine scribere audeat, vobis dicam: Martinum me parentes vocaverunt secundum nomen patris mei alterum. Meier nomen mihi est gentilicium, quod, ut Latinius sonaret, in "Vilicum" transverti, cum Meier sit forma Theodisca vocabuli Latini mediaevalis Maioris Domus, pro quo Romani antiqui vocabulo vilici utebantur. Quibus nominibus adiunxi cognomen Palaeopolitani, quia Palaeopoli (Altendorf) habito. Ita Latine vocor Martinus Vilicus Palaeopolitanus.
Natus sum Bernae die 18º mensis Martii anno ab incarnatione Domini nostri Iesu Christi 1957º. Eadem in urbe studiis Latinitatis et historiae incubui, sed, cum essent malae condiciones linguae antiquae utrique Bernenses, transmigravi Turicum. Ibi nunc linguam Latinam et historiam doceo in Gymnasio Catholico Turicensi, quae schola parva ac privata viginti quinque fere magistras magistrosque et centum octoginta fere discipulas nec non discipulos continet. Sic fit, ut omnes nos invicem bene cognoverimus.
E viginti septem annis feliciter cum Monica uxore matrimonio iunctus pater factus sum trium liberorum, quorum una iam nascendo diem obiit ultimum. Michael autem et Mirjam ad adulescentiam creverunt atque ipsi nunc studiis incumbunt, haec logopaediae, ille theologiae.
Sint haec satis de me. Paucis et dicam, quod hic scribere in animo habeam: Symbolas breviores divulgabo de variis rebus seu ad Latinitatem seu ad artem didacticam sive ad alias res pertinentibus, dummodo sint Latine compositae. Si quis mihi ad eadem lingua respondendum incitatus erit, gratias ei dicemus plurimas Petra egoque. Optime valete!

Martin Meier

Die neue "Zentralmatura" recte "Standardisierte kompetenzorientierte Reifeprüfung (SKRP)" aus Latein und Griechisch in Österreich

Die Ausgangssituation

Das Fach Latein wird an den "Allgemeinbildenden Höheren Schulen" (AHS) Österreichs im Wesentlichen in zwei Formen unterrichtet, und zwar in der sechsjährigen Langform und der vierjährigen Kurzform. Für die Langform können sich die Schüler in der 3. Klasse (7. Schulstufe) des Gymnasiums entschieden. Alternative ist eine lebende Fremdsprache (Französisch, in den letzten Jahren vermehrt auch Spanisch, Italienisch); in diesem Falle ist dann ab der 5. Klasse (9. Schulstufe) vierjähriges Latein obligatorisch. Im Realgymnasium erfolgt die Alternativstellung von Latein und einer lebenden Fremdsprache in der 5. Klasse (9. Schulstufe). Griechisch kann nur im Gymnasium mit sechsjährigem Latein ab der 5. Klasse gewählt werden. Der Elementarunterricht erfolgt im sechsjährigen Latein in den ersten beiden Jahrgängen (Stundendotation meist drei oder vier Jahreswochenstunden), im vierjährigen bis zum Ende des ersten Semesters der 6. Klasse (jeweils drei Jahreswochenstunden üblich). Anschließend erfolgt seit der Lehrplanänderung von 2004 der Lektüreunterricht in vierzehn bzw. acht thematisch orientierten Modulen. Der inhaltliche Bogen dieser Module reicht von "Gestalten und Persönlichkeiten aus Mythologie und Geschichte" über "Der Mensch in seinem Alltag" und "Begegnung und Umgang mit dem Fremden" bis zu "Eros und Amor", "Witz, Spott und Ironie" und "Rezeption in Sprache und Literatur", nicht zu vergessen die "Fachsprachen und Fachtexte". Nicht zuletzt aufgrund dieser Umstellung stieg in den letzten Jahren die Zahl der Lateinlernenden in Österreich von rund 50.000 um das Jahr 2000 bis auf rund 70.000.

Die neue schriftliche Matura

Als sich die politischen Parteien Österreichs im Jahr 2007 darauf verständigten, in Österreich als einem der letzten europäischen Länder eine standardisierte Reifeprüfung (Matura, Abitur) mit zentral erstellten Aufgaben einzuführen, ging es zunächst darum, welche Gegenstände in die "Champions League" der schriftlichen Prüfungsfächer aufgenommen werden sollten. Es gelang, die klassischen Sprachen neben Deutsch, Mathematik und den vier modernen Sprachen Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch in diesem Kreis zu etablieren. Die völlige Neugestaltung der abschließenden Prüfung war aber nicht Selbstzweck, sondern sollte auch nachhaltige Änderungen, ja Verbesserungen im gesamten Unterrichtsgeschehen bewirken. Eine erste vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur eingesetzte Arbeitsgruppe, bestehend aus ca. einem Dutzend erfahrener Schulpraktiker und Testtheoretiker, erarbeitete unter meiner Leitung von 2007 bis 2009 das Grundkonzept für das neue Maturamodell. Die konkrete Umsetzung samt wissenschaftlicher Begleitung erfolgte dann bis September 2012 an der Universität Innsbruck (Leitung Florian Schaffenrath). Zuständig für die praktische Durchführung der schriftlichen Prüfungen an den Schulen ist seit 2012 das Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens (bifie)/Zentrum Wien.

Inhaltliche Grundlage für die standardisierten Aufgabenstellungen in den klassischen Sprachen sind die sogenannten Kompetenzmodelle. Das jeweilige Kompetenzmodell für vierjähriges Latein, für sechsjähriges Latein und für Griechisch beschreibt den Maximalstandard der bei der Reifeprüfung erwarteten Kenntnisse und Kompetenzen in den Bereichen "Übersetzungsaufgabe" und "Arbeitsaufgaben". Ausgangspunkt für die "Übersetzungsaufgabe" ist ein/sind mehrere unbekannte(r) Text(e) in einem definierten Umfang (120-140 Wörter in der Langform, 110-130 Wörter in der Kurzform). Die entscheidende Neuerung besteht nun darin, dass dieser Übersetzungstext (ÜT) bzw. dessen erfolgreiche Bewältigung nicht mehr Voraussetzung ist für den zweiten Teil der Aufgabenstellung, nämlich Arbeitsaufgaben zu einem vom ÜT völlig unabhängigen, meist aus anderen Textsorten, Epochen oder jedenfalls Autoren stammenden, ebenfalls unbekannten "Interpretationstext" (IT; Umfang 80-100 Wörter in der Lang- und Kurzform, zusammen mit ÜT max. 220 bzw. 210 Wörter). Diese insgesamt zehn Arbeitsaufgaben zum IT kommen aus den sieben Kompetenzbereichen "Sammeln und Auflisten", "Gliedern und Strukturieren", "Zusammenfassen und Paraphrasieren", "Gegenüberstellen und Vergleichen", "Belegen und Nachweisen" (nur im sechsjährigen Latein), "Kommentieren und Stellungnehmen" sowie "Kreatives Auseinandersetzen und Gestalten".

Die Gesamtdauer für die schriftliche Prüfung beträgt 270 Minuten, die Benutzung eines Wörterbuches ist gestattet. In der Beurteilung sind 60 (36 ÜT: 24 IT, also Verhältnis 60% : 40%) Punkte zu erreichen, die Mindestpunkteanzahl für eine positive Beurteilung, ein "Genügend" beträgt 31 im Schulversuch 2013/14, 30 ab 2014/15. Übersetzung und Interpretation sind in der Beurteilung getrennt, es müssen aber für eine positive Gesamtbeurteilung beide Teile auch für sich positiv sein, es kann also z.B. eine negative Übersetzung nicht durch überdurchschnittliche Leistungen bei der Interpretation kompensiert werden ("Veto-Funktion"). Die Beurteilung des Übersetzungsteils erfolgt auf drei Ebenen. Zunächst wird der gesamte Text in zwölf Sinneinheiten unterteilt (12 mögliche Punkte). Für die genauere Überprüfung der sprachlichen Fertigkeit gibt es je sechs Punkte für "checkpoints" aus den Bereichen Morphologie, Lexik und Syntax. Schließlich können noch 0/3/6 Punkte für die Qualität in der Zielsprache vergeben werden. Diesen im besten Falle 36 zu erreichenden Punkten in der Übersetzung stehen wie erwähnt 24 zu erreichende in den zehn Arbeitsaufgaben zum IT gegenüber, die sich zu rund 2/3 aus geschlossenen und zu rund 1/3 aus offenen Fragestellungen zusammensetzen. Die Beurteilung der Arbeiten erfolgt weiterhin durch den jeweiligen Klassenlehrer, allerdings wird zentral ein sehr enges Korrekturschema vorgegeben.

Die schriftliche Reifprüfung in den klassischen Sprachen, zu der die Maturanten nicht verpflichtet sind (nur Deutsch, eine moderne Fremdsprache und Mathematik sind obligatorisch) wurde im Schuljahr 2012/13 zum ersten Male an ca. 20 Schulen in Österreich erfolgreich durchgeführt. Textgrundlagen waren im sechsjährigen Latein Ovid, fasti 1,547-566 (ÜT) und Plinius, epist. 7,19 (IT), im vierjährigen Latein Gesta Romanorum 50 (ÜT) und Seneca, epist. 1,11,2 (IT) sowie Homer, Od. 19,379-395 (ÜT) und Herodot, hist. 7,53 (gek.; IT) für Griechisch. Für die nächsten Jahre wird für die Textauswahl auf einen Pool von rund 150 validierten, im Tresor des bifie gelagerten Aufgabenstellungen zurückgegriffen, der sich quer über alle Genera und Epochen der Latinität erstreckt. Es besteht also keine Möglichkeit, wie z.B. in manchen deutschen Bundesländern, gezielt auf einen oder mehrere Autoren, die beim Abitur Standard sind, hinzuarbeiten.

Im Schuljahr 2013/14 sind bereits fast 90 (von rund drei 300 in Frage kommenden) Gymnasien für diesen freiwilligen Schulversuch angemeldet, ehe im Schuljahr 2014/15 die neue Matura für ganz Österreich gültig sein wird.

Eine Eigenheit des österreichischen Systems stellt die Kompensationsprüfung dar. Sollte der Kandidat die schriftliche Arbeit nicht positiv erledigen, besteht noch vor der mündlichen Prüfung die Möglichkeit, diese negative Leistung in einem max. 25-minütigen Prüfungsgespräch zu kompensieren. Ausgangspunkt sind auch hier zwei zentral vorgegebene unbekannte Texte für Übersetzung und Interpretation, die unmittelbar vor der Prüfung an die betroffenen Schulen freigeschaltet werden.

Die mündliche Reifeprüfung

Je nach Zahl der schriftlichen Klausurfächer (drei oder vier) haben die Maturanten drei oder zwei mündliche Fächer zu wählen. Im sechsjährigen Latein "zieht" der Kandidat unmittelbar vor der Prüfung (Dauer 10 - 20 min.) aus einem Themenpool von 24, im vierjährigen und in Griechisch von 18 Themenbereichen der Oberstufe zwei. Zu jenem Themenbereich, für den sich der Kandidat dann entscheidet, legt der Prüfer eine Aufgabenstellung vor. Dabei wird ebenfalls von einem diesmal allerdings bekannten, d.h. im Laufe des Lektüreunterrichts besprochenen Text und dessen Interpretation ausgegangen (Reproduktion). Der Umfang, aus denen dieser Ausgangstext stammt, beträgt im sechsjährigen Latein und in Griechisch - geschuldet v.a. den Partikeln und Artikeln - 4000 bis 5000, im vierjährigen Latein 3000 bis 4000 Wörter. In einem zweiten Schritt soll dieser Text dann in Verbindung zu einem dem Kandidaten unbekannten Vergleichsmedium (weiterer Text, allerdings in Übersetzung; Bild; dingliche Quelle wie Münzen, Keramik; moderne Rezeption im Film usw.) gebracht werden (sogenannte Transferleistung). Im dritten Teil wird dann eine selbstständige Bewertung der Aussagen des Textes bzw. der Vergleichsmaterialien in einer Reflexion erwartet.

Um den Lehrenden, aber auch den Schülern und Eltern eine Möglichkeit zu geben, sich außerhalb der eigentlichen Leistungsbeurteilung ein Bild über den Leistungsstand v.a. an Nahtstellen der Schullaufbahn zu machen (4./8./12. Schulstufe), werden seit zwei Jahren in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch "Bildungsstandards" getestet. Da dieses Instrumentarium auch eine wertvolle Rückmeldung im Fach Latein darstellt, v.a. beim Übergang vom Elementarunterricht zur Lektürephase, werden aktuell Formate ausgearbeitet, die diese freiwillige "Informelle Kompetenzmessung" (IKM) auch in Latein ermöglichen. Zudem soll mit diesem Modell eine Basis für die dann folgenden und zur Reifeprüfung führenden Kompetenzmodelle geschaffen werden.

Literatur: Kompetenzmodell für die standardisierte kompetenzorientierte Reifeprüfung (schriftlich) aus Latein (vier-und sechsjährig), 24.10.2011 (https://www.bifie.at/node/771) bzw. Griechisch, 11.09.2011 (https://www.bifie.at/node/770), zuletzt geändert 2013 (Version wird in Kürze online gestellt); Mindeststandards für die schriftliche Reifeprüfung aus Griechisch und Latein, 15.05.2012 (https://www.bifie.at/node/1749): Die Reifeprüfungsaufgaben werden nach diesem Dokument geratet; Standardisierte kompetenzorientierte Reifeprüfung / Reife- und Diplomprüfung. Grundlagen - Entwicklung - Implementierung, 22.01.2013 (https://www.bifie.at/node/2045); Rechtsgrundlagen und Leitlinien zur kompetenzorientierten Leistungsfeststellung und Leistungsbeurteilung in den klassischen Sprachen Latein und Griechisch, 10.10.2012 (https://www.bifie.at/node/529), demnächst in der aktuellen Version Juli 2013; Walter Freinbichler, Peter Glatz, Florian Schaffenrath: Grundsätze des Korrektursystems zur schriftlichen Reifeprüfung in Griechisch und Latein, 01.02.2012 (https://www.bifie.at/node/1576); Hermann Niedermayr: Standardisierung und Kompetenzorientierung im österreichischen Lateinunterricht, Erste Erfahrungen und mögliche didaktische Folgerungen, in: Latein Forum, Heft 72/2010, S. 1-19 (http://www.latein-forum.tsn.at/Downloads/niedermayr_rp_standardisierung.pdf [15.03.2013]); Fritz Lošek: Latein im 21. Jahrhundert. Ein Grenzgang zwischen "toter Sprache" und lebendigem Trendfach. Bilanz der Entwicklung in Österreich, in: IANUS. Informationen zum altsprachlichen Unterricht 3/2012 S. 22-58 (https://www.bifie.at/node/597 [15.03.2013]); Anna Pinter: Standardisierung und Kompetenzorientierung in Österreich, Die neue schriftliche Reifeprüfung in den klassischen Sprachen, in: AU 4+5/2011, S. 116-121; Hermann Niedermayr, Anna Pinter: Herausforderungen der neuen schriftlichen Reifeprüfung, Tipps für eine zielführende Vorbereitung, in: Latein Forum, Heft 76/2012, S. 1-14 (http://www.latein-forum.tsn.at/Downloads/lf76_niedermayr_pinter_nrp.pdf [15.03.2013]); Fritz Lošek: Neue standardisierte und kompetenzorientierte Reifeprüfung aus Latein und Griechisch "in echt": erste Bewährungsprobe im Schulversuch, in: Circulare Heft 2/2013, S. 1-2; Fritz Lošek, Aurea prima sata est? Oder: manchmal wird's auch besser! in: ILS Mail 1/13 S. 16-17.

Fritz Lošek (St. Pölten/Wien)

Standardisierte kompetenzorientierte Reifeprüfung in Österreich

Als vor einigen Jahren die neue "standardisierte kompetenzorientierte Reifeprüfung" (SKRP), fälschlicherweise oft "Zentralmatura" genannt, in Latein im Rahmen eines Seminars vorgestellt wurde, gingen die Wogen erwartungsgemäß hoch. Während einige Bedenken hatten, die Standards mit ihren SchülerInnen eventuell nicht zu erreichen, befürchteten andere eine Nivellierung des Leistungsniveaus nach unten. Andere wiederum fühlten sich in ihrer Souveränität eingeschränkt und von den neuen Beurteilungskriterien eingeschränkt. Die darauf folgenden monate- und jahrelangen Diskussionen und Fortbildungen haben meines Erachtens höchst interessante Aufschlüsse gegeben.

Zum einen war es erfreulich, dass die Fortbildungen, Erstellung der Leitfäden und die Informationskampagnen in Latein weit zügiger, professioneller und reibungsloser vonstatten gingen als in den meisten anderen schriftlichen Maturafächern. Die Mathematik konnte sich bis dato nicht einmal auf die Kompetenzen einigen. In Wien hat es auch geholfen, dass alle LateinlehrerInnen flächendeckend zu Fortbildungsseminaren verpflichtet wurden, eine Maßnahme, die im Vergleich zu anderen Fächern singulär und deshalb erwartungsgemäß umstritten war, die sich im Endeffekt aber als sehr effektiv erwiesen hat.

Die anfängliche Hysterie und Diskussion um die Standards bzw. Kompetenzen hat gezeigt, dass österreichweit ein bemerkenswerter Wildwuchs existiert, was die Notengebung betrifft. Alleine diese Tatsache macht die Einführung einer standardisierten Reifeprüfung meines Erachtens sinnvoll.

Ein heiklerer Punkt als die Standardisierung war sicherlich die Kompetenzorientierung. Zunächst könnte man über die Kompetenzen, die für einen Schüler/eine Schülerin nach 6 bzw. 4 Jahren Latein festgeschrieben wurden, im Detail natürlich streiten. Warum ist die eine oder andere Stilfigur nicht in den Standards? Braucht es das Supinum oder die Imperative der Deponentia? Jedoch stellen diese Kompetenzen ja nur die Mindestanforderungen dar, und jeder Lehrer / jede Lehrerin kann diese ja autonom erweitern bzw. mehr verlangen als gefordert. Mehr Konfliktpotential steckt in der Teilung der Reifeprüfung in ÜT (Übersetzungstext) und IT (Interpretationstext). War bislang bei Schularbeit und Reifeprüfung ein lateinischer Ausgangstext Standard, der zunächst übersetzt und dann mittels Leitfragen interpretiert wurde, gibt es nun zwei kürzere lateinische Texte, von denen der eine lediglich zu übersetzen ist, während zum zweiten Text verschiedene Arbeitsformate (von Gliedern bis Vergleichen) zu bearbeiten sind, der Text an sich jedoch nicht übersetzt werden muss. Die Formate wurden vom BIFIE ausgearbeitet, sind genormt und können als "Bausteine" herunter geladen werden. Im Laufe der Entwicklung wurden hier dankenswerterweise einige Korrekturen und Feinabstimmungen vorgenommen. Diese "Bausteine" bzw. die Idee des IT an sich führte zu den meisten Unsicherheiten, zumindest auf Lehrerseite. In der Praxis hat sich herausgestellt, dass die SchülerInnen mit der Umstellung weniger Probleme haben als die Lehrenden, da sie dieselben Formate von den lebenden Fremdsprachen bereits gewohnt sind. In der Praxis hat sich ebenfalls herausgestellt, dass sich die SchülerInnen beim IT meist etwas leichter tun als beim ÜT. Böse Zungen behaupten, dass "Kreuzerl machen" teilweise auch eine Glückssache ist und manche SchülerInnen bei der Wahl ihres Kreuzes weniger ihrem Wissen als ihrem Glück vertrauen. Durch die genormten Bausteine gehen freilich auch etwas Individualität und offene (anspruchsvollere) Aufgabenstellungen verloren.

Eine weitere große Umstellung war das Beurteilungssystem, vor allem für diejenigen LehrerInnen, die noch die Fehlerzählmethode angewendet haben. Die Excel-Tabellen, die nun zum Einsatz kommen, mit Punkten für Sinneinheiten bzw. Checkpoints für Formenlehre, Syntax und Grammatik, sowie Punkte für "gute Sprache in der Übersetzung", sind gewöhnungsbedürftig und erfordern viel Übung. Vor allem die Auswahl der Checkpoints und der Sinneinheiten ist knifflig. So kann der Schüler / die Schülerin in seiner Übersetzung durchaus mehrere Fehler haben, die nicht gewertet werden, da die jeweiligen Wörter/Formen nicht als Checkpoints gesetzt wurden und der Sinn des Satzes dadurch auch nicht zerstört wurde.

Mit der Zeit haben sich Lehrende und SchülerInnen aber an die neuen Aufgabenformen und Beurteilungsschemata gewöhnt.

Mit großer Spannung wurde nun im abgelaufenen Schuljahr der erste Probelauf der neuen SKRP in Latein erwartet. Mehrere Schulen in ganz Österreich nahmen an diesem Schulversuch, die schriftliche RP in Latein nach der neuen Form schon ein Jahr früher als alle anderen einzuführen, teil. Dazu gab es ausreichend Informationen seitens der Schulbehörden für die betroffenen LehrerInnen. Ungewohnt war sicher, erstmals keinen eigenen lateinischen Text suchen und bearbeiten zu müssen. Der Arbeitsaufwand des Lehrers / der Lehrerin im Vorfeld der Matura geht gegen Null. Da man nicht weiß, welcher Text bzw. welche Textsorte kommt, kann man die SchülerInnen im Vorfeld auch nicht gezielt auf Dichtung oder Prosa bzw. auf bestimmte grammatikalische Phänomene ("Schaut euch bitte noch mal den Ablativus absolutus an!") vorbereiten. Es empfiehlt sich aber die Kompetenzen, die im IT abgefragt werden, z.B. Stilfiguren, Wortbildung, Satzanalyse zu wiederholen.

Am Tag der schriftlichen Reifeprüfung war die Spannung auch meinerseits groß. Welcher Text wird kommen? Wird er vielleicht zu schwer für meine SchülerInnen sein? Die Befürchtungen und Zweifel erwiesen sich als grundlos. Das Kuvert mit den Prüfungsaufgaben (eine kleine Mappe mit Texten und Arbeitsaufgaben) wurde geöffnet, die Instruktionen für den Lehrer / die Lehrerin wurden schon im Vorfeld per E-Mail ausgesendet.

Ich hatte nur zwei Kandidaten, die angetreten sind, ein Schüler, der auf Schularbeiten zumeist "Sehr gut" geschrieben hat, ein Schüler, der meist zwischen "Gut" und "Befriedigend" gependelt ist. Beide Schüler hatten 4 Jahre Latein, wobei wir am Beginn der Lektürephase sofort auf das neue System mit ÜT/IT bei Schularbeiten umgestiegen sind. Das heißt, die Schüler waren mit den neuen Aufgabenstellungen hinreichend vertraut. Der ÜT erwies sich als überaus einfach, beide Schüler hatten damit keine Probleme. Der IT erwies sich als etwas kniffliger, vor allem durch eine teilweise komplexe Fragestellung, die meinen Kandidaten, die keine deutsche Muttersprache haben und mitunter mit einem Deutsch-Koreanisch-Wörterbuch arbeiten, sprachlich Probleme bereiteten. Beide Kandidaten waren bereits lange vor Auflauf der Prüfungszeit mit ihrer Arbeit fertig.

Was die SKRP von einer Zentralmatura unterscheidet, ist, dass die Arbeiten zur Korrektur nicht an eine zentrale Stelle gesendet werden, sondern vom Klassenlehrer selbst korrigiert werden. Die Auflösung für die Arbeitsaufgaben des IT wurde am Nachmittag des Prüfungstages online gestellt. Bei Unklarheiten konnte man einen Online-Helpdesk kontaktieren, was ich in zwei Fällen auch getan habe. Die Antwort kam innerhalb eines Tages.

Fazit: Die erste schriftliche SKRP war ein Erfolg. Organisatorisch gab es nichts zu bemängeln. Dass der ÜT der RP einfacher als der der Schularbeiten der Abschlussklasse war, ist sicherlich auch der Tatsache zu schulden, dass man die erste neue RP nicht zu schwer machen wollte, da es ein politisches Desaster gewesen wäre, wären nun scharenweise SchülerInnen durchgefallen. Das Medieninteresse war enorm und ebenso der Druck auf das Unterrichtsministerium, das die SKRP nach öffentlichem Druck bereits überraschenderweise um ein Jahr verschoben hatte und sich keinen Misserfolg leisten konnte. Die Vergleichbarkeit der Leistungen österreichweit und die Transparenz bei der Beurteilung sind sicherlich zu begrüßen und meines Erachtens der größte Pluspunkt der neuen RP. Aufgrund der großen Anzahl der Fortbildungen sind gerade die LateinlehrerInnen für die neue Matura gut vorbereitet und können der Zukunft sorgenfrei entgegen gehen.

Michael Bauer

Jahresbericht 2012 des Präsidenten

Liebe Mitglieder des SAV,

das vergangene Vereinsjahr stand zumindest in den letzten Monaten ganz unter dem Zeichen der Latinumsdiskussionen an den Universitäten Basel und Zürich, deren Resultate nicht ungleicher hätten sein können. Das damit verbundene Medienecho war sehr gross und hat das Latein wenigstens für kurze Zeit ins Zentrum der öffentlichen Diskussion gerückt, und zwar nicht nur in den betroffenen Kantonen, sondern sogar über die Sprachgrenzen und Landesgrenzen hinweg (ein Beitrag auf Swissinfo ist sogar auf Portugiesisch erschienen). Zur Illustration seien einer paar Titel genannt (diese sind alle unter den News auf Swisseduc zu finden, die von unserem Kollegen Theo Wirth stets auf dem aktuellsten Stand gehalten werden), zunächst die eher kritischen: "Latein - ein Exotenfach?" (Walliser Bote 5.11.) - "L'enseignement du latin sert-il encore à quelque chose en 2012?" (Radio Télévision Suisse RTS) - "Lateinkenntnisse werden zur Spezialität" (NZZ 1.10.) - "Basel ist nicht allein ohne Latein" (MLZ 1.9.) - "Latein-Verzicht war eine Panne" (Sonntag 2.9.) - "Universität Basel hält an Latein-Verzicht fest" (BLZ 16.9.). Immerhin werden auch die positiven Seiten des Lateins von den Medien nicht verschwiegen, auch hier ein paar Titel zur Verdeutlichung: "Denken wie die alten Römer" (NZZaS 21.10.) - "Noch soll Latein gelernt werden..." (Interview mit Prof. Dr. P. Fröhlicher, Dekan UZH) - "Uni-Zürich will Lateinobligatorium nicht einschränken" (diverse Zürcher Zeitungen 5.10.) - "Ja zum Latein" (NZZ 2.10.) - "Latein ist Teil unserer Kultur" (BaZ 14.9.) - "Die Geisteswissenschaften müssen sich wehren!" (BaZ 11.9.). Doch leider erscheinen in vielen Beiträgen ganz merkwürdige Argumentationen (als Beispiel sei ein Leserbrief in der NZZaS vom 28.10. zitiert: "Latein hat es schwer im heutigen Umfeld. Bei allen nachvollziehbaren Argumenten pro und contra ist aus meiner Sicht einfach festzuhalten, dass Latein eine ausgestorbene Sprache ist. Das ist nicht wegzudiskutieren." - die Aargauer Zeitung vom 19.11. kontert mit "Der Lateintag in Brugg hat gezeigt: Die Totgesagten leben länger"), wie üblich völlig veraltete Vorstellungen vom Lateinunterricht und zum Teil auch schlicht falsches Zahlenmaterial: In der NZZaS vom 21.10. werden exempli gratia dem Kanton Schaffhausen gerade einmal 1.4% Maturitätszeugnisse in den Alten Sprachen zugeschrieben, obwohl es in der Realität rund 25% sind! Es wäre aus meiner Sicht sehr wünschenswert, dass der SAV eine solche Statistik selbst herstellt, um künftig in ähnlichen Situationen besser reagieren zu können. Eine gute Zusammenstellung zu dieser Problematik findet man im Übrigen in einem Beitrag von Theo Wirth auf Swisseduc.

Die Latinumsdiskussion in Basel und Zürich ist bezeichnend für die Entwicklung der Hochschulen in den letzten Jahren. Dass historische Fächer überhaupt auf die Idee kommen, aufs Latinum zu verzichten, ist geradezu fatal (selbst wenn es sich, wie gewissen Medien zu entnehmen war, bei diesem Schritt um ein Versehen handelt) und lässt einen daran zweifeln, ob es den Universitäten wirklich um ein hohes Niveau in der Forschung geht. Wer käme denn auf die Idee, die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ohne Englischkenntnisse zu untersuchen? Es ist zudem zu unterstreichen, dass die Infragestellung des Lateinobligatoriums in den meisten Fällen kein Misstrauen dem Latein gegenüber ausdrückt, sondern einen Kniefall vor den Folgen des Bolognamodells und einer zunehmenden Ökonomisierung der universitären Bildung darstellt. Angesichts des drohenden Bedeutungs- und v.a. Geldverlusts durch schwindende Studierendenzahlen ist es zwar verständlich, dass man Inhalte und Qualität für das Überleben des eigenen Fachs opfert, doch wird diese Entwicklung über kurz oder lang diesen Untergang eher beschleunigen, wenn das Fach dadurch seine Wissenschaftlichkeit und damit letztendlich seine Existenzberechtigung verliert. Es wirkt geradezu als ein Hohn, wenn die Hochschulen im gleichen Zug immer wieder den angeblichen Verfall der gymnasialen Bildung beklagen und durch die Androhung von Zulassungsprüfungen die Qualität der Matura erhöhen wollen. Das selbst für die Befürworter überraschend klare Votum der philosophischen Fakultät der Universität Zürich für die Beibehaltung der Latinumspflicht verdient vor diesem Hintergrund noch viel mehr Anerkennung. Vielleicht mag auch der Brief des SAV an den Dekan, welcher vor der entscheidenden Sitzung verteilt worden ist, das eine oder andere Mitglied der Fakultät in unserem Sinn überzeugt haben.

Der Vorstand hat sich wie üblich zu drei Sitzungen, im Januar in Olten, im Juni in Luzern und im September in Lugano, getroffen. Die beiden neu gewählten Vorstandsmitglieder, Barbara Cristian und Christine Stuber, haben sich sehr gut integriert und als Verantwortliche für den Newsletter bzw. als Aktuarin bereits wichtige Aufgaben übernommen. Die Zusammenarbeit mit dem VSG, in dessen Zentralvorstand die Alten Sprachen mit Gisela Meyer Stüssi und Walter Stricker ja überproportional vertreten sind, funktioniert sehr gut, so dass wir u.a. im Gymnasium Helveticum an prominenter Stelle auf unsere Anliegen hinweisen können. An der Präsidententagung in Frauenfeld konnte umgekehrt der VSG von unseren Erfahrungen bei der Mitgliederwerbung profitieren.

Neben der Teilnahme an Vernehmlassungen, so gerade aktuell zu einem gesamtschweizerischen Projekt Hochschule-Gymnasium und zur geplanten Revision der Rahmenlehrpläne, konnte sich der Vorstand sowohl den üblichen Aufgaben widmen als auch neue Ideen entwickeln bzw. umsetzen. Dazu gehören das Konzept für einen Griechisch- und Lateinwettbewerb, welches später vorgestellt werden soll, ebenso wie unsere Überlegungen, wie man die Stellung des Lateins in der Öffentlichkeit und insbesondere bei Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur verbessern könnte. Auch dazu später mehr. Für die verbesserte Kommunikation mit unseren Mitgliedern haben wir als ersten Schritt einen kleinen Newsletter eingeführt, welcher zweimal jährlich mit aktuellen Informationen per Mail verschickt werden soll und so die Lücke zwischen den beiden Bulletins schliesst. Ich möchte Barbara Cristian in absentia an dieser Stelle ganz herzlich für ihre Arbeit danken. Leider haben wir bei dieser Gelegenheit feststellen müssen, dass rund ein Sechstel der verfügbaren Mailadressen nicht mehr aktuell war - ich bitte daher darum, mir Änderungen der Mailadresse jeweils mitzuteilen. Die bereits im letzten November angekündigte Vertiefung der Kommunikation innerhalb des SAV hat sich konkretisiert: Im kommenden Januar werden erstmals Kantonskorrespondenten aus verschiedenen Regionen zu einer gemeinsamen Sitzung mit dem Vorstand in Olten zusammenkommen. Ein Desiderat bleibt jedoch immer noch die adäquate Einbindung unserer Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie. Die Verbindung zur Euroclassica wird nach wie vor durch das besondere Engagement unserer ehemaligen Präsidentin Christine Haller aufrecht erhalten, der ich hier ebenfalls danken möchte.

Trotz dem Newsletter bleibt das Bulletin immer noch das beste Mittel, um die Mitglieder über die Aktivitäten des SAV, über aktuelle Fragen in der Forschung, über Weiterbildungen und über neue Bücher zu informieren. Ich bin sehr froh, dass wir mit Petra Haldemann eine sehr gewissenhafte und zuverlässige Redaktorin haben, welche selbst unter eher ungünstigen Verhältnissen - so der unfallbedingte Wegfall des Leitartikels im Bulletin 80 - Semester für Semester eine neue Nummer produziert. In Abwesenheit vielen Dank für die Arbeit!

Eine ganz wichtige Dienstleistung des SAV ist die Durchführung von Weiterbildungen, die sich trotz der Tatsache, dass die Organisation jeweils ehrenamtlich und in der ohnehin knappen Freizeit erfolgt, in ihrer Qualität ohne Scheu mit den teuren Angeboten professioneller Anbieter messen können. Bruno Colpi und Christine Haller haben wie üblich in perfekter Manier eine Reise organisiert, welche die Teilnehmenden in die spätsommerliche Sonne Siziliens führte. Nicht zu den grandiosen Überresten griechischer und römischer Zeit im Mittelmeerraum, sondern ins nicht weniger interessante Vindonissa lud die Weiterbildung des SAV, die in diesem Jahr erstmals von Martin Müller organisiert worden war. Rund 30 Teilnehmende aus der ganzen Deutschschweiz folgten gespannt den Ausführungen von Frau Göldi zum Legionärspfad, liessen sich von unserem Vorstandsmitglied Philipp Xandry in den modernen Realienunterricht einführen, wo man Antike im wahrsten Sinn des Wortes "begreifen" kann, und wurden von Prof. Peter-Andrew Schwarz über die Vindonissa-Professur informiert. Ich möchte auch hier allen Beteiligten für ihre grosse Arbeit danken. Im kommenden Jahr ist eine Weiterbildung zu mittellateinischen Texten vorgesehen; zudem ist geplant, in Zusammenarbeit mit dem European Cultural Centre of Delphi in den Sommerferien eine rund zehntägige Weiterbildung in Delphi durchzuführen (Details folgen im nächsten Newsletter).

Schliesslich hat der SAV im Frühjahr den Sonderband "ELEMENTA - ΣTOIXEIA - Elemente" herausgebracht, welcher nochmals die gleichnamige Tagung vom März 2011 in Erinnerung ruft. In meinem Keller sind noch genügend Bände gelagert - nutzen Sie die Gelegenheit, einen Band zu kaufen, und machen Sie Werbung bei Ihren Kolleginnen und Kollegen der Naturwissenschaften und der Mathematik. Das Buch kann über unsere Website bestellt werden und sollte in keiner Fachbibliothek fehlen.

All dies wäre nicht möglich gewesen ohne die engagierte Mitarbeit des Vorstands, dem ich hier nochmals ganz herzlich danken möchte. Am Schluss möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass sich viele Kolleginnen und Kollegen in allen Regionen der Schweiz für unsere Sache einsetzen, so beim Kulturmonat IXber in der Ostschweiz, beim Lateintag in Brugg, bei "Latein macht Schule" in der Nordwestschweiz, bei "Latein baut Brücken" in Zürich, beim Lehrplan 21 für die ganze Deutschschweiz. Ihnen allen gebührt mein Dank für ihre wertvolle Arbeit - nur so lässt sich eine weitere Marginalisierung unserer Fächer erfolgreich verhindern!

Lucius Hartmann

Protokoll der Jahresversammlung des SAV vom 23.11.2012

Luzern, KS Alpenquai um 15.45

Anwesend: cf. Präsenzliste (30 Personen)
Entschuldigt:
Vorstand: Barbara Cristian, Petra Haldemann
Mitglieder: Martin Meier, Martin Stüssi, Hans Hauri

1. Protokoll der Jahresversammlung des SAV 2011
Genehmigt und verdankt

2. Jahresbericht des Präsidenten
Wird zusammen mit diesem Protokoll im Bulletin abgedruckt.

3. Kassabericht - Mitgliederbeitrag
Bericht des Kassiers, Philipp Xandry
Jahresrechnung:
Ausgaben insgesamt Fr. 11 860.15, Einnahmen insgesamt Fr. 11894.40
Der Ausgabenüberschuss von 965.75 erfolgt aufgrund der Sonderaufwendungen für den Tagungsband Stoicheia. Vermögen per 31. 07. 2012: Fr. 26 118.35
Der für das nächste Budgetjahr veranschlagte Ausgabenüberschuss von rund 2000 Fr. erfolgt aufgrund des Nachdrucks der Flyer.
Bruno Colpi regt an, dem Bulletin einen Einzahlungsschein beizulegen, damit die Pensionierten dazu animiert werden, einen freiwilligen Beitrag zu leisten.
Philipp weist darauf hin, dass noch eine grosse Anzahl Stoicheia Bände vorhanden sind, und regt zum Kauf oder zur Weiterempfehlung an.

4. Kassarevision
Philipp Xandry liest den Revisorenbericht von Matthias Geiser und Urs Albrecht vor.
Die Jahresrechnung wird einstimmig genehmigt und dem Kassier Décharge erteilt.
Der Antrag, den Mitgliederbeitrag unverändert zu belassen, wird einstimmig angenommen.
Das Budget für das kommende Vereinsjahr wird ebenfalls einstimmig angenommen.

5. Wahlen:
Rücktritt: Ivo Müller
Andrea Jahn würdigt Ivo Müllers grossen Einsatz für den SAV, dem er 12 Jahre als Vorstandsmitglied, davon 3 Jahre als Präsident, angehörte.
Der Vorstand schlägt als Nachfolger Daniel Rutz (Sargans) vor. Er ist seit 5 Jahren in Sargans als Lateinlehrer tätig und hat in Zürich studiert. Seine Wahl erfolgt durch Akklamation.

6. Anträge / Mitteilungen des Vorstands: Griechischwettbewerb, Newsletter
a) Griechisch- und Lateinwettbewerb
Die finanzielle Situation Griechenlands lässt es nicht zu, weiter den Wettbewerb durchzuführen. Der Vorstand schlägt vor, in der Schweiz einen entsprechenden Wettbewerb durchzuführen.
Lucius stellt das Konzept vor.
Die wichtigsten Punkte sind folgende:

  • Wettbewerb certamen Helveticum - ἀγὼν Ἑλβέτιος
  • Durchführung: alternierend Griechisch und Latein
  • Zielpublikum: die beiden letzten Klassen vor der Matura
  • Gattung: Essay, 3-5 Seiten, mit Textbezug
  • Zeitfenster: 15.1. bis 31.3. (2013?)
  • Preis: Reise nach Griechenland bzw. Rom
  • Sponsoring: Stiftungen, Thalia o.ä.
  • Jury: Prof. Dr. R. Wachter, Ch. Stuber, B. Meier
  • Mögliche Themen: "Homer, Odysseus bei Kalypso", "Caesars Darstellung des Vercingetorix".

Hansueli Gubser stellt eine finanzielle Beteiligung von Fr. 500.- in Aussicht.
Es gibt keine grundsätzlichen Einwände gegen das Konzept. Der SAV finanziert allenfalls den ersten Durchgang mit, somit kann 2013 zum ersten Mal der Wettbewerb durchgeführt werden. Christine Haller regt an, statt einer Griechenlandreise den Besuch der Academia Homerica als Preis auszuschreiben.

b) Grosser Newsletter:
Zielpublikum sind Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft. Nötig ist eine professionelle Gestaltung, der Newsletter soll zwei Mal pro Jahr verschickt werden. Gesucht werden Sponsoren, da die Kosten sehr hoch sind.
Martin erläutert: Das Konzept wurde ausgearbeitet durch Peter Felber (Latein macht Schule), das Design ist vorbereitet. Pro Newsletter muss mit mehreren 1000 Franken gerechnet werden.
Lucius mahnt, dass die Lobbyarbeit dringend jetzt beginnen muss! Das Ziel eines Newsletters ist, zu zeigen, was wir im Unterricht machen! (mehr als Asterix und Obelix...)

c)
Die Berichterstattung in den Medien über den Latein- und Griechischunterricht in den einzelnen Kantonen beruht oft auf falschen oder irreführenden Zahlen (cf. NZZaS, 21.10.2012), welche die Journalisten nicht richtig interpretieren können.
Grund dafür ist, dass in den eidgenössischen Statistiken nur Schwerpunktfachabschlüsse aufgeführt werden, die Grundlagenfachabschlüsse erscheinen nicht in der Statistik!
Daraus resultieren exorbitant unterschiedliche Zahlen (wie z.B. im Kanton Schaffhausen).
Deshalb regt Lucius an, der SAV solle selber die aktuellen Schülerzahlen erfassen via Kantonskorrespondenten, die Auswertung würde Theo Wirth übernehmen.
Erfasst werden soll nur die Gymnasialstufe.

d) VSG 20/20
Lucius weist auf die Forderung des VSG hin: 20 / 20, d. h. auf der Gymnasialstufe sollen maximal 20 Lektionen pro Wochen für ein volles Pensum unterrichtet werden, die Klassengrössen sollen auf maximal 20 SchülerInnen beschränkt werden. Die Mitglieder werden aufgefordert, dafür einzustehen, sofern sie davon überzeugt sind.

7. Anträge und Vorschläge der Mitglieder
Es liegen keine Anträge vor.

8. Varia
Lucius weist auf die Situation an der Universität in St. Petersburg hin, wo das Fach Klassische Philologie gestrichen werden soll. Unter philologia.ch kann eine online Petition unterschrieben werden.
Ebenfalls auf philologia.ch finden sich Hinweise auf die Latein- und Griechischwettbewerbe für die Prämierung von Maturaarbeiten in Griechisch und Latein der Universität Basel.

Ende der Sitzung: 17.00 Uhr

Im Anschluss an die GV fand eine Präsentation des Quaternio-Verlags Luzern statt. Eine Mitarbeiterin des Verlags erklärte, wie die originalgetreuen Faksimile-Editionen hergestellt werden, anschliessend konnten die bisher vom Verlag herausgegebenen Handschriften bewundert werden. Vielen Dank an Martin Müller für die Organisation.

Für das Protokoll
Meggen, 25. 11 2012
Christine Stuber

Vergils Signaturen - eine Kontroverse

Die Entdeckung einer codierten Signatur am Anfang von Vergils Aeneis wäre kein Thema, schon gar nicht für den Unterricht, hätten nicht mehrere Medien (La Repubblica, rai 1, rai 2, tsr 2, NZZ 9.4.2013) davon berichtet und damit Spuren im Internet hinterlassen. Grundlage war ein Aufsatz von Cristiano Castelletti im Museum Helveticum (69, 2012, 83-95) unter dem Titel "Following Aratus' plow: Vergil's signature in the Aeneid", dem Autor zufolge zu werten wie ein Fund von Leonardos Signatur im Bild der Mona Lisa. Dagegen wurden methodische Bedenken erhoben (Verf., NZZ 16.5.2013), die gleichzeitig ein Licht auf den spielerischen Umgang antiker Autoren mit der Literatur werfen. Die in der Antike als Technopaignia, "kunstvolle Spielereien", bezeichneten Phänomene sind in neuerer Zeit in umfassenden Monographien behandelt worden (Markus Asper, Onomata allotria, Stuttgart 1997; Christine Luz, Technopaignia: Formspiele in der griechischen Dichtung, Leiden 2010, 443 S.; Ulrich Ernst (Hrsg.), Visuelle Poesie: historische Dokumentation theoretischer Zeugnisse, 1: Von der Antike bis zum Barock, Berlin 2012, 965 S.).

Ein solcher Kunstgriff ist das Akróstichon oder die Akrostichís. Was das ist, lesen wir bei Cicero (div. 2,111): ἀκροστιχίς cum deinceps ex primis versus litteris aliquid conectitur, ut Q. Ennius fecit -"wenn sich der Reihe nach aus den ersten Buchstaben eines Verses etwas Sinnvolles ergibt, z.B. Q. Ennius fecit". Sinnvolle Folgen von Anfangsbuchstaben in Verstexten sind naturgemäss selten und, da es sich um Buchstaben, nicht um Laute handelt, ist Schriftlichkeit, wie man längst gesehen hat, zwingend vorausgesetzt. Wenn wie im Fall des Ennius, den Cicero anführt, eine Signatur vorliegt, ist das Werk, insgeheim oder nicht, mit einem Siegel (sphragís) versehen. Wir kennen solche Signaturen seit dem frühen Hellenismus. Der griechische Arzt Nikandros aus Kolophon "siegelt" seine beiden Lehrgedichte Theriaká und Alexiphármaka (2. Jh. v. Chr.) mit der signifikanten Signatur NIKANDROS; der Dichter der Ilias Latina (1. Jh.). signiert seine Homer-Bearbeitung noch deutlicher an Anfang und Ende mit ITALICVS und SCRIPSIT.

Die Suche nach versteckten Signaturen oder anderen versteckten Botschaften, die in zahlreichen Aufsätzen vor allem im angelsächsischen Raum ihren Niederschlag gefunden hat, blieb allerdings wenig erfolgreich: kurze Wörter von eher bescheidener inhaltlicher Relevanz: FONS, MARS, VNDIS usw. In der Folge entwickelte man komplizierte Lesesysteme, mit denen die ciceronische Grundregel aufgeweicht wurde: Zeilen überspringen, rückwärts oder im Zickzackverfahren lesen, statt Buchstaben Silben zählen. Mit Hilfe der neuen "Regeln" wurde Vergils codierte Signatur bereits "nachgewiesen": PV(ra) VE(ntus)-MA(ximus)-= Publius Vergilius Maro (Georgica 1, 433/431/429: Edwin L. Brown, Numeri Vergiliani: studies in "Eclogues" and "Georgics", Bruxelles 1963, 102-105; Ted Somerville, Note on a reversed acrostic in Vergil Georgics 1.429-33: Classical Philology 105, 2010, 202-209) - was ein skeptischer Philologe mit dem Hinweis auf Georgica 1,66 quittierte: PUlVErulenta coquat MAturis (R. G. M. Nisbet in: Classical Review 40, 1990, 262).

Die jetzt vorgeschlagene Signatur am Beginn von Vergils Aeneis - A STILO M(aronis) V(ergili) - beruht auf einem solch erweiterten (missverständlich "bustrophedonisch" genannten) Leseverfahren, indem man die Buchstaben vom Versende zu denen vom Versbeginn hinzunimmt und bald vorwärts bald rückwärts "liest". Basis dafür bilden zwei Verse in den Phainomena (V. 6-7) des Aratos von Soloi, wo sich das Hapax legomenon ΙΔΜΗ ergibt, falls man im umgekehrten Sinn, gleichsam im "Zackzick", liest.- ein waghalsiges Konstrukt.

Genügt der gewonnene Text wenigstens sprachlichen und inhaltlichen Anforderungen? Man kann es hinnehmen, dass die Initialen des Dichternamens verkehrt zu lesen sind (MV statt VM, sonst geht die Rechnung nicht auf). Schwer zu verstehen ist die elliptische Formulierung A STILO, von Castelletti übersetzt mit "from the pen", d.h. aus der Feder (was stilus nicht heisst), bzw. "dallo stilo", d.h. aus dem Griffel (aus dem aber kein atramentum fliesst; und wenn schon, dann e calamo). Doch welches Verb wäre da überhaupt zu ergänzen ausser scriptum (und dann gewiss ohne Präposition)? Bedenken erweckt ferner der Stilus als Schreibwerkzeug, diente er doch lediglich zum Schreiben von Notizen oder kurzen Briefen, die man auf Wachstäfelchen ritzte, während längere Texte wie die Aeneis auf Rollen von Papyrus oder Pergament geschrieben wurden (so ist Vergil in dem bekannten Mosaik in Tunis dargestellt). Ein Kriegsgerät war der Stilus ebenfalls nicht, womit sich auch die Vermutung, es werde auf ein Hauptthema der Aeneis angespielt (adatto a cantare di armi e guerre), erledigt.

In Erinnerung gerufen sei in diesem Zusammenhang das ausführliche Selbstzeugnis, das Vergil (oder war es ein Interpolator in der Rolle Vergils?) in der Coda der Georgica (4,559-566) abgelegt hat: eine doppelte Signatur, mit der sich der Autor als Dichter der Georgica und, rückblickend auf seine Jugendzeit in Neapel, der Bucolica präsentiert: Haec super arvorum cultu pecorumque canebam... Illo Vergilium me tempore dulcis alebat Parthenope... So könnte man sich, falls es Vergil gegönnt gewesen wäre, die Aeneis zu vollenden, eine echte Signatur vorstellen.

Bruno W. Häuptli
 

Weiterbildung

Weiterbildung des SAV vom Samstag, 9. November 2013 in St. Gallen: Überraschendes aus der Stiftsbibliothek St. Gallen

Viele wissen um den Vergilius Sangallensis (Cod. 1394), einen der grossen Schätze der Stiftsbibliothek St. Gallen. An der diesjährigen Weiterbildung des SAV wollen wir uns mit weniger bekannten Texten aus dem Bibliotheksbestand beschäftigen, die überraschende und oft lustige Einblicke in die Vergangenheit eröffnen: Wie hat ein Pfarrer einen zum Tode Verurteilten auf den Tod vorzubereiten? (Cod. 1473) Aus den 'Casus Sancti Galli' (Cod. 615) Notkers Entsetzen über den medizinischen Befund, dass Heinrich von Bayern schwanger ist. Dazu kommen Ausschnitte aus dem lateinisch-althochdeutschen Evangelienharmonie des Tatian (Cod. 56) und der 'Biblia Pauperum' (Holztafeldruck 1). Weitere Texte: aus einer Schulkomödie des 18. Jahrhunderts über die Frage, was besser sei, Wein, Most oder Wasser; Interessantes aus Musterbriefen des 16. Jahrhunderts und der lateinischsprachigen Beschreibung einer Reise ins Kloster St. Gallen.
Unter kundiger Leitung von Franziska Schnoor, M.A., und Dr. Karl Schmuki werden wir gemeinsam und in Kleingruppen Texte lesen und uns überlegen, wie wir sie im Lateinunterricht einbringen könnten. Wenn immer möglich, werden die betreffenden Handschriften vorliegen. - Und natürlich werden wir auch einen Blick auf den Vergilius Sangallensis werfen dürfen. Eine Führung durch die Bibliothek mit der aktuellen Ausstellung rundet die Weiterbildung ab.

Programm:

10.15Begrüssung
Beginn der gemeinsamen Lektüre
12.00Mittagessen à la carte in einem nahe gelegenen Restaurant
14.00Lektüre ausgewählter Texte in Kleingruppen
15.00Präsentation der Ergebnisse
15.30Kaffee und Kuchen
15.45Führung durch die Bibliothek und die Jahresausstellung 'Im Anfang war das Wort'
17.15Ende

Leitung: Dr. Karl Schmuki und Franziska Schnoor, M.A.

Organisation: Martin Müller

Kosten:
Fr. 180.- (inkl. Kaffee, exkl. Mittagessen) (SAV-Mitglieder)
Fr. 190.- (inkl. Kaffee, exkl. Mittagessen) (Nicht-SAV-Mitglieder)
Bezahlung vor Ort

Anmeldung:
martin.mueller@philologia.ch
maximal 20 Teilnehmer/innen

Anmeldeschluss: 31. Oktober 2013

Martin Müller

European Culture Center Delphi 21.Juli-1.August 2013

Gruppe
Organisatoren

Einige waren schon unzählige Male in Griechenland, für einzelne war es der erste Besuch, einige kamen schon früher, andere blieben noch länger. Gemeinsam verbrachten wir zehn Tage im European Culture Center in Delphi. Wir - das waren drei Generationen von Griechischlehrkräften an Schweizer Gymnasien aus allen drei Sprachregionen. Als Organisatoren von Schweizer Seite zeichneten Prof. Anton Bierl, Universität Basel, Prof. David Bouvier, Université de Lausanne, und Lucius Hartman, der Präsident des Schweizerischen Altphilologenverbandes. Weitere Referenten stammten aus der Schweiz, Prof. Laura Gemelli, Universität Zürich, und Prof. Karl Reber, Universität Lausanne, Direktor der Schweizerischen Archäologischen Schule in Athen und Grabungsleiter in Eretria. Ein weiteres Dutzend Referentinnen und Referenten kamen aus vielen Universitäten Griechenlands von Thessaloniki bis Kreta.

Am Sappho-Gedicht 'Er scheint mir den Göttern zu gleichen, jener der dir gegenübersitzt' ... ("φαίνεταί μοι κῆνος ἴσος θέοισιν..." versuchten sich seit Catull im ersten Jh. v. Chr. sehr viele Dichter und Denker mit einer eigenen Übersetzung. Eine Sammlung von 100 mehr oder weniger gelungenen französischen Übersetzungen wurde uns von Prof. David Bouvier, Université de Lausanne, vorgelegt. Sie wurde von den Teilnehmenden ergänzt um deutsche und neugriechische Übersetzungen. Nur schon die scheinbar einfache Analyse, wer - Mann oder Frau - denn der Verehrten gegenübersitzt und wer - ein Mann oder eine Frau - dies beobachtet, hat schon zu einer breiten Diskussion geführt. Und welches Verhältnis haben die drei Personen zum Autor oder zur Autorin? Der Gott Dionysos tauchte nicht nur in Form seiner Beinamen und Funktionen im Vortrag von Prof. Anton Bierl, Universität Basel, auf, sondern auch in den modernen Theateraufführungen von Euripides' Bakchen und Aristophanes' Plutos, die auf Neugriechisch im nachgebauten antiken Theater unmittelbar neben dem Culture Center aufgeführt wurden.

Auf den Boden der Realität führte uns die Diskussion über den Unterricht von Altgriechisch an Schweizer Gymnasien und in den Schulen in Griechenland. Wir alle - in der Schweiz oder in Griechenland Tätige - können uns nicht vorstellen, wie man wissentlich und bewusst auf diese tief in uns drin sitzende Kultur verzichten möchte - doch der personifizierte 'Reichtum' im Theaterstück hat uns die tiefgreifende Wirkung von Gier und einseitiger finanzieller Betrachtungsweise gezeigt. Immer wieder tauchte nach einem Vortrag die Frage auf, wie und wo diese Erkenntnisse ihren Platz im Griechischunterricht in der Schweiz haben könnten. Doch der unmittelbare Nutzen trat zurück hinter das Erlebnis, einmal wieder im Kreis von Interessierten zu sein und sich nicht rechtfertigen zu müssen für die Begeisterung für das nur scheinbar Ferne.

Die zurückhaltende griechische Freundlichkeit zeigte sich während der ganzen Dauer des Aufenthalts. Erschreckend war einzig, dass trotz schönstem Wetter und grosser Gastfreundschaft kaum Touristen den Weg nach Griechenland gefunden hatten.

Die Sehnsucht nach dem antiken Griechenland auch in seiner modernen Form wurde durch diese Weiterbildung nicht gestillt, sondern angefacht - ob das auch eines der Ziele der Einladung durch das European Culture Center war?

Die Legende dieser 10-tägigen Weiterbildung wurde in den Kreisen der Schweizer Altphilologen in den vergangenen Wochen weitergesponnen. Ob wir - die Teilnehmenden - und ihr, die ihr diese Chance verpasst habt, sie nochmals oder je wiederbekommen werdet?

Gisela Meyer Stüssi
 

Euroclassica

Conférence annuelle et Assemblée générale d'Euroclassica: Europatria
Lisbonne, 30 août - 1er septembre 2013

Une nouvelle fois le Portugal s'était offert pour accueillir la Conférence et l'Assemblée générale d'Euroclassica. En effet, onze ans après Coimbra, les délégués et autres participants se sont retrouvés à Lisbonne pour le dernier weekend avant la rentrée européenne. Et c'est à la Faculté des sciences sociales et humaines de l'Universidade Nova - ouverte, ainsi que le restaurant universitaire, uniquement pour nous - qu'ont eu lieu conférences ateliers et assemblée.

À tout seigneur tout honneur, c'est au très respecté professeur émérite Rosado Fernandes qu'il appartenait d'ouvrir les feux et de discourir librement sur Humanisme et technologie : la survie de l'humanité. La crise et le chômage n'étaient pas absents de ses propos, comme deux preuves tangibles de l'emprise de la technologie et de l'automatisation sur l'existence des hommes qui, malgré tout, ne sauraient plus s'en passer... Restent alors l'instruction, la connaissance et la relecture des auteurs anciens et modernes. Le professeur s'était ainsi chargé d'une bonne douzaine de volumes capitaux qui l'ont accompagné - et ça se voyait - tout au long de sa vie et de sa carrière : la poésie de Camoens, la Divine comédie, le Capital, ... Inutile de dire qu'il a fallu l'interrompre !

Puis il a été question de gastronomie romaine, de théâtre antique avec un rappel de la carrière déjà longue de la troupe Thyasos qui, régulièrement, monte et représente à travers le pays des pièces anciennes sur une traduction originale établie pour l'occasion. Une conférence sur les motifs classiques dans l'opéra baroque, tenue, elle, dans une salle du Palácio Foz qui s'y prêtait à merveille a failli tourner à l'émeute. L'événement qui se doublait d'un récital d'airs d'opéra avait été annoncé publiquement et bien des auditeurs externes à Euroclassica venus que pour la musique ne se sont pas privés de le faire savoir de façon tonitruante, avant de s'en aller bruyamment ! Après leur départ, l'exposé s'est terminé et le récital a eu lieu dans le calme : il le méritait bien !

Sur le plan pédagogique, une équipe de jeunes professeurs du Colégio São Tomás', une institution privée, s'est lancée dans l'établissement d'un cours de latin et culture ancienne obligatoire à l'intention des élèves de la 5e à la 9e année de scolarité obligatoire. Au Portugal, quand le latin est enseigné, il l'est seulement au niveau secondaire II et uniquement en section littéraire de certains collèges dont le programme est strictement règlementé par le Ministère. L'enseignement privé jouit d'une plus grande liberté qu'ont mise à profit direction et enseignants du Colégio São Tomás'. Il a fallu vaincre des réticences chez les parents et chez certains élèves astreints à deux heures supplémentaires hebdomadaires. Il a fallu établir le matériel, car rien ne correspondait entièrement à l'âge des élèves, ni aux buts linguistiques et culturels que s'était fixés l'équipe des enseignants. Après quelques tâtonnements et une bonne dose d'expérience acquise sur le terrain, le cours est sur les rails ; il plaît aux élèves et donne satisfaction aux adultes. Pourquoi donc, chez nous, cherche-t-on systématiquement à repousser les débuts de l'apprentissage des langues anciennes ? La Conférence portait le titre d'Europatria en l'honneur du volume du même nom paru à cette occasion - il s'agit de l'ensemble des contributions apportées par dix-sept des associations membres d'Euroclassica - coordonné par Francisco de Oliveira, professeur à l'Université de Coimbra et ancien président d'Euroclassica. Le dernier volet des activités académiques s'articulait donc naturellement autour d'Europatria, comme reflet de l'identité, mais aussi de la diversité européenne : malgré nos différences - nombreuses - nous nous retrouvons à la croisée des langues et civilisations classiques. Un court exposé et deux ateliers tournaient autour de cette notion d'Europatria. On y a entendu entre autres des rapports différenciés sur la situation des langues anciennes, les uns malheureusement beaucoup plus pessimistes que d'autres...

L'Assemblée générale s'est bien déroulée. A. Reitermayer (A) a eu l'occasion d'exposer assez longuement l'état de son projet de Curricula pour le latin et le grec, initié il y a dix ans. Au niveau d'Euroclassica, il s'agit pour l'instant du premier niveau d'apprentissage tant du latin que du grec, intitulé Vestibulum, qui fait l'objet de tests (ELEX et EGEX) passés dans le cadre de la Journée européenne des langues du Conseil de l'Europe. Un certain nombre de classes à travers l'Europe s'y adonne pour le plaisir et pour tenter de recevoir un certificat de participation (www.eccl-online.eu). Il s'agit ensuite, à un autre niveau des institutions, d'un projet plus ambitieux qui devrait se rattacher aux curricula pour les langues auxquels travaillent des instances dépendant, elles, de la Commission européenne, l'European Common Framework for Classical Languages ...

Christine Haller

Academia Homerica, 12-22 juillet 2013

La 16e Academia Homerica à Athènes et à Chios, établie Maria-Eleftheria Giatrakou continue de rencontrer un grand succès. L'édition 2013 a vu l'inscription de 11 étudiant-e-s à la session de traduction d'Homère, venant de Suisse, d'Espagne, d'Angleterre, de Norvège et des Etats-Unis.

Puisque le Prof. John Thorley - qui a dirigé presque indéfectiblement la session consacrée à Homère ces dernières années - ne pouvait pas être présent, j'ai assumé la lecture d'Homère et choisi des extraits du premier chant de l'Iliade.

L'anglais traditionnellement langue de traduction commune lors des dernières sessions été remplacé cette année par un multilinguisme, à savoir l'allemand, l'espagnol et l'anglais au troisième rang. Difficulté qui s'est transformée en opportunité magnifique pour l'élaboration des nuances du texte original.

Malgré les grèves et la crise, l'accueil à Athènes et à Chios s'est montré aussi chaleureux que lors des années précédentes. Certains des locaux habituels étant partiellement occupés, la solidarité entre Chiotes s'est manifestée et nos séminaires ont pu avoir lieu dans la bibliothèque de la Fondation Maria Tsakos pour la recherche maritime, un bijou architectural garantissant une ambiance idéale pour l'étude.

L'expérience de la cuisine locale et traditionnelle offerte par les Chiotes et les monastères n'a pas manqué, comme toujours, de satisfaire et d'étonner les participants.

Les excursions sur les sites archéologiques, dans les musées et à l'île d'Oinoussai ont permis aux participants des diverses sessions (conférences " Homer in the world ", cours intensifs de grec moderne et traduction) de se connaître et ont créé une atmosphère informelle, agréable et propice aux échanges d'idées.

Lors de la cérémonie de clôture, la lecture d'Homère en chœur et la présentation des traductions dans la langue de prédilection des étudiants a ravi le public.

Astrid Eitel
 

Rezensionen

Wiebke Düsendau und Ximox, Nicht lustig, in Latinum vertit Michaelis (sic!) Alfonsius (sic!) Schelenzius (vulgo: Michael Schelenz) nomine Non lascivus, Augustae Vindelicorum (Augsburg) anno non indicato, ISBN 978-3-551-68415-8

Libellus, cui titulus Non lascivus, non fabulas neque carmina continet, sed minimas fabellas imaginibus iocosis exornatas. Ioci, qui insunt, plerumque ad res non satis hilares pertinent, sed ad res plus minusve abstrusas horrendasque. E.g. magister altera manu spoliatus e discipulis quaerit, quisnam sibi manum abstraxerit. Discipuli omnes bracchiis levatis se sceleris auctores fuisse autumant. Inter quos crocodilus sedet, qui non suum bracchium porrigit, sed magistri bracchium abscisum.
Alia fabella de medico quodam agit, qui aegroto se collegam arcessivisse dicit verbis his: "Hic te certissime curare poterit." Iste "collega" autem nemo nisi mors est, qui subridens murmurat: "Non verus medicus sum."
Alius medicus viro per errorem medicamen, quod serpentino veneno obest, dedit non morso. Qui ad serpentem iuxta versantem vociferat: "Morde me! Morde me!" Ad quae serpens: "Dic 'quaeso'!"
Talium plenus est libellus fabellarum neque fieri potest, quin legentes interdum non subrideant vel immo risu capiantur.
Attamen Latinitas, ut veste classica induta esse videtur, saepe maculis erroribusque abundat. Iam libelli titulus haud recte in linguam Latinam versus est, cum sit dicendum Non lascivum sive Non lasciva pro Non lascivus, quia non agitur de homine quodam non lascivo, sed de rebus non lascivis. Etiam nomen suum auctor non bene latinizavit: Michael enim est nomen Hebraicum, cuius forma genitivi est Michaelis. Ceterum pro Alfonsio rectius Alfonsus dicitur.
In pagina 12a ego vedo pro ego video invenitur.
In pagina 19a mors medico dicit: "Sentio me esse quaestio medicina non absoluta." Cum hic accusativus cum infinitivo adhibeatur, etiam praedicativum mutandum est in accusativi formam ita, ut dici oporteat: "Sentio me esse quaestionem medicina non absolutam."
In pagina 32a legi potest forma falsa narravitis pro narravistis.
In pagina 35a legitur: "Te euntem ibi ad dextram, tum pergentem ad sinistram et tum circum angulum, iam poteris videre latrinam." Accusativus hoc in loco non aptus est, quia participium praesentis pertinet ad subiectum. Ergo dicendum est: "Iens ibi ad dextram, tum pergens ad sinistram ... iam poteris videre latrinam."
His autem neglectis libellus, qui se non lascivum esse autumat, animos ridentes vel subridentes reddere poterit eorum, qui tales iocos interdum abstrusos non horreant.
Ut exemplum videre possint lectrices lectoresque VOCIS LATINAE, hic adiungam fabellam quandam e Non lascivus depromptam:

Martin Meier

Richard Hobbs, Ralph Jackson, Das Römische Britannien, Darmstadt (WBG) 2011, 160 S., CHF 39.90, ISBN 978-3-534-24596-3

Die englische Originalausgabe dieses Buchs ist von zwei Kuratoren am British Museum in London verfasst worden und wurde auch in der British Museum Press herausgegeben. Somit kann es nicht um eine umfassende Darstellung der archäologischen Funde aus dem römischen Britannien gehen, sondern der Fokus liegt darauf, die "unvergleichliche Sammlung des British Museum" (Zitat) präsentieren zu können. Es handelt sich also, salopp gesagt, um einen besseren Ausstellungskatalog.

Dies schmälert jedoch nicht den Wert des Bandes. In informativen Textteilen wird die Geschichte des römischen Britanniens erläutert, wobei nebst der eigentlichen Zeit der römischen Besatzung auch die vor- und nachrömische Zeit berücksichtigt werden. Schwerpunkte liegen ferner auf dem Soldatenleben, Sprache und Bildung, Leben in der Stadt und auf dem Land, (Kunst-)Handwerk, Druiden und Götter usw. Zu jedem Thema werden passende Beispiele von archäologischen Funden gezeigt und erklärt. Das Bildmaterial ist ausgezeichnet fotografiert und kann beispielsweise auch ideal zur Illustration von Unterrichtsthemen verwendet werden.

Damit kommen wir aber zu einem grossen Mängel des Buchs: viele Objekte weisen auch Inschriften auf; leider werden diese grösstenteils nicht transkribiert und erklärt, sondern es werden nur grobe Inhaltsangaben gemacht, wenn überhaupt. Natürlich ist es spannend, die Inschriften selber zu entziffern, aber nicht immer ermöglichen es die Reproduktionen, die Inschriften hinreichend genau zu erkennen. Ausserdem ist nicht jeder Leser vertraut mit den Eigenarten des inschriftlichen Lateins, zum Beispiel den Abkürzungen, oder auch mit den bei den Römern üblichen Handschriften, die von der "Druckschrift" doch erheblich abweichen. Deshalb wird für die meisten Leser der Textausschnitt aus dem Brief einer Claudia Severa (eine der ältesten erhaltenen Handschriften einer Frau in lateinischer Sprache) unzugänglich bleiben - schade!

Aber wahrscheinlich liegt dies vor allem daran, dass die lateinische Sprache bzw. Literatur als solche nun einmal nicht das Metier der beiden Autoren ist. Auch an gelegentlichen inhaltlichen Fehlern zeigt sich dies. So kommentieren die Autoren etwa auf S. 78 ein Fussbodenmosaik in der Lullingstone Villa, welches angeblich ein Beispiel für eine Inschrift mit einem Vergiltext sei: "Eine Szene, in der Jupiter Europa entführt, ist von einem beziehungsreichen Vers in Latein eingerahmt in der Absicht, an diese in der Aeneis beschriebene Episode zu erinnern." Es handelt sich wohlgemerkt nicht um einen Vers, sondern um ein Distichon (was dem Kenner allein schon reicht, um zu erkennen, dass es eben kein Beispiel für einen Vergiltext sein kann). Ausserdem haben die Autoren wohl mangels eigener Kenntnis der Aeneis die Erklärungen zu dem Mosaik aus einer anderen Quelle missverstanden: in der Aeneis kommt der Raub der Europa nicht vor, vielmehr wird in dem Distichon auf eine andere Episode, nämlich den Besuch Junos bei Aeolus, angespielt und somit eine gedankliche Verknüpfung dieser Episode mit dem Europa-Mythos hergestellt.

Beat Hüppin

Wolfram Hoepfner, Halikarnassos und das Maussolleion - Die moderne Stadtanlage und der als Weltwunder gefeierte Grabtempel des karischen Königs Maussollos, Verlag Philipp von Zabern, April 2013, CHF 40.10, ISBN 978-3-8053-4609-2

Gräzisten belächeln ab und zu die Römer und stellen herablassend griechische Qualität römischer Quantität gegenüber. Dabei vergessen sie geflissentlich, dass die Römer den Hang zum Monströsen aus der Zeit des Hellenismus erbten. Solche Vorliebe, zweifellos von Aegypten angeregt, entwickelte sich nämlich in nachklassischer Zeit vor allem ab der Mitte des 4. Jahrhunderts. Bahnbrechend wirkte das 350 v. Chr. fertiggestellte "Mausoleum" von Halikarnassos, mit dem der karische Kleinkönig Maussollos mit übergrossen Statuen seine Aufnahme in die Reihe der olympischen Götter der ganzen Welt zur Schau stellte. Dieses prägende Monument steht im Mittelpunkt der neuesten Publikation Wolfram Hoepfners, der am Institut für Klassische Archäologie der Freien Universität Berlin antike Architektur und Städtebau lehrt. Er veröffentlichte bereits eine Monographie über den Koloss von Rhodos, einem weiteren Zeugen des grössewahnsinnigen Zeitgeistes (Zabern 2003). Kolosse - so nannte man Statuen mit mehr als doppelter Lebensgrösse - gab es damals offensichtlich so häufig, dass Plinius ihnen sogar ein eigenes Kapitel widmete (nat. hist. 34,41).

"Quid ad me Hecuba?", mag vielleicht fragen, wer an einem Gymnasium unterrichtet. Ihm ist entgegenzuhalten, dass Wolfram Hoepfner über das sorgfältig angeführte Détail hinaus das Maussolleion und Halikarnassos in einen grossen geschichtlichen, kunsthistorischen und architektonischen Zusammenhang zu stellen vermag. Dazu gehören ebenso die Siedlungsgeschichte und Hintergründe der Karer, eine Biogra-phie des Herrschers Maussollos sowie allgemeine geographische und architektoni-sche Informationen zu seiner berühmten Grabstätte. Wer Griechenland und Klein-asien mit offenen Augen bereist, wird Freude haben an den reichen Querbezügen, die Hoepfner mit Karten, Plänen und Photographien leserfreundlich belegt.

Maussollos schuf zudem nicht nur den Typus des Grabtempels, mit dem er sich als Städtegründer, Heros und Gott verehren liess, er nahm auch den Typus hellenisti-scher Residenzstädte vorweg. Nach dem Vorbild des Tyrannen Dionysios I. von Syrakus erbaute er mit dem neuen Halikarnassos eine glanzvolle Grossstadt, die sogar das rund 50 Jahre zuvor gegründete neue Rhodos übertreffen sollte. Daher ist auch der erste Teil des Buches, wo Hoepfner die damals modernste griechisch-hippoda-mische Stadtanlage bespricht, von allgemeinem Interesse. Erstmals bezieht er dabei den Königshafen und das Königsviertel mit ein, die der römische Bauhistoriker Vitruv ungewöhnlich genau beschreibt, und stellt nebenbei mit überzeugenden Argumenten Vitruv auf den Kopf.

Die sogenannten sieben Weltwunder, unter denen der Grabbau des Maussollos zum festen Bestand gehört, sind immer wieder Gegenstand des Unterrichts. Hoepfner schafft dank eines neuen, mitten in Mylasa, der modernen Stadt Milas, entdeckten Grabbaus mit entwaffnender Logik und gut nachvollziehbarer Genauigkeit eine neue Rekonstruktion des Maussolleions, das uns bisher am ehesten vom Modell Fritz Krischens her bekannt war. Das sorgfältig verfasste Buch mit Quellentexten inklusive Übersetzung und ausführlichen Anmerkungen im Anhang ist ein Gewinn für Laien (Philologen) und Fachleute.

Bruno Colpi

Otto-Hubert Kost, Narziss. Anfragen zur Herkunft und zu den Gestaltungen seines Mythos, Heimbach/Eifel (Patrimonium-Verlag) 2012, 598 S., CHF 47.90, ISBN 978-3-86417-010-2

Die zentrale These dieses Bandes ist die Herkunft des Narziss-Mythos aus der phönizischen Kosmogonie des Sanchunjaton von Beirut (in der griechischen Version von Philo von Byblos überliefert beim Bischof Euseb von Caesarea). Eins vorweg: durch den starken Einbezug der Altorientalistik ist dieser Kost für einen blossen Latinisten und Gelegenheitsgräzisten wie den Rezensenten nicht ganz leicht verdauliche Kost (Verzeihung für das Wortspiel), aber auf jeden Fall spannend. Und wenn einen Forscher die Entdeckung eines solchen Zusammenhangs derart beflügelt und begeistert, dass er diesen über vierzig Jahre lang so intensiv weiter erforscht und dass er schliesslich noch im vorgerückten Alter (Jahrgang 1929!) alle verbliebenen Kräfte bündelt, um die Buchveröffentlichung seiner gesammelten Erkenntnisse fertigzustellen, obgleich er schon seit 1999 zunehmend erkrankt und seit 2008 zum Pflegefall rund um die Uhr geworden ist, verdient dieses allein schon höchsten Respekt.

Ein winziger Wermutstropfen ist es, dass den Verantwortlichen in der Wiedergabe gerade dieses einen Textes, der Kost über vierzig Jahre immer wieder von neuem zu begeistern vermochte, eben der Kosmogonie des Sanchunjaton (S. 34), ein Druckfehler unterlaufen ist, den sogar der Rezensent als Gelegenheitsgräzist auf Anhieb gefunden hat: in "Vers" 4b (die Gliederung des Textes in Doppelverse nach altorientalisch-poetischem Schema übernimmt Kost von Hölscher) steht einmal συκ statt ουκ. Ein kleines Missgeschick findet sich ferner auf S. 129: die literarische Überlieferung des Narziss-Mythos reiche vom ersten vorchristlichen Jahrhundert bis weit ins 16. Jh. v. Chr. - es sollte natürlich das 16. Jh. n. Chr. sein (so nämlich auch auf S. 396).

Es ist nicht möglich, alle Inhalte eines so komplexen Buchs in einer Rezension auf beschränktem Raum auch nur anzudeuten, geschweige denn angemessen zu würdigen. Das Wichtigste ist, dass der Text der phönizischen Kosmogonie nach Milet gelangt und dort in zweifacher Weise gewirkt haben soll: zum einen soll er sich in der Naturphilosophie der dortigen Vorsokratiker niedergeschlagen haben, am deutlichsten bei Anaximenes, für den die Luft der Anfang aller Dinge war; zum anderen soll in einem relativ kurzen Zeitraum dort auch eine Anthropomorphisierung dieser Kosmogonie entstanden sein, eben der Narziss-Mythos. Scheint diese Idee zunächst vielleicht etwas weit hergeholt, wenn man nur an den ovidischen Narziss denkt und damit den Text von Sanchunjaton vergleicht, so wird es doch immer spannender und klarer, je tiefer Kost in die Materie eindringt und diese - oft mit Hilfe von sprachlichen Zusammenhängen aus dem Semitischen (auch wenn wir nur die griechische Übersetzung der phönizischen Kosmogonie besitzen, ist doch ihr semitischer Charakter selbst in der Übersetzung noch erkennbar) - erläutert.

Im Kreise der Gestaltungen des Narziss-Mythos nimmt die ovidische Fassung natürlich einen besonderen Platz ein. Seine Version der Geschichte im Rahmen der Metamorphosen hat die Tradition dermassen geprägt, dass schon im Altertum weitere Nacherzählungen sich immer auf Ovid stützten, niemals aber auf Pausanias oder andere Fassungen. Problematisch ist auch für Kost die Frage, ob man den ovidischen Text immer noch als Anthropomorphisierung der phönizischen Kosmogonie lesen kann.

Ab S. 405 folgt ein ausführliches Verzeichnis der Quellen bis ins 18. Jahrhundert, wo der Narziss-Mythos (einschliesslich die Blume Narzisse) erwähnt wird, mit genauer Angabe der Fundstellen, verfügbaren Übersetzungen und Artikeln aus RE, Kroh und Tusculum-Literaturlexikon usw., eine ungeheure Fleissarbeit; ab S. 520 schliesslich noch das ebenfalls äusserst umfangreiche Literaturverzeichnis. Demgegenüber ist das "kurze Register" am Ende des Buches wirklich sehr kurz geraten.

Beat Hüppin

Stephan Elbern, Rom - eine Biographie. Menschen und Schicksale von Romulus bis Mussolini, Mainz am Rhein (Nünnerich-Asmus Verlag) 2013, 200 S., 10 Abb., CHF 28.50, ISBN 978-3-943904-04-8

Literatur über die Stadt Rom gibt es bekanntlich im Uebermass. Die Erfahrung, in jedem neu angekündigten Reisehandbuch oder Kulturführer doch immer wieder die gleichen Informationen, Klischees und Geschichten vorzufinden, hat wohl jeder Rom-Liebhaber schon gemacht. Und trotzdem bevorzugen wir hin und wieder eine hübsch aufgemachte Neupublikation, wenn wir - z.B. bei der Vorbereitung auf eine Rom-Exkursion - unseren Kenntnisstand auffrischen möchten, weil wir feststellen, wie vieles wir doch unterdessen vergessen haben und wie lückenhaft und bloss stichwortartig unsere Reisenotizen vom letzten Mal sind. Zu diesem Zwecke - das sei vorweggenommen - ist das Buch von Stephan Elbern durchaus zu empfehlen.

Der Aufbau des Buches folgt einem einfachen Konzept: Aus 84 (!) Kurzbiographien soll sich eine Biographie der Stadt Rom ergeben. Dabei fallen mehr als die Hälfte der "knappen, aber prägnanten Lebensbilder" (so Elbern in der Einleitung, S. 12) auf die römische Antike (genau sind es 50), unterteilt in folgende Kapitel: Dichtung und Wahrheit - die Anfänge der Tiberstadt (753-295 v.Chr.), Aufstieg zur Weltmacht (295-133 v.Chr.), Das Jahrhundert der Bürgerkriege (133-30 v.Chr.), Die Kaiserzeit (30 v.Chr. - 284 n.Chr.), Die Spätantike (284-565 n.Chr.). Der mit der Materie Vertraute erkennt die traditionelle Epochengliederung der römischen Geschichte (einzig 565 n.Chr., also der Tod Justinians, als Epochenmarke irritiert in einer Rom-Biographie!) und stellt beim Lesen dankbar fest, dass Elbern des öftern um eine kontinuierliche Darstellung der Stadt- und Reichsgeschichte über die einzelnen Viten hinweg bemüht ist. Ein weniger belasteter Leser (etwa aus unserer Schülerschaft) erhält so auch Einblicke in strukturgeschichtliche Entwicklungen wie die Agrar- und Heeresreformen der Republikszeit. Elbern bringt solche Entwicklungen und Epochencharakteristika immer wieder treffend auf den Punkt und überzeugt zudem durch einen flüssigen und prägnanten Schreibstil.

Zur Auswahl der Viten Folgendes: Wir finden etwa im Kapitel zur Kaiserzeit nicht nur eine Auswahl an Herrscherfiguren von Augustus bis Aurelian, sondern auch die Dichter Vergil, Horaz und Ovid, die Prosaschriftstelller Livius, Seneca und Tacitus (Livius ging im Inhaltsverzeichnis leider vergessen, wohl aufgrund des layouttechnischen Fehlers S. 73), "die Apostelfürsten" Petrus und Paulus (eine von mehreren Doppelbiographien) sowie die Architekten Rabirius und Apollodorus von Damaskus. In Mittelalter (16 Viten) und Renaissance (11) dominieren naturgemäss die Päpste, aber auch hier treffen wir auf nicht ganz so allgemein bekannte Namen wie Andal˜ Brancaleone, Pollaiuolo oder Vignola. Jede Persönlichkeit erhält übrigens im Titel eine Kürzestcharakterisierung, z.B.: Eine schlichte Mauer: Leo IV., Steinerne Wegmarken: Domenico Fontana, Im Zeichen der fasces: Mussolini, usw.

Dass schliesslich das Kapitel über das Barockzeitalter nur gerade mit Bernini und Borromini, die Zeit ab 1789 nur noch mit fünf Viten bestückt ist, mag man bedauern. Der letzte in der Reihe ist übrigens nicht - wie der Untertitel suggeriert - Mussolini, sondern Papst Pius XII. Und an den Anfang stellt Elbern auch nicht Romulus, sondern Aeneas! Am Rande erwähnt sei, dass Cicero nicht "als Quaestor ... dem Statthalter Siziliens, C. Verres, beigegeben" wurde (S. 42; Cicero war dort 75/74 v.Chr. Quaestor, Verres Statthalter in den Jahren 73-71 v.Chr.).

Etwas aufgesetzt wirkt, dass Elbern am Ende jedes Kapitels einen kurzen Epilog zur Kunst der jeweiligen Epoche hinzufügt. Gleichzeitig Vitensammlung, kohärente Stadtgeschichte und auch noch Reiseführer zu einzelnen Objekten zu sein, wäre dann doch ein zu umfassender Anspruch an das 200-seitige Büchlein. Der Verlag kündigt es "als unterhaltsames Sachbuch" an, das "zum Blättern und Schmökern" einlade. Dem kann man zustimmen, sollte aber beifügen: auch eine eingehende Lektüre lohnt sich - sowohl für 'Neulinge' in der Rom-Literatur als auch für Erfahrene, die sich nicht scheuen, wieder einmal alten Wein in neuen Schläuchen zu geniessen.

Thomas Schär

EUROPATRIA, sous la coordination de Francisco de Oliveira, Imprensa da Universidade de Coimbra 2013, 538 p.

Paru après plusieurs années de gestation, le volume Europatria se présente comme une anthologie de textes latins couvrant toute la latinité, de l'antiquité à nos jours. Il est constitué de 17 chapitres indépendants les uns des autres, chacun d'entre eux relevant de la responsabilité d'un rédacteur - ou d'une équipe de rédacteurs - issu d'une association nationale de professeurs de langues anciennes membre d'Euroclassica. Ce sont ainsi 17 pays, appartenant ou non à l'UE, qui ont livré leur contribution au coordinateur et initiateur du projet, Francisco de Oliveira, professeur à l'Université de Coimbra et ancien président d'Euroclassica. Même si cela aurait dû être le cas, on ne retrouvera pas de schéma fixe d'un chapitre à l'autre, car la majorité des auteurs a préféré suivre sa propre inspiration dans le choix des textes et des sujets... Il n'empêche, c'est une somme colossale de témoignages, représentant des mois de recherches et de réflexion, que renferme Europatria : une histoire - événementielle et non-événementielle, voire philosophique - abrégée, discontinue et transfrontalière de l'Europe, une mosaïque qui reflète à la fois nos identité et diversité partagées, qu'il vaut la peine de découvrir par curiosité ou/et par intérêt. Le volume n'est pas mis en vente, mais en ligne, et est ainsi disponible depuis n'importe quel ordinateur connecté, à l'adresse des Classica Digitalia Vniversitatis Conimbrigensis : http://classicadigitalia.uc.pt.

Christine Haller

Götter und Menschen im Trojanischen Krieg. Die 24 Bücher von Homers Ilias nach den Urtexten neu ins Deutsche übertragen von Ludwig Bernays, Dozwil (Edition Signathur) 2013, 666 S., ISBN 978-3-908141-90-7

Nur drei Jahre nach seinem als "Nachdichtung" der Odyssee charakterisierten Text (vgl. Bulletin Nr. 77, 39f.) legt Bernays eine nach den gleichen Grundsätzen gearbeitete Übertragung der Ilias vor. Geführt ist der Übersetzer wie vor drei Jahren vom Verlangen "einen möglichst leserfreundlichen, von Archaismen und gespreizter Feierlichkeit freien Text in heutigem Deutsch zu bieten (9). Tragendes Element der Gliederung der Texte ist für Bernays die Tatsache, dass "Homer selber (oder wer immer die unter seinem Namen bekannten Texte verfasste" ...)" ganz offensichtlich ein ausgesprochener Zahlenmensch" war (7f.). Mit dieser Überzeugung, die Karl Lachmann bereits erkannt habe, bleibt der Verfasser sich treu, hat er doch in mehreren Publikationen (vgl. die Auswahlbibliographie S. 665f.) die Gliederung von Texten zum Ziel seiner Forschungen gemacht. Um mit einem Beispiel die sehr häufigen Anmerkungen, die den "Zahlenmensch" aufweisen, zu illustrieren: Zu Il 24,781 wird gesagt, dieser Vers grenze den Schlusstext von 23 Versen ab (also Il 24,82-804); diesem Text gehen 34x23 Verse (= 782) voran, wobei der in den Handschriften fehlende, aber überlieferte Vers 205a in den Text aufgenommen wird (205 "dir haben wahrlich ein Herz wie Eisen 205a die unsterblichen Götter verliehen, die Himmelsbewohner", Handschriften haben jedoch nur 205 "von Einsen muss dir das Herz sein"). Mir ist allerdings oft nicht klar, ob nach der Überzeugung des Übersetzers diesen vielen Zahlen und Zahlenverhältnisse auch eine inhaltliche Gliederung entspricht. Zudem müsse gelegentlich angenommen werden, dass ein Vers ausgefallen ist, der zur Symmetrie nötig wäre ("wenn mit einem im Zentraltext verloren gegangenen Vers gerechnet wird", S. 188). Seine Grundüberzeugung, "dass die homerischen Epen gründlich durchdachte, wie Werke der Architektur exakt geplante und berechnete Kunstgebilde sind " (7, ist heute weitgehend anerkannt und auch durch viele andere Gestaltungselemente ausgewiesen (vgl. z. B. Thomas A. Schmitz, Homerische Poetik, in: A. Rengakos u. B. Zimmermann (Hrsg.), Homerhandbuch, Stuttgart 2001, 64-78). Wertvoll sind die Anmerkung zu Namen, die nicht jedem geläufig sind, kurze Erläuterungen zur Bedeutung einer Aussage (zu Il 7,305: Aias gibt Hektor den Leibgurt, weil er der Sieger ist, sodass sie nach dem Zweikampf "als Freunde" auseinandergehen) und zu gewissen Übersetzungen (dass Il 10,116, 117, 121 mühen, bemühen, bemühen durch das dreimalige pone/esqai bedingt ist).

Das Hauptgewicht des Buches aber liegt selbstverständlich auf der Übersetzung, die er bewusst als "Nachdichtung", frei von "gespreizter Feierlichkeit". verstanden wissen will. Eine Kostprobe zeigt, dass das Versprechen eingelöst wird: Il.24,673-676 in zwei Übersetzungen:
Schadewaldt: "Diese nun legten sich im Vorhaus des Hauses dort zur Ruhe, / der Herold und Priamos, die kluge Gedanken im Sinn hatten. / Aber Achilleus schlief im Inneren der gutgezimmerten Hütte, / und bei ihm lag Briseis, die schönwangige."
Bernays: "Nun aber legten im Vorsaal die beiden sich nieder zum Schlafen, / Priamos und sein treuer Begleiter, zufriednen Gemütes, / während Achilleus in einer Ecke des Hauptzeltes ruhte. / Neben ihm lag Briseis, die Schöne mit rosigen Wangen.

Die neue Übersetzung ist prosaischer (Begleiter statt Herold, in einer Ecke des Hauptzeltes statt im Innern der gutgezimmerten Hütte), alltäglicher (die Schöne mit rosigen Wangen nicht die schönwangige), und doch von hexametrischem Fluss geprägt. Dass es eine Nachdichtung ist, zeigt sich gut in der Wendung "zufriednen Gemütes" (V. 674), das hier eine bestimmte Stimmung evozieren will. In Vers 282, der griechisch genau gleicht lautet wie Vers 674 und von Schadewaldt gleich übersetzt wird ("der Herold und Priamos, die kluge Gedanken im Sinn hatten"), setzt Bernays einfach "Diese (Pferde) spannte nun Priamos ein im Hof des Palastes; ihm war dabei sein treu ergebener Diener behilflich"; die Formel πυκινὰ φρεσὶ μήδε' ἔχοντες, braucht es beim Anspannen von Pferden nicht!

Die Leistungskraft, die Ludwig Bernays in seinen beiden homerischen Werken aufweist, ist erstaunlich; es die Frucht des 89jährigen, den man gebührend mit dem heiteren Vers zeichnet: "Beatus ille, qui procul negotiis ...

Alois Kurmann
Binding Stiftung
Update: 12.2.2014
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