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Schweizerischer Altphilologenverband
Association Suisse des Philologues Classiques
Associazione Svizzera dei Filologi Classici |
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Bulletin 64/2004Inhalt
Lector benevoleDas Bulletin Nr. 62 brachte einen Leitartikel auf Italienisch zu einem philosophischen Thema, die Nummer 63 stellte auf Französisch ein Modell des Kantons Neuenburg zur Einführung zukünftiger Maturitätsschüler ins Griechische vor. Das neue Bulletin bringt auf Deutsch eine Textauswahl aus Augustin, die Schlaglichter auf das "Kind" werfen, in denen sich der christliche Theologe als Vertreter einer spätantiken Anthropologie zeigt. Drei Bulletins, drei Sprachen, drei Themen spiegeln die weitgespannte Leserschaft unseres Verbandes wieder und drücken den Wunsch des Vorstandes aus, unseren Verein noch weiter in der vielfältigen Wirklichkeit der Lehrerschaft der klassischen Sprachen zu verankern. Eine neue Lateingrammatik, speziell für (deutsch)schweizerische Verhältnisse konzipiert, die der Zürcher Lehrmittelverlag vorstellt, ein Modell aus Baden-Württemberg, das die Wahl des Lateins durch ein neues Wahlmodell fördert und die Einladung, EducETH mit Materialien zu unterstützen, zeugen von Initiativen und vom Einsatz zu Gunsten unserer Fächer. Wiederum machen Anzeigen und Rezensionen auf eine Reihe von Büchern aufmerksam, von denen hoffentlich das eine und andere seinen Leser in unseren Reihen finden wird. Besonders möchte ich im Namen des Vorstandes auf die Generalversammlung vom 12. November 2004 in Lausanne hinweisen, wozu Programm und Anmeldemodalität ebenfalls im Bulletin vorhanden sind. Eine zahlreiche Teilnahme an der GV wäre eine gute Gelegenheit, eine Entwicklung zur Sprache zu bringen, die nachdenklich stimmt, nämlich die Tatsache, dass der Weiterbildungskurs zu Aspekten der antiken Religionen, der für diesen Herbst geplant war, infolge mangelnder Anmeldungen abgesagt werden musste. Was sind die Gründe dafür, dass Weiterbildungskurse, die von kompetenten Fachleuten durchgeführt werden, nur wenige Kolleginnen und Kollegen anziehen? Arbeitsüberlastung, ungünstiger Zeitpunkt, anderweitige, kantonale Weiterbildungsmöglichkeiten ...? Eine Aussprache darüber wäre hilfreich. Um wieder vermehrt kleinere Texte aufnehmen zu können (Nekrologe, Berichte, Hinweise auf Veranstaltungen und Tagungen, Werbemassnahmen etc.), werden wir vom nächsten Bulletin an genauere Vorgaben zum Umfang von Rezensionen machen. Dadurch soll unser Verbandsorgan noch besser das bunte und vielfältige Leben der klassischen Sprachen an den Schweizerischen Gymnasien und in unserer Umwelt spiegeln.
Alois Kurmann
Thematischer ArtikelAugustinus - Einladung zu einem AbstecherAugustin hat gottlob nicht alle Tage die Bischofsmütze getragen, und so schweift sein Blick oft unbeabsichtigt über die farbige Fülle jener Welt mit ihren Würmern und Engeln, jener stürmisch bewegten Zeit, die die seine war - uns fern, und, etwa im Düsteren, bestürzend nah. Die hier vorgelegten Abschnitte Medizin und Kind sind vorläufige Teile einer Textsammlung, die - nach der (keineswegs immer erfreulichen) Lektüre aller erhaltenen Augustinustexte - in zögerlichem Entstehen begriffen ist. Unsere Jugendlichen haben fast ausnahmslos Erfahrungen mit (Sport-)Verletzungen gemacht, anderseits können sie auf ihre Kindheit bereits aus einer leisen, ein erstes Urteil ermöglichenden Entfernung zurückblicken. Vermutlich haben sie sich aber noch nie glücklich gepriesen dafür, dass sie ihre Verletzungen heute behandeln lassen, ihre Kindheit heute, in unseren Jahren erleben durften. Der Gang zu den Ärzten benötigt kaum ein erklärendes Wort: Bild mag sich an Bild reihen. Wie Kinder erlebt wurden, versuche ich mit kleinen Brücke-Bemerkungen schrittweise sichtbar zu machen. Den Texten (deren Wortlaut da und dort noch ungesichert ist) gebe ich eine eigene Übersetzung bei. Augustins Wort quis ita ambulet, ut nusquam labatur? (in psalm. 55,10) ist dabei ein treuer Begleiter. Medizinfallitur medicus aliquando (...). quare fallitur?
Der Arzt irrt hie und da (...). Warum dies? in psalm. 102,5 (412)
Wer "unter den Händen des Arztes" starb, war meist weniger ein Opfer grausamer Willkür als vielmehr Opfer des Fehlens von Schmerzmitteln, was viele dazu bewog, den Arzt erst dann aufzusuchen, wenn als einzige Alternative der sichere Tod vor Augen stand - der dann etwas früher, während des Eingriffs, eintrat.
Was Augustin hier allein bezüglich der Bewegungsabläufe ins Auge fasst, hat er später im selben Werk umfassender für beide "Bäuchlein", Empfindung und Bewegung, dargestellt. Hier der Ausschnitt zum Akustischen:
Läge die Lösung vielleicht in einem diplomatischen Kompromiss?:
Kopfschmerzen: Einige Hirntumor-Patienten scheinen die Trepanierung überlebt zu haben! - Nicht alle Leiden riefen nach einem ärztlichen Eingriff; auch "Selbstheilung" kam vor:
Dies schrieb Augustin mit 58 Jahren, nach damaligem Massstab also als alter Mann - vermutlich mit blanken Zahnhälsen. Fremdling 'Kind'
qui enim non suscipiuntur, exponuntur;
Kinder, die man nicht anerkennt, setzt man aus; in psalm. 45,11 (412)
Kindsein ist ein Müssen, und es ist schlimmer als sterben zu müssen. Das Wort fällt im Rückblick auf die Schulzeit. Es verrät nicht einfach nur Augustins hohe Verletzlichkeit, sondern vor allem einen Abgrund der Fremdheit zwischen Kindern und Erwachsenen.
Welch befremdlicher Blick auf das Kind! Exakt gesehen und beschrieben wird, wie es dem entdeckenden Spiel hingegeben ist. Diese Hingabe wird nun aber zum Mangel erklärt: Solches Tun lockt den jungen Menschen auf einen Holzweg, der alle Selbsterkenntnis verunmöglicht! Deshalb "erschauert" der Betrachter angesichts des ins Spiel versunkenen Kindes, weil es - so Augustin - statt in sich, in anderes versunken ist. Das Kind macht es also "falsch". So muss es stets zurechtgewiesen werden. Nur wenig ist nicht strafwürdig. Vielleicht das Schneiden von harmlosen Pfeilen aus Schilfrohr (in psalm. 56,13)? Strafwürdig ist natürlich auch das - heute hoch angesehene - Spiel mit irgendwelcher Knetmasse, zu jener Zeit also mit Sand und Erde, mit "Dreck":
Kurzfassung:
Ein knappes et kann gerade noch verhindern, dass Spielen und Bestraftwerden in eins fallen! - Wenn mit Recht so vieles strafwürdig ist, hat, wer bestraft wird, dafür noch dankbar zu sein:
Bei der Praxis des Strafens weiss Augustin Gott auf seiner Seite (aus dem Schlusswort der Predigt):
Gott liebt die Zucht. Es wäre eine verkehrte und fehlgehende Toleranz, den Sünden die Zügel schiessen zu lassen. Sehr zu seinem Nachteil, sehr zu seinem Verderben erfährt der Sohn des Vaters Milde, sodass er nachträglich Gottes Strenge erfahren muss - und zwar nicht allein, sondern zusammen mit seinem pflichtvergessenen Vater. Unverdächtig ist das Kind, wenn es sich so verhält wie "die Grossen":
Wie sehen die Kinder im Himmel aus?
Eine trotz ihrer Abgründigkeit erwartbare Spekulation! Kinder sind nicht himmelstauglich; sie müssen vor ihrem Einzug ins ewige Leben "vervollständigt" werden. Das rührende Noch-ganz-Sein, das kleine Kinder ausstrahlen (und sie eigentlich ganz besonders zum Himmel befähigen sollte), wird nicht gesehen. Es trifft sogar das Gegenteil zu:
Augustin behauptet hier nicht, kleine Kinder seien Tölpel, und seine Aussage, die Verbindung von frühkindlichem Lallen und Erwachsenenalter würde auf Schwachsinn schliessen lassen, ist natürlich richtig. Was erschreckt, ist die Tatsache, dass sich bei Augustin angesichts kleiner Kinder überhaupt die Assoziation 'Schwachsinn' einstellt. Sie zeigt, dass er an die kleinkindliche Ausdrucksfähigkeit nicht den Massstab 'Bereits-soviel!' anlegt, sondern den entgegengesetzten, 'Noch-immer-so-wenig!' - was das Kind grundlegend abwertet. Palinodie?Viele Texte der Bibel sind - für Augustin lange ein herber Anstoss - in einfachster Sprache gehalten. Dieses Phänomen erklärt Augustin mit Rücksichten auf den schwachen, eben nur menschlichen Hörer. Verkünden heisst Hinabsteigen. Dem Apostel Paulus (nach eigenen Angaben einst hoch bis in den dritten Himmel entrückt) ist dies sehr deutlich bewusst: Er gibt seinen Hörern nicht feste Speise, sondern Milch zu trinken (1.Kor. 3,2). Obschon er, als Gesandter Christi, durchaus mit Gewicht auftreten könnte, tut er es, "wie eine stillende Mutter ihre Kinder hegt" (1.Thess. 2,7). Diese Worte veranlassen Augustin zur folgenden Illustration:
Augustin als Maler eines Idylls? Die Mutter beugt sich über ihr Kindchen und füttert es mit Sprach-Breili. Halten wir immerhin fest, dass mit diesem Vergleich das (auch in den Augen von Paulus) rühmenswerte Hinabsteigen des Apostels erläutert werden will - rühmenswert, weil nicht selbstverständlich. - Ein erheblich früherer Text betont genau diese Unselbstverständlichkeit: Der Katechet hat dauernd gegen Frustrationen anzukämpfen: Stille Schau wäre erhebender als Redenmüssen; stetes Wiederholen des Gleichen wird langweilig; das magere Echo der Anfänger verstimmt (catech. rud. 10,14). Im Eifer nachzulassen, ist aber nicht erlaubt:
"Ist es etwa lustig... / Und dennoch...": Augustin verwundert sich, wie Erwachsene daran Gefallen finden können, zu einem kleinen Kind sprachlich hinabzusteigen. Offenbar, so schliesst er, verdeckt die Liebeskraft das Unerquickliche dieser Tätigkeit (noch unterstrichen durch das Einspucken von Nahrung). - Als hätte sich der neunzehnjährige Augustin nie Silben wispernd über sein Söhnchen Adeodatus geneigt!
Thomas Halter
Anzeigen und MitteilungenAssemblée annuelle de l'Association suisse des philologues classiques
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| 15h00 | "La mosaïque des pugilistes de Massongex (VS)" Conférence de M. Michel Fuchs, professeur d'archéologie des provinces romaines à l'Université de Lausanne |
| 16h15 | Assemblée générale Ordre du jour
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| 17h30 | Apéritif et dîner (à l'Hôtel Royal Savoy, av. d'Ouchy 40). |
Pour le repas, prière de s'annoncer préalablement (jusqu'au 4 novembre)
à l'une des adresses suivantes:
Andrea Jahn, Via Aprica 32, 6900 Lugano (avec le talon)
e-mail: a_jahn@bluewin.ch / tel. 091 966 45 57 / fax 091 966 59 55.
La Haute École Pédagogique et l'Hôtel Royal se trouvent à env. 10 minutes à pied de la gare CFF (cf. plan).
En espérant que l'Assemblée à Lausanne sera une occasion de rencontres et d'échanges pour un bon nombre de collègues de toute la Suisse, je vous adresse mes meilleures salutations.
Pour qui arrive en train: à la gare sortir côté lac, en direction de la Place de Milan
Pour qui arrive en voiture: utiliser le parking de la Piscine de Bellerive (ou celui de l'Hôtel Royal)
À disposition pour toute remarque ou renseignement complémentaire :
christine_haller@hotmail.com
Der Aufruf, unser qualitätvolles Bulletin mit einem freiwilligen Beitrag zu unterstützen, hat ein sehr erfreuliches Echo gefunden. Bis Ende August ist die schönes Summe von über Fr. 2200.00 zusammengekommen - vor allem auch dank einigen überaus grosszügigen Spendern. Damit können wir (fast) ein Bulletin finanzieren.
Sollte jemand eine geplante Einzahlung versehentlich unterlassen haben, sei hier nochmals das Postcheckkonto des SAV genannt: 40-29541-3 - vielleicht reicht es dann ganz für ein Bulletin.
Im Lehrmittelverlag des Kantons Zürich erscheint eine neue Lateingrammatik für Mittelschulen. Angesichts der Situation des Fachs Latein - rückläufige Schülerzahlen, wachsender Legitimationsdruck - ein beachtenswertes Signal.
Latein gerät im MAR-Gymnasium unter Druck: immer seltener gewählt, verschrien als schwierig und kaum mehr zeitgemäss. Trotz Frustrationspotential bei Altphilologen über die Situation nimmt man aber auch ermutigende Signale wahr, die zeigen, dass der eigentliche Wert des Lateins nicht überall verkannt wird. So erscheint im Lehrmittelverlag Zürich demnächst eine gezielt auf die hiesige Maturität ausgerichtete Lateingrammatik. Geschrieben hat sie der Zürcher Mittelschullehrer und Fachdidaktiker Thomas Fleischhauer. Da die aus deutschen Verlagen stammenden Lehrmittel seiner Auffassung eines modernen Unterrichts nicht genügten und nur unzureichend zu unserem Schulsystem passten, schrieb sich Fleischhauer seine eigene Grammatik. Zusammen mit Koautor Roman Kranjc und aufgrund von Reaktionen seiner Klassen hat er sie über einige Jahre stetig weiterentwickelt. Da er auch von Fachkollegen ein positives Feedback erhielt und zunehmend um Kopien seiner Grammatica Latina angegangen wurde, hat Fleischhauer schliesslich das Manuskript dem Zürcher Lehrmittelverlag vorgelegt. Aufgrund des Konzepts und weil ihn die Qualität des Manuskripts überzeugte, entschloss sich dieser zur Publikation.
Das eigentlich genuine an der in bewusst einfachem Layout erscheinenden Grammatica Latina: Die einzelnen Seiten sind perforiert und gelocht. Sie können herausgetrennt, von den Lernenden nach ihren eigenen Gewohnheiten bearbeitet, mit Zusatzblättern ergänzt und schliesslich in einem persönlichen Lateinordner abgelegt werden. Die Grammatica verbindet so die Vorteile einer progressiv aufgebauten Begleit- mit denjenigen einer auf Vollständigkeit bedachten Systemgrammatik. Für die Lernenden sei so der aktuelle Lernstand jederzeit gleichsam mit Händen greifbar, erläutern die Autoren ihr Konzept. Einen eigenständigen Weg geht die Grammatica zudem bei der Formenlehre. Die Darstellung unterscheide sich von derjenigen in anderen Lehrmitteln, sei "für die Lernenden aber, wie es sich gezeigt habe, sehr einprägsam", so Didaktiker Fleischhauer.
Man darf gespannt sein und hoffen, dass die Grammatica Latina, findet sie den Weg in die Schulen, der lateinischen Sprache einen Impuls zu geben vermag. Verdient hätte sie es.
Ab dem Schuljahr 1997/98 werden in Baden-Württemberg Erfahrungen mit dem Anfangsunterricht Latein nach dem sog. "Biberacher Modell" gesammelt: Latein und Englisch parallel ab Klasse 5. [...] Latein wird in den Klassen 5 und 6 mit je 5 Wochenstunden, Englisch mit jeweils 3 Wochenstunden unterrichtet. Der Unterricht in Englisch ist in diesen beiden Klassenstufen nicht versetzungsrelevant. Inzwischen haben sich diesem Modell rund 30 Gymnasien mit Latein als erster Fremdsprache (von ca. 60 insgesamt) angeschlossen.
Zusammenfassend kann festgehalten werden:
[...] Übereinstimmend wird berichtet, dass sich bei Eltern und Schülern eine ungewöhnliche Identifikation mit diesem Bildungsgang herausbildet. Man ist "stolz", an diesem Bildungsgang teilzuhaben. [...]
Folgendes Fazit kann gezogen werden:
Quelle: Forum Classicum (Zeitschrift des Deutschen Altphilologenverbandes) 1/2004, S. 27-29.
Sie wissen es vielleicht schon: Seit Ende 1995 stellt die ETH Zürich in grosszügiger Weise den Unterrichtsfächern des Gymnasiums gratis den inzwischen grössten schweizerischen Bildungsserver zur Verfügung: Monatlich nutzen rund 200'000 verschiedene Besucher das reiche Angebot, sie rufen ca. 1 Million Seiten auf! Der Bereich der Alten Sprachen kommt im Monat immerhin auf 8'000 Besucher und 20'000 aufgerufene Seiten; im - ferienbedingt schwachen - Monat August wurden 6'500 Dokumente heruntergeladen.
Unter dem Namen "EducETH" besteht für alle Fächer die Möglichkeit, auf dem Server einen facheigenen Bereich (für Materialien und Diskussionsthemen, Unterrichtsfragen etc.) aufzubauen; die ETH gewährleistet die technische Seite. Die einzelnen Fächer müssen "nur" die fertigen Inhalte liefern - sie stammen von freiwillig mitarbeitenden Kolleginnen und Kollegen. Als Koordinatoren fungieren sog. Fachmaster, im Bereich der Alten Sprachen die beiden Unterzeichnenden. Alle Beteiligten arbeiten ohne Entschädigung.
Die auf EducETH vertretenen Fächer erreichen Sie unter http://www.educeth.ch,
die Alten Sprachen auch direkt unter http://www.educeth.ch/altphilo.
In den letzten Monaten haben wir alle Teile (Aktuelles, Latein, Griechisch, Antike) neu gestaltet und teilweise stark erweitert, hier das Wichtigste:
"Aktuelles": Materialien für eine Unterrichtssequenz zu den Olympischen Spielen (griechische und lateinische Texte, alle mit deutschen Übersetzungen; spezielle Bilder, z.B. von Modellen).
"Latein/Sprachunterricht":
"Griechisch/Sprachunterricht":
"Antike/Realien": Neben den Materialien zu Olympia finden Sie neu:
Das Internet bietet den grossen Vorteil, dass Materialsammlungen wie die unsrige beliebig erweitert werden können. Darum bitten wir Sie herzlich um Ihre Beiträge und um Ihre Ideen zu weiteren Entwicklung des Bereiches "Alte Sprachen" auf EducETH. Besonders erwünscht sind Übungen (z.B. lehrbuchunabhängige Formenübungen), Materialien zu bestimmten Lehrbüchern, lehrbuchunabhängige Spiele.
Wir danken Ihnen herzlich zum Voraus!
Theo Wirth, thwirth@cheironos.ch
Lucius Hartmann, luciush@klphs.unizh.ch
Der im Rahmen des "Swiss Virtual Campus" entwickelte Lateinkurs "Latinum electronicum" ist fertiggestellt. Er steht in den drei Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch zur Verfügung, ist auf universitären WebCT-Servern installiert und wird bereits im kommenden Wintersemester an drei Universitäten (Basel, Freiburg und Neuchâtel) vollumfänglich als Latinum-Kursmittel eingesetzt, an den anderen mindestens als Hilfsmittel zu Repetitions- und Übungszwecken empfohlen werden.
Das "Latinum electronicum" ist ein Grundkurs und bietet in kurzer und didaktisch wohldurchdachter Form die Essenz der lateinischen Grammatik, dazu viel neuartig präsentiertes Übungsmaterial - auch zum Wörter- und Formenlernen! -, ferner Tips für das Übersetzen (teils als Computeranimationen realisiert), zahllose sorgfältig ausgewählte Originalsätze sowie zu jeder der 23 Lektionen einen Lektionstext.
Die rechtlichen Grundlagen für Lizenzverträge mit Schulen sind soeben ausgearbeitet worden, sodass demnächst auch die Schweizer Schulen den Kurs einsetzen können (zum Selbstkostenpreis).
Im SAV-Bulletin 65 wird das "Latinum electronicum" ausführlich vorgestellt werden. Interessierte können sich aber schon jetzt auf http://www.unibas.ch/latinum-electronicum/ näher informieren und in Teilen des Kurses schnuppern ("Demokurs"). Insbesondere bitten wir um Teilnahme an der dort (unter "Kurs") untergebrachten Umfrage; Zeitbedarf: 2 Minuten!
Für Raschentschlossene: Wir erteilen Lateinlehrkräften zur Zeit noch sehr liberal Zugang zum Gesamtkurs! Es genügt ein E-mail an unsere Koordinatorin: Irene.Burch@unibas.ch.
Die Stiftung für Abendländische Besinnung, Zürich, verleiht ihren Jahrespreis 2004 an Reiner Kunze, Dichter und Verfasser der Denkschrift "Die Aura der Wörter" sowie Mitverfasser des Buches "Deutsch. Eine Sprache wird beschädigt", Obernzell-Erlau (Deutschland) und an unseren lieben Kollegen Klaus Bartels, Philologe und Autor der "Streiflichter aus der Antike" und der "Wortgeschichten" (Kilchberg ZH).
Aus der Einladung:
"Im Zentrum der Preisverleihung steht dieses Jahr die 'Liebe zur Sprache'. Reiner Kunze wird für seinen Einsatz gegen die Unvernunft der Eingriffe in Sprache und Rechtschreibung sowie für seine ebenso wertvollen wie notwendigen Bemühungen im sorgfältigen Umgang mit unserer Sprache und ihrer Schreibweise geehrt. Die Auszeichnung von Klaus Bartels ist eine Hommage an die Antike, in der unsere klassische Bildungstradition wurzelt. Als Autor von langjährigen Rubriken in der NZZ und in der Stuttgarter Zeitung, die später in Buchform erschienen sind, hat Klaus Bartels eine vielbeachtete Vermittlungsleistung erbracht.
Die Laudatio auf die beiden Preisträger hält Dr. h.c. Michael Klett, Leiter des renommierten Klett-Cotta-Verlages in Stuttgart und Verfasser zahlreicher Publikationen und Reden zu wirtschaftlichen und kulturellen Fragen."
Die Feier findet statt am Samstag, 6. November 2004 um 10.00 Uhr im Zunfthaus zur Meisen, Zürich.
Anmeldungen sind erbeten an: Stiftung für Abendländische Besinnung, Bergstrasse 22, 8044 Zürich. Tel. 01 252 16 47, Fax 01 252 16 49, Mail: stabzh@bluewin.ch
Der Präsident des Stiftungsrates, Robert Nef, hat die Liebe zur Sprache und zu unserer Sache auch als Herausgeber der Schweizer Monatshefte gezeigt. Mit dieser Feier werden zwei erfolgreiche Nummern neue Leser finden:
"Klassische Sprachen: Notwendigkeit oder Luxus?" (Februar 2003) und "Die deutsche Sprachverwirrung, Fehlkonzept Rechtschreibreform" (November 2003).
Man kann sie bestellen: Schweizer Monatshefte, Vogelsangstrasse 52, 8006 Zürich. Mail: info@schweizermonatshefte.ch
Die Bücher von Klaus Bartels stehen in unseren Bibliotheken. Reiner Kunzes Denkschrift ist soeben neu erschienen: Die Aura der Wörter. Denkschrift zur Rechtschreibreform. Neuausgabe mit Zwischenbilanz (Radius-Verlag 2004).
Klaus Bartels und Reiner Kunze sei herzlich Glück gewünscht!
Der Berichtserstatter müsste schneller stenographieren können als Achilles, es geschieht so viel. Anfangs Jahr hat die deutsche Kultusministerkonferenz den vierten Bericht der Reformkommission zurückgewiesen und die Reformer verpflichtet, mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Gespräche über Verbesserungen zu führen. Die Gespräche scheiterten an der starren Haltung der Kommission. Im Juni beschlossen die Kultusminister, an der Reform festzuhalten. Man muss aber wissen, dass nicht das Regelwerk von 1996 verbindlich werden soll, sondern eine neue, wesentlich veränderte Fassung. Ein Teil dieser Änderungen zeigt sich im neuesten Duden, der Ende August erschienen ist: In mehreren hundert Einträgen sind nun plötzlich sogenannte alte Schreibweisen wieder erlaubt. Weitere Änderungen steigern die herrschende Unübersichtlichkeit. Es müsste jetzt für alle klar sein, dass es nicht so weitergehen kann.
Wer sich einen Eindruck verschaffen will, findet eine Rezension dieses Dudens unter www.sprachforschung.org. Schulen und Ämter müssen es sich gut überlegen, ob sie neue Wörterbücher anschaffen, bevor sich die Lage geklärt hat.
Auch im August haben grosse deutsche Zeitungsverlage angekündigt, dass sie die Regeln von 1996 aufgäben; es dürfte im Oktober soweit sein. Auch das wird Folgen für den Unterricht haben.
Es drängt sich also eine neue Lagebeurteilung auf. Diese Forderung wird in einem Brief an die EDK erhoben (Moratorium, unabhängige Überarbeitung des Regelwerks). Der Aufruf findet sich zum Unterschreiben unter www.sprachkreis-deutsch.ch
Zu den Erstunterzeichnern zählen unsere Kollegen Rudolf Wachter, Pirmin Meier, Urs Faes, und Mario Andreotti.
Am 10. November findet am Gymnasium Friedberg (Gossau, SG) eine Weiterbildung zur Rechtschreibung statt: "Änderungen und kein Ende. Die Rechtschreibreform: wo stehen wir heute?" Der Gastreferent, Prof. Horst Haider Munske, war einer der Väter der Reformkommission. Er trat aus, als die Politik alle notwendigen Verbesserungen verbot. Er wird uns aus erster Hand berichten können.
Anmeldung: Erziehungsdepartement des Kantons St. Gallen, Abteilung Lehrerweiterbildung, FORMI-Kurssekretariat, Davidstrasse 31, 9001 St. Gallen. Tel. 071 229 44 45. Mail: info.formi@sg.ch
Neben der im letzten Bulletin angezeigten wissenschaftlichen Publikation der neu aufgetauchten Stücke ist jetzt auch ein dreisprachiger Publikumsführer erschienen. Er ist reich illustriert und stellt den gesamten Schatz von den abenteuerlichen Fundumständen bis zur wissenschaftlichen Auswertung dar (Fr. 28.00).
Die antiken Texte zur Achillesplatte mit deutscher Übersetzung sind unter http://www.latein.ch/Schule/ abrufbar.
Multa per aequora
Empruntés à un poème de Catulle ces trois mots constituaient l'invitation au voyage à Gênes qui, par ailleurs, a été déclarée ville européenne de la culture 2004, avec entre autres slogans "tournés vers d'autres mers". C'est ainsi que très vite l'impression d'être menée en bateau s'est installée...
La conférence d'Euroclassica était hébergée par le congrès de l'association ligurienne des philologues classiques. Deux conférencières se sont exprimées dans les langues officielles de l'Europe, l'anglais et le français. L'une pour un exposé relatif à un épisode tempétueux du Satiricon de Pétrone, l'autre pour rappeler que les Grecs sont montés sur leurs bateaux et, franchissant la mer ont ainsi introduit la civilisation en Occident et plus précisément en Italie !Pour le reste, l'italien était à l'honneur, tout le monde s'y est mis, qu'on vînt d'Espagne ou d'Allemagne, avec pour conséquence quelques difficultés de compréhension même pour les plus aguerris. De la mer, il n'a plus guère été question, remplacée qu'elle fut bientôt par le thème plus général du voyage.
L'assemblée générale a été égale à elle-même, pour tout dire assez confuse dans sa partie réglementaire. L'Europe s'agrandit mais ne se discipline pas. Par contre il a été question de plusieurs projets en cours qui prouvent que malgré la situation souvent précaire dans laquelle se trouve l'enseignement des langues anciennes, on ne manque pas d'idées créatrices dans le domaine. Un collègue rêve d'un curriculum européen pour le latin et le grec, pour lequel il a établi des premiers objectifs ; il a soulevé plus de scepticisme que d'enthousiasme. Un autre tente de réunir à Heidelberg les méthodes et manuels utilisés dans les différents pays. Un troisième voudrait faire l'état de la situation et le publier pour avoir une vision générale à l'échelle européenne.
Plus concrètement, outre les Academiae qui traditionnellement réunissent pendant l'été des étudiants de tous horizons, le projet de document-témoignage sur DVD lancé l'année passée est partiellement réalisé, plusieurs disques ont ainsi pu être livrés au responsable. Un recueil de textes latins d'époques différentes illustrant la réalité culturelle, historique ou géographique des états européens devrait voir le jour également, des équipes de rédaction se mettent en place. Le site web d'Euroclassica prend corps lui aussi, hébergé par l'Autriche www.euroclassica.net. Une des responsables du projet ICT CIRCE (ne dépendant pas d'Euroclassica, mais réalisé à l'intention des maîtres et étudiants de langues anciennes) en a présenté les objectifs. Soutenu par des fonds de l'UE, le site CIRCE se construit. Il devrait offrir des ressources appréciables dans un avenir pas trop lointain.
Sur le plan culturel et touristique, Gênes est une ville assez impressionnante. La partie ancienne présente encore un réseau médiéval de ruelles étroites à l'intérieur de murailles partiellement conservées. Hors ces murs l'évidence de la richesse des familles gênoises d'autrefois s'impose, les palazzi ne se comptent pas, les églises non plus. Aujourd'hui, après une période critique, la ville a retrouvé un nouveau souffle, des restaurations nombreuses sont encore en cours, mais Genova 04 est appelée à rencontrer du succès.
Als ich am Montag, den 2. August, in Rom ankam, war ich voller Neugier und gespannter Vorfreude. Ich hatte mich schon lange darauf gefreut, diese tolle Stadt und viele neue Leute kennen zu lernen. Wie die folgenden Tage zeigten, wurden meine Erwartungen nicht enttäuscht. Am Tag der Ankunft war noch kein Programm geplant und so machte ich mich direkt nach meiner Ankunft im Accueil Trinità dei Monti (unserer Unterkunft oberhalb der spanischen Treppe) auf, die anderen Teilnehmer und die Leiter kennen zu lernen. Die meisten waren bereits in Gruppen nach Rom gekommen, im Gegensatz zu mir. Ich war allein hier. Das war aber überhaupt kein Nachteil, so konnte ich viel leichter Bekanntschaft mit anderen Leuten schliessen.
An die Academia Latina waren Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren angereist. Sie kamen aus Schweden, Dänemark, England, Russland, Spanien und der Schweiz. Die Leiter waren Eva Tarandi aus Schweden, Barbara Pokorna aus Tschechien, Serena Ferrando und Carlo Bavastro aus Italien. Auch die Lateinkenntnisse der Teilnehmer waren so verschieden wie ihre Herkunft. Manche hatten erst begonnen Latein zu lernen, andere studierten es bereits an der Uni. Diese Unterschiede waren aber in keinerlei Hinsicht ein Hindernis.
Am Dienstag begann dann das offizielle Programm. Die ersten Tage waren in ihrem Ablauf alle gleich geplant: Nach dem Frühstück hatten wir drei Unterrichtsstunden im Accueil Trinità dei Monti, danach konnten wir in die Stadt zu Mittag essen gehen und am Nachmittag machten wir einen Ausflug zusammen. Unser Hauptthema war Augustus. In den Schulstunden lasen wir lateinische Texte (Livius: Romulus und Remus, Res Gestae, Horatii Carmen Saeculare; Ovid: Metamorphosen), erhielten Hintergrundwissen zu den Dingen, die wir besichtigen würden, und lernten Italienisch. Die Ausflüge führten uns zum Forum Romanum, zum Kapitol, zum Kolosseum, auf den Palatin, zum Circus Maximus, zum Pantheon, der Sonnenuhr des Augustus, zum Mausoleum von Hadrian, dem Mausoleum von Augustus und eigentlich auch zur Ara Pacis. Davon konnten wir wegen Renovierungen allerdings nicht viel sehen. Wir waren auch im Palazzo Massimo, in der Villa Hadriana, in der Villa Borghese, in Ostia und in den vatikanischen Museen. Wir haben in kurzer Zeit unglaublich viel gesehen. Das war natürlich sehr interessant, aber auch sehr anstrengend. Die Leiter haben uns immer sehr viele Informationen zu den Dingen gegeben, die wir besuchten, was das ganze noch interessanter gestaltete. Die Zeit verging wie im Flug und der letzte Abend kam viel zu schnell. Die Leiter hatten uns die Aufgabe gegeben ein Theaterstück zu den Metamorphosen auf Latein oder Italienisch einzustudieren und diese wurden am letzten Abend aufgeführt. Das war der krönende Abschluss der Academia Latina. Am Mittwoch, den 11. August, reisten die Teilnehmer, um eine wunderbare Erfahrung und ein paar nette Bekannte reicher, wieder nach Hause. Ich werde die Academia Latina ganz bestimmt in bester Erinnerung behalten.
Die augenfälligste Veränderung der Neubearbeitung des bewährten großen Schulwörterbuchs von Langenscheidt ist zunächst seine physische Dimension; der Band ist etwas größer, dicker und entsprechend schwerer geworden. Der Grund wird beim ersten Blick ins Innere sichtbar. Man wählte einen größeren Schriftgrad und lockerte das Seitenbild mit großzügigeren Zeilendurchschüssen und v.a. einer radikalen Erhöhung der Absätze bedeutend auf.
Diese typographischen Eingriffe ebenso wie die sparsamer verwendeten Schrifttypen erhöhen die Benutzungsfreundlichkeit ganz bedeutend. Latein ist im wesentlichen in Grotesk gesetzt, die Seriphenschrift für die deutschen Übersetzungsmöglichkeiten und die Erklärungen reserviert, wobei letztere kursiviert sind. Dies schafft auch für den weniger sattelfesten Benutzer eindeutige Klarheit darüber, was er nun in seine Übersetzung aufnehmen darf und was nicht. Weitere optische Vereinfachungen ohne Einbuße an Informationsreichtum (z.B. der Verzicht auf die Markierung der kurzen Vokale bei den Stichwörtern) tragen zum insgesamt lockereren Gesamteindruck bei.
Die Neubearbeitung beschränkt sich jedoch nicht auf typographische Kosmetik. Vom Verlag hervorgehoben wird die strenge alphabetische Reihenfolge der Lemmata. Eigennamen z.B. werden nicht mehr als ein Stichwort behandelt, sondern in ihre Einzelstichwörter aufgelöst; so findet man z.B. zuerst Hesperia, gefolgt von Hesperides, Hesperis und Hesperius. Das Grundwort, Hesperos u. Hesperus, kommt zuletzt. Als bedeutsame Entwicklung wird man diese Abweichung von der lexikographischen Tradition kaum bezeichnen wollen, aber auch nicht als Verlust beklagen.
Eine tiefgreifende Abweichung von der lexikographischen Tradition ist hingegen die Abkehr von der - sicher nicht immer eindeutigen, oft schwierigen - semantischen Gruppierung der Bedeutungen. Die Hierarchisierung ging bisher bei Langenscheidt über mehrere Ebenen von den römischen Zahlen bis zu den griechischen Buchstaben (e.g. convenio I. intr. 1 a) alpha) [zusammenkommen] v. lebenden Wesen bis 3 b) delta) für jd. od. für etw. passen). Neu werden die Bedeutungen in nicht weiter strukturierter Aufreihung, oft unter radikaler Reduktion der Übersetzungsdifferenzierungen, arabisch durchgezählt. Bei convenio I. (trans.) bleiben so 7 Bedeutungsdifferenzierungen; im Extremfall, wie bei pono I. (trans.) sind es 29. Als einziges übergeordnetes Differenzierungsprinzip, bezeichnet durch römische Zahlen, bleibt das grammatische, wie z.B. im Falle transitiven und intransitiven Gebrauchs oder adjektivischen und substantivischen Vorkommens desselben Wortes (liber3).
Die neue, gleichordnende Aufreihung der Bedeutungen stützt sich im Wesentlichen auf die semantisch gruppierende Anordnung des Vorgängerlexikons. Die Überlegung der Herausgeber liegt auf der Hand: Der Leser eines lateinischen Texts ist gar nicht in der Lage, die mögliche(n) Bedeutung(en) eines unbekannten Wortes systematisch einzukreisen - dies ist praktisch dem Lexikographen vorbehalten, der das Vorkommen desselben Wortes in unterschiedlichen Kontexten betrachtet. Der Wörterbuchbenutzer wird also die Übersetzungsmöglichkeiten der Reihe nach durchgehen und intuitiv jene wählen, die in seinen Kontext paßt oder zu passen scheint, und diese Wahl idealerweise an den grammatischen oder idiomatischen Zusatzinformationen überprüfen und so das Richtige finden.
Diese Erwägung mag zutreffen. Es fragt sich dann aber, ob das Verfahren nicht konsequent weitergeführt und anstelle der semantisch bestimmten, als solche aber nicht mehr erkennbaren und daher nunmehr wenig sinnvollen Abfolge zum Frequenzprinzip gegriffen werden müßte. Der Aufwand wäre wohl beträchtlich, der Gewinn für den Benutzer allerdings auch.
Und vor Aufwand in der inhaltlichen Bearbeitung zugunsten der Benutzerfreundlichkeit ist der Verlag ja nicht zurückgeschreckt. Zwar ist der größte Teil der bisher angegebenen grammatischen und idiomatischen Junkturen weggestrichen worden. Die als besonders aussagekräftig beibehaltenen sind dafür durch Fettdruck hervorgehoben und von einer deutschen Übersetzung des gesamten Ausdrucks begleitet. Dazu wurde die Gesamtzahl der Lemmata bedeutend erweitert. Eine Stichprobe beim Buchstaben B zeigt folgenden Befund: Von den insgesamt 480 Einträgen sind ca. 80 neu. Davon handelt es sich bei einem Viertel um Lemmatisierungen von bisher unter einem Stichwort enthaltenen Wörtern, v.a. bei Substantivierungen von Adjektiven (z.B. breve n, bisher unter brevis, e aufgeführt). Etwa die Hälfte des Zuwachses besteht aus, v.a. geographischen, Eigennamen, wobei hier konsequent die Beziehungen zur heutigen geographischen Nomenklatur genannt sind. Den Personennamen, bisherigen wie neuen (z.B. Boethius), sind knapp die wichtigsten Angaben zu Lebenszeit, Werk und Bedeutung beigegeben, so dass das Wörterbuch in einem ganz neuen Ausmaß auch die Funktion eines systematischen Sachlexikons übernimmt. Bei ca. einem Viertel handelt es sich um eigentlich neue Wörter ein Drittel davon stammt wiederum von Petron, der Rest ist spät-, mittel- und neulateinisch. Hier fällt v.a. der bacillus in der Bedeutung des Krankheitserregers auf; verdächtig ist die Form ballistrarium anstelle des bisherigen ballistarium.
Damit trotz der typographischen Auflockerung und des erheblichen Zuwachses an Einträgen die Neuausgabe nur knapp 80 Seiten mehr umfaßt als die letzte Bearbeitung, mußten natürlich erhebliche Streichungen an der bisherigen Informationsfülle vorgenommen werden. Die Eliminierung zahlreicher Beispiele von Wortverbindungen wurde bereits erwähnt. Ganz geopfert wurden - die Versprechung auf S. 7 ist falsch! - die etymologischen Angaben, die bisher im Extremfall bis zur Hälfte des Artikels einnehmen konnten und dem interessierten Benutzer eine Fülle von Hinweisen auf das Leben der Sprache und die Zusammenhänge zwischen den Sprachen lieferten, die im Unterricht, auch wenn ihm an der Vermittlung solcher Erkenntnisse gelegen ist, so nicht gegeben werden können. Diese Abkehr von der etymologischen Tradition dürfte der schwerste Verlust sein, der für die Modernisierung in Kauf genommen wurde. Bei den Wörtern griechischer Herkunft hat man sich neu auf den Standardverweis
Der Serviceteil der früheren Ausgabe zeichnete sich nicht durch besondere Systematik aus; so fand ein erster Teil zur Deklination der Nomina Platz zwischen den Hinweisen zur Benutzung und dem Abkürzungsverzeichnis vor dem lexikalischen Teil, weitere Übersichten zur Deklination und Konjugation bildeten den Abschluss disparater Informationskapitel nach dem Wörterbuchteil. In der neuen Ausgabe finden sich alle Flexionstabellen nach dem lexikalischen Teil; allerdings fehlt eine Übersicht über die Pronominaldeklination, die bestimmt ganz besonders im Sinne des in der Formenlehre unsicheren Benutzers gewesen wäre. Neu hinzugekommen ist ein sehr bescheidener Abriss zur Wortbildung. Trotz der neuen Anordnung der verschiedenen Informationskapitel ist im übrigen nach wie vor keine Stringenz der Abfolge auszumachen.
Leider hat auch in diesem lexikalischen Werk, das dem Benutzer eine solide Basis für die Arbeit am geschriebenen Wort verspricht, die Unentschlossenheit in der Anwendung der neuen deutschen Orthographie ihre Verheerungen hinterlassen. Gemäss ihrem Trend zur Getrenntschreibung wird beispielsweise die Abkürzung "sog." zu "so genannt" aufgelöst. Virulent ist diese Spaltungstendenz bekanntlich besonders bei den Zusammensetzungen mit Partizip I. Die Bearbeiter haben sich bei pestifer für das neue "Unheil bringend" entschieden, vermochten aber bei mortifer und taedifer ihren Sinn für gepflegte Schriftsprache nicht selbst zu vergewaltigen und geben dem Benutzer "todbringend" bzw. "fackeltragend" zur Hand. Die Unsicherheit zeigt sich noch krasser bei der neuen "ä"-Schreibung. Bei "aufwendig" (sumptuosus) und "behende" (agilis) bleiben die Bearbeiter bei der traditionellen, d.h. neu falschen Schreibweise, halten am "Stengel" fest bei calamus, um sich zwanzig Seiten weiter bei caulis der Schreibung "Stängel" zu beugen. Weiteres zur Problematik findet sich bei Stefan Stirnemann im Bulletin 2/2002.
Ein Fazit: Die besprochene Neubearbeitung des Langenscheidt zeichnet sich vor allem durch ihre konsequente Verfolgung des Ziels aus, die Benutzung des Wörterbuchs angenehmer und rationeller zu gestalten. Diesem Ziel dienen besonders die neue absatzweise Darstellung jeder einzelnen Bedeutung und die Hervorhebung und konsequente Übersetzung der grammatischen und idiomatischen Wortverbindungen. Positiv zu vermerken ist auch die Entwicklung in Richtung eines Sachwörterbuchs durch den deutlichen Ausbau des Anteils an historischen und geographischen Eigennamen und deren Erklärung. Dieser Gewinn wird aber durch einen deutlichen Verlust an Informationen erkauft, vor allem durch den radikalen Verzicht auf die etymologischen Hinweise. Bei der Anschaffung oder Empfehlung eines Wörterbuchs für die Klasse wird man deshalb u.a. sorgfältig abwägen, wie viel Gewicht man auf den gesteigerten Benutzungskomfort und wieviel man auf den Informationsreichtum legt, wie ihn nach wie vor z.B. der 1994 modernisierte Stowasser enthält.
[Die Rezension erschien zuerst im IANUS 24/2003 S. 63ff.]
Der Autor, Professor in Baltimore, hat sich als engagierter Humanist bereits in seiner Dissertation mit der Entstehung des Rassismus beschäftigt und vor kurzem eine Geschichte des Rassismus (Une histoire du racisme, Paris 2000) veröffentlicht. Sein neuestes Werk ist ein wissenschaftlich solid abgestützter flammender und aufrüttelnder Aufschrei über eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte: über die Verachtung, Ausbeutung und Erniedrigung der (meistens) Fremden und - Schwarzen. Dabei kommt er zum Ergebnis - von ihm als Hypothese bezeichnet - , dass der Rassismus, entstanden im Griechenland des Aristoteles (4. Jh.v.Chr.), die Folge der Sklaverei ist und heute unabhängig von ihr grassiert.
Der Bogen wird gespannt von den Anfängen vor 5000 Jahren im Mittleren Osten, die zusammenfallen mit der Entstehung der Schrift und der ersten Staatsformen mit zentralistischer Staatsgewalt, über die Sklaverei im ganzen asiatischen Raum (bis China), in Griechenland, Rom und im Mittelalter weiter zum transatlantischen Sklavenhandel und zur Kolonisierung (= Tragödie) Afrikas bis in die Gegenwart mit den neuen Formen des Menschenhandels (Sexsklaverei, Kinderprostitution, Kindersoldatenwesen u.a.), wobei der lange Weg zur Abschaffung der Sklaverei ausführlich dargelegt wird.
In der Unterscheidung zwischen Sklavenhaltergesellschaften, d.h. Gesellschaften, deren wirtschaftliche Grundlage ausschliesslich auf Sklavenarbeit beruht, und solchen, in denen Sklaverei ein wirtschaftliches Hilfsmittel neben anderen ist, folgt der Autor dem marxistischen Ansatz. Dass er dabei gerade das klassische Griechenland mit dem eigenartigen Phänomen, dass mit dem Einzug der Demokratie und der Zunahme der Freiheit in der Polis die Arbeit der Sklaven stark zunahm, besonders kritisch unter die Lupe nimmt, hat seine Berechtigung und wird wenig erstaunen. Doch sollte bei der Bewertung die sogenannte Mentalitätsgeschichte ihren gebührenden Platz finden. So war etwa im 4. Jh.v.Chr. die Institution der Sklaverei so selbstverständlich, dass beispielsweise Platon, auch nachdem er selber auf dem Sklavenmarkt angeboten, von einem Freund aber losgekauft worden war (Diog. Laert. 3,19), seine Einstellung zur Sklaverei nicht im geringsten revidierte. Der moderne Mensch mag enttäuscht sein, dass auch Seneca bei seiner Behandlung der Sklavenfrage nicht konsequenter, ja aufgeklärter vorgegangen ist. Aufgeklärter? Wo doch selbst die sogenannten Aufklärer im 18. Jh. nichts gegen die Sklaverei unternahmen, vielmehr vom "guten Wilden" fasziniert waren! "Man interessierte sich für den freien Indianer. Nicht für den Schwarzen in Ketten." (S. 200) Und erst die Moderne: sie hat zwar eine stattliche Palette von Erlassen zur Bekämpfung der stets zunehmenden Formen der Sklaverei auf internationaler Ebene vorzuweisen; diese bleiben aber, da den Worten (fast) keine Taten folgen, bloss Absichtserklärungen! (S. 301ff.)
Das Buch ist leicht zu lesen und gut verständlich - dies sicher auch ein Verdienst der Übersetzerin. Auf das französische Original weisen nur Eigennamen auf C hin, die wir sonst mit K schreiben (z.B. Castor; Carion im Plutos des Aristophanes). Erfreulich gering sind (Druck-) Fehler (am schlimmsten ein Kasusfehler S. 21).
Das Wissen, über das der Autor gerade auch im Bereich der Antike verfügt, ist fundiert. Nur ein paar Kleinigkeiten seien erwähnt, die berichtigt bzw. zur Diskussion gestellt sein sollen:
Die berühmte Odysseestelle 11,487f. (Achilles zu Odysseus über sein Los in der Unterwelt) wird gewöhnlich anders interpretiert: Nicht der Sklave wird als schlimmste Daseinsform gewertet - er wird zwar geschlagen, erhält aber Nahrung - , sondern der Taglöhner, der jeden Tag ums Überleben kämpfen muss. (S. 49)
Der Begriff Metöke ist ungenau: nicht "ständiger Mitbürger" (S. 53), sondern Mitwohner, d.h. freier Nichtbürger, da er ja kein Bürgerrecht der Stadt hatte, in der er wohnte.
Darf der römische Begriff peculium auf griechische Verhältnisse übertragen werden? (S. 53 und 65)
Gegen die Gladiatorenspiele äussert sich Seneca im 7. Brief an Lucilius (S. 79; im 70. Brief kommt die Sache in einem anderen Zusammenhang zur Sprache).
Trotz dieser geringfügigen Beanstandungen ist das Buch, das im Anhang Tafeln mit eindrücklichem Zahlenmaterial, einen Bildnachweis, Karten und erfreulich kurze, aber immer sinnvolle Anmerkungen sowie ein Personenregister und Literaturverzeichnis mit den wichtigsten Arbeiten zum Thema (auch zur Antike) liefert, sehr zu empfehlen. Bei der Behandlung der Sklaverei im altsprachlichen Unterricht wird es mit Gewinn zu verwenden sein.
Laut Vorwort will Der Brockhaus Philosophie "der Sehnsucht seiner Leser nach Philosophie entgegenkommen" (S. 5). Er tut dies nach alphabetischer Ordnung mit mehr als 1300 Stichwörtern zu Personen und Begriffen, zwölf zweiseitigen Sonderartikeln zu wichtigen oder aktuellen Themen, sechzig Infokästen zu Hauptwerken der Philosophie, sechzig Infokästen zu Hintergründen der Philosophiegeschichte und 400 Abbildungen.
Ich teile meine Besprechung in zwei Teile, indem ich erstens (1) Einträge zur Antike bespreche und zweitens (2) übrige Einträge.(1) Die Einträge zur Antike erlauben im Allgemeinen eine erste knappe und hilfreiche Information. Bei einzelnen Artikeln wäre eine bessere Berücksichtigung der gegenwärtigen Forschung wünschenswert gewesen. So ist der Topos vom Relativismus und Skeptizismus der Sophistik zu pauschal. Die einzige Eigenschaft, die alle Sophisten teilten, ist, dass alle Sophisten professionelle, bezahlte Lehrer waren, eine einheitliche erkenntnistheoretische Position kann ihnen aber nicht zugeschrieben werden (siehe Ueberweg: Antike 2/1, S. 3-5 und 23f.). Die Vorsokratiker haben sich zweifellos, wie der Artikel festhält, mit der Natur (physis) befasst. Schon die antike Philosophiegeschichtsschreibung sprach von den "Naturphilosophen" (physikoí). Diese pauschale Etikettierung aus der Antike darf man aber nicht ohne weiteres in einen modernen Lexikonartikel übernehmen. Heraklit z.B. hatte weitere als naturphilosophische Interessen. Die zwei Sätze über Änesidem, die empirischen Ärzte und Sextus Empiricus im Artikel Skeptizismus sind falsch: Die empirische Medizin beruht nämlich nicht auf Änesidems Lehre, und das Verhältnis von Sextus Empiricus zur empirischen Medizin ist auch nicht so einfach zu bestimmen. Gut sind z.B. die Artikel über Platon und Aristoteles. Von unterschiedlicher Art sind die Präsentationen der Hauptwerke der Philosophie in den Infokästen. Während Platons Politeia in wesentlichen Zügen charakterisiert wird, erfährt der Leser des Infokastens zu Augustins Confessiones nicht, was neben dem Bekehrungserlebnis noch Gegenstand von Augustins Bekenntnissen ist. Ich denke also, dass die Lehrperson der Alten Sprachen über antike Autoren und Themen zwar erste und meistens verlässliche Informationen erhält, oft aber ausführlichere und teilweise zuverlässigere oder den aktuellen Wissensstand besser wiedergebende Informationen braucht.
(2) Grundsätzlich sind die übrigen Artikel zu den Epochen nach der Antike, zur chinesischen, indischen und japanischen Philosophie ähnlich zu beurteilen. Der Nichtspezialist kann hier erste, klare und verständliche Orientierung in einem grossen und komplexen Wissensgebiet finden. Die Artikel sind z.B. hilfreich für alle, die sich zu einem Thema, wie etwa der Metaphysik, über die Antike hinaus einen ersten Überblick verschaffen wollen. Nicht alles findet natürlich in einem einbändigen Lexikon Platz, einiges wird man vermissen, in einzelnen Fällen hätte der aktuelle Wissensstand eingearbeitet müssen. So hätten zur Geschichte des Begriffs der Toleranz nicht nur die seit Jahrzehnten üblichen Verweise auf den Humanismus aufgenommen werden sollen, sondern auch die neuen Erkenntnisse zum Begriff im mittelalterlichen Kirchenrecht [Bejczy, I. Tolerantia: A Medieval Concept, Journal of the History of Ideas 58/3 (1997) 365-84]. Die Bildlegende zu Jan Hus auf dem Scheiterhaufen (S. 343) müsste dann nämlich präzisiert werden. Der Artikel zur politischen Philosophie ist zu kurz geraten. Zwar verweist er auf die Staatsphilosophie, die ausführlicher dargestellt wird. Doch wird die gerade heute so wichtige Philosophie der internationalen Beziehungen, in der über Themen wie den gerechten Krieg nachgedacht wird, ausser Acht gelassen. Ein Artikel zum Krieg oder zum gerechten Krieg fehlt. Viele aktuelle Themen wie künstliche Intelligenz, Geschlechterforschung, Kommunitarismus sind in eigenen Einträgen vertreten. Andere fehlen, z.B. die Philosophie der Lebenskunst, die Philosophische Praxis.
Im Grossen und Ganzen aber haben Nichtphilosophen mit dem Brockhaus Philosophie ein Nachschlagewerk zur Verfügung, das ihnen zu den wichtigen Philosophen und wesentlichen Themen des Faches in klarer und verständlicher Sprache eine rasche, erste Einführung bietet.
Der Band ist ausgestattet mit Verzeichnissen der Sonderartikel (S. 6), der Infokästen zu Hauptwerken der Philosophie (S. 7f.), der Zitatnachweise (S. 380), der Abkürzungen und Zeichen (S. 382) und der Bildquellen (S. 383). Auf S. 381 finden sich einige Benutzerhinweise. Schade ist, dass ein Verzeichnis der Infokästen zu den Hintergründen der Philosophiegeschichte fehlt und nicht alle Abbildungen erläutert sind.
Der Band folgt dem Aufbau der Reihe Sapere und enthält zuerst eine Einführung in die Rede (H.-G. Nesselrath), anschliessend einen griechischen Lesetext ohne kritischen Apparat mit Übersetzung und Anmerkungen (H.-G. Nesselrath) und schliesslich vier interpretierende Essays (B. Bäbler, M. Forschner, A. de Jong). Die Einführung behandelt die Datierung der Rede, ihren Aufbau (auf S. 17f. findet sich eine schematische Disposition) und eine Behandlung der Bezüge zu Platon. Der griechische Text ist aus der Ausgabe von Russell (1992) übernommen, die wenigen Abweichungen sind auf S. 25f. der Einleitung aufgelistet. Der erste der Essays stammt von der Archäologin B. Bäbler und ist dem Schauplatz des Borysthenitikos, dem antiken Olbia gewidmet. Da die Stadt nach ihrem Untergang im zweiten Gotensturm 269/79 nie mehr überbaut war, gehört sie zu den am besten erforschten antiken Orten der Schwarzmeerküste. (Leider kann die Ukraine seit 1995 die Grabungen nicht mehr bezahlen. Zudem plündern und zerstören gut organisierte Raubgräber regelmässig grosse Areale.) Zur Zeit von Dions Aufenthalt in Olbia um 96 n.Chr. hatte die Stadt ihre Blütezeit im fünften bis dritten Jahrhundert v.Chr. längst hinter sich und war auf ein Drittel der in hellenistischer Zeit bewohnten Fläche geschrumpft. Eine römische Garnison war in der Stadt stationiert. In ihrem zweiten Essay (Behoste Griechen im Skythenland: Erscheinungsformen und Wahrnehmung antiker Kultur in ihren Grenzbereichen) vergleicht B. Bäbler Dions Beschreibung von Olbia mit den archäologischen Befunden. Sie argumentiert dafür, dass die feststellbaren Unstimmigkeiten mit der Absicht der Rede zu erklären seien. Zweitens zeigt sie auf, wie die in die Rede aufgenommenen Beispiele für die Inkulturation der Griechen in ihr barbarisches Umfeld ebenfalls der Absicht dienen, den Mitbürgern in Prusa Olbia als "Spiegel, Modell und Ermahnung" (S. 127) vorzuhalten. M. Forschner (Philosophie und Politik: Dions philosophische Botschaft) interpretiert Dion als Philosophen, der trotz seines Bekenntnisses zur Stoa Platoniker ist, weil Dion in der hierarchischen kosmischen Ordnung das Muster für die politische Ordnung sieht. So fordert Dion nicht die Verwirklichung der stoischen Gleichheit aller Vernunftwesen in der Politik, sondern die Königsherrschaft. Der Religionswissenschaftler A. de Jong widmet seinen Essay Dions Magierhymnen (zoroastrischer Mythos oder griechische Phantasie?). Er argumentiert dafür, dass die Magierhymnen am Ende der Borysthenes-Rede nicht aus iranischen Quellen stammen, sondern aus griechischen Beschreibungen der persichen Religion.
Der Leser wird mit dieser Ausgabe sehr gut in die Borysthenes-Rede eingeführt. Eine geeignete Auswahl von Stellen könnte durchaus im Unterricht gelesen werden.
Der Band ist ausgestattet mit einem Abkürzungsverzeichnis, einem Literaturverzeichnis, aufgeteilt erstens nach Textausgaben, Kommentaren, Übersetzungen und zweitens nach weiterer Literatur, mit einem Stellenregister in Auswahl, einem Appendix zu den iranischen Quellen und einem Register zu Namen und Sachen.
Der Basler Althistoriker Thommen, der durch seine in der renommierten Reihe Historia erschienenen Arbeiten über das Volkstribunat der späten römischen Republik und über die Entstehung der spartanischen Verfassung auf sich aufmerksam gemacht hat, darf heute als kompetentester Experte für die Geschichte Spartas gelten. Mit einem gewichtigen Buch über die mythenumwobene Polis zieht er die Bilanz intensiver Forschungstätigkeit von über einem Jahrzehnt. Mit dem Mythos Sparta und den Mythen Spartas wird hier gründlich aufgeräumt. Wie war das mit der Blutsuppe, der sprichwörtlichen spartanischen Härte, den lakonischen Antworten, der einflussreichen Stellung der Frauen, dem Verbot von privatem Geldbesitz, der Verfassung Lykurgs, dem Thermopylenepigramm? In all diesen Fragen galt es vorurteilslos quellenkritische Arbeit zu leisten, denn "insgesamt haben wir es in den Quellen mit überzeichneten Bildern zu tun, die zudem im Verlaufe der Zeit ausgeschmückt und in der modernen Forschung weitertradiert wurden". Darüber hinaus erfahren nach der Darlegung von Quellenlage, Forschungsgeschichte, Topographie und Archäologie die einzelnen Epochen der faszinierenden spartanischen Geschichte von den Ursprüngen bis in die Römerzeit, innen- und aussenpolitische Vorgänge wie Helotenaufstände, der Peloponnesische Krieg oder der Achaiische Bund, markante Gestalten wie Leonidas, aber auch zeitübergreifend die typischen Institutionen wie Königtum, Gerusie und Ephorat sowie das komplexe Kräftespiel zwischen den verschiedenen Machtträgern und der stete gesellschaftliche Wandel eine angemessene Darstellung. Besonders hervorzuheben ist die Behandlung der hellenistischen Zeit und des Übergangs in das Römerreich, da die Spätzeit nach den Niederlagen der Spartaner bei Leuktra und Mantineia (371 und 362 v.Chr.) im allgemeinen als dekadent eingeschätzt wurde, obwohl gerade im 3. Jahrhundert, wie hier gezeigt wird, die Restaurationsmassnahmen wesentlich zur späteren Mythenbildung beitrugen. Das Buch kommt ohne eine einzige Fussnote aus, da die Nachweise der originalen Quellen durchwegs in den Text integriert sind, während reichliche Fachliteratur kapitelweise im Anhang zusammengestellt ist. Eine erfreuliche und anregende Publikation, die erheblichen Erkenntniszuwachs bringt und bald auch zum unentbehrlichen Nachschlagewerk werden dürfte.
Mit Hartmut Leppin befasst sich ein ausgewiesener Spezialist der Spätantike mit Leben und Wirken Theodosius' des Grossen. Der seit 2001 in Frankfurt a.M. lehrende Althistoriker hatte zuvor u.a. Monographien zum Kaiserbild bei den Kirchenhistorikern Sokrates, Sozomenos und Theodoret (1996) und zu den Kirchenvätern von Athanasius bis Gregor dem Grossen (2000) publiziert; eine Studie Zum Wandel des spätantiken Heidentums ist in Vorbereitung.
Leppin präsentiert uns Theodosius' sechzehn Regierungsjahre (379-395 n.Chr.) in fünf Abschnitten, deren Anfangs- bzw. Endpunkte die herausragenden Ereignisse seiner Herrschaftszeit bilden: Die Ernennung zum Ostkaiser "im Schatten der Niederlage von Adrianopel", der Gotenfriede von 382 n.Chr., der Sieg über den Usurpator Maximus bei Aquileia (388), der Bussakt von Mailand (391) und die Schlacht am Frigidus (394), wo Theodosius mit Eugenius erneut einen Usurpator im Westteil des Reichs besiegt. Vorangestellt sind ein in die Epoche einführendes Kapitel ("Ein Reich der Vielfalt", S. 15-28) und eines zu Theodosius' Herkunft und Jugend (S. 29-33). Im Schlusskapitel geht Leppin kurz auf die Gesamtbewertung des Kaisers in der antiken und modernen Historiographie ein, um dann nochmals die wesentlichen Aspekte seines Kaiserbildes zusammenzufassen (S. 229-239).
Zwei Aspekte prägen dieses Gesamtbild vor allem und durchziehen alle Kapitel des Buches wie ein roter Faden: Theodosius' Umgang mit den vielfältigen, sich widerstrebenden Kräften von Christen- und Heidentum und die fortschreitende 'Auseinanderentwicklung' zwischen Ost- und Westteil des Imperiums. Wem als Laie (oder vielleicht als sporadisch interessiertem Mittelschüler) diese zwei Aspekte gerade noch schlagwortartig im historischen Gedächtnis haften - 'Christentum wird unter Theodosius Staatsreligion' und 'Reichsteilung von 395' -, gewinnt bei Leppins stets sachlichen, klar und prägnant formulierten Ausführungen eine sehr plastische und differenzierte Vorstellung dieser Entwicklungsstränge. So zeigt er etwa, dass das oft genannte Verbot heidnischer Kulte aus dem Jahr 391 zunächst zwei Gesetze mit lokal beschränktem Geltungsbereich (Rom und Ägypten) waren, die inhaltlich keinen Präzedenzfall darstellten ("Opferungen, Tempelbesuche, Verehrung für heidnische Götterbilder, all das war schon oft untersagt worden" (S. 166)). Im Falle Ägyptens war das Verbot in erster Linie eine Reaktion auf die dortigen Unruhen (Zerstörung des Serapeions in Alexandrien; S. 169ff). Zwar bildeten die zwei Erlasse den "Anfang einer verhältnismässig dichten Reihe von Religionsgesetzen" und nahm die antiheidnische Gesetzgebung "eine neue Qualität" an (S. 175), als Theodosius 392 heidnische Rituale auch im Privaten verbot, doch legte er "offenbar keinen Wert darauf, seine antiheidnischen Verfügungen energisch in die Tat umzusetzen" (S. 236). Theodosius schuf also nicht ein grundsätzlich neues Verhältnis zwischen römischem Staat und aufstrebendem Christentum, sondern tat - mehr von tages- und machtpolitischen Erwägungen als von religiösen Prinzipien und persönlichen Überzeugungen geleitet - einige wenige Schritte "auf dem Weg zum christlichen Imperium".
Ähnliches gilt für die sogenannte Reichsteilung von 395 zwischen Theodosius' Söhnen Arcadius und Honorius. Dass sich zwei Kaisersöhne in die Zuständigkeiten für Osten und Westen teilten, war beileibe nichts Neues. Dass aber Theodosius der letzte römische Kaiser gewesen war, der tatsächlich über beide Reichsteile geherrscht hatte, konnte damals noch niemand ahnen. Trotzdem hatte schon längst eine 'schleichende Distanzierung' zwischen Ost und West eingesetzt, wie Leppin besonders anschaulich am Beispiel der kaiserlichen Personal- und Kirchenpolitik zeigt. Selbst aus Spanien stammend, von Gratian aber zunächst zum Herrscher über den Osten bestellt, hatte Theodosius grösste Schwierigkeiten, sich bei der Aristokratie Konstantinopels Achtung zu verschaffen. Dass er da bei der Besetzung hoher ziviler und militärischer Ämter öfters Vertrauensleuten aus dem Westen den Vorzug gab, ist nur allzu verständlich, provozierte aber weitere Schwierigkeiten, wie z.B. die Ermordung seines Prätorianerpräfekten Rufinus in Konstantinopel zeigte. In der Kirchenpolitik gelang es ihm zwar relativ rasch, in der Osthälfte der nizänischen Lehre zum Durchbruch zu verhelfen (Edikt von Thessaloniki 380 n.Chr., Konzil in Konstantinopel 381) und dadurch einen Kreis ihm ergebener Kleriker zu 'installieren'. Dieses eigenmächtige Vorgehen verärgerte aber die Kirchenleute im Westen und rief erstmals den streitbaren Ambrosius auf den Plan, der das Gegenkonzil in Aquileia leitete und Theodosius das Leben später noch verschiedentlich schwer machen sollte.
An dieser Stelle sei auf einige terminologische Besonderheiten in Leppins Buch verwiesen. Er verzichtet bewusst "auf die parteiisch gefärbten Begriffe 'katholisch' und 'orthodox'" (S. 27) und spricht stattdessen konsequent von Nizänern. Etwas gewöhnungsbedürftig ist, dass er für die grösste Gruppe der Häretiker nicht den Sammelbegriff 'Arianer', sondern 'Homöer' gebraucht. Unproblematisch, weil sparsam und stets mit Bedacht eingesetzt sind einige in der historischen Fachsprache an sich (noch) nicht übliche Begriffe wie 'Karrierestau', 'vernetzt' oder 'pressure groups', die Leppin im Zusammenhang mit Theodosius' Personal- und Kirchenpolitik verwendet.
Zu den Stärken des Buches gehören zweifellos die teils eingehenden Quelleninterpretationen. Zu nennen sind hier eine Besprechung der theodosianischen Bauten in Konstantinopel sowie Analysen der (oft auch in längeren Auszügen zitierten) Briefe des Ambrosius, der Kirchenhistoriker und der theodosianischen Gesetzestexte. Dankbar ist man für die klug ausgewählten und gut beschrifteten Abbildungen und den Apparat mit Glossar und weiterführender Literatur.
Schlanker als Leppins Theodosius präsentiert sich Theoderich der Grosse in der Darstellung von Frank M. Ausbüttel, seit 1986 Lehrbeauftragter für Alte Geschichte an den Universitäten Frankfurt und Marburg sowie im hessischen Schuldienst tätig. Ausbüttel legt sehr viel weniger Gewicht auf das Referieren von Forschungskontroversen und eingehende Quellendiskussionen. Zwar zitiert auch er regelmässig längere Passagen aus den reichlich vorhandenen Textquellen (Cassiodor, Jordanes oder Ennodius, um nur einige zu nennen), fügt diese aber eher illustrierend in seine Darstellung ein. Gleiches gilt für die (an sich sehr gut gewählten und reproduzierten) Abbildungen, die für manchen Leser aber zu knapp, in zwei Fällen leider auch falsch beschriftet sind (Abb. 4 und 5, S. 48f.: Julius Nepos und Romulus Augustulus waren west-, nicht oströmische Kaiser).
Trotzdem legt Ausbüttel insgesamt eine überzeugende Theoderich-Biographie vor: Schnörkellos erzählt er die Ereignisse von der Geburt des Gotenkönigs (453 n.Chr.) bis zum Zusammenbruch seines Reichs schon wenige Jahrzehnte nach seinem Tod (562 n.Chr.), anschaulich beschreibt er die politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und religiösen Verhältnisse jener Epoche, insbesondere in Italien, übersichtlich gliedert er in sieben Hauptkapitel (Herkunft und Jugend - Feldzüge auf dem Balkan - Die Eroberung Italiens - Herrschaft über Italien - Aussenpolitik - Die letzten Jahre der Herrschaft - Ausblick). Probleme von allgemein historischem Interesse (z.B. die Frage nach der Kontinuität bzw. Diskontinuität des Jahres 476 n.Chr.) werden ebenso referiert wie Ergebnisse historischer Detailforschung (z.B. der Transport der monolithischen Mausoleumskuppel von Istrien nach Ravenna (S. 144-148) oder die Umstände des Boëthius-Prozesses im Jahr 524 (S. 132-138)).
Unter 'Ausblick' bekommt der Leser auch die abenteuerlichen Wege von Theoderichs Nachleben aufgezeigt: Von seinen katholischen Gegnern als arianischer Ketzer verteufelt, wurde sein Bildnis in der Kirche Sant' Apollinare Nuovo in Ravenna in ein Porträt Justinians umgearbeitet (Abb. 11, S. 74); Karl der Grosse, der sich wie Theoderich als Wiederhersteller des Römischen Reichs sah, holte dessen Reiterstandbild nach Aachen; und in der Gestalt Dietrichs von Bern ging Theoderich schliesslich in einen weit verbreiteten Strang mittelalterlicher Epik ein (S. 155-160). Abschliessend nimmt Ausbüttel eine Einschätzung der historischen Grösse Theoderichs vor und kommt zu folgendem Schluss: "Was keinem anderen Germanen vor ihm so richtig geglückt war, sollte ihm ... gelingen. Theoderich erlangte eine dem Kaiser gleiche Stellung und konnte sie auf Dauer halten. ... Er hatte damit bewiesen, dass ein Gote erfolgreich und zur grossen Zufriedenheit seiner Untertanen über weite Teile des Römischen Reichs herrschen konnte." (S. 163f). Ausbüttel schliesst sich damit der communis opinio vieler neuzeitlichen Studien an, die "alle ... ein überwiegend positives Bild dieses Herrschers" zeichnen (S. 162).
Theodosius der Grosse und Theoderich der Grosse sind zwei Gestalten der Spätantike. Als solche stehen sie vermutlich weniger im Mittelpunkt altsprachlichen Unterrichts als andere 'Grosse' Griechen und Römer. Wer trotzdem informative und auch für Mittelschüler verständliche Darstellungen jener Epoche sucht, die nebenbei auch zahlreiche literarische Persönlichkeiten in ihrem historischen Kontext beleuchten (Ambrosius, Symmachus, Libanios und Themistios bei Leppin, Boëthius bei Ausbüttel), ist mit den beiden vorgestellten Biographien zweifellos gut beraten.
Fik Meijer, Professor für Alte Geschichte in Amsterdam, versucht (auf lediglich 174 Seiten), ausgehend von der Tatsache, dass von den über 80 offiziellen römischen Kaisern nur wenige eines natürlichen Todes starben, die Geschichte der römischen Kaiserzeit von Caesar bis Romulus Augustulus zu erzählen, wobei er den Schwerpunkt auf die Umstände des Todes des jeweiligen Herrschers legt.
Seine Erzählweise steht ganz in der Tradition der antiken Historiographie. Als Grundlage seiner Darstellung dienen die Kaiserbiographien Suetons, sowie Tacitus, Cassius Dio und weitere, spätantike Autoren. Sekundärliteratur benutzt er praktisch keine. Er verzichtet ausserdem darauf, seine Quellen wörtlich zu zitieren, erzählt das Geschehen in eigenen Worten und wählt dabei die wahrscheinlichste Quelle aus, ein Konzept, das heutigen quellenkritischen Ansprüchen bezüglich Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit nicht genügen kann.
Hilfreich dagegen ist die Auflistung der wichtigsten Originaltexte im Anschluss an die jeweilige Lebens- und Todesbeschreibung. Es wäre zu überlegen, ob man nicht von vornherein diese lesen sollte!
Zudem ist das Konzept "kurze Lebensbeschreibung - Todesbeschreibung" auf die Dauer ermüdend - so gross ist die Variationsbreite der möglichen Todesarten ja nicht! - und die Einbettung der Biographien in den historischen Kontext fehlt.
Hilfreich wäre ein Katalog der Topoi, deren sich die antiken Autoren bedienen, wenn es z.B. darum geht, einen aus der Sicht des entsprechenden Autors unbeliebten Kaiser in ein ungünstiges Licht zu stellen oder sein Verhalten im Tod zu beschreiben.
Ebenfalls vermisst wird eine Darstellung der Einstellung der Römer gegenüber dem Tod.
Dem erzählenden Teil angefügt sind die Stammbäume der wichtigsten Kaiserhäuser - leider ohne die Lebensdaten der angeführten Personen oder wenigstens die Regierungszeiten der Herrscher - und eine Karte des römischen Reiches im 2. Jh., deren Übersichtlichkeit dadurch gestört wird, dass die Flüsse und Strassen farblich kaum voneinander zu unterscheiden sind.
So viel versprechend der Titel - der Autor vermag die dadurch geweckten Erwartungen nicht zu erfüllen.
In der Einleitung seines sehr ansprechend geschriebenen Buches mahnt der Autor mit Nachdruck, die Begeisterung für die Grausamkeiten der Gladiatorenkämpfe nicht einseitig als typische, verwerfliche Eigenart der Römer zu verurteilen, ohne sich der historischen Umstände bewußt zu sein, die solche Brutalitäten ermöglichten (bekannt ist die von Augustinus erwähnte Faszination seines Schülers Alypius); auch die späteren Epochen bis in die Neuzeit kannten die Billigung von Gewalttaten z.B. in Form von tödlichen Duellen oder öffentlichen Hinrichtungen.
Chronologisch behandelt Meijer die Entwicklung der Gladiatorenkämpfe (ursprünglich Bestandteile von Bestattungsriten) von der Republik bis zu ihrem allmählichen Ende in der christlichen Kaiserzeit, wobei er kritisch verschiedene Entstehungstheorien gegenüberstellt; auch die staatlichen ludi erläutert er ausführlich, da diese nach und nach mit den zunächst privat organisierten munera (eigentlich Verpflichtungen gegenüber den Toten) verschmolzen.
Mit interessanten Details erklärt er die Bedeutung der Gladiatoren in der römischen Gesellschaft, beispielsweise in einem Exkurs über den Spartacusaufstand, aber auch mit faszinierenden Einzelheiten über den sozialen Hintergrund, Ausbildung und Lebenserwartung der Gladiatoren, die verschiedenen Kämpfertypen, Kosten und Organisation der Veranstaltungen, Schwierigkeiten bei der Beschaffung wilder Tiere, die Orte der Durchführung der Kämpfe und ihre diversen Formen, wobei das Kolosseum mit vielen verschiedenen Aspekten (Sicherheit, Komfort, Beseitigung der Leichen usw.) einen breiten Raum erhält; in einem späteren Kapitel wird dessen ebenso interessantes Schicksal nach dem Ende des Römischen Reiches dargelegt.
Ein eigenes Kapitel widmet sich einem (rekonstruierten) Tagesablauf im Kolosseum mit einem dreiteiligen Programm, das aus Tierkämpfen am Morgen, Hinrichtungen am Mittag und Gladiatorenkämpfen am Nachmittag besteht. Diverse bildliche Darstellungen ergänzen in den verschiedenen Kapiteln die Informationen.
Im Anhang finden sich ein nützliches Glossar der lat. Fachbegriffe, die (relativ sparsam verwendeten) Anmerkungen und Literaturhinweise, eine Zeittafel sowie ein Verzeichnis der bedeutendsten Amphitheater. Das Buch setzt keine fundierten philologischen Kenntnisse, jedoch Interesse an Einzelheiten der römischen Geschichte und Kultur voraus; wo die Quellen schweigen, greift Meijer gelegentlich zu naheliegenden, gut nachvollziehbaren Vermutungen.
Die Olympischen Spiele sind zwar vorbei, doch wissen wir ja aus unserer Unterrichtstätigkeit, dass Nachbereitung ein integraler Bestandteil des Lernens ist ...! 1987 bei Yale University Press, New Haven unter dem Titel "Combat Sports in the Ancient World" und 1989 beim Artemis Verlag in deutscher Übersetzung erschienen, wurde dieses Standardwerk im Hinblick auf die XXVIII. Olympiade in Athen wieder aufgelegt. Aus diesem Grund liegt nicht der neuste Forschungsstand vor; der jüngste Literaturverweis betrifft 1985.
Wie der Titel besagt, geht es nicht um eine Darstellung der olympischen Wettkampfdisziplinen, sondern ausschliesslich um die Kampfsportarten. Zeitlich wird die Betrachtung eingeschränkt auf die Antike, was aber Seitenblicke auf unsere Gegenwart nicht ausschliesst; der Begriff "Antike" wird denn auch grosszügig ausgelegt: Die Zeugnisse decken einen Zeitraum ab, der von 3000 v.Chr. bis ins 12. Jahrhundert n.Chr. reicht. Geographisch wird besonders der kleinasiatische Raum, Griechenland und Italien ins Blickfeld genommen, wobei Ägypten eine gewichtige Nebenrolle zukommt.
Nach einer allgemeinen Einleitung (Quellenlage, Zielpublikum, Arbeitsgrundsätze) ist das Buch grob in zwei Teile gegliedert: Der Darstellung der einzelnen Kampfsportarten Ringen, Pankration, Stockfechten und Boxen folgen drei Kapitel, die die Rahmenbedingungen darstellen, unter denen der Kampfsport stattfand ("Wesen und Zweck des Kampfsports"; "Die Teilnehmer am griechischen Kampfsport"; "Metapher, Mythos und Wirklichkeit"); den Schluss macht ein Anhang über "Kampfsport, Totenkult und Menschenopfer." Es folgen ein ausführliches "Verzeichnis der Abbildungen", ein Verzeichnis der "Abkürzungen", umfangreiche "Anmerkungen", eine "Bibliographie" und ein "Sachregister".
Die Abbildungen (schwarz-weiss) sind von unterschiedlicher Qualität; ihnen ist jedoch stets eine hilfreiche Legende beigegeben, die die Bildaussage verdeutlicht. Die Bedenken wegen der fehlenden oder rudimentären Quellenangaben sind unberechtigt: Im "Verzeichnis der Abbildungen" findet man alle gewünschten Hinweise. Es ist denn auch die erklärte Absicht des Autors, "den Text so weit wie möglich von unbekannten Namen, wissenschaftlichem Apparat oder athletischen Fachausdrücken freizuhalten" (S. 11).
In der Einleitung werden einige griechische Fachausdrücke in lateinischer Umschrift erklärt; hier hätte ich mir etwas mehr Systematik und Ausführlichkeit gewünscht, doch hängt dies wohl mit der eben zitierten Ausrichtung des Autors zusammen. Die Begriffe sind im Übrigen auch im Sachregister relativ einfach zu finden (kursiv gedruckt) und mit einer kurzen Charakterisierung versehen. Etwas unglücklicher sind die Verweise innerhalb des Buches: sie sind zu allgemein (z.Bsp.: "s. Kap. VI" - dieses Kapitel hat aber 38 Seiten!).
Die einzelnen Kampfsportarten werden nicht schematisch beschrieben. Obwohl es Ansätze einer systematischen Behandlung gibt (Untertitel "Regeln"; "Techniken"), sind diese Kapitel sehr unterschiedlich aufgebaut und von unterschiedlicher Länge ("Stockfechten" ist das kürzeste und fällt etwas aus dem Rahmen, da es die fast ausschliessliche Konzentration auf griechische Kampfsportarten durchbricht).
Wem die manchmal recht technischen Beschreibungen der einzelnen Kampfsportarten nicht zusagen, der kommt doch in der zweiten Buchhälfte auf seine Rechnung. Hier werden Themen behandelt wie Gewalt, antike Kritik am Kampfsport, Verhältnis von Militär und Sport, die typisch griechische Agon-Kultur, die römische Kritik am griechischen gymnasion oder die Verwendung von Sportsmetaphern in philosophischen oder christlichen Texten.
Das Buch ist kein Unterrichtswerk und nicht auf die Schule ausgerichtet. Für eine Unterrichtssequenz "Sport" oder "Gewalt in der Antike" (oder vielleicht bei Semester- oder Maturaarbeiten in diesem Themenkreis) wird es aber gute Dienste leisten.
K.G. Kachler hat von seinen Reisen zwischen dem Ende der fünfziger und dem Beginn der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts eine grosse Diasammlung zum antiken Theaterwesen mitgebracht. Davon liegt nun eine kleinere Auswahl als Katalog und eine grössere auf DVD vor. Um es gleich vorwegzunehmen: Wir haben damit hervorragendes Anschauungsmaterial zu einem sagenhaft günstigen Preis. Wer nicht zugreift, ist selber schuld! Für die Begleittexte haben S. Aebi und R. Brunner weiterführende neue Literatur benützt, für die Theaterbauten insbesondere das grosse Sammelwerk 'Teatri greci e romani' von 1994 (hrsg. von P. Cianci Rossetto und G. Pisani Sartorio). Dort finden wir auch die zugehörigen Grundrisse, Masse und Angaben zum Forschungsstand (sie stammen übrigens für viele uns interessierende Bauten von Hans Peter Isler).
Über Stärken und Grenzen dieser Sammlung gibt die Vorbemerkung gut und erfreulich bescheiden Auskunft. Es ist klar, dass die Qualität der Aufnahmen recht unterschiedlich ist. Viele Aufnahmen sind bereits "historisch", was aber auch einen zusätzlichen Wert ausmachen kann. Objekte (Masken, Vasen) mussten oft durch das Glas der Vitrinen aufgenommen werden. Für uns ist es gut, dass die Auswahl sich an der Sache orientiert hat. Die Qualität der Bilder auf DVD ist in vielen Fällen wesentlich besser als die Ausdrucke im Katalog ahnen lassen (zusätzlich sind Themenkatalog und Literaturverzeichnis dort erweitert).
Da nimmt man es gerne in Kauf, dass die Benützung der DVD-Sammlung etwas gewöhnungsbedürftig ist und eine gewisse Vertrautheit mit dem Thema erfordert. So kann man einen bestimmten Ort nur über die Karte und die Zeitschiene ansteuern (nicht über den Ortsnamen); man braucht also eine gewisse Ahnung von Lage und Zeitstellung - im Zweifelsfalle wähle man ein späteres Datum, da auf der Karte dann auch die früheren Bauten erscheinen und oft späte Umbauten zu verzeichnen sind. Die Bildübersichten zu einem Ort oder Thema haben keine Untertitel. Informationen bekomme ich erst, wenn ich das entsprechende Bild anklicke; auch sehe ich erst dann, ob nur eine oder mehrere Aufnahmen vorhanden sind. Es empfiehlt sich also öfter, z.B. bei den Theaterbauten in der Schweiz, wie bei einer privaten Dia-Sammlung die Bilder zunächst einmal durchzusehen.
Kachler hat sich sein Leben lang praktisch und theoretisch mit der Maske beschäftigt, entsprechend hat er auch reiches Material dazu zusammengetragen, von den frühen Stücken aus dem Heiligtum der Artemis Orthia bei Sparta bis zur Spätzeit. Allerdings macht sich hier etwas bemerkbar, dass den Bearbeiterinnen dazu keine moderne Gesamtdarstellung wie zu den Theaterbauten zur Verfügung stand. Entsprechend vermisst man manche Angaben zum Maskentyp und dessen Entwicklung. Die Auswahl unter dem Titel "Komische Masken" ist recht zufällig; sie lässt sich etwas aus andern Kapiteln ergänzen, gibt aber auch so keine Gesamtschau der für die Komödie überlieferten Masken.
Die Erkenntnisse über die frühen Theaterbauten mit geradlinigen Sitzstufen und entsprechender Orchestra konnten die Bearbeiterinnen bereits berücksichtigen. Der für uns wichtigste Bau von Thorikos bei Sunion ist auch bildlich gut dokumentiert. Auch zum unter dem römischen Odeion liegenden älteren Theater von Argos finden wir Belege (Katalog S. 83: im Hintergrund die geraden Stufen, dazu DVD via "2. Jh. n. / Argos"). Noch nicht erkannt war zur Zeit von Kachlers Besuch in Syrakus, dass sich neben dem bekannten Teatro Greco in einer Strassenschlaufe die Reste des älteren Theaters befinden. Ein Besuch lohnt sich, denn man kann sich dort auf Stufen setzen, vor denen wohl tatsächlich die "Perser" des Aischylos gespielt worden sind (siehe unten).
Eine gute Ergänzung bietet der eben erschienene Aufsatz von Klaus Junker (ANTIKE KUNST, 47. Jg. 2004, S. 10ff.), der sich schwerpunktmässig mit der Funktion der älteren Theater befasst und betont, dass es sich um Mehrzweckbauten handelt, die nicht allein aus den Bedürfnissen des Theaterspiels heraus entwickelt wurden (zu Argos a.O. S. 17ff. mit Plan). In Westgriechenland ist offenbar bereits im 5. Jh. v. mit Rundbauten experimentiert worden - ein direkter Zusammenhang mit dem späteren Amphitheater scheint allerdings nicht zu bestehen. Dennoch fühle ich mich in der Überzeugung bestärkt, dass an den Theaterbauten der römischen Zeit im Grund viel mehr griechisch, genauer westgriechisch ist als römisch.