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Bulletin 78/2011

Inhalt

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Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser
Vielleicht bedauert es ja jemand noch immer, dass er oder sie nicht an der Tagung Elemente vom vergangenen März teilgenommen hat. Oder ein Teilnehmer möchte noch einmal in aller Ruhe den Beitrag von Prof. Dr. Bruno Binggeli lesen. Dann empfehle ich, einfach gleich weiter den Leitartikel dieses Bulletins sich zu Gemüte zu führen!

Ausserdem berichten wir von einem neuen Kurs Basis Antike an der Universität Bern.

Aufmerksam machen möchte ich auch auf die Einladung zur GV vom Freitag, 25. November 2011, 15.45 Uhr am Gymnase français. Frau Prof. Dr. G. Huber-Rebenich (Universität Bern) wird zum Thema Ovids Metamorphosen in illustrierten Drucken des 15. und 16. Jahrhunderts einen Vortrag halten. Weitere Angaben zum Apéro und zum Abendessen sind der Einladung zu entnehmen! Wir freuen uns auf eine rege Teilnahme!

Petra Haldemann
 

Thematischer Artikel

Quarks, Quasare, Quintessenz - Antike Reminiszenzen im Weltbild der modernen Physik und Kosmologie

Leicht gekürzte Fassung eines Vortrags gehalten an der interdisziplinären Tagung des Schweiz. Altphilologenverbands: "Elemente - Elementa - Stoicheia", Zürich, 17. März 2011

1. Einleitung

Es ist eine weit verbreitete Ansicht, dass die heutige Teilchenphysik im griechischen Atomismus einen Vorläufer hat. Diese Ansicht ist nicht falsch, aber sie ist einseitig und beschränkt. Es gibt viele weitere Parallelen zwischen ganz verschiedenen Konzepten griechischen Denkens und solchen der modernen Physik, gerade auch im Bereich der Kosmologie, wo dies weniger bekannt ist. Diese Parallelen sollen hier in einer groben Panoramaskizze ausgebreitet werden. Manches findet sich schon in der Literatur (siehe Anhang), anderes erscheint hier vielleicht zum ersten Mal. Nie kann es im Sinn historischer Kontinuität gemeint sein. Auch wenn die neuzeitliche, klassische Physik in grossen Stücken eine blosse Wiederauflage der hellenistischen Wissenschaft ist, wie Lucio Russo meint, so ist die "moderne" Physik, durch die revolutionären Neuerungen der Quantenmechanik, Relativitätstheorie und Big Bang-Kosmologie, inhaltlich so radikal neu, dass man "antike Reminsizenzen im modernen Weltbild" nicht unbedingt erwarten würde - und doch gibt es sie. Eine mögliche Erklärung dafür hat der Quantenphysiker Fritz Bopp vor vierzig Jahren so formuliert:

"Natürlich sind die Vorstellungen der Alten weit entfernt von dem Ziel, das wir hier [in der heutigen Physik] anstreben. Doch mag die Verwandtschaft deutlich machen, dass die Mannigfaltigkeit elementarer Vorstellungen, mit denen wir Wirklichkeitsordnung in den Griff zu kriegen suchen, begrenzt ist. Der Hinweis auf die griechischen Philosophen ist darum keineswegs an den Haaren herbeigezogen, sondern nur Ausdruck dessen, dass in jener virulenten Periode der Philosophie die menschenmöglichen Vorstellungsweisen bereits durchgespielt worden sind, mit denen wir Wirklichkeitsordnung erfassen, ohne dass man damals zu entscheiden vermochte, welche von ihnen tragfähig sind."

Also: die griechischen Philosophen haben bereits den ganzen Garten des Denkmöglichen abgegrast; auch die verrückteste Idee hat irgendwann irgendwer schon gehabt. Das leuchtet ein - und trifft vielleicht doch nicht den wesentlichen Punkt. Denn: was ist das Denkmögliche? Anscheinend gibt es so etwas wie ein Urmuster des menschlichen Denkens, oder vielmehr: eine endliche Menge von urtümlichen Bildern oder Symbolen, die dem menschlichen Denken unterliegen. Der Physiker Wolfgang Pauli (ein Mitbegründer der modernen Physik) sagt zum Vorgang der Theoriebildung:

"Wenn man die vorbewusste Stufe der Begriffe analysiert, findet man immer Vorstellungen, die aus symbolischen Bildern mit im allgemeinen starkem emotionalen Gehalt bestehen. Die Vorstufe des Denkens ist ein malendes Schauen dieser inneren Bilder, deren Ursprung nicht allgemein und nicht in erster Linie auf Sinneswahrnehmungen zurückgeführt werden kann." - und anderswo: "Theorien kommen zustande durch ein vom empirischen Material inspiriertes Verstehen, welches am besten im Anschluss an Plato als das zur Deckung kommen von inneren Bildern mit äusseren Objekten und ihrem Verhalten zu deuten ist."

Pauli spielt hier natürlich auf die Archetypen C.G. Jungs an; mit diesem stand Pauli bekanntlich in einem intensiven geistigen Dialog. Die Jungschen Archetypen sind Strukturdominanten der kollektiven unbewussten Psyche, die sich in stets wiederkehrenden Vorstellungsmustern bemerkbar machen. Nach Jung und Pauli gehen alle bedeutenden naturwissenschaftlichen Ideen auf Archetypen zurück. Gerade der Atomismus sei ein gutes Beispiel dafür, weil er über Jahrhunderte hindurch, ohne echte empirische Stütze, mit grösster Beharrlichkeit am Leitgedanken, dass die Materie aus kleinsten, nicht weiter zerlegbaren Bausteinen aufgebaut sei, festgehalten habe.

Die Nähe zur Platonischen Lehre der Anamnesis ist unübersehbar: Erkenntnis ist wesentlich Erinnerung... Und so möchte ich nun im folgenden ein paar "Erinnerungen" der modernen Physik und Kosmologie vorführen - und im übrigen natürlich offen lassen, wie diese Analogien zwischen antiken und modernen Denkfiguren letztlich zu interpretieren sind.

2. Materie

Am Anfang stehen, bei Empedokles noch ganz mythisch aufgefasst, die Elemente. Die Existenz einer begrenzten Anzahl verschiedener Urstoffe (wie Wasser, Luft etc.) suggeriert auch die blosse Beobachtung der Natur. Erst die weitere Entwicklung, ins Unsichtbare, wird nach Sambursky getrieben durch zwei ganz gegensätzliche archetypische Vorstellungen, nämlich dass die Materie aus unsichtbar kleinen, ewig beständigen, unteilbaren Teilchen - Atomen - besteht, die sich im Vakuum bewegen und deren Formen und Kombinationen alle vielfältigen Eigenschaften der Materie erklären; - oder dass die Materie ins unendlich Kleine zerteilt werden kann und dabei ihre Eigenschaften beibehält, m.a.W. ein Kontinuum bildet, die Existenz eines Vakuums ausschliessend. Die Konkurrenzsituation der beiden Grundmodelle der Materie blieb die ganze Antike hindurch bestehen, am schärfsten ausformuliert unter Epikur und seinen Nachfolgern auf der einen Seite, und der Stoa auf der andern.

Der Atomismus wurde in der Neuzeit wieder aufgenommen in Form der Korpuskulartheorie (Descartes, Newton u.a.). Im Gegensatz zu den Atomen der Antike, bewegen sich die Korpuskeln allerdings nicht im Vakuum, sondern in einem feinstofflichen Aether, für den das stoische Pneuma Modell stand (Aether ist eigentlich aristotelisch, aber die beiden Konzepte Aether und Pneuma wurden bereits in der Antike miteinander vermengt; das Pneuma wurde ebenfalls als fünftes Element verstanden, nur dass es nicht wie der aristotelische Aether auf die himmlische Region beschränkt war). Die inneren Spannungen des alldurchdringenden, allbelebenden Pneumas liessen sich ganz einfach als Kräfte umdeuten. In der Neuzeit haben wir also bereits ein Hybridmodell, nicht mehr Atome oder Kontinuum, sondern diskrete Korpuskeln und kontinuierlicher Aether.

Von den neuzeitlichen Korpuskeln führt der (äusserst verschlungene!) Weg zu den modernen Elementarteilchen. Bis um 1900 blieb der korpuskulare Atomismus blosse Theorie. Die Atome im chemischen Sinn erwiesen sich als teilbar, nämlich zusammengestzt aus Kernteilchen und Elektronen; erstere erwiesen sich später ebenfalls als zusammengesetzt aus noch fundamentaleren Einheiten, den Quarks. Das moderne Analogon zum Atom ist gewiss das Elementarteilchen, verstanden als Teilchen ohne innere Struktur, als Punktsingularität. Auf der andern Seite entwickelte sich das Konzept des Aethers zum Konzept des Feldes. Noch bei Maxwell gingen Feld und Aether zusammen; erst Einstein schaffte den Aether in seiner Relativitätstheorie ab; ein Feld braucht kein Medium, es kann sich im Vakuum ausbreiten. Statt Korpuskeln plus Aether haben wir heute also Elementarteilchen plus Felder, so dass man wieder sagen könnte: Es hatten beide recht, die Atomisten und die Stoiker! Aber es kam noch anders...

Noch vor der endgültigen Ausformulierung des Elementarteilchenkonzepts wirft die aufkommende Quantenmechanik ein völlig neues Licht auf die Struktur der Materie, ausgedrückt im Konzept der sog. Teilchen-Welle-Dualität. Je nach experimenteller Anordnung verhalten sich beispielsweise Elektronen mal wie diskrete Teilchen, mal wie kontinuierliche Wellen. Und das Seltsame ist: Beides gehört zur vollständigen Beschreibung des Elektrons: das ist das Konzept der Komplementarität, also nicht "oder", auch nicht "und", sondern etwas dazwischen (das aristotelische tertium non datur gilt in der Quantenmechanik nicht mehr!). Damit verwandt ist auch die Heisenbergsche Unschärferelation: Position und Geschwindigkeit eines Teilchens lassen sich nicht beide gleichzeitig mit beliebiger Genauigkeit messen. Inwiefern ist es dann noch sinnvoll, von einem räumlichen Kontinuum zu sprechen? Dieses Problem akzentuiert sich in der Quantenfeldtheorie, die aus einer Verbindung mit der Relativitätstheorie hervorgegangen ist. In dieser Theorie werden die kontinuierlichen Felder quantifiziert. Das elektromagnetische Feld wird beispielsweise repräsentiert durch "virtuelle" Photonen (virtuell, weil sie gar nie in Erscheinung treten), die elektromagnetische Wechselwirkung beschrieben als Austausch von solchen Photonen. - Ist das nun ein später, aber endgültiger Sieg des Atomismus?

So einfach ist es nicht! Zumindest unterscheiden sich die Elementarteilchen von den antiken Atomen in einer fundamentalen Eigenschaft: Sie sind nicht ewig beständig. Das hat mit der relativistischen äquivalenz von Materie und Energie zu tun: Elementarteilchen, genauer: Teilchen-Antiteilchen-Paare können erzeugt und vernichtet werden. Der Atomismus stimmt nur insofern, als die letzte materielle Wirklichkeit "körnig" ist.

Die Verbindung zwischen Teilchen und Feld konkretisiert sich in der Quantenfeldtheorie im Konzept des Vakuums. Das quantenphysikalische Vakuum ist allerdings nicht einfach die Leere, im Gegenteil: Es ist ein Plenum! Vakuum bezeichnet den Zustand niedrigster Energie, und der ist nicht null. Es gibt eine nicht verschwindende Energiedichte im Raum. Das moderne Vakuum ist ein brodelnder Untergrund, worin sich, ermöglicht durch die Heisenbergsche Unschärferelation, jederzeit spontan Teilchen-Antiteilchen-Paare bilden, die sofort wieder verschwinden. Zu diesem Konzept mag man in der aristotelischen Materia prima (prote hyle) ein Analogon erblicken: dasjenige was dem Wandel der Elemente als Substrat unterliegt als reine Potentialität, als Stoff ohne Form.

Aber derjenige griechische Philosoph, welcher der Idee der Quantenphysik vielleicht am nächsten steht, ist (nach Fritz Bopp) Heraklit. Alle Dinge sind einem steten Wandel unterworfen, "alles fliesst". Man betrachte ein Raumgebiet und schaue, was darin passiert; dann kommt man genau auf den Formalismus der Quantenphysik. Nicht die Dinge haben Bestand, sondern der Wandel der Dinge; das Wesentliche steckt in den Gesetzmässigkeiten. Deswegen bei Heraklit die überragende Bedeutung des Weltgesetzes, des Logos. Heraklit spricht vom Urfeuer, das man wiederum mit dem modernen Vakuum, der Raumenergiedichte, analogisieren könnte (Heisenberg verglich Heraklits Urfeuer mit der Energie).

Die seltsamste Eigenheit der Quantenphysik, die nun endgültig den Atomismus, auf dessen Boden sie notabene gewachsen ist, kaputtschlägt, ist die Existenz sogenannt verschränkter Zustände. Man kann ein System von Teilchen haben, bei dem die Teilchen, wie von Geisterhand gelenkt, schneller voneinander wissen, als es die endliche Lichtgeschwindigkeit erlauben würde; sie sind miteinander "verschränkt", d.h. akausal verbunden. In letzter Konsequenz ist strikte nichts separierbar. Auch hier ist man nicht verlegen um analoge Konzepte aus der griechischen Philosophie, oder besser: der griechischen Mystik (?). Auch wenn keines dieser Konzepte den modernen Sachverhalt genau trifft, erwähne ich die Anima mundi Platons, die Sympathie der Stoiker, das Eine der Neuplatoniker. Heute erscheint uns die Materie rätselhafter denn je, auch wenn diese Rätselhaftigkeit mathematisch formuliert werden kann.

3. Symmetrien

Doch die mathematische Beschreibbarkeit der Materie, ihre Abstraktheit, macht anscheinend gerade ihr Wesen aus. Materie ist sozusagen etwa Immaterielles. Das ruft nun Platon auf den Plan sowie ein Schlüsselkonzept der modernen theoretischen Physik: das Konzept der Symmetrie.

Im Dialog Timaios entwickelt Platon eine geometrische Theorie der Materie. Platon übernimmt von seinen Vorgängern die vier Elemente und auch das Konzept der Atome (ohne allerdings das Vakuum gutzuheissen); aber seine Atome (Elementarkörper) haben nicht irgendwelche unendlich verschiedene Formen (wie bei Demokrit), sondern jedem Element ist eine bestimmte Atomsorte mit bestimmter Form (wenn auch verschiedener Grösse) zugeordnet. Und diese Gebilde sind vier der fünf Platonischen Körper (Tetraeder - Feuer, Oktaeder - Luft, Ikosaeder - Wasser, Hexaeder - Erde; das Dodekaeder wurde später dem Aether, dem fünften Element des Aristoteles, zugeordnet).

Ein strukturelles Grundmuster dieser Elementarkörper besteht darin, dass sie aus gleichen Flächen konstruiert sind. Platon reduziert die Flächen auf zwei Sorten von Dreiecken. Feuer, Luft und Wasser bestehen aus denselben Dreiecken und können deshalb ineinander umgewandelt werden, was ja durchaus der Beobachtung entspricht (erhitztes Wasser wird zu Wasserdampf, also Luft). Platons Nachfolger (Aristoteles insbesondere) haben das nicht verstanden: Die Flächen müssten doch eine gewisse Dicke haben; denn die Welt ist dreidimensional. Aber das ist genau der Punkt: Die Flächen sind eben immaterielle, mathematische Strukturelemente. Das Wesentliche liegt in der Regelmässigkeit, Harmonie, Symmetrie, Schönheit dieser Körper. Der physikalischen Wirklichkeit liegt eine mathematische Struktur mit symmetrischen oder harmonischen Anordnungen zugrunde. Darin ist Platon ganz Pythagoreer.

Auf der Wiederentdeckung der platonischen Sichtweise, dass das "Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben ist" (Galilei), gründet der Aufschwung der Physik im 17. Jh. Aber noch viel spezifischer erlebt die moderne Physik (des 20. Jh.) eine Wiederauflage platonischen Gedankenguts. Das hat nun mit Symmetrie zu tun. Der Begriff der Symmetrie hat sich gewandelt über die Jahrhunderte. Ursprünglich (wie hier noch bei Platon) war Symmetrie praktisch synonym mit Harmonie oder Wohlproportioniertheit. Später kam eine neue Bedeutung hinzu, nämlich Symmetrie als eine Art Austauschbarkeit von Teilen, z.B. zwischen links und rechts (Spiegelsymmetrie). Daraus entwickelte sich eine gruppentheoretische Definition der Symmetrie: Symmetrie bedeutet Invarianz unter einer spezifischen Gruppe von Transformationen. Die Symmetrie etwa des Ikosaeders besteht nicht primär darin, dass seine Flächen identische, schöne Dreiecke sind, sondern dass man den Körper um bestimmte Winkel rotieren, an bestimmten Punkten und Ebenen spiegeln kann, und er sich dabei gleich (invariant) bleibt.

In dieser Form ist das Prinzip der Symmetrie ohne übertreibung zum Herzstück der ganzen theoretischen Physik geworden. Es stellt sich nämlich heraus, dass die fundamentalsten Gesetze der Physik auf Symmetrien beruhen - und deren Brechung. Beispielsweise haben die bekannten Erhaltungssätze (Energie, Impuls, Drehimpuls) mit Symmetrien bezüglich Raum und Zeit zu tun. Aber besonders wichtig sind Symmetrien in der Quantenmechanik und Teilchenphysik geworden. Zu jedem Teilchen gibt es ein Antiteilchen, das in allen physikalischen Eigenschaften das genaue Gegenstück darstellt. Und gerade hier zeigt sich die Bedeutung der Symmetriebrechung. Die Teilchen-Antiteilchen-Symmetrie im Kosmos ist nämlich insofern gebrochen, als es in der heutigen kosmischen Epoche viel mehr Teilchen als Antiteilchen gibt.

Die Symmetrien der Teilchenphysik sind etwas ganz und gar Abstraktes. Es sind "innere" Symmetrien, die eine Teilchensorte in eine andere überführen. Was damit gemeint ist, sieht man vielleicht am besten bei den sog. Hadronen, die aus Quarks zusammengesetzt sind.1 Repräsentiert man die inneren, abstrakten Parameter ("Quantenzahlen") dieser Teilchen als Raumkoordinaten, so lässt sich die Vielfalt der Hadronen, unter ihnen Protonen und Neutronen, als Gitterpunkte eines Kristalls verstehen - und die Teilchensymmetrie erinnert dann, wie Abb. 1 zeigt, ganz direkt an die platonischen Körper!

Bild 1

Abb.1 Die platonischen Körper (oben) im Vegleich mit den Repräsentationen der "Hadronen" ("Baryonen" und "Mesonen") im abstrakten Raum der Quantenparameter.

Es ist das allgemeine Bestreben der theoretischen Physik, die Naturgesetze, insbesondere die Wechselwirkungen, welche die Vielfalt der physikalischen Phänomene erklären, immer mehr zu vereinheitlichen. Die Geschichte der Physik zeigt diesen Prozess Schritt für Schritt. Das fing an mit der Vereinigung der himmlischen mit der terrestrischen Physik (Gravitation) durch Newton, weiter über die Vereinigung von Elektrizität und Magnetismus im Elektromagnetismus durch Maxwell, der Vereinigung von Elektromagnetismus und schwacher Wechselwirkung in der elektroschwachen Wechselwirkung vor 50 Jahren, bis hin zu ganz neuen Bestrebungen, die "starke" mit der elektroschwachen Wechselwirkung zu vereinigen oder schliesslich sogar die Gravitation mittels einer Theorie der Quantengravitation, die noch zu entwickeln ist, in einer letzten, höchsten Einheit und Symmetrie hinzuzunehmen. Immer ist es ein Weg zu höherer Symmetrie und Einheit (was leider nicht bedeutet, dass diese höhere Einheit mathematisch einfacher zu verstehen ist, wohl eher im Gegenteil!). Die Vielfalt der Kräfte, die wir heute beobachten, ist die Folge einer Serie von Symmetriebrechungen (davon mehr später).

Was heute in der Physik ansteht, ist die empirische Etablierung eines "Standardmodells" , eine Vereinigung der starken und der elektroschwachen Wechselwirkungen, die man durch eine sogenannte Supersymmetrie bewerkstelligen will. Die Supersymmetrie (gewöhnlich mit SUSY abgekürzt) stellt eine Symmetrie her zwischen sog. Fermionen (Teilchen mit halbzahligem Spin, wie Elektronen und Kernteilchen) und sog. Bosonen (Teilchen mit ganzzahligem Spin, wie Photonen). Um diese Symmetrie zu bilden, in der Erwartung, dass es die Natur genauso macht, postuliert man die Existenz eines SUSY-Partners oder Spiegelteilchens für jedes normale Teilchen. Zusammen würden die Teilchen dann eine höhere Einheit oder Symmetrie, eben eine Supersymmetrie bilden. Diese SUSY-Teilchen werden zur Zeit am CERN mit der neuen Maschine, dem Large Hadron Collider (LHC), gesucht (mehr darüber weiter unten).

Während die SUSY-Theorie realistisch erscheint, ist die Stringtheorie, die nach einer Vereinigung mit der Graviation greift, zur Zeit hoffnungslos weit entfernt von jeglicher experimentellen überprüfbarkeit. Aber die Theorie ist faszinierend und erwähnenswert, weil mit ihr eine allbekannte archetypische Vorstellung wieder auftaucht - nämlich dass die letzte Wirklichkeit der "Materie" etwas mit Schwingungen zu tun hat. Die Grundidee ist die, dass die strukturellen Grundeinheiten keine Punktsingularitäten sind (Teilchen), sondern eindimensionale Fäden: Strings. Was wir als Teilchen auffassen, sind möglicherweise blosse Vibrationszustände solcher Fäden. Die Analogie zu Pythagoras' Harmonielehre muss kaum erwähnt werden.

Die Teilchenphysik findet also hauptsächlich Anklänge bei Platon und Pythagoras (und natürlich bei den Atomisten). Aristoteles haben wir damit weitgehend ausgelassen. Er kommt aber wieder ins Spiel, sobald wir uns der Kosmologie zuwenden.

4. Kosmos

Der aristotelische Kosmos ist den Vorstellungen seiner Vorgänger nachgebildet. Er ist geozentrisch, sphärisch, endlich, hierarchisch. Eigentümlich bei Aristoteles ist die scharfe Trennung zwischen sublunarer und supralunarer Region. Es gibt "natürliche Orte" und "natürliche Bewegungen" für die vier bzw. fünf Elemente (die Elemente sind von unten nach oben geschichtet: Erde, Wasser, Luft, Feuer, Aether; die vier sublunaren Elemente bewegen sich natürlicherweise linear oben-unten, das fünfte Element bewegt sich kreisförmig - siehe Abb. 2 links).

Man kann fragen, was uns denn an dieser "netten Käferbüchse" noch an die moderne Kosmologie erinnern soll. Bei näherem Hinsehen erstaunlich viel! So wird beispielsweise die Ortslehre des Aristoteles seit langem mit der Allgemeinen Relativitätstheorie von Einstein in eine gewisse Analogie gesetzt. Für Aristoteles ist der Ort eines Körpers definiert durch seine Oberfläche, mit welcher er die ihn umgebenden Körper berührt. Raum und Dinge werden so miteinander verknüpft; gewisse Dinge gehören an gewisse Orte. Bei Einstein wird der Raum definiert durch die in ihm enthaltene Materie; die Materie bestimmt die Geometrie des Raumes. Die prinzipielle Verwandschaft dieser Konzepte ist evident. Was man sich zu Newtons Zeit noch nicht vorstellen konnte und was erst im Lauf des 19. Jh. klar wurde: Die Geometrie des Raumes kann nicht-euklidisch sein. Dabei war der vorneuzeitliche (antik-mittelalterliche) Kosmos noch selbstverständlich nicht-euklidisch. Die antiken Kugelschalen der Gestirne entsprechen in gewisser Weise dem gekrümmten Raum der Relativitätstheorie.

Seit einiger Zeit gilt der Weltraum aufgrund von "harter" Beobachtungsevidenz im grossen Massstab als euklidisch. Aber das betrifft nur den Raum, nicht die Raum-Zeit. Raum und Zeit sind durch die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit stets miteinander verknüpft. Entlegene Orte können wir immer nur in der Vergangenheit erfassen, nie im Jetztzustand; denn das Licht, als Informationsträger, braucht Zeit, bis es zu uns gelangt. Der Raum, zu einer gegebenen Zeit, lässt sich strikte nicht beobachten, nur die Raum-Zeit bzw. ein kleiner Ausschnitt der Raum-Zeit, der durch die Lichtgeschwindigkeit definiert ist. Konkret wird die Astronomie dadurch zur Geschichtsforschung. Je weiter hinaus wir blicken, desto tiefer sehen wir in die Vergangenheit. Sterne sehen wir so, wie sie vor Jahrtausenden, Galaxien wie sie vor Jahrmillionen waren - immer weiter hinaus und weiter zurück. Auf tiefen Aufnahmen mit dem Hubble-Weltraumteleskop sehen wir, in einer Art geschichtlicher "Tiefenbohrung", quer durch alle Zeiten bis zu den Anfängen der Galaxienentstehung ca. 1 Milliarde Jahre nach dem Urknall (Big Bang). Schliesslich gelangt man an den (optisch unsichtbaren) "kosmischen Mikrowellenhintergrund", einer Zeitepoche ca. 400000 Jahre nach dem Urknall entsprechend, die uns von der heissen, dichten Frühphase des Universums trennt. Das beobachtete, beobachtbare Universum wird daduch zur "positiv" gekrümmten Raum-Zeit-Kugel mit einem endlichen Horizont von ca. 14 Milliarden Lichtjahren, der durch das Weltalter von ca. 14 Milliarden Jahren gegeben ist (so weit zurück datiert man heute den Urknall). Im Prinzip kehren damit alle Grundeigenschaften des aristotelischen Kosmos zurück (nicht geozentrisch, aber beobachterzentrisch sowie sphärisch, endlich, hierarchisch) - siehe Abb. 2. Selbstverständlich ist der neue Kugelkosmos des beobachtenden Kosmologen schier unendlich viel grösser als der antik-mittelalterliche. Aber wir reden über morphologische ähnlichkeiten, nicht über quantitative übereinstimmungen. Im Zentrum des Interesses steht hier die archetypische Gestalt, wie sie in der Wissenschaftsgeschichte immer wieder hervorbricht.

Bild 2

Abb.2 Die morphologische Verwandtschaft zwischen dem antiken Sphärenkosmos und dem beobachterzentrierten Universum der modernen Astrophysik. Die fleckige, blaugrüne Grenzschicht stellt den kosmischen Mikrowellenhintergrund dar.

Mit dem kosmischen Mikrowellenhintergrund hat es noch eine spezielle Bewandtnis. Die Strahlung "klebt" nicht an der umhüllenden Ursprungsschicht, quasi an der Innenwand einer Hohlraumwelt, sondern erfüllt, als Reliktstrahlung der heissen kosmischen Frühzeit, den gesamten Raum. In jedem Kubikzentimeter Raum stecken ca. 400 Mikrowellenphotonen. Sie bilden eine Art "Himmelssubstanz" - ein hübsches Analogon zum aristotelischen Aether (der es allerdings nur bis auf Mondentfernung schaffte). Licht (allgemeiner: elektromagnetische Strahlung, auch im Mikrowellenbereich), unterscheidet sich auch im modernen Verständnis grundsätzlich von der gewöhnlichen Materie. Photonen haben keine "Ruhemasse", sie sind reine Energie - etwas "Feinstoffliches", "Aetherisches", wie man früher gesagt hätte. Der Vergleich mit der aristotelischen Quinta essentia ist also nicht weit hergeholt (Licht und Aether wurden überdies schon in der Antike wesentlich gleichgesetzt).

Unser Kosmos trägt also wieder aristotelische Züge - mehr noch aber vielleicht neuplatonische. Was damit gemeint ist, lässt sich am besten mit einem Zitat (dem Prolog) aus dem Buch "Die linke Hand der Schöpfung" der renommierten Kosmologen John Barrow und Joseph Silk andeuten:

"Falls Paradies gleichbedeutend ist mit einem Zustand endgültiger und vollkommener Symmetrie, gleichen sich die Geschichten vom 'Urknall' und vom 'Verlorenen Paradies'. Für einen unvorstellbar kurzen Augenblick am Anfang der Zeit, als die physikalischen Kraftgesetze einander ausnahmslos gleichgestellt waren, hatten alle elementaren Bausteine der Natur, die schweren wie die leichten, die gleichen Rechte und die gleiche Bewegungsfreiheit. Die exotischsten Teilchen, die der Mensch je entdeckt oder auch nur erträumt hat, wurden freigesetzt und nahmen an diesem unbeschränkten Austausch teil. Die Temperaturen waren so hoch, dass kein Teilchen Bestand hatte. Alle lebten und starben in einem unwahrscheinlich kurzen Augenblick der Herrlichkeit. Für die zerfallenen tauchten augenblicklich andere auf, um ihren Platz einzunehmen. So wurde die Energie aufgeteilt und hin- und hergeschoben.
Dieser idyllischen ära war jedoch keine Dauer beschieden. Sobald die Temperaturen unerbittlich zu fallen begannen, brachen die Symmetrien. Das Paradies ging verloren; starre Muster und Verschiedenartigkeit gewannen die Oberhand. Es bildeten sich keine neuen Teilchen mehr. Niedergang beherrschte die subatomare Welt, und die Folge davon ist das mannigfaltige Universum einer gebrochenen Symmetrie, das uns heute umgibt."

Die stufenweise Ausfaltung der Welt aus der Einheit, ihre wachsende Komplexität (negativ ausgedrückt: ihre zunehmende Abkehr, ihr "Abfall" von der ursprünglichen Einheit), - entspricht sie nicht der ins Zeitliche umgedeuteten Seinshierarchie der Neuplatoniker? In moderner, physikalischer Sicht vollzieht sich dabei eine Kette von Symmetriebrechungen: Aus der (noch unbekannten) "Urkraft" entfalten sich die vier heutigen, oben genannten Grundkräfte, aus der Gleichwertigkeit aller Teilchensorten (und ihrer Antiteilchen) wird die Dominanz der "gewöhnlichen" Materie, aus der alles besteht, was uns umgibt: Protonen, Neutronen, Elektronen, Photonen. 'Materie als geronnener Geist' (Einstein) - diese neuplatonische Metapher wird nicht zufällig von Physikern gerne benutzt.

Aber parallel zu diesem steten Abstieg vom Einen gibt es auch einen fortschreitenden Aufstieg zum Einen zurück. Aus komplexer Materie wird "Leben", aus komplexem Leben "Geist". Man kann sich darüber streiten, worin denn die Geistigkeit des Menschen besteht, aber sicher wird man das höchste Ziel der Physik, eine umfassende, vereinheitlichte Theorie der physischen Welt aufzufinden, zu den höchsten geistigen Bestrebungen des Menschen zählen dürfen. Und wenn wir diese Sicht zulassen, so wird bildlich klar, wohin sich dieses Geistige entwickelt: zurück zum Ursprung, zum "verlorenen Paradies" höchster Einheit und Symmetrie - nicht physisch zu erreichen, aber virtuell, auch mit Hilfe der grossen CERN-Maschine, die im Journalisten-Jargon den "Urknall nachsimulieren" soll (hoffentlich nicht!). Alles, was wir oben über die Entwicklung der modernen Physik gesagt haben: dass sie nach immer grösserer Symmetrie und Einheit strebt, entspricht dies nicht wiederum dem höchsten Bestreben des Neuplatonikers -freilich nicht mit derselben, eher weltverneinden Haltung? Und auch die Astronomen streben diesem Ursprungspunkt zu. Mit immer besseren Instrumenten stossen sie, inAnalogie zum alten Sphärenkosmos, in immer höhere Sphären vor, dorthin, wo wir die lichthafte Frühzeit des Kosmos, zuletzt den Urknall abgebildet sehen (könnten). Ihr Vorstoss zum Big Bang ist morphologisch ein Flug durch die Sphären (antike Vorbilder brauchen hier kaum erwähnt zu werden)! Die Umkehr oder Rückkehr zur ursprünglichen Einheit: dieses neuplatonische Ethos gilt eigentlich auch für die Astronomen und Teilchenphysiker. Abstieg (Schöpfungsprozess) und Aufstieg (Erkenntnisprozess) gehören zusammen, sie sind dasselbe, bloss gespiegelt. Der Urknall ist der Anfang der Welt und zugleich das Ziel unserer Forschung. Der Neuplatoniker sucht die Ekstase, um zum Einen zurückzukehren. Der Forscher geht diesen Weg in nüchterner Rationalität, wird aber wohl, unbewusst, vom selben Eros getrieben.

5. (Quintessenz) Anthropos

Schon immer mochte sich der Mensch darüber wundern, dass alles so "gut passt". Die ganze Welt scheint auf ihn und seine Bedürfnisse zugeschnitten zu sein. Wie kommt das? Die Götter haben es so eingerichtet, lautet die früheste (und für manche noch immer gültige) Antwort. Diese Sichtweise hat Aristoteles rationalisiert mit seinem Konzept der Zweckursache (causa finalis). Sein teleologisches Denken: dass das Ziel in den Dingen selbst steckt, war bekanntlich der Entwicklung der Wissenschaft nicht gerade förderlich. Seit Darwin wissen wir, dass nicht die Welt auf den Menschen passt, sondern der Mensch in die Welt. Er hat sich an die Umwelt angepasst in einem langen Prozess der biologischen Evolution.

Aber so einfach ist es doch nicht; die Frage nach der "Menschenfreundlichkeit" der Welt bleibt bestehen. Man muss nämlich über das rein Biologische hinausgehen und, im Rahmen einer kosmischen Evolution, nach den physikalischen Bedingungen fragen, unter denen die Bildung von Wasser, Kohlenstoff und all dem andern, was es für das Leben braucht, im Universum überhaupt möglich ist. Und da hat es sich herausgestellt, dass kleinste änderungen in den Naturkonstanten eine völlig anders geartete Welt zur Folge gehabt hätten. Dieses "Finetuning-Problem" wird in der Kosmologie seit längerem als sog. anthropisches Prinzip formuliert; in einer verbreiteten Version lautet es wie folgt: 'Das Universum muss so beschaffen sein, dass es die Entwicklung intelligenten Lebens zulässt - sonst wären wir nicht hier'. Der Schlüssel zur Lösung dieses Problems liegt im Wörtchen "muss", das ganz verschieden interpretiert werden kann. Die einfachste Lösung ist eigentlich ein Rückfall in das teleologische Denken. Die meisten Theologen scheuen sich nicht, das anthropische Prinzip als modernen Gottesbeweis zu benutzen. Die Antwort der "offiziellen" Wissenschaft ist eine ganz andere, sie lautet ungefähr so: 'Es gibt unendlich viele Universen (ein "Multiversum"), so dass es zufällig irgendwo so sein wird wie hier; die scheinbar massgeschneiderte Welt ist ein reiner Auswahleffekt'. Das ist ganz im Geiste Darwins: Zufall und Auswahl heissen die Schlüsselwörter (letzteres jedoch in einem andern Sinn). Der theoretische Aufwand, um das Zufallsprinzip zu "retten", mutet allerdings grotesk an: Man postuliert, mit Hilfe des (halbwegs etablierten) "inflationären Szenarios" und der (sehr umstrittenen) "Stringtheorie" (s.o.) eine unendliche Zahl von Paralleluniversen - das ist nun auch nicht gerade sehr denkökonomisch!

Welche Lösung man auch bevorzugt, das anthropische Prinzip macht klar, dass unsere Suche nach höheren Symmetrien nicht unbedingt erfolgreich verlaufen muss. Möglicherweise jagen wir einem blossen Phantom nach. Die Welt ist vielleicht letztlich nicht so "platonisch schön", Denken und Sein nicht kongruent, wie wir das gerne hätten. Die Welt muss eigentlich bloss "funktionieren", und das tut sie gewissermassen "automatisch" - durch die blosse Tatsache unserer Existenz. Dieser Verdacht hat nun auch mögliche Auswirkungen auf die zu erwartenden Befunde des grossen Experiments, das gegenwärtig am CERN läuf.

Es wurde bereits erwähnt, dass man mit dem CERN LHC bzw. dem angeschlossenen ATLAS (!) -Detektor hauptsächlich die SUSY-Teilchen auffinden will.2 Tatsächlich stösst man mit der Maschine in einen Energiebereich (bzw. Massenbereich der Teichen) vor, wo nach den (Super-) Symmetrieüberlegungen der Theoretiker die SUSY-Teilchen auftauchen müssten. Aber nach dem oben Gesagten muss man fragen: Müssen sie es wirklich? Es ist durchaus denkbar, dass sie erst bei viel höheren, noch lange nicht erreichbaren Energien - oder überhaupt nie - hervortreten, einfach weil die Welt ("anthropisch") ist, wie sie ist. Wie ein führender Theoretiker der Szene, Andrej Linde, einmal maliziös bemerkte: "Ignoring anthropic principles can be expensive".

Dieses grundsätzliche Gegensatzpaar von möglichen Ergebissen des CERN-Experiments erscheint mir wie eine (abermalige!) Neuauflage des Wettbewerbs zwischen Platon und Aristoteles, der die gesamte Geistesgeschichte des Abendlands durchzieht: mal triumphiert Platon, mal Aristoteles, - und nun sind wir sehr gespannt, wie das Rennen am CERN verlaufen wird. Bis Ende 2012 soll das Experiment praktisch ununterbrochen laufen, und wir werden es vielleicht bald wissen. Sollte man tatsächlich die "erdachten" SUSY-Teilchen finden, so würde das einer eher physikalistischen, idealistischen, kurz "platonischen" Weltsicht Auftrieb verleihen - bzw. sie würde weiterhin bestehen bleiben, denn bisher hat es mit den Vorhersagen sehr oft geklappt. Sollten die SUSY-Teilchen aber ausbleiben, dann käme der aristotlelische Biologismus oder Empirismus selbst in der bisher eher idealistischen Physik und Kosmologie vermehrt zum Zuge.

Was auch immer die Forschung, aus dem "Untergrund" und aus der "himmlischen überwelt", an den Tag bringen wird, eine Begegnung mit der antiken Philosophie ist unausweichlich. Die Antike ist lebendiger denn je!

***

Die Powerpoint-Bilder zum Vortrag sind unter folgender Adresse abrufbar: www.brunobinggeli.ch/pdf/antike-reminiszenzen.pdf (10.8 MB)

Literatur:

John Barrow, Joseph Silk: Die linke Hand der Schöpfung, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1995 (Original The left hand of creation, New York 1983)

Bruno Binggeli: Primum Mobile: Dantes Jenseitsreise und die moderne Kosmologie, Ammann Verlag. Zürich 2007

Fritz Bopp: Zur Grundvorstellung der Quantenmechanik, in: Convivium Cosmologicum, A. Giannaras (Hg.), Birkhäuser Verlag, Basel 1973

Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze: Gespräche im Umkreis der Atomphysik, Piper Verlag, München 2006

Wolfgang Pauli: Der Einfluss archetypischer Vorstellungen auf die Bildung naturwissenschaftlicher Theorien bei Kepler, in: Naturerklärung und Psyche, Studien aus dem C.G. Jung Institut IV, Rascher Verlag, Zürich 1952

Lucio Russo: Die vergessene Revolution - oder die Wiedergeburt des antiken Wissens, Springer Verlag, Heidelberg 2005

Shmuel Sambursky: Das Physikalische Weltbild der Antike, Artemis Verlag, Zürich 1965

Shmuel Sambursky: Das physikalische Denken der Antike im Licht der modernen Physik, in: Naturerkenntnis und Weltbild, Artemis Verlag. Zürich 1977, p. 9

Shmuel Sambursky: Von der unendlichen Leere bis zur Allgegenwart Gottes: Die Raumvorstellungen der Antike, in: Naturerkenntnis und Weltbild, Artemis Verlag. Zürich 1977, p. 273

Alfred Stückelberger: Einführung in die antiken Naturwissenschaften, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988

Bruno Binggeli

1 Hadron kommt von gr. hadros = dick und sperrig. Hadronen sind schwere Teilchen wie die Protonen und Neutronen; sie bestehen neben den Leptonen, von gr. leptos = dünn, zu denen das Elektron gehört. Die Namen der Teilchen sind zumeist griechisch, nur "Quark" sicher nicht. Dieser Name geht auf den amerikanischen Physiker Murray Gell-Mann zurück, der als begeisterter Joyce-Leser seine hypothetischen Teilchen nach einem Joyce-Zitat quarks taufte ("Three quarks for Muster Mark", aus dem Roman Finnegans Wake). Immerhin besteht auch hier ein griechischer Bezug, denn Joyce ist der Author von Ulysses! (> Text)

2 Auch hier, in den Untergrundexperimenten des CERN, lässt sich eine Parallele zur Antike erblicken: Anscheinend gilt nämlich noch immer, dass man in die Unterwelt steigen muss, um die Wahrheit zu erfahren... Befragt wird dort allerdings keine nachtodliche Seele, auch die Natur wird nicht befragt. Diese wird vielmehr aufs Folterbett gespannt, um eine Antwort aus ihr herauszuquetschen. Das ist das neuzeitliche (und noch moderne) Verständnis des Experimentierens, wie es Francis Bacon formuliert hat. Darin zumindest unterscheiden wir uns gründlich von der Antike. (> Text)

 

Anzeigen und Mitteilungen

Einladung zur Jahresversammlung des SAV am 25.11.2011 in Biel

Chères et chers collègues, care colleghe e cari colleghi, liebe Kolleginnen und Kollegen
Der Vorstand des SAV freut sich, Sie zur Jahresversammlung und zu einem Vortrag von Prof. Dr. Gerlinde Huber-Rebenich (Universität Bern) einladen zu können.

Freitag, 25. November 2011, 15.45 Uhr am Gymnase français (bitte Angaben zum Raum vor Ort beachten), Rue du débarcadère 8, 2503 Bienne, www.gfbienne.ch

13.45Plenarversammlung des VSG mit einem Referat von Prof. Dr. Philippe Gillet, Vizepräsident der EPFL: "Übergang vom Gymnasium zur Eidgenössisch-Techni-schen Hochschule: Die Naturwissenschaften stehen im Zentrum"
15.45Jahresversammung des SAV 2011/Assemblée annuelle de l'ASPC 2011
Tagesordnung/Ordre du jour

  1. Protokoll der Jahresversammlung / Procès-verbal de l'assemblée 2010
  2. Jahresbericht des Präsidenten / Rapport du président
  3. Kassabericht; Mitgliederbeitrag / Rapport de la caissière; cotisation des membres
  4. Kassarevision / Révision de la caisse
  5. Gesamterneuerungswahlen / Élections: Rücktritte / démissions: Christine Haller, Laila Straume-Zimmermann; Bernhard Löschhorn (Delegierter) Vorschläge des Vorstandes / Proposition du comité: Barbara Cristian (Biel), Christine Stuber (Luzern); als Delegierter: Dominik Humbel (Winterthur)
  6. Anträge und Vorschläge der Mitglieder / Motions et propositions des membres
  7. Varia
17.00Vortrag von Prof. Dr. Gerlinde Huber-Rebenich (Universität Bern) zum Thema "Ovids "Metamorphosen" in illustrierten Drucken des 15. und 16. Jahrhunderts".
18.30Apéro und Abendessen im Hotel Elite, Rue de la gare 14, 2501 Biel, www.hotelelite.ch

Mit freundlichen Grüssen
Lucius Hartmann, Präsident

Anmeldung für das Abendessen (mit Angabe, ob Fleisch, Fisch oder vegetarisch) bitte bis am 18. November an lucius.hartmann@philologia.ch oder 044 361 20 86

Rapport annuel ASPC - Rapporto annuale ASFC - Jahresbericht SAV
pour l'assemblée annuelle à Aarau le 19 novembre 2010

Chèrs et chers collègues
Collegae maxime honorabiles

Seit geraumer Zeit sind wir mit dem Deutschschweizer Lehrplan 21 beschäftigt. Vor einem Jahr habe ich im Jahresbericht auf die Schwierigkeit hingewiesen, dass Latein auch im Lehrplan 21 erwähnt und dementsprechend ein Lehrplan Latein für die Sek-I Stufe ausgearbeitet wird.

Gemäss der Strategie 2008/2010 des Vorstandes haben wir versucht, die rechtlichen Rahmenbedingungen für Latein zu verbessern und da war der Lehrplan 21 gerade das richtige Feld. Vor einem Jahr habe ich berichten müssen, dass die EDK beschlossen hat, einen Lehrplan nur dann auszuarbeiten, wenn mehrere Kantone dies wünschten und auch bezahlten. Dank beharrlichem Engagement und sicher auch dank der Einsicht von einigen Bildungsdirektoren wird nun ein Lehrplan ausgearbeitet. Ich möchte bei diesem Punkt vor allem die Nordwestschweizer Kolleginnen und -kollegen und die Arbeitsgruppe "Latein macht Schule" und speziell Bruno Colpi, Bernadette Schnyder, Martin Müller, Andreas Külling dankend erwähnend. Ich weiss nicht, ob wir ohne ihr Engagement diesen Erfolg verbuchen könnten. Herzlichen Dank an alle, die hier irgendwo irgendwann irgendwie mitgearbeitet haben.

Zu den rechtlichen Rahmenbedingungen kann ich im Moment nichts weiter sagen, ausser dass ich keine Kenntnis habe von einer bis vor zwei Jahren immer wieder erwähnten und in Aussicht gestellten MAR-Revision. An dieser Front scheint Ruhe eingekehrt zu sein. Oder habe ich da etwas überhört?

Im Berichtsjahr stand die Weiterbildung im Vordergrund unserer Aktivität. Christine Haller hat, wie schon seit Jahren, wieder für eine zünftige Weiterbildung gesorgt. Im Oktober konnten wir an einer Weiterbildungsveranstaltung im Antikenmuseum Basel teilnehmen: "Helvètes en Erétrie - Helvetier in Eretria", eine Weiterbildung, die einen guten Einblick in die Geschichte Eretrias und Euböas sowie eine sehr interessante Führung durch, ich möchte sagen, einer sehr schöne, sehr gelungene, sehr didaktische Ausstellung geboten hat. Christine Haller ist auch unsere Vertreterin in verschiedenen internationalen Fachorganisationen, so zum Beispiel bei EUROCLASSICA. Ich möchte ihr an dieser Stelle meinen und unseren herzlichsten Dank für ihr Engagement ausdrücken.

Im September 2011 wird wieder eine Reise unter der Leitung von Bruno Colpi stattfinden: es diesmal die Südküste der Türkei, die wir erkunden werden. Die Reise findet vom 3. Bis 10. September 2011 statt. Mein bester Dank geht auch an Bruno Colpi.

Im Bulletin 76 wird auch eine andere Weiterbildungsveranstaltung vorgestellt, die ich hier noch mal erwähnen möchte, nämlich die Tagung vom 12. Januar nächsten Jahres: Latein und die Mehrsprachendidaktik. Die Basler Kolleginnen und Kollegen greifen hier ein Thema auf, dem wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden sollten. Latein im Zusammenhang mit anderen Sprachfächern, ein Thema, das wir ja alltäglich in unseren Schulstuben pflegen, dessen theoretische Durchdringung und didaktische Weiterentwicklung aber erst noch geleistet werden muss.

Wenn wir schon in die Zukunft blicken, möchte ich vor allem auch unsere Tagung vom 17. März in Zürich erwähnen: ELEMENTE STOICHEIA ELEMENTA. Vor einen Jahr habe ich im Jahresbericht einen Aufruf gemacht, dass die Kolleginnen und Kollegen dem Vorstand bei der Vorbereitung dieser Tagung helfen mögen. Dieser Aufruf blieb unerhört, so machten sich Lucius Hartmann, Philipp Xandry und Martin Müller daran, die Veranstaltung weiter zu planen. Was herausgekommen ist, ist - ich muss es so sagen - eine Sensation. Martin Müller wird im Anschluss an den Jahresbericht die Tagung vorstellen.

Die Planung dieser Tagung geht auf die Strategiesitzung des Vorstandes vom Juni 2008 zurück. Ich brachte damals den Vorschlag ein, eine Art Kongress durchzuführen, vergleichbar dem Kongress der deutschen Altphilologen, nur in schweizerischen Masstäben. Ich hatte und habe die Idee, dass wir als SAV nach aussen und innen wirken müssen, nach aussen wirken unsere Fächer in den letzten Jahren ausserordentlich vielfältig und stark, mit dem Lateintag in Brugg, den Römertagen in Augst, dem Lateinnovember in St. Gallen und vielen anderen Veranstaltungen, nach innen (und nach aussen) wäre ein Kongress ein mächtiges Zeichen für unser Selbstbewusstsein und unsere Kompetenz. Was jetzt herausgekommen ist, ist eine interdisziplinäre Veranstaltung, die wie gesagt, ein must für jeden Philologen, aber auch, hoffe ich, für viele Naturwissenschaftler ist.
Zusammenfassend möchte ich festhalten, dass wir nicht schlecht aufgestellt sind, um auch in Zukunft unsere Anliegen durchzubringen.

Dies alles wäre nicht möglich, ohne die vielen, vielen Kolleginnen und Kollegen, die sich stark für unsere Fächer engagieren: stellvertretend darf ich vielleicht an dieser Stelle Marie- Louise Reinert vom Lateintag, Gabriele Trutmann vom FASZ und Clemens Müller vom Lateinnovember erwähnen. Die Nordostschweizer Kolleginnen und Kollegen habe ich ja schon dankend erwähnt.
Dies alles wäre natürlich auch nicht möglich ohne den Vorstand des SAV, der auch in der neuen Zusammensetzung gut harmoniert und Aufgaben anpackt. Ich möchte an dieser Stelle unsere verdiente Kassierin Laila Straume Zimmermann erwähnen und ihr herzlich für ihre Arbeit danken, ebenso die beiden neuen im Vorstand, Petra Haldemann, die Redaktorin des Bulletins, und Philipp Xandry.

Die positive Grundstimmung meines Jahresberichts soll nicht darüber hinweg täuschen, dass wir nach wie vor grossen Problemen stehen, was die Stellung unseres Fächer angeht. Aber eben: wie es Hölderlin ausdrückte: Wo Gefahr ist,/ wächst das Rettende auch.

Zum Abschluss des Jahresberichtes muss ich auf mich selbst zu sprechen kommen; im letzten Jahr habe ich selbst wenig für die konkrete Arbeit des SAV machen können, ich habe verschiede Spitalaufenthalte hinter mir, die nicht immer einfach waren. Ich habe mich deshalb im Frühjahr zum Rücktritt entschlossen. Der SAV verdient es, unsere Fächer verdienen es, von einem Präsidenten geleitet zu werden, der seine ganze Kraft dafür einsetzen kann. Dies kann ich im Moment aber nicht mehr leisten. Allerdings kann ich euch mitteilen, dass ich mich gut erholt habe, dass es mir erstaunlich gut geht. Ich möchte mich bei euch für das Verständnis, das Vertrauen und das Wohlwollen, dass von euch erfahren durfte, von Herzen bedanken So möchte ich den Jahresbericht schliessen mit einem leicht abgeänderten Horazvers:
Nil ego contulerim iucundis sanus amicis.

Ivo Müller

Protokoll der Jahresversammlung des SAV

Freitag, 19.11.2010, 15.30
Alte Kantonsschule Aarau

Anwesend:
Vorstand: komplett, ausser Philipp Xandry (gesundheitliche Gründe)
Ca. 30 Mitglieder, gemäss Präsenzliste.

Der Präsident begrüsst die Mitglieder.
Es sind keine Anträge eingegangen. Es gibt keine weiteren Meldungen.

  1. Das Protokoll der Jahresversammlung 2009 wird genehmigt und verdankt.

  2. Jahresbericht des Präsidenten: Gemäss Publikation im Bulletin 78
    Der Jahresbericht wird per acclamationem angenommen.
    Der Vizepräsident Andrea Jahn würdigt die Leistungen des abtretenden Präsidenten und spricht ihm den Dank des Vorstandes und der Mitglieder des Verbandes aus.

  3. Kassabericht und Mitgliederbeitrag
    Laila Straume verteilt eine Kopie der Jahresrechnung. Sie verweist auf ihren Spendenaufruf während dieses Jahres. Innert Kürze trafen Spenden in der Höhe von Fr. 2295.- ein. Sie dankt den Mitgliedern herzlich.
    Laila Straume erläutert die Jahresrechnung. Sie schliesst mit einem Einnahmenüberschuss von Fr. 3102.95.- Der Verband besitzt Fr. 28'602.96.
    Laila Straume erwähnt die Unterstützung des Verbandes für die SAV Tagung 'Elemente' vom 17. März 2011 in der Höhe von Fr. 4000.- und erwähnt, dass im Eventualfall der Vorstand über eine Defizitgarantie bestimmen wird.
    Der Mitgliederbeitrag soll bestehen bleiben.

  4. Kassarevision
    Lucius Hartmann liest den Revisorenbericht von Rene Gerber und Heinz Sommer vor. Darin wird die korrekte Kontoführung durch die Kassierin bestätigt und die Entlastung der Kassierin beantragt. Der Kassabericht wird einstimmig angenommen.

  5. Wahlen
    Ersatzwahl des Präsidenten.
    Lucius Hartmann stellt sich den Mitgliedern kurz vor. Er ist seit 2001 Mitglied des Vorstandes. Er verweist auf seine Vorstandstätigkeit im FASZ und seine Mitarbeit am Schnittstellenprojekt Universität - Gymnasien des Kantons Zürich. Ferner unterstützt er Theo Wirth bei der Betreuung des Bereichs Alte Sprachen auf www.swisseduc.ch. Er setzt sich für den Austausch mit anderen Fächern ein und für eine gesicherte Stellung der Alten Sprachen. Lucius Hartmann wird einstimmig und mit Applaus gewählt.
    Der scheidende Präsident gratuliert Lucius und wünscht ihm viel Erfolg.

  6. Antrag und Vorschläge der Mitglieder.
    Keine Vorschläge.

  7. Martin Müller erklärt das Vorgehen für die Promotion der Veranstaltung 'Elemente' vom 17. März 2011 in Zürich.
    André Füglister möchte eine pdf-Datei des Flyers erhalten.

    Marie Louise Reinert:

    • regt an, dass wir eine Gruppe von Parlamentariern als Ansprechpersonen suchen; in der Broschüre 'Latein macht Schule' haben sich einige Nationalräte und Nationalrätinnen zugunsten des Lateins geäussert.
    • Die CH-Nationalhymne ist auf Lateinisch erhältlich; Alois Kurmann hat sie übersetzt.
    • stellt den Lateinischen Kalender 2011 vor. Erhältlich für Fr. 20.-

    Christine Haller:

    • Erwähnt, dass Bruno Colpi einige Programm-Zettel für die Weiterbildungsreise in die Südtürkei abgeben kann.
    • Aus finanziellen Gründen kann der Griechisch-Wettbewerb dieses Jahr nicht stattfinden.

    Theo Wirth:

    • Swisseduc, News: Der Kanton GR wird ab nächstem Schuljahr den neusprachlichen Maturlehrgang mit obligatorischem Latein anbieten.
    • weist auf die Gruppe der Parlamentarier in Deutschland, die sich als Freunde der Alten Sprache auszeichnen.
    • erzählt von seiner Beratungstätigkeit an der Kantonsschule Sursee. Das Lehrerkollegium setzte sich für das Latein ein. So entstand unter der Begleitung von Theo Worth die Via Latina, in der Latein nicht als Schwerpunktfach besucht, sondern von Stunden anderer Fächer gespeist wird. Es ist ein Förderangebot. Die Schüler haben nur 1 Stunde mehr. Man muss mindesten 4.5 als Schnitt haben, um daran teilnehmen zu können.

    Hans Widmer weist auf den Vorschlag aus BL und BS, Latein als promotionswirksames Wahlpflichtfach auf der Sekundarstufe 1 anzubieten, und bittet um entsprechende Einflussnahme im Kanton AG.

    Gisela Widmer weist auf folgende Argumentation hin: Den guten Schüler/innen soll etwas Neues und Herausforderndes angeboten werden anstelle von 'more of the same'.

Schluss der Sitzung: 16.40

Für das Protokoll
Martin Müller
14.2.2011

Zürcher Altphilologen im ältesten Gymnasium von Mainz

Können Zehnjährige Latein lernen? Mit welchen Unterrichtsmethoden gestalten deutsche Lehrer den Latein- und Griechischunterricht? Wieso boomen die alten Sprachen in Deutschland? Solche und weitere Fragen stellten sich acht Altphilologen aus Zürich und fuhren im April nach Mainz. Bereits zwei Mal waren Kolleginnen und Kollegen von Rheinland-Pfalz nach Zürich gereist und die Zürcher hatten vor drei Jahren Trier besucht. Angeregt und vermittelt wurde der Austausch von Prof. Dr. Ulrich Eigler, Latinist in Zürich, organisiert wird es nun vom Forum Alte Sprachen Zürich (FASZ).

Am Rabanus-Maurus-Gymnasium (RaMa) in Mainz, das dieses Jahr sein 450-jähriges Bestehen feiert, besuchten die Zürcher Lehrerinnen und Lehrer verschiedene Unterrichtstunden von der 5. - 12. Klasse in Latein und Griechisch. Nach den Unterrichtsbesuchen fand ein lebhafter Austausch über unsere Fächer statt, der in intensive Zweiergespräche mündete. Grosses Engagement war bei allen Lehrkräften spürbar.

Die Klassengrösse in deutschen Gymnasien ist beeindruckend: In der Unterstufe sind 30 Schüler die Norm, und auch in der Mittel- und Oberstufe sind die Schülerzahlen stets zweistellig, da in Deutschland selbst Leistungskurse nur ab einer bestimmten Teilnehmerzahl durchgeführt werden. Natürlich können 5.-Klässler Latein lernen, aber sie tun es langsamer als ältere Schüler. So beträgt die Lehrbuchphase für Latein als erste Fremdsprache ganze vier Jahre, für Latein als zweite Fremdsprache, ab der 6. Klasse, 3 ½ Jahre. Mit der Anfangslektüre wird im 9. Schuljahr begonnen, was den Verhältnissen in Zürich entspricht, wo der Lateinunterricht in der 7. Klasse beginnt.

Der Unterricht bei unseren deutschen Kollegen war anregend und so vielfältig wie an allen guten Schulen, die Unterrichtsmethoden sind in beiden Ländern sehr ähnlich. Auch die Schülerinnen und Schüler - ganz still bis ganz lebendig - sind so, wie wir sie kennen.

Die Zahl der Latein- und Griechischschüler/-innen ist in Deutschland in den letzten zehn Jahren um 30% gestiegen. Das hat mannigfache Ursachen: Der Unterricht und die Lehrbücher sind interessant und vielfältig, das Interesse an historischen Kulturen wächst, Eltern besinnen sich vermehrt bewusst auf die Werte klassischer Bildung, fremdsprachige Kinder lernen mithilfe des Lateins besser Deutsch. Aber der Wettbewerb spielt auch an deutschen Gymnasien: In Mainz haben zwei neue Schulen ihren Betrieb aufgenommen, daher konnte das altsprachlich-humanistische RaMa dieses Jahr nur mit drei, nicht wie üblich mit vier Parallelklassen starten.

Am nächsten Vormittag wurden wir über den neuen Lehrplan für Latein in Rheinland-Pfalz informiert: Autoren, Themen, Vielfalt sind den schweizerischen Lehrplänen vergleichbar. Im Referat über die Abiturprüfungen wurden Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich: Derzeit ist Rheinland-Pfalz das einzige der 16 deutschen Bundesländer, das (noch) kein Zentralabitur hat. Wie in der Schweiz entwirft jeder Gymnasiallehrer seine Abiturprüfung selber, die den EPA (= einheitliche Prüfungsanforderungen) entsprechen müssen. Aber der rheinland-pfälzische Kollege reicht zwei Abiturprüfungen ein, von denen die Schulaufsichtsbehörde eine auswählt. Er bezahlt also seine individuelle Freiheit der Aufgabenstellung mit einer Verdoppelung der Arbeit. Ob das neben den Klassengrössen mit ein Grund dafür ist, dass in Deutschland zwei von drei Lehrern frühpensioniert werden, entzieht sich unserer Kenntnis.

Die Altphilologinnen und Altphilologen am RaMa jedenfalls sind so aktiv, aufgeschlossen und fröhlich, dass von Pensionierung keine Rede sein kann.

Auch Athene, Zeus und Dionysos waren den zwei Tagen hold: Neben dem fachlichen Austausch trugen das schöne Wetter und Pfälzer Speisen und Wein zum Gelingen des Anlasses bei.

So war die Begegnung in fachlicher wie in persönlicher Hinsicht sehr bereichernd, und wir Zürcher freuen uns, dass 2013 die Kollegen aus Rheinland-Pfalz wieder nach Turicum reisen werden.

Anne Roth

Neue Wege zur Antike an der Universität Bern
BA Minor "Basis Antike"

Ab dem Herbstsemester 2011 wird vom Institut für Klassische Philologie an der Universität Bern der neue Studiengang "Basis Antike" angeboten. Dieser Studiengang richtet sich an alle, die ihre Kenntnisse in Sprache und Literatur der heidnischen wie christlichen Antike vertiefen wollen und Interesse an der Antikerezeption bis in die Neuzeit haben, unabhängig vom Umfang der Sprachkenntnisse, die von der Schule mitgebracht werden. Inhaltliche Schwerpunkte sind einerseits Mythologie, Biblische Geschichte(n) und Literaturgeschichte; andererseits der Spracherwerb in Latein oder Griechisch bis zu einem Niveau, das zum eigenständigen wissenschaftlichen Umgang mit lateinischen bzw. griechischen Texten befähigt. Die Einstufung in die Sprachkurse erfolgt je nach Vorkenntnissen.

"Basis Antike" ist ein BA-Studienprogramm und kann nur als Minor (60 ECTS) in Verbindung mit einem Major (120 ECTS) belegt werden. Dieser BA Minor bildet eine sinnvolle Ergänzung zu Fächern,

  • die sich mit lateinischen/griechischen Texten aus allen Epochen befassen;
  • die selbst einen thematischen Schwerpunkt in der Antike haben;
  • deren Gegenstände in der Tradition der griechisch-römischen Antike verwurzelt sind;
  • die sich aus der jeweils eigenen Perspektive mit Rezeption der Antike beschäftigen.

Der BA Minor "Basis Antike" vermittelt Grundlagenwissen und Sprachkenntnisse, die für eine Tätigkeit im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften oder entsprechende Masterstudiengänge vorbereiten.

Für eine Zulassung zum BA Minor "Basis Antike" gelten die allgemeinen Hochschulzugangsvoraussetzungen.

Kontakt:
Institut für Klassische Philologie, Universität Bern
Längassstrasse 49
CH - 3000 Bern 9
www.kps.unibe.ch
info@kps.unibe.ch
gerlinde.huber@kps.unibe.ch

Simone Adam

Lateintag in Brugg 2012 (Samstag, 17. November 2012)

Theaterwettbewerb Lateintag 2012 - Plautus placebit!

Plautus (250-184 v.Chr.) unterhält mit verwickelten Familiengeschichten voller Missverständnisse, Intrigen und verbotener Lieben, aufgelockert mit Wortspielen, derben Sprüchen, Prügeleien, Musik und Tanz. Sein Personal sind sture Väter, verliebte Söhne, hübsche Mädchen, verlorene Kinder, schlaue Sklaven, prahlerische Offiziere - Typen, über deren Schwächen man lacht, auch wenn man sie bei sich selber entdeckt.

Seine Stücke haben die europäische Bühne immer wieder inspiriert: Shakespeare, die commedia dell'arte, Molière und Lessing sind seine Erben. Er bringt er uns heute noch zum Lachen.

Der Auftrag an die Wettbewerbsteilnehmenden lautet, eine oder mehrere Szenen aus einer Plautuskomödie kurz in die Handlung des ganzen Stücks einzuordnen und sie dann lustvoll zur Unterhaltung des Lateintagpublikums zu spielen. Dies darf etwa 10 Minuten dauern. Ein Teil der Szene soll auf Lateinisch erklingen. Auch Terenz (185-159 v.Chr.), Plautus' berühmter Nachfolger im Komödienfach, wird auf der Bühne willkommen sein - non terrebit Terentius!

Die besten Darbietungen werden von einer Fachjury ermittelt und mit Geldpreisen von Fr. 2000 bis 500 Franken ausgezeichnet. Keine Gruppe soll leer ausgehen.

Projekte sollen in Form einer Projektbeschreibung eingereicht werden bis: Freitag 23. Dezember 2011. Ein ausführlicher Ausschreibungstext und das entsprechende Projektformular findet sich auf der Webseite www.lateintag.ch.

Projektverantwortliche:
Tanja Brändle
Scheidweg 5
5452 Oberrohrdorf
056 496 34 34
E-Mail: tanja.braendle@gmx.ch

 

Weiterbildung

Euroclassica - Academia Ragusina Secunda
Dubrovnik, 26-29 avril 2011
L'humanisme au seuil de la Renaissance

Durant la semaine pascale, les remparts de Dubrovnik accueillaient pour la seconde fois l'Academia Ragusina consacrée à la survivance des langues classiques après la chute de l'empire romain d'occident. Une cinquantaine d'enseignants croates, autant d'étudiants et de gymnasiens, auxquels se sont joints quelques participants et intervenants étrangers - venus de Lituanie, de Suisse, de Belgique, d'Allemagne et de Bosnie - ont consacré quelques jours de leurs vacances à se plonger dans la première Renaissance, celle qui redécouvrait goulûment les textes classiques, les mettaient en valeur, et finalement les a apprêtés pour l'impression.

Une douzaine d'exposés, une bonne demi-douzaine d'ateliers et des visites des lieux emblématiques de la ville se sont succédé le mercredi et le jeudi, le vendredi étant consacré aux activités touristiques et festives.

Les intervenants réunis par Jadranca Bagarić, directrice de l'Academia Ragusina et, pour quelque temps encore, membre du CE d'Euroclassica, étaient, pour les uns, déjà présents en 2009 lors de la première édition et, pour d'autres, de nouvelles recrues. Tous se sont employés à montrer les diverses orientations de la recherche et ses applications pédagogiques. Il faut noter la part qui a été laissée aux problèmes engendrés par la redécouverte du grec à la Renaissance, que ce soit au niveau de la prononciation, de l'écriture ou de l'imprimerie.

Même si des résumés en anglais ont été distribués, l'obstacle de la langue est rédhibitoire pour les étrangers. Mais quel plaisir quand, autour d'exemples concrets, latins ou grecs, tous les participants parviennent à se retrouver et à partager, ou quand la musique chorale met tout le monde au diapason ; sous cet aspect, les ateliers se sont révélés très satisfaisants.

Est-il possible d'élargir le public de l'Academia Ragusina et d'augmenter la participation allophone ? Réunir davantage d'intervenants étrangers serait-il suffisant ? Faut-il admettre que l'Academia Ragusina soit et reste essentiellement croate, du moment qu'elle est reconnue comme formation continue des enseignants ?

Mai 2011
Christine Haller
 

Euroclassica

Conférence et assemblée générale d'Euroclassica
Paris, 25-27 août 2011

Vingt ans après sa création à Nîmes, Euroclassica était de retour en France. C'est en effet à Paris, au Lycée Jules-Ferry, que les organisatrices de ce congrès qui revenait à la CNARELA ont réuni en cette fin de mois d'août collègues français et étrangers, ainsi que les délégués des associations nationales membres d'Euroclassica.

Ont été présentés, outre les avancées du projet Reitermayer de Certificats européens pour le latin et pour le grec, d'intéressants ateliers français. Sans dénigrer les autres présentations, je citerai une réalisation intéressante d'un film de " promotion " des langues anciennes dû à des élèves bordelais d'option cinéma. La matinée s'est ensuite terminée sur un atelier intitulé " Musique et Antiquité " : il est difficile de rendre par écrit l'impression et l'émotion provoquées par la prestation d'un membre de la Compagnie théâtrale Démodokos spécialisée dans la restitution des rythmes métriques. Debout sur une table, usant ou non de la lyre, François Cam a chanté et frappé des passages de chœurs de tragédies qui donnent envie d'assister aux spectacles de Démodokos. Les TICE étaient également à l'honneur, je ne mentionnerai ici que le site de Musagora, appelé à se développer encore et à s'internationaliser musagora.education.fr . Il met à la disposition des étudiants et enseignants internautes une très riche documentation réunie et proposée par des spécialistes de nos disciplines.

La partie " hors les murs " du congrès a d'abord mené les participants sur les traces de Mazarin à l'Institut de France où ils ont eu le privilège de suivre une visite guidée. Le lendemain, ils se sont rendus au Louvre pour découvrir les salles d'art grec dans leur nouvelle disposition (non encore achevée) et finalement, le samedi, à Versailles où les jardins regorgent de statues d'inspiration mythologique dont certaines ont fixé dans le marbre des instants des Métamorphoses d'Ovide, thème de la visite. Cerise sur le gâteau, c'était un samedi de mise en eau des bosquets !

L'assemblée générale comportait les points habituellement mis à l'ordre du jour -on a ainsi appris que, dans certaines régions d'Europe, le pourcentage des élèves étudiant les langues anciennes est en augmentation. Une discussion assez longue a été consacrée aux épreuves de latin de la prochaine journée européenne des langues, officiellement le 26 septembre, mais ceux qui voudraient passer le test avec leurs élèves (après la première et la deuxième année de latin) ont la latitude de le faire jusqu'à Noël (renseignements auprès de la soussignée). La séance s'est terminée avec l'élection du comité pour les années 2011-2015. En interprétant quelque peu les statuts ont pu être désignés :
Président : José Luís Navarro (E)
Vice-présidente : Elena Ermolaeva (RU)
Secrétaire : Christine Haller (CH)
Assesseurs : Nijole Juchnevicene (LIT), Francisco Oliveira (P).

Neuchâtel, août 2011
Christine Haller
 

Rezensionen

Adrienne Mayor, Pontisches Gift. Die Legende von Mithridates, Roms grösstem Feind, aus dem Engl. übersetzt von Helmut Dierlamm und Norbert Juraschitz, 25 Abb., 5 Karten, Stuttgart (Konrad Theiss Verlag) 2011, 488 S., CHF 45.90 (€ 32), ISBN 978-3-8062-2428-3

Roms grösster Feind - War das nicht Hannibal? Zumindest nach der Lektüre dieses anregenden Buches ist man geneigt, der Behauptung im Titel zuzustimmen. Wie Hannibal wurde Mithridates VI. Eupator nie von den Römern gefangen genommen. Seine Überquerung des Kaukasus 65 v.Chr. übertraf nach einhelligem Urteil der Forschung Hannibals Alpenübergang. Zudem war er nicht nur Heerführer, sondern auch Machthaber, der es in den ersten zwei Jahrzehnten seiner Herrschaft fertig brachte, das Territorium von Pontos zu verdreifachen. Praktisch sein ganzes Leben lang bot der - abgesehen von den Herrschern der Parther - letzte noch unabhängige Monarch in der neuen römischen Welt, den Cicero für den grössten König seit Alexander hielt, den Römern die Stirn. Seine Herrschaft mit ihrer milden, durch griechische demokratische Traditionen beeinflusste Monarchie stellte eine echte Alternative zur drückenden, von egoistischem Profitstreben geprägten Provinzverwaltung der späten römischen Republik dar. Unter ihm wurde die Schwarzmeerregion zu einer zentralen Drehscheibe einer Handelsgemeinschaft, bei der alle, nicht zuletzt wegen seiner klugen Steuerpolitik, profitieren konnten. Dieser hochgebildete Mann und Förderer der Wissenschaften, der 22 Sprachen beherrschte, musste - wie ein mythischer Held - von Kind auf ums Überleben kämpfen. Er erwarb sich die sogenannte Arsentoleranz durch tägliche Einnahme einer winzigen Menge des Giftes, was - Ironie des Schicksals! - dazu führte, dass er sich nicht (wie Hannibal) durch Gift das Leben nehmen konnte. Er war der grösste Giftkenner und -anwender(!) seiner Zeit, ja wohl der Antike überhaupt und verfolgte zielstrebig, aber auch äusserst grausam - man denke nur an das Massaker an den Römern in Kleinasien 88 v.Chr., den ersten minutiös geplanten Genozid der Weltgeschichte - seinen Traum: die Vereinigung der grossen Kulturen der Griechen und des Ostens, um der unaufhaltsamen Ausweitung des Römischen Reiches Einhalt zu gebieten.

Dies alles schildert die Autorin, speziell an biologischer und chemischer Kriegführung in der Antike sowie Paläontologie bei den Griechen und Römern interessierte Historikerin an der Universität Stanford, mit einer an Herodot erinnernden Fabulierfreude. Sie umreisst unter Einbezug der populären Legenden die Lebensgeschichte eines ebenso faszinierenden wie abschreckenden Mannes, der in ähnlicher Weise wie sein mythisches Alter Ego Medea bis heute immer wieder in Kunst, Literatur und Musik zum Thema geworden ist. Mayors Ziel ist es, ein dreidimensionales, ganzheitliches Porträt von Mithridates und seiner Welt zu zeichnen und sein komplexes Erbe zu erklären. Ihre Methode beim Füllen von Lücken ist die wissenschaftliche Anwendung der Vorstellungskraft, einem Puzzle vergleichbar, dem einzelne Teile fehlen. Dabei wagt sie den Versuch, nicht den römischen Standpunkt einzunehmen und eine Zeit ins Gedächtnis zu rufen, in welcher der Osten noch nicht vom gewaltigen Apparat des Römischen Reiches beherrscht war. Sehr nützlich ist die originell kommentierte Aufzählung der wichtigsten Personen sowie der chronologische Abriss (von 486 bis 47 v.Chr.). Im insgesamt soliden Anmerkungsteil wünscht man sich ab und zu genauere Angaben; z.B. fehlt in A. 10 S. 435 der Beleg für das Cicerozitat; A. 47 S. 440: Was soll man mit Lukrez, De rerum natura 4 anfangen? A. 3 S. 449: Gellius 16 bringt nichts (richtig Gellius 17,16). Erfreulich ist die geringe Zahl von Druckfehlern, z.B. S. 52: 192 v.Chr. (nicht n.Chr.); S. 278: Thermophylen - geradezu ein Klassiker unter den Druckfehlern! S. 377: Machades für Machares.

Ein lesenswertes Buch, das einen fundierten Blick in eine wohl wenig bekannte Welt ermöglicht!

Beno Meier

John R. Clarke, Roma antiqua. Von Händlern, Hebammen und anderen Helden, aus dem Englischen von Jörg Fündling, Sprecher: Kerstin Hoffmann und Michael Hametner, Regie: Thorsten Reich, Auditorium maximum - der Hörbuchverlag der WBG, Darmstadt 2010, 70:54 Minuten. CHF 22.90 (WBG-Preis 9.00 €), ISBN 978-3-534-60103-5

Das vorliegende Hörbuch erzählt vierzehn Episoden aus der römischen Alltagswelt, meist angesiedelt in Rom, Ostia oder Pompeji. Sie tragen Titel wie z.B. "Das Kleidergeschäft des Verecundus und der Lollia" (Nr. 4), "Die Taverne des Salvius" (Nr. 9), "Das Diner der Vettius-Brüder" (Nr. 11) oder "Mulvia Priscas Sohn" (Nr. 14). Ausgangspunkt jeder dieser Alltagsgeschichten bilden archäologische oder epigraphische Zeugnisse und deren Fundkontext: das Haus der Vettier in Pompeji mit der "Bestrafung des Ixion" an der Ostwand des Trikliniums oder das Grabmal des früh verstorbenen Aedils C. Vestorius Priscus an der Porta Vesuvio. Erzählt wird immer aus der Sicht eines Zeitgenossen: So begleiten wir Mulvia Prisca zum Grab ihres Sohnes und betrachten durch ihre Augen die berührenden Wandmalereien im Innern des Grabes. Oder wir folgen einem ehemaligen Auxiliarsoldaten und dessen Familie auf das gerade eröffnete Trajansforum, wo die Reliefs auf der berühmten Säule ihn an seine Dienstzeit erinnern. Schliesslich hat er beide Dakerkriege mitgemacht und als Lohn das römische Bürgerrecht bekommen (Nr. 3 "Ein verewigtes Soldatenleben").

Bei der Audio-CD handelt es sich um eine Hörfassung des gleichnamigen Buches von John R. Clarke, das 2009 ebenfalls bei der WBG erschienen ist (ISBN 978-3-89678-811-5). Dieses sollte zu Unterrichtszwecken unbedingt mitangeschafft werden, bietet es doch Lehrern und Schülern sowohl weitere, auf der CD nicht gelesene Alltagsgeschichten als auch viele nützliche Erklärungen und Hinweise. Vor allem aber zeigt es die Fundorte und -objekte im Bild, denn eine rein 'auditive Betrachtung' archäologischer Zeugnisse hat naturgemäss doch ihre Grenzen. Bei den Fotographien handelt es sich zum Teil um neue Aufnahmen (von Michael Larvey), was das Buch zu einem prächtigen Bildband macht, dessen Erwerb sich nicht zuletzt deshalb lohnt!

Clarkes Erzähltexte stellen - trotz beigefügter fiktiver Elemente - behutsame und fundierte Interpretationen bekannter und weniger bekannter Antikenfunde dar. Und ganz nebenbei vermitteln sie in ihrer Gesamtheit auch ein lebendiges Bild der römischen Gesellschaft während der Kaiserzeit. So treffen wir immer wieder auf Freigelassene, die Geschäftsfilialen ihrer ehemaligen Herren übernehmen konnten und nun ihrerseits versuchen, ein kleines 'Imperium' aufzubauen. Zum sozialen Aufstieg gehört nebst wirtschaftlichem Erfolg dann auch die Uebernahme öffentlicher Aemter, wie das der Freigelassene Publius Clodius anstrebte: " ... er hatte ... genug gespart, um seine eigene Bäckerei in der Gegend zu eröffnen und seinen politischen Einfluss zu erhöhen, indem er ab und zu umsonst Brot an die Bürger seines Bezirks verteilte. Wenn er sich sein ganzes Geld ansah, seinen neuen Status als Freigelassener und die Sympathie in seinem Bezirk, hatte er absolut erwartet, ein Bezirksvorsteher zu werden, aber selbst so machte er einen Freudensprung, als der Beauftragte des Kaisers ihn einlud, das Ehrenamt anzunehmen" (Nr. 2 "Der Altar der Bezirksvorsteher").

Fazit: Ein lesens- und hörenswertes 'Paket' aus Bildband und Audio-CD. Vom gleichen Autor erschien 2009 übrigens auch "Ars Erotica. Sexualität und ihre Bilder im antiken Rom" (besprochen von Martin Müller im Bulletin vom April 2010).

Thomas Schär

Claudia Knubben, Römerstraße Neckar-Alb-Aare, Lindenberg (Kunstverlag Josef Fink) 2010, 56 S., Format 19x13.5 cm, reich illustriert, € 5.50/CHF 8.50, ISBN 978-3-89870-646-9 (Erhältlich z.B. beim Vindonissa-Museum in Brugg.)

Claudia Knubbens handlicher Führer erschliesst das virtuelle Freilichtmuseum "Römerstrasse Neckar-Alb-Aare". Es umfasst Orte, wo das bauliche Erbe aus römischer Zeit gepflegt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Entlang der touristischen "Römerstrasse" werden Interessierte von Köngen/Grinario bei Stuttgart grenzüberschreitend bis Windisch/Vindonissa oder bis Eschenz/Tasgetium an insgesamt fünfundzwanzig Fundorte geführt.

Die Strasse folgt vor allem im nördlichen und südwestlichen Teil der alten römischen Verbindung Vindonissa-Grinario gemäss Tabula Peutingeriana. Zwischen Rottenburg/Samulocenna und Rottweil/Arae Flaviae schlägt sie Haken, hier zu einer Villa rustica, dort zu einem Kastell auf der Alb oder zu einem Heiligtum. Ab Arae Flaviae führt ein südöstlicher Zweig bis Stein am Rhein und Eschenz/Tasgetium. Dem entsprechen im Führer die drei "Teilstrecken": Neckar-Alb, Neckar-Aare und Neckar-Hochrhein (besser: Alb-Aare, Alb-Hochrhein).

Die bisherige Website www.roemerstrasse.net und dieser gedruckte Exkursionsführer ergänzen sich gegenseitig. Nach Übersichtskärtchen, Inhaltsverzeichnis und Einleitung wird - dem Strassenverlauf folgend - in lebendigem Stil eine Fülle von ausgewählten Informationen und Abbildungen zu den einzelnen Fundstätten geboten, ungefähr auf einer Seite pro Ort. Als Schweizer Fundstätten werden zusätzlich zu den Endpunkten auch Schleitheim/Iuliomagus und Bad Zurzach/Tenedo vorgestellt.

Der Vertiefung dienen sechs eingestreute Rahmen zu Themen wie "Essen und Trinken", "Römische Strassen", "Luftbildarchäologie" sowie der Anhang ab S. 47, den eine Zeittafel von 58 v.Chr. bis 406/407 n.Chr. und sechs Seiten mit nützlichen Adressen zu den Fundstätten, diesmal in alphabetischer Reihenfolge, eröffnen. Zu Brugg/Windisch beispielsweise findet man: Vindonissa-Museum, Legionärspfad und Service Center Brugg Regio, je mit Postadresse, Telefonnummer, URL, E-Mail-Adresse, Öffnungszeiten bis zu besonderen Attraktionen und Rollstuhlgängigkeit. In einer weiteren Spalte sind "Lateinische Begriffe" von Aedicula bis Villa rustica erklärt. Vier Titel "Weiterführende Literatur" - darunter "Die Römer in der Schweiz" von W.Drack/R.Fellmann - und ein "Abbildungsnachweis" runden den Exkursionsführer ab.

Für eine nächste Auflage sei der Wunsch erlaubt, dass auch das alphabetische Kontaktadressen-Verzeichnis jeweils auf die Seite verweist, auf welcher der Ort vorgestellt wird.

Persönliche Anregung für Fundorte der Nordschweiz. Die Übersichtskarte macht eine Lücke in der "Römerstrasse" zwischen den beiden südlichen Endpunkten Vindonissa und Tasgetium deutlich. Würden Ad fines/Pfyn, Vitodurum/Oberwinterthur, das Kastell Irgenhausen, die Gutshöfe Seeb und Buchs ZH sowie Aquae/Baden dem Verein "Römerstrasse" beitreten, ergäbe sich im Südteil ein attraktiver Rundkurs. Wer ergreift die Initiative?

Hans Hauri-Karrer

Glücklich ist dieser Ort! 1000 Graffiti aus Pompeji, Lat./Dt., Hrsg. und übers. von Vincent Hunink, Ditzingen (Philipp Reclam Junior) 2011 (RUB 18842), 375 S., 131 Abb., Kart., CHF 17.50, € 10.80, ISBN 9783150188422

Die frisch aus dem vollen Leben gekritzelten Graffiti aus dem schlagartig untergegangenen Pompeji sind anhand weniger Beispiele allgemein bekannt, doch ahnt man kaum, welche Materialfülle zum Vorschein gekommen, unterdessen aber vielfach, wie vieles in Pompeji, dem Zahn der Zeit wieder zum Opfer gefallen ist und wie sich mit der Entdeckung die Vergänglichkeit der leichtvergänglichen Originale beschleunigt hat. Glücklicherweise liegt die seinerzeit mustergültige Edition im Rahmen des Corpus Inscriptionum Latinarum vor, durch die auch die Verluste dokumentiert sind (Band IV, Zangemeister, Inscriptiones parietariae Pompeianae, 1871; Supplement: Kruschwitz, 1968). Der in Nijmegen lehrende Spezialist Hunink hat daraus und aus weiteren Publikationen eine stattliche Auswahl von insgesamt 1018 Objekten getroffen, rund ein Zehntel des Gesamtbestands an Graffiti und (aufgemalten) Dipinti, und sie mit Sorgfalt und Witz übersetzt, wenn nötig kurz kommentiert (in Überarbeitung seiner 2007 erschienenen niederländischen Ausgabe) und mit genauer Angabe von Standort oder Fundort versehen. Dies ist denn auch das Ordnungsprinzip der Edition, so dass das Büchlein wenigstens virtuell als Führer von Insula zu Insula und von Haus zu Haus dienen kann - die reellen Türen dürften ja selten offenstehen. Da die Anthologie fast ganz auf die persönliche Thematik ausgerichtet ist, mag man. die hundertfach vorkommenden politischen Slogans und geschäftlichen Notizen vermissen, die kaum berücksichtigt sind. Daher dominieren die emotionalen Stimmen, Sorgen, Freuden, Wünsche, Ärgernisse, Bedürfnisse, Gelüste, Drohungen, scherzhafte und andere, und Prahlereien der kleinen Leute, die sich nicht ungern als Trinker, Raufbolde, Grobiane, Machos oder Päderasten inszenieren oder sinnloses Zeug hinschreiben (retotatototato). Da gibt es neben reinen Schreibübungen (Alphabete) mehr oder weniger gelungene Versversuche ("mi[n]ximus in lecto...", "dices" dann mit falscher Prosodie) und nicht allzuviel, aber doch ein wenig höhere Bildung: sporadisch werden Ennius, Horaz, Lukrez, Properz, Vergil, Ovid und gar Seneca zitiert. Ein geflügeltes Wort scheint der Vers Aeneis 2,1 gewesen zu sein, auf den häufig nur mit contiq oder conti angespielt wird, wohl im Sinn von "Halt die Klappe und hör zu". Mehrere lehrreiche Aspekte des volkssprachlichen Substrats sind an dieser Ausgabe noch hervorzuheben: Die vielen Abbildungen illustrieren die als Alltagsschrift gebräuchliche römische Kursive, die Schriftzeugnisse informieren über die saloppe Alltagssprache (va für vale), über die Freiheiten oder ganz einfach Fehlerhaftigkeit der Orthographie und gleichzeitig über den Stand der Phonetik und über weit vorausgreifende Entwicklungen der Grammatik. So findet man nebeneinander die Schreibweisen ae/e, ei für langes i, p für ph, u für o, cuscus für quisquis (legasthenisch?), Wegfall von n und m (nasal: Popei), besonders von auslautendem -m im Akkusativ, te für tibi ("berlinerisch"), volkssprachliches o für au (Olus für Aulus; man erinnere sich an die lange als Spottnamen missdeutete Grabschrift von Olus und Fuscinus in Augst). Die Register lassen keinen Wunsch offen: Listen der nichtklassischen Formen (mit allen, auch orthographischen Abweichungen), sämtlicher Eigennamen, der Dichterzitate und der metrischen Texte, eine Konkordanz der Ausgabe mit den CIL-Nummern, Literaturhinweise, ein Stadtplan von Pompeji, mit dem die Standorte der Inschriften lokalisiert werden können. Alles in allem ein erfreuliches Bändchen, das uns die Frische und Unmittelbarkeit der unmonumentalen Dokumente nahebringt. Die vielen Kneipen-, Latrinen- und Bordellkritzeleien mit ihrem einschlägigen Rotlichtvokabular lassen es allerdings ratsam erscheinen, die Graffiti dosiert im Unterricht einzusetzen.

Bruno W. Häuptli

Marco Tullio Cicerone, Ortensio. Testo critico, introduzione, versione e commento a cura di Alberto Grilli, Bologna (Pàtron editore) 2010, XI + 272 pp., € 24.00, ISBN 978-88-555-3086-6

Il volume è la riedizione di M. Tulli Ciceronis Hortensius, Milano-Varese 1962, che Alberto Grilli ha rimeditato, accresciuto, corredato d'una traduzione a fronte e d'un Profilo (pp. 123-260); quest'ultimo è un commento continuato, complemento indispensabile alle note al testo. Allo scopo, il filologo milanese ha ampiamente discusso i lavori successivi alla sua prima edizione, in particolare quelli di Olof Gigon e della nostra collega Laila Straume-Zimmermann. Grilli, basandosi su Cic. div. 2,1,1-3, ravvisava nell'Hortensius lo scritto d'apertura d'un programma d'opere d'argomento filosofico, delineato secondo la διαίρεσις ἠθικοῦ τόπον del suo maestro Filone di Larissa (fr. 25 Wisniewski), ma concepite "in un'ottica politica di riforma della formazione etica del cittadino romano" (p. 127) al tempo della dittatura di Cesare (su questo problema, centrale nel pensiero di Grilli su Cicerone 'filosofo', rinvio a M. Tullio Cicerone, Tuscolane. Libro II, a cura di A.G., Brescia 1987, pp. 10-29). In tale prospettiva, è logico che Cicerone non si sia limitato a tradurre in latino il Protrettico di Aristotele, ma abbia concepito un dialogo nuovo, arricchito con gli apporti offerti dalle più moderne filosofie ellenistiche.

Grilli propone una sua ricostruzione dell'opera ciceroniana, che suddivide in una cornice, in una pars destruens e in una pars construens. La cornice comprende i fr. 1-23, con l'incontro in una villa di Lucullo sul golfo di Napoli fra quattro senatori: lo stesso Lucullo, Catulo, Ortensio e Cicerone. Catulo prende lo spunto dai tesori d'arte della villa per un elogio della poesia, che pone al di sopra delle arti figurative. Lucullo vi contrappone la superiorità della storia, Ortensio dell'oratoria, Catulo della filosofia. A questo punto inizia la pars destruens (fr. 24-53): riprende la parola Ortensio, che, legato al concetto tradizionale romano, tutto politico, di sapientia, sostiene l'inconsistenza della filosofia mettendo sotto accusa la dialettica e insistendo sulla discordanza fra le scuole filosofiche e persino fra filosofi appartenenti alla stessa scuola. Cicerone riserva a sé stesso la pars construens (fr. 54-115), dove propone il vero e proprio protrettico, innestando sul modello aristotelico spunti dottrinali accademici e mediostoici (paneziani). Il suo atteggiamento di fondo, accademico-scettico, emerge quando sostiene che la investiganda veritas o inquisitio veritatis basti al conseguimento della felicità, senza bisogno di una impossibile inventio veritatis (fr. 106-109).

E soltanto inquisitio veritatis è, secondo Grilli, la sua stessa ricerca sull'Hortensius (p. 259), con la scelta, l'ordinamento e l'interpretazione dei frammenti che propone. Perciò il volume dovrebbe essere discusso a fondo e minutamente. Non potendolo fare qui, mi limito ad aggiungere che il dattiloscritto era sostanzialmente pronto per la composizione, ma non ancora ripulito, corredato da una bibliografia ordinata e dagli indici quando Grilli si spense, vinto da un'insufficienza polmonare che da tempo lo costringeva in casa. Era il 20 maggio 2007. La pubblicazione, postuma di tre anni, è dovuta all'encomiabile impegno di figlie ed allievi.

Giancarlo Reggi

Christoph Ulf, Robert Rollinger (Hrsg.), Lag Troia in Kilikien? Der aktuelle Streit um Homers Ilias, Darmstadt (WBG) 2011, 448 S., CHF 71.00, ISBN 978-3-534-23208-6

Dieser Sammelband ist als Reaktion auf die heftigen Diskussionen zu verstehen, die nicht nur in akademischen Gefilden, sondern auch in einer breiteren Öffentlichkeit über die Thesen des Schriftstellers, Poeten und Komparatisten Raoul Schrott geführt wurden (R. Schrott, Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe, München 2008). Der Dichter der Ilias habe als griechischer Schreiber im assyrischen Kulturraum gelebt, genauer in Kilikien in der Gegend um Karatepe, und habe die bekannten Geschichten um Troia mit eindeutigen topographischen und anderen Bezügen auf Kilikien aktualisiert, so Schrotts Hauptthese in nuce. Der Sammelband basiert auf den Beiträgen der wissenschaftlichen Tagung "Homer - Troia - Kilikien. Symposion über die Thesen von Raoul Schrott.", die vom 13.-15. Nov. 2008 in Innsbruck stattfand.

Der Band berührt nicht nur die der "herkömmlichen" Klassischen Philologie problemlos zugänglichen und vertrauten Bereiche, sondern auch Hethiter, Assyrer, Ägypten und Zypern. Die Vielfalt der Perspektiven ist dabei einerseits Faszinosum, andererseits Problem: es wird kaum jemandem möglich sein, sämtlichen Beiträgen bis ins letzte Detail zu folgen. Als gewöhnliche Latinisten und Gräzisten dürften wir beispielsweise bei Detailproblemen der Namensdarstellung in assyrischer Keilschrift, in Hieroglyphen sowie in Linear B doch nahezu alle die weisse Fahne schwenken.

Die Beiträge sind in folgende Hauptabschnitte gegliedert: Naturräumliche Gegebenheiten und der Text; das historisch-politische Umfeld; Etymologie: Methoden und Beispiele; der Text als Dichtung; die Ilias und der Orient (unter anderem mit einem Beitrag von Walter Burkert, der ja dieses Jahr 80 Jahre alt wurde); das wissenschaftsgeschichtlich-ideologische Umfeld. So wird das ganze Spannungsfeld Homer (bzw. "Dichter der Ilias") - Griechenland - Orient von den verschiedensten Standpunkten beleuchtet. Eine direkte Auseinandersetzung mit Schrotts Thesen und vor allen Dingen seiner zweifelhaften Methodik findet jedoch nur in einzelnen Beiträgen statt, vor allem in jenen von Hajnal (241ff.) und Steiner (265ff.), wo klar dargelegt wird, dass Schrotts Methodik im Bereich der Personen- und Ortsnamen einer kritischen Überprüfung nicht standhält: rein zufällige Übereinstimmungen von anatolischen und griechischen Personen- und Ortsnamen in positivistischem Sinne zu deuten, auch wenn sie hinsichtlich der lautlichen Entwicklung auf abenteuerlichste Pfade führen, lehnen beide klar ab. Lautgesetzlich schwer zu erklärende Wandel als solche sind dabei nicht das Problem, wenn klar erwiesen ist, dass es sich um den gleichen Menschen oder Ort handelt (es wird unter anderem das Beispiel Konstantinopel - Istanbul genannt), aber das ist bei den Beispielen, die aus Schrott und methodisch verwandten Arbeiten zitiert werden, gerade nicht der Fall. Man hat ja solche auf wackligen Füssen stehenden Namens- und Ortsgleichungen schon seit Anbeginn der Altertumsforschung hergestellt, Schrott ist damit beileibe nicht der erste.

Wichtig ist auch Koflers Beitrag (311ff.), worin aufgezeigt wird, dass ein weiterer Bestandteil von Schrotts Methodik nicht funktionieren kann, nämlich das Herausgreifen von übereinstimmenden Motiven oder Bildern (z.B. der Vergleich von Ilias und Gilgamesch-Epos), woraus er glaubt, ohne weiteres eine direkte Beeinflussung "beweisen" zu können. Kofler äussert sich denn auch einigermassen erstaunt darüber, dass dem Literaten Schrott der Begriff des "literarischen Motivs" und seine Funktion bzw. Überlieferungsmechanismen unbekannt scheinen. Auch das stetige Zurückführen der dichterischen Motive auf das unmittelbare Umfeld des Dichters kann im Weiteren mit folgendem Gedankenspiel ad absurdum geführt werden: das zitierte Löwengleichnis (Ilias 12.41-49) kommt ja variiert auch in Vergils Aeneis vor (aen. 9.791-800). Wäre nun zufälligerweise der zugrundeliegende Homertext nicht auf uns gekommen, müssten wir mit Schrotts Logik nun postulieren, dass auch Vergil zwingend in einer Gegend mit vielen Löwen, womöglich gar in Kilikien gelebt habe!

Alles in allem ist der Band ein eminent wichtiger und vor allem fundierter Beitrag zur aktuellen Homer-Diskussion. Schade nur die zahlreichen Kommafehler (einmal mehr bei einer WBG-Ausgabe, wobei wenigstens die Orthographie- und Grammatikfehler diesmal etwas reduziert sind).

Beat Hüppin

Manfred Kienpointner, Latein-Deutsch kontrastiv. Vom Phonem zum Text, Tübingen (Julius Gross Verlag) 2010 (Reihe: Deutsch im Kontrast, Bd. 23, hrsg. von Horst Schwinn und Klaus Vorderwülbecke, Institut für Deutsche Sprache Mannheim), 409 S. ISBN 978-3-87276-869-8

Das Ziel dieser Reihe ist der synchronische Sprachvergleich des Deutschen mit anderen - bisher nur lebenden - Sprachen. Band 23 stellt - laut Verlag - "erstmals eine umfassende kontrastive Grammatik Latein-Deutsch auf dem Stand der modernen linguistischen Forschung" vor. Manfred Kienpointner, Jg. 1949, von Hause aus Altphilologe, ist Professor für Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft an der Universität Innsbruck. Er versteht sein Buch
1. als "knappes, aber doch einigermassen repräsentatives Kompendium"(S.7) von Kontrasten zwischen Latein und Deutsch für Lateinlehrende an Schule und Universität,
2. als "hilfreiche Systematik" ... "für die in der einschlägigen kontrastiven und typologischen Forschung Tätigen" (S.7),
3. als "kurzgefasste Einführung in die moderne Linguistik", die "keine sprachwissenschaftlichen Vorkenntnisse" (S.13) voraussetzt.

Der Spagat ist gross, und von 'kurzgefasst' und 'knapp' kann bei 409 Seiten nicht die Rede sein: Das Buch präsentiert sich als anspruchsvolle wissenschaftlichen Abhandlung und orientiert sich am Anspruch der Fachleute der latinistischen und germanistischen Linguistik (18 Seiten Bibliographie). Als Einführung ist es nicht sehr benutzerfreundlich: Die einschlägigen Begriffe werden zwar beim ersten Auftreten definiert und den traditionellen lateinischen Termini gegenübergestellt, die Definitionen lassen sich aber im Stichwortverzeichnis nicht ohne weiteres finden. Ein vergleichendes Glossarium würde die Orientierung erleichtern. Und, um auch diesen Kritikpunkt vorwegzunehmen: Ein grundsätzliches Problem ergibt sich bei den vielen Tabellen, die die Kontraste veranschaulichen sollen; sie sind nicht selbsterklärend, sondern verlangen die gründliche Lektüre einer meist grossen Textmenge.

Zukunftsweisend für den fächerübergreifenden Unterricht und die Öffnung des Lateins hin zu den modernen Fremdsprachen sind die "minimalen kontrastiven Ausblicke auf das Englische und Französische" (S.7), immer wieder auch auf andere Fremdsprachen (Türkisch z.B.) in jedem Kapitel.
Sie sind gut verständlich und zeigen, dass für den Schulgebrauch weniger oft mehr ist.

Kienpointner wählt die traditionelle Reihenfolge: Phonetik / Phonologie, Morphologie, Satzsyntax, Textgrammatik. Er trennt also gegen die moderne Textlinguistik, die den Text bzw. den Dialog als Einheit zu Grunde legt, für die Gegenüberstellung Latein vs. Deutsch sicher zu Recht die Satzsyntax von der Textgrammatik. Die theoretische Grundlage des syntaktischen Teils bildet die Dependenzgrammatik, die ja auch in die modernen Lateinlehrbücher Eingang gefunden hat; daneben werden funktionale Ansätze berücksichtigt. Den generellen Hintergrund liefert die Sprachtheorie von Eugenio Coseriu.

Ausgangspunkt ist das klassische Latein: "Den grammatischen Konstruktionen bei Prosa-Autoren des 1. Jh. v. Chr. (v.a. Caesar, Cicero, Livius, Sallust, Nepos) werden jeweils die (sinn-)äquivalenten Entsprechungen im Gegenwartsdeutschen gegenübergestellt". (S.13) Die Beispiele sind kurz und aussagekräftig und im fortlaufenden Text gut dokumentiert, lassen sich aber ohne Register schwer gezielt suchen.
In der Phonetik hält sich der Verfasser für die Rekonstruktion der Aussprache an die Aussprachekonventionen des klassischen Latein ("pronuntiatio restituta" s. S.28). Die Phonologie wartet u.a. mit vielen kontrastiven Darstellungen und Statistiken über "Lautkombinationen und Silbenstruktur" (S.43 ff) auf, die belegen, dass im Lateinischen im Wortauslaut wesentlich mehr offene Silben sowie viel mehr unterschiedliche Vokale stehen können. Auf der morphologischen Ebene ermöglicht das weitaus mehr Allomorphe als im Deutschen, die Grundbedingung für die "so klare Abgrenzung der einzelnen Konstituenten des Satzes" (S. 379). Und auf der Textebene heisst das, dass "für Zwecke der Informationsverteilung, stilistischen Hervorhebung und ästhetischen Anordnung ... ungleich mehr Varianten der Wortstellung" (ibid.) existieren als im Deutschen, das somit "weit hinter der linearen Flexibilität des Lateinischen" (ibid.) zurückbleibt. Dies als Beispiel für den synchronen Vergleich auf allen sprachlichen Ebenen, der das Buch auszeichnet. Auch zu dem von Th. Wirth im letzten Bulletin angemahnten Thema Aspekt findet sich Material auf der morphologischen und auf der Text-Ebene unter "Tempusverteilung in lateinischen und deutschen Texten" (S.354). Darin rücken auch Topik und Fokus ins Blickfeld und im Abschnitt Wortstellung (S.359 ff.) die Thema-Rhema-Abfolge.

Die kontrastive Morphologie (73 Seiten) vergleicht mit vielen Textbeispielen die "einzelsprachliche Modellierung eines Geschehens" durch Kasus, Genus und Numerus, Tempus, Modus, Diathese.
Auch die linguistische Kritik an dem an den klassischen Sprachen entwickelten Wortarten-Katalog lässt über den altsprachlichen Tellerrand hinausblicken.
Die kontrastive Syntax (86 Seiten), eingeleitet durch grundsätzliche Überlegungen zum Begriff "Satz" ("Sätze sind potenziell selbständige Äusserungen, die eine Illokution (Redeabsicht) zum Ausdruck bringen, d.h. Äusserungen, die produziert werden, um einem kommunikativen Zweck zu dienen." S.134), reich bestückt mit Satzmodellen, Satztypen und Satzbäumen, ausserordentlich anregenden Definitionen von Bezeichnungsrollen (S.227 ff.) und den entsprechenden semantischen Rollen (S.230ff), durchleuchtet die zahlreichen satzwertigen infiniten Konstruktionen, die - im Unterschied zum Deutschen - "die implizite Kodierung des semantischen Bezugs zum übergeordneten Prädikat" (S.378) erlauben.
Die kontrastive Textgrammatik (58 Seiten) schliesslich stellt "die einzelsprachlich oft sehr unterschiedlichen textgrammatischen Verfahren" (S.134) systematisch zusammen.

Kienpointners grundlegendes Werk ist eine Pioniertat: Er arbeitet die Literatur auf, führt eine Fülle von Einzelanalysen sorgsam zusammen, kommentiert und systematisiert mit viel Liebe zum Détail - eine Fundgrube für den Sprachunterricht (Wie spiegelt sich die aussersprachliche Wirklichkeit in der Einzelsprache?), die durch den Verlag dringend besser erschlossen gehört.
Das Fazit "aus der Vogelperspektive" (S.377 ff) wird auch Lehrkräfte 'alter Schule' überzeugen: 1. Die Kürze des Lateins (die linguistischen Faktoren) 2. Seine Implizitheit (s.o.) 3. Die lineare Flexibilität (s.o.). Und so möge es der angewandten Linguistik gelingen, "präventiv gravierende Fehlerquellen ... aufzuzeigen sowie im Sprachunterricht zur Sprachreflexion und zur Hinterfragung eines naiven muttersprachlichen Sprachrealismus anzuregen" (S.276)!

Walburg Dick

Jochen Johrendt, Romedio Schmitz-Esser (Hrsg.), Rom - Nabel der Welt; Macht, Glaube, Kultur von der Antike bis heute, Darmstadt (WBG) 2010, 224 S., CHF 41.90

Dieses aus elf chronologisch angeordneten Einzelbeiträgen bestehende Buch basiert im wesentlichen auf einer 2009 am Historischen Seminar der Universität München gehaltenen Vortragsreihe (von der allerdings die kunsthistorischen Beiträge fehlen). Den Kernpunkt bildet die Frage, wie die Rolle Roms im Verlauf der Geschichte in Bezug auf die übrige Welt zu werten ist; untersucht wird dabei der ganze Zeitraum von der Antike bis zur Gegenwart. Nicht die Geschichte der Stadt selbst steht dabei im Vordergrund, sondern die Wechselwirkung der urbs und des orbis in geistig-religiöser, politisch-administrativer und künstlerischer Hinsicht, wobei wichtige Ereignisse in Rom naturgemäß nicht ausgeklammert werden können.

Um dem an Geschichte interessierten breiten Publikum gerecht zu werden, fehlt ein Anmerkungsapparat, hingegen finden sich nach jedem Einzelbeitrag weiterführende Literatur- und Quellenangaben, ganz am Schluß ein sehr nützliches Namens- und Ortsverzeichnis.

Der erste Aufsatz befaßt sich mit der Entstehung bzw. Entstehungsumständen von Gismondis berühmter Rekonstruktion Roms zur Zeit Konstantins (die sich heute im Museo della Cività Romana befindet) und erläutert die interessanten Hintergründe ihrer Absicht, Idealisierung usw. Daneben wird auch Roms Aussehen in seiner Entwicklung im Vergleich mit anderen beeindruckenden Städten untersucht. Optimal werden des weiteren Unterschiede der republikanischen und kaiserlichen Epoche sowie die Bevölkerungsstruktur erklärt.

Die folgenden beiden Beiträge befassen sich mit der Bedeutung Roms als Ort des Glaubens (einem Thema, das auch in der Mehrheit der weiteren Artikel eine wichtige Rolle spielen wird), beginnend mit dem Bilderstreit seit dem achten Jahrhundert. Anschließend geht es um die Auseinandersetzung darüber, welche Rolle Rom in Konkurrenz insbesondere mit dem Frankenreich bei der Bewahrung der richtigen Glaubenslehre spielte (oder spielen wollte). Der nächste Autor erläutert die gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse des Papst- und Kaisertums während der Ottonenzeit. Weiter geht es um die Entstehung der römischen Kommune im zwölften Jahrhundert (der Zeit des Schismas) und ihren Einfluß, ihre Abhängigkeit von geistlichen und weltlichen Mächten und die Konflikte, die sich ergaben, als gegen den Willen des Papstes sogar eine Senatsgründung vollzogen wurde, deren Bedeutung allerdings mit gutem Grund genauer untersucht wird.

Ferner werden die Gründe für die Einführung des Heiligen Jahres dargelegt, deren Anfänge auffallend mit den neuzeitlichen kontrastieren, war doch die damals nicht unumstrittene Einführung im Jahr 1300 bezeichnenderweise nicht vom Papst ausgegangen, der sich eher einer Entwicklung fügen mußte, die er kaum aufhalten konnte. Daß sich das erste Jubeljahr (ausdrücklich annus iubilaeus, nicht sanctus) ausschließlich auf die Peterskirche begrenzt war und die konkurrenzierende Laterankirche sowie weitere erst später einbezogen wurde, zeigt, daß auch lokale Interessen, nicht zuletzt ökonomische, sowie Konflikte einzelner Interessengruppen eine wesentliche Rolle spielten. Nun schließt sich das Verhältnis der Päpste zur Stadt Rom an; erklärt wird, wie sich die An- bzw. Abwesenheit der Päpste auf die Bautätigkeit auswirkte und sich somit einschneidende Veränderung von Roms Aussehens ergaben. Ein Kapitel über die Renaissancezeit behandelt die Bedeutung der Hochschulen, deren Erforschung allerdings aufgrund der spärlichen Quellenlage schwierig ist; dann folgt das komplizierte Verhältnis der Kaisers und des Papstes bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Sehr interessant ist auch die Rolle Roms, die es im 19. Jahrhundert für die Musik insbesondere durch den Aufenthalt von Franz Liszt und seinem Umfeld gewann und schließlich die weitgehend unbeachtete Tatsache, daß das heutige Aussehen des antiken Roms zu einem wesentlichen Teil auf die gewaltigen Umgestaltungen durch Mussolini zur Zeit der faschistischen Diktatur zurückgeht.

Die teils komplexen historischen Einzelheiten werden dabei stets auf übersichtliche und gut verständliche Weise dargelegt, ohne daß sich die Autoren in den Details verlieren. Gutes Bildmaterial ergänzt die sehr lesenswerten Beiträge ideal.

Den Schluß bildet ein Beitrag über die negativen Punkte in Rombeschreibungen, die sich als Motiv seit Juvenal bis in die Neuzeit hinziehen; damit spannt sich nochmals ein Bogen von der Antike bis zur Gegenwart.

Iwan Durrer

The Classical Tradition (hg. v. Anthony Grafton, Glenn W. Most, Salvatore Settis), Cambridge, Mass. (The Belknap Press of Harvard University Press) 2010, $29.52 bei amazon.com, ISBN-978-0-674-03572-0

Man könnte, wenn man wollte, die Klassische Philologie mit einer konfessionellen Matrix untersuchen. Heraus käme wohl der Befund, dass sie eher als protestantisch denn als katholisch zu bezeichnen wäre. Die Tradition spielt eine eher nebensächliche Rolle, vielmehr wird das Ideal eines Urtextes zelebriert und alles was zwischen ihn, als die sola scriptura, und uns kommen könnte, als störend empfunden. Das hat zur Folge, dass es zwar ein Leichtes ist, sich über, sagen wir, Augustus zu informieren, aber seine posthume Wirkungsgeschichte zu verfolgen äusserst mühselig ist. Meist müssen verschiedenste Studien und disparate Ausschnitte zusammengesucht werden. Auch die Bände des Neuen Pauly zur Rezeptionsgeschichte haben dem nicht gänzlich abgeholfen. Umso erfreulicher daher, dass es jetzt für eine Handvoll Dollar ein dickleibiges, grossformatiges Lexikon zur Tradition der Antike gibt, auch wenn sich dieses aus Bescheidenheit nur als "Führer" zu derselben ausgibt (S. VII). Erklärtes Ziel ist einerseits die überwindung des pedantischen Geistes früherer Altertumsforschung, die von dem aus, was sie als historische Wahrheit erkannt zu haben glaubte, frühere Rezeptionen der Antike unbarmherzig rügte. Andererseits wollen die Herausgeber auch die Ergebnisse der Altertumswissenschaften und der Forschungen zur Rezeption der Antike einem interessierten Laienpublikum vermitteln. Diesen Ansprüchen wird das Buch gerecht. Unter den Lemmata von "Academy" bis "Zoology" finden sich durchgängig leicht lesbare, narrativ gehaltene Artikel, die mit angelsächsischer Leichtigkeit durch ihr Thema führen. Die "Klassische Tradition" wird dabei ebenso von der Antike wie von den Nachgeborenen her erschlossen, indem sowohl "Dionysus" wie "Nietzsche" als Stichwortgeber fungieren. äusserst erfreulich ist am eklektischen Ansatz ist die daraus resultierende Vermengung von sonst oft säuberlich getrennten Gebieten wie Literatur, Naturwissenschaften, Kunst- und Wissenschaftsgeschichte. Es versteht sich von selbst, dass in einem so ansprechenden Buch zu einem so gewaltigen Themenkreis nicht nur vieles gefunden, sondern auch vieles vermisst wird (z. B. ein Lemma zu Autobiographie, zumal der Artikel über "Biographie" diese explizit ausklammert). Manchmal ist auch die Gewichtung schwer nachvollziehbar. So werden sowohl Augustinus wie auch sein Nachbar Augustus in zweieinhalb Spalten abgehandelt, während der Nacktheit ("nuditiy") und der Pornographie je sieben zugestanden werden. Die Beiträge sind einmal stärker auf die Rezeption, einmal stärker auf den antiken Gegenstand selbst fokussiert. Als gänzlich katholisch im oben erwähnten Sinn kann man aber auch dieses Buch nicht durchwinken, denn die Renaissance, also die künstlichen Wiederbelebung der Antike in den mittleren Jahrhunderten des zweiten christlichen Jahrtausends dominiert die Erzählungen, während dem eher organischen Fortleben der Antike im Mittelalter weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird. Doch das sind kleinliche Oberlehrereinwände, die verkennen, welche Lust auf Antike sich beim Durchblättern des in blaues Leinen gebundenen und mit drei farbigen Bildteilen versehenen Schmökers einstellen.

Sundar Henny

Klaus Garber, Arkadien. Ein Wunschbild der europäischen Literatur, München (Wilhelm Fink) 2009, CHF 28.90, ISBN 978-3-7705-4892-7

Vor gut einem Jahr habe ich in diesem Bulletin das Buch von Barbro Santillo Frizell mit dem Titel "Arkadien. Mythos und Wirklichkeit" rezensiert. In dem Buch erdete die Autorin den Begriff Arkadien, indem sie ihn an den pastoralen Alltag, das Handwerk der Transhumanz sozusagen, zurückband. Ausgangspunkt war vielleicht vereinzelt der Mythos, doch das Faszinosum war dennoch der, heute noch vereinzelt in Europa gelebte, Umgang mit der Umwelt, dem Vieh und seinen Produkten. Wem das alles zu sehr nach rezentem Ziegenkäse oder gar nach, sit venia verbo, Bockmist gerochen hat, dem sei für den mythischen überbau nun das vorliegende Buch empfohlen, das sich dezidiert dem Nicht-Wirklichen, dem "Wunschbild" verschrieben hat. Die Untersuchung geht in ihrer gedruckten Form auf eine dreistündige Radiosendung zurück und in dieser Zeit dürfte eine konzentrierte Leserin das schmale Buch auch gelesen haben. Der Inhalt ist zwar aktualisiert worden und ein Anmerkungsapparat verzeichnet die Quellen, dennoch haben aber die zwölf kurzen Kapitel ihre Leichtfüssigkeit bewahrt, was nicht zuletzt vielen und ausführlichen Zitaten aus Dichtung und Forschung geschuldet ist. Nach drei Kapiteln zur Antike richtet sich der Fokus auf das Arkadien der neuzeitlichen europäischen Literaturen. Selbstverständlich bietet ein Büchlein dieses Umfangs keinen enzyklopädischen überblick, sondern eine eingängige, induktive Lektüre für Mussestunden. Vielleicht doch ein amuse gueule, das den Mund wässert für mehr arkadischen Käse?

Sundar Henny
Binding Stiftung
Update: 14.9.2012
© webmaster
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