SAV/ASPC/ASFC
 
 

Bulletin 81/2013

Inhalt

 

Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Mit seinem Leitartikel nimmt uns Prof. Dr. Peter-Andrew Schwarz noch einmal mit nach Vindonissa. Für alle, die an der letztjährigen Weiterbildung nicht teilnehmen konnten, eine Gelegenheit auf diese Weise diesen geschichtsträchtigen Ort kennenzulernen. Vielleicht ergibt sich daraus auch ein Besuch vor Ort.

Ausserdem mache ich gerne darauf aufmerksam, dass bereits im nächsten online-Bulletin auf unserer Homepage www.philologia.ch der sehr interessante Artikel über die Stellung der Alten Sprachen in England von Patrick Kuntschnik aufgeschaltet ist. Die Veröffentlichung dieses Textes folgt in der Herbstausgabe.

Die erste landesweite Umfrage Wer lernt Latein oder Altgriechisch in der Schweiz? ist eine klare Antwort auf die von einzelnen Medien in Unkenntnis der Situation zu tief publizierten Zahlen. Durchgeführt wurde die Umfrage vom SAV.

Zum Schluss sei noch angemerkt, dass in dieser Ausgabe zwei Neuerungen aufgenommen wurden. Am Ende eines jeden Artikels erscheint nebst dem Namen des Autors neu auch dessen Mailadresse. Ausserdem stellt sich unser neues Vorstandsmitglied, Daniel Rutz, gleich selbst vor. Wir heissen ihn auch an dieser Stelle herzlich willkommen und danken ihm für seine Bereitschaft, im Vorstand mitzuarbeiten.

Auf eine anregende Lektüre!

Petra Haldemann
 

Thematischer Artikel

Die Aargauer Vindonissa-Professur im Spannungsfeld zwischen Lehre und Forschung

Einleitung

Der Leitartikel basiert im Wesentlichen auf einem Vortrag den ich auf Einladung des Verantwortlichen für Weiterbildung, Martin Müller, am Weiterbildungstag des Schweizerischen Altphilologen Verbandes vom 5. September 2012 in Windisch halten durfte1.

Was ist die Vindonissa-Professur?

Die Vindonissa-Professur wurde auf Initiative des Kantons Aargau am 01.04 2009 an der Universität Basel eingerichtet. Die "Vereinbarung zwischen dem Kanton Aargau und der Universität Basel betreffend Einrichtung einer Professur in Archäologie mit besonderer Berücksichtigung der römischen Provinzen vom 04.03.2008"2 hat im Wesentlichen zwei Ziele:

  1. Interdisziplinäre Grundlagenforschung durch Aufarbeitung von archäologischen Ausgrabungen in den römischen Fundstellen im Kanton Aargau, namentlich in Vindonissa und in der Unterstadt von Augusta Raurica mit dem Castrum Rauracense (Kaiseraugst, AG).
  2. Verstärkung der Lehre und Forschung im Bereich der Archäologie und Archäobiologie, speziell der römischen Provinzen nördlich der Alpen, u.a. durch Beteiligung der Mitarbeitenden der Vindonissa-Professur an der Lehre.

Anlass für das Engagement des Kantons Aargau bildet ein Sachverhalt, den bereits der damalige Kantonsarchäologe und Konservator des Vindonissa-Museums Brugg, Rudolf Moosbrugger-Leu, im Jahr 1960 wie folgt umschrieben hat: "... und so ist es unmöglich, nebenher die jahrzehntealten Rückstände aufzuarbeiten (was im jetzigen Augenblick ein dringendes Erfordernis ist, will die Forschung den Überblick behalten) - und restlos unmöglich ist es, wenn man die kommenden Aufgaben vor sich sieht ..."3.

Gut 45 Jahre kamen Christine Meier-Freuler und Thomas Pauli-Gabi zum gleichen Schluss: "Die vielfach brachliegende Dokumentation der archäologischen Baustrukturen und die in die Millionen gehenden Funde könnten uns noch viele spannende Fragen zur Bedeutung und Entwicklung der Siedlungen auf dem Windischer Plateau beantworten helfen. Wir stehen aber vor der unbefriedigenden Situation, dass zwar grosse Flächen ausgegraben wurden, sehr viele Grabungen jedoch lediglich im Rohzustand im Archiv der Kantonsarchäologie eingelagert sind, ohne dass irgendjemand ihre wissenschaftlichen Potentiale kennt ..."4.

Abbildung 1a
Abb. 1a: Gesamtplan von des Legionslagers von Vindonissa (Windisch/AG) aus dem Jahr 1908 (© Gesellschaft Pro Vindonissa).
Abbildung 1b
Gesamtplan des Legionslagers von Vindonissa (Windisch/AG) aus dem Jahr 2008 (© Kantonsarchäologie Aargau).
Abbildung 2
Abb. 2: Rekonstruktionszeichnung des Legionslagers von Vindonissa und der angrenzenden Zivilsiedlungen um 100 n. Chr. (© Kantonsarchäologie Aargau).

Die Dimensionen dieses Problems lassen sich am sinnfälligsten mit Hilfe eines Vergleichs zwischen den archäologischen Gesamtplänen der Fundstelle Vindonissa aus dem Jahre 1908 und dem Jahr 2008 verdeutlichen (Abb. 1a; Abb. 1b). Zwischen 1908 und 2008 sind Dutzende von kleineren und grösseren Grabungen auf dem Windischer Plateau durchgeführt worden. Das im Wesentlichen nach wie vor zutreffende Lebensbild des Legionslagers von Vindonissa mit den umliegenden Zivilsiedlungen aus dem Jahr 2005 (Abb. 2) darf deswegen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Grossteil der archäologischen Grabungen, welche die Grundlage dieses Lebensbilds bilden, wissenschaftlich nicht oder nur teilweise ausgewertet sind5. Letzteres trifft sinngemäss auch auf das in den Depots der Kantonsarchäologie Aargau eingelagerte Fundmaterial zu6. Noch grösser ist der Nachholbedarf im Bereich der naturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen: Die ersten Arbeiten zur Archäobotanik und zur Archäozoologie im Legionslager von Vindonissa und in den Zivilsiedlungen wurden bereits im späten 19. bzw. frühen 20 Jahrhundert publiziert und zählen damit zu den allerfrühesten in diesen beiden Disziplinen. Heute muss jedoch konstatiert werden, dass - trotz dieser wegweisenden Pionierarbeiten - auch in Bezug auf die Archäobiologie noch sehr viel Nachhol- und Forschungsbedarf besteht7. In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, dass alle archäologischen Dienststellen in der Schweiz mit solchen Problemen kämpfen - der Aargau ist aber bislang der einzige Kanton, der in enger Zusammenarbeit mit einer Universität versucht hat, eine Lösungsstrategie zu entwickeln und umzusetzen8.

Für das Departement Altertumswissenschaften der Universität Basel9 brachte die Einrichtung der Vindonissa-Professur eine substantielle Verstärkung der Lehre und Forschung im Bereich der provinzialrömischen Archäologie. Das Fach Ur- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Archäologie, welcher die Vindonissa-Professur angegliedert ist, bildet zudem zusammen mit der Integrativen Prähistorischen und Naturwissenschaftlichen Archäologie (IPNA) eine in der Schweiz einmalige Konstellation zwischen geisteswissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Archäologie10.

Wer ist die Vindonissa-Professur?

Die Vindonissa-Professur wurde nach Abschluss eines ordentlichen Berufungsverfahrens11 per 01.04.2009 mit Prof. Dr. Christa Ebnöther und dem Schreibenden, die sich seinerzeit zusammen auf die Stelle beworben hatten, besetzt. Dieses fruchtbare und gewinnbringende "job-sharing" endete im September 2011 mit der Berufung von C. Ebnöther als ordentliche Professorin für Archäologie der Römischen Provinzen an die Universität Bern; seitdem ist der Schreibende alleiniger Stelleninhaber.

Das eigentliche Potential der Vindonissa-Professur bildet jedoch die - im Vergleich mit anderen Fachbereichen - sehr gute personelle Ausstattung: Zwei 50%-Assistenzen (lic. phil. I Hannes Flück und lic. phil. I Andrew Lawrence bzw. - seit dem 01.01.2011 - lic. phil. I Sandra Ammann), je zwei 50%-Stellen für die Archäozoologin PD Dr. Sabine Deschler-Erb und für den Archäobotaniker Dr. Oerni Akeret sowie zwei 15%-Hilfsassistenzen (Sophia Joray, BA; Sarah Lo Russo).

In administrativer und organisatorischer Hinsicht unterstützt wird die Vindonissa-Professur zudem durch den Geschäftsleiter des Departements Altertumswissenschaften (lic. phil. Frank Faessler) sowie durch den Fachsekretariatspool, vorab durch lic. phil. I Delia Sieber (Personelles; Webmanagement) und lic. phil. Ruth Zillhardt (Buchhaltung; allgemeine Administration).

Abbildung 3
Abb. 3: Studierende und Mitarbeitende der Vindonissa-Professur auf der der Treppe des Hafentempels von Xanten im Juni 2011 (© Universität Basel - Sven Straumann).

Des Weiteren verstärken auch die Studierenden die personellen Ressourcen der Vindonissa-Professur. Dies nicht in erster Linie als "Kunden", d. h. als Teilnehmende an unseren Lehrveranstaltungen (Abb. 3), sondern v.a. dann, wenn sie im Rahmen von Tutoraten in der Lehre mitwirken, in Blockkursen jüngere Studierende mitbetreuen oder leitende Funktionen auf den Forschungs- und Lehrgrabungen oder bei Prospektionsprojekten übernehmen.

Weite Horizonte in der Lehre .....

Sowohl die Universität Basel wie auch der Kanton Aargau messen einer möglichst breiten und v.a. praxisbezogenen Ausbildung der Archäologie-Studierenden eine hohe Bedeutung zu. Diese soll die Studienabgänger und Studienabgängerinnen dazu befähigen, an einer Universität im Bereich der provinzialrömischen Forschung zu engagieren (z. B. als Assistierende bzw. Doktorierende), oder eine Funktion in einer archäologischen Dienststelle (Kantonsarchäologien, Museen) zu übernehmen, so z. B. als wissenschaftliche/r Mitarbeiter/in, als wissenschaftliche/r Grabungsleiter/in oder als Fundverantwortliche/r bzw. Kurator/in.

Hauptziel der Ausbildung im Bereich der provinzialrömischen Archäologie ist deswegen die Arbeit mit den Primärquellen, also mit den archäologischen Befunden ("vom Abwasserkanal bis zum Zerstörungsschutt"), den archäo(bio)logischen Funden ("vom Amphibienknochen bis zum Ziegel"), mit der schriftlichen Hinterlassenschaft (z. B. Epigraphik, Texte) sowie - last, but not least - auch die wissenschaftliche Analyse und Interpretation dieser Quellen. Grundlage dafür bildet eine viersemestrige Überblicksvorlesung, in der - ausgehend vom Gebiet der heutigen Schweiz - die wichtigsten historischen Ereignisse sowie verschiedene Aspekte der Kultur- Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der römischen Provinzen im Gebiet zwischen Atlantik und dem Schwarzen Meer vermittelt wird.

Abbildung 4
Abb. 4: Die Leiterin des Legionärspfads, Rahel Göldi (hinten links), informiert die Teilnehmenden der Übung "Ärzte, Quacksalber und Sanitäter in römischer Zeit" über den Stand der Planungen zur neuen Station "Lazarett" (© Universität Basel - Peter-A. Schwarz).

In den Übungen und Seminaren (Abb. 4) beleuchten wir ausgewählte Aspekte der römischen Welt und deren Sachkultur, so z. B. die römische Besiedlung des Oberrheingebiets, spezielle Fundgruppen (z. B. Keramik, Kleinfunde aus Bein, Metall) oder die limites des imperium Romanum. In diesen Veranstaltungen sollen aber nicht nur disziplinäre Kompetenzen trainiert und angewandt werden, sondern auch die verschiedene Aspekte des "roman way of life" interdisziplinär und - fallweise - auch diachron betrachtet werden. Aus diesem Grund organisieren wir regelmässig gemeinsame Lehrveranstaltungen mit den anderen archäologischen Disziplinen. So u.a. mit der Ur- und Frühgeschichte (z.B. Seminar zum Phänomen der Romanisierung), mit der Alten Geschichte (z. B. Seminar zu Augusta Raurica), mit der Klassischen Archäologie (z. B. Seminar zu Pompeji) sowie mit den naturwissenschaftlichen Zweigen der Archäologie (Archäobotanik, Archäozoologie und Geoarchäologie).

Bei den schriftlichen Arbeiten (Proseminar- bzw. Seminararbeiten) achten wir auf einen sinnvollen Mix zwischen theoretischen und praxisbezogenen Arbeiten. Bei Ersteren geht es darum ein - in der Regel im Rahmen einer Übung oder eines Seminars vergebenes - Thema in einer inhaltlich, fomal und sprachlich korrekten Art und Weise abzuhandeln. Diesen Ansprüchen müssen auch die Praktikumsberichte und die sog. Materialarbeiten genügen. Im Gegensatz zu den klassischen Seminararbeiten handelt es sich dabei aber nicht um Literaturarbeiten, sondern die Aufgabe umfasst z.B. die Teilauswertung einer Grabung bzw. die Bearbeitung eines grösseren Fundensembles12, eine systematische Bestandsaufnahme von unpublizierten Grabungsbefunden und deren bautypologische und funktionale Einordnung13 oder die Auswertung von Bodenproben im Hinblick auf eine bestimmte archäologische Fragestellung14.

Der akademische Unterricht findet nicht nur im Hörsaal, im Seminarraum oder im Labor statt, sondern auch im Freien, und zwar in Form von kleineren und grösseren Exkursionen, so z. B. ins Wallis und Valle di Aosta (2009), nach Xanten (2011) oder nach Pompeji (2012). Damit erhalten die Studierenden einerseits die Möglichkeit, sich anhand der Museumsbestände und der in situ konservierten Denkmäler mit der Situation in den verschiedenen Regionen des imperium Romanum vertraut zu machen, andererseits lernen sie auch die vor Ort tätigen Kolleg/innen kennen.

Wie erwähnt, legt die Vindonissa-Professur Wert auf eine praxisorientierte Ausbildung der Studierenden. Dazu gehören die Arbeit mit Originalfunden, die archäologische Feldarbeit (Ausgrabung, Prospektion) sowie die Vermittlung archäologischen Forschungsergebnissen (Ausstellungen).

Abbildung 5
Abb. 5: Zum praktischen Teil der Ausbildung gehört auch das massstäbliche Zeichnen von archäologischen Funden (© Universität Basel - Tina Lander).

Die Arbeit mit Originalfunden (z. B. Keramik, Tierknochen, archäobotanische Makroreste) erfolgt in der Regel im Rahmen von vier- bis fünftägigen Blockkursen während der Semesterferien. Vermittelt werden in diesen Kursen u.a. das massstäbliche Zeichnen von Fundobjekten, das Vorgehen bei der Erfassung, Bestimmung und Katalogisierung von Funden sowie die chronologischen und funktionale Einordnung des Fundmaterials (Abb. 5). Da es u. a. auch darum geht, zusammen mit den Studierenden zu neuen Forschungsergebnissen zu gelangen, arbeiten wir in der Regel mit noch nicht bearbeiteten bzw. unpublizierten Fundkomplexen.

Abbildung 6
Abb. 6: Lehr- und Forschungsgrabung Kaiseraugst-Wacht (2011): Studierende beim Freilegen und Dokumentieren von spätrömischen Töpferöfen in der Unterstadt von Augusta Raurica (© Kantonsarchäologie Aargau - Ausgrabungen Kaiseraugst).

Für die archäologische Feldarbeit stehen zwei Gefässe zur Verfügung. Zum einen die sechswöchigen Lehr- und Forschungsgrabungen, die wir in den Jahren 2011 und 2012 in enger Zusammenarbeit mit der Kaiseraugster Grabungsequippe (lic. phil. I Cédric Grezet, Shona Cox, Aurèle Pignolet) in der Unterstadt von Augusta Raurica durchgeführt haben (Abb. 6). Die jüngeren Studierenden haben so die in dieser Form einmalige Gelegenheit, die Primärquellen der Archäologie, d. h. Fundmaterial und Befunde "live" kennen zu lernen. Sie können sich im Sinne eines "learning by doing" zudem diejenigen Fertigkeiten aneignen, die zur Ausübung ihres zukünftigen Berufs unabdingbar sind: Freilegen von archäologischen Strukturen mit Pickel und Schaufel bzw. mit Kelle und Staubsauger, Anfertigen von massstäblichen Profil- und Aufsichtszeichnungen usw. Die erfahrenen Studierenden lernen als Sektorchefs wie bei der Freilegung von archäologischen Strukturen vorzugehen ist, wie diese zu beschreiben und zu interpretieren und in den archäologisch-historischen Kontext einzubinden sind15.

Zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Prospektion (AGP)16 hat die Vindonissa-Professur zudem im Jahr 2012 begonnen, im Kanton Obwalden, der über keine archäologische Dienststelle verfügt, systematische Prospektionen durchzuführen. Diese haben einerseits zum Ziel, den lückenhaften archäologischen Kenntnisstand in den einzelnen Gemeinden zu verbessern, andererseits sollen die Prospektionsergebnisse dazu beitragen, dass die archäologische Schichten und Strukturen besser geschützt werden und bei künftigen Baumassnahmen nicht unbeobachtet zerstört werden.

Abbildung 7
Abb. 7: Prospektion in Lungern-Bürglen/OW (2012): Studierende bei der Entnahme und Dokumentation von Bohrproben im Bereich eines vermuteten prähistorischen Siedlungsplatzes (© Universität Basel - Tina Lander).

Im Rahmen dieses mehrjährigen Prospektionsprojekts haben die Studieren die Möglichkeit, sich mit Methoden zu vertraut zu machen, die im Fall von bekannten Fundstellen nicht oder kaum zur Anwendung kommen bzw. während der Lehrgrabungen nicht intensiv trainiert werden können. Dazu gehören u.a. die Fähigkeit, ein Gefühl für die Topographie und damit für die Lage potentieller Fundstellen im Gelände zu entwickeln (z. durch Begehen und Kartieren bestimmter Areale), die Arbeit mit Metalldetektoren, das Fotografieren, die Vermessung oder das Durchführungen von Bohrungen (Abb. 7)17.

Abbildung 8
Abb. 8: Plan der Südwestecke des Legionslagers von Vindonissa (Windisch/AG). Der anlässlich der geophysikalischen Prospektionen im Herbst 2011 wieder entdeckte Südwestturm ist rot hervorgehoben (© Kantonsarchäologie Aargau; vgl. dazu auch die Anm. 19 angeführte Literatur).

Während bei der eben beschriebenen Art der Prospektionstätigkeit eher low-tech bzw. unabdingbare archäologische Grundfertigkeiten trainiert werden, ging es bei einem weiteren Prospektionspraktikum vorab darum, der Möglichkeiten und Grenzen der geophysikalischen Prospektionsmethoden kennenzulernen. Ziel war nicht, dass die Studierenden die verschiedenen geophysikalischen Methoden - z. B. LIDAR, Geomagnetik, Geoelektrik, Bodenradar18 - nach Abschluss des Kurses selbst anwenden können, sondern dass sie die Möglichkeiten und Grenzen der einzelnen Methoden kennen und in der Lage sind, die geophysikalischen Prospektionsergebnisse gemeinsam mit den Geophysikern zu interpretieren und in den archäologisch-historischen Kontext einer Fundstelle einzubinden. Die gemeinsam mit der Kantonsarchäologie Aargau (Dr. Jürgen Trumm; Riccardo Bellettati), der Firma GGH (Christian Hübner) durchgeführte, zehntägige Prospektionskampagne im Bereich eines rund 3,5 grossen, z. T. innerhalb, z. T. ausserhalb des Legionslagers von Vindonissa gelegenen Areals lieferte, wegen der schlechten Erhaltungs- und Rahmenbedingungen (Leitungen, Metallzäune etc.), keine spektakulären Ergebnisse (Abb. 8). Eher überrascht waren wir deswegen, dass sich der im Jahr 1924 untersuchte Südwestturm des Legionslagers im Magnetogramm recht deutlich abzeichnete; er wurde seinerzeit offensichtlich nicht abgebrochen, sondern in situ belassen19. Wichtig ist diese Information v.a. deswegen, weil bei künftigen Bodeneingriffen darauf geachtet werden muss, dass die Überreste des Südwestturms des Legionslagers nicht unbeobachtet zerstört werden.

Abbildung 9
Abb. 9: Medienorientierung auf der Lehr- und Forschungsgrabung Kaiseraugst-Wacht (2012): Tina Lander erläutert den Medienvertreter/innen die in ihrem Grabungssektor entdeckten Überreste eines spätrömischen Töpferofens (© Kantonsarchäologie Aargau - Ausgrabungen Kaiseraugst).
Abbildung 10
Abb. 10: Blick in den Austellungsraum des Vindonissa-Museums Brugg kurz vor der Vernissage der von Studierenden gestalteten Sonderausstellung "Vindonissa quellfrisch" (© Universität Basel - Tina Lander).

Die praxisbezogene Ausbildung umfasst schliesslich auch die Vermittlung von archäologischen Forschungsergebnissen, sei es in Form von Führungen anlässlich von Besuchstagen auf den Lehr- oder Forschungsgrabungen (Abb. 9), bei Auftritten an den alljährlich stattfindenden Römertagen in Brugg/Windisch bzw. in Augusta Raurica oder die Planung und Realisierungen von Ausstellungen zu bestimmten Aspekten des "roman way of life". Eine der zivilisatorischen Errungenschaften des imperium Romanum, nämlich die Versorgung mit Frischwasser, bildete Gegenstand der im Rahmen von zwei Lehrveranstaltungen konzipierten Sonderausstellung "Vindonissa quellfrisch", die zwischen dem 05.08. und dem 11.12.2011 im Vindonissa-Museum-Brugg gezeigt wurde (Abb. 10)20. Die Sonderausstellung, die ein grosses Medienecho auslöste und auch beim Publikum auf reges Interesse stiess, sollte den Besucher/innen in erster Linie eine Vorstellung vermitteln, wie die Wasserversorgung im Legionslager von Vindonissa und in anderen römischen Siedlungen funktioniert hat. Zu den Aufgaben der beteiligten Studierenden gehörten u.a. die Auswahl von geeigneten Exponaten und Illustrationen, das Abfassen Texten für die Beschilderung und für die Begleitbroschüre sowie die Planung und Durchführung von interaktiven Workshops für Schulklassen und Gruppen.

Abbildung 11
Abb. 11: An der Realisierung der Station "Lazarett" des Legionärspfads Vindonissa (Eröffnung 15.06.2013) sind auch Studierende der Universität Basel beteiligt (© Museum Aargau - Legionärspfad).

Im Rahmen einer mit der Leiterin des "Legionärspfads", lic. phil. I Rahel Göldin, durchgeführten Lehrveranstaltung wurden im Verlaufe des Herbstsemester 2012 z. B. auch die wissenschaftlichen Grundlagen für die Station "Lazarett" des Legionärspfads erarbeitet. Die beteiligten Studierenden erstellten einerseits "Factsheets" zu verschiedenen Themen (z. B. "Heilpflanzen und Heilmittel", "Römische Heilkunst im Spiegel anthropologischer Befunde" oder "Römische (Militär-)Ärzte im Spiegel der antiken Schriftquellen"), Drehbücher für die Audioguides der Thementour "Der Medicus - Römische Heilkunde in Vindonissa" (Abb. 11) und verfassten zudem auch Texte für die illustrierte Begleitbroschüre21.

Abbildung 12
Abb. 12: Christoph Reding (Kantonsarchäologie Aargau) erläutert den Studierenden die Überreste des spätantiken Wachturms in Schwaderloch/AG (© Universität Basel - Peter-A. Schwarz).

Ein ähnliches, ebenfalls im Herbstsemester 2012 begonnenes und in Zusammenarbeit mit der Kantonsarchäologie Aargau (Dr. Elisabeth Bleuer, lic. phil. I Franz Maier und lic. phil. I Christoph Reding) durchgeführtes Projekt umfasst die geplante "mise en valeur" von 13 spätrömischen Wachtürmen am Hochrhein mit Hilfe von Informationstafeln, so z. B. in Rümikon, Koblenz, Schwaderloch, Sulz, Wallbach, Möhlin, Rheinfelden. Die Aufgaben der Studierenden umfassten u.a. eine Zustandsaufnahme der erwähnten Wachtürme (Abb. 12), die Sichtung der entsprechenden Grabungsdokumentationen im Archiv der Kantonsarchäologie Aargau und im Staatsarchiv Basel-Stadt, das Abfassen von Kurztexten sowie die Auswahl von geeigneten Abbildungen (Rekonstruktionszeichnungen, Photos, Pläne).

Exkurs: ceterum censeo zum Lateinobligatorium

Abbildung 13
Abb. 13: Detailaufnahme mit dem Mittelmedaillon der sog. Achilleus-Platte aus dem spätantiken Kaiseraugster Silberschatzes (© Römerstadt Augusta Raurica; vgl. dazu auch die Anm. 25 angeführte Literatur).

Aus aktuellem Anlass erlaube ich mir an dieser Stelle einige Bemerkungen zur Diskussion um das Latein-Obligatorium, die seit dem Jahr 2005 auch an der Philophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel geführt wird22. Ich möchte an dieser Stelle jedoch nicht den Entscheid der Fakultät, das Latein-Obligatorium in den historischen Disziplinen weitgehend abzuschaffen, kommentieren, sondern begründen, wieso wir im Bereich der provinzialrömischen Archäologie auf der Masterstufe weiterhin am Nachweis von Lateinkenntnissen auf Maturitätsniveau festhalten. Lateinkenntnisse bedeuten für mich nicht in erster Linie Kenntnis der Sprache (und ihrer sprachlichen und grammatikalischen Feinheiten)23, sondern bieten in erster Linie Gewähr dafür, dass die Studierenden das Wissen um die wesentlichen Aspekte der römischen (Alltags-)Kultur bzw. um die Besonderheiten des "roman way of life" aus der Schule mitbringen24. An einem konkreten Beispiel erläutert: Im Zusammenhang mit der sog. "Achillesplatte" aus dem Kaiseraugster Silberschatz (Abb. 13) müssen wir davon ausgehen können, dass die Studierenden den mythologischen Hintergrund zumindest in groben Zügen kennen - damit wir uns im akademischen Unterricht auf konservatorische, technologische und kulturgeschichtliche Aspekte sowie auf die archäologisch-historische Bedeutung der spätrömischen Silberplatte konzentrieren zu können25.

Abbildung 14
Abb. 14: In Oedenburg (Biesheim, Dép. Haut-Rhin, F) gefundene Weihinschrift für Merkur und Apollo (© Universität Basel - Sven Straumann; vgl. dazu auch die Anm. 26 angeführte Literatur).

Die lateinische Epigraphik ist zwar eine Spezialdisziplin, auf archäologischen Grabungen in römischen Fundstellen kommen aber immer wieder Schriftzeugnisse zum Vorschein, oftmals in Form von Graffitti auf Keramikgefässen, seltener in Form einer Steininschrift. So z. B. vor einigen Jahren anlässlich einer Lehr- und Forschungsgrabung im römischen Tempelbezirk von Oedenburg (Biesheim (Dép. Haut-Rhin, F). Im konkreten Fall (Abb. 14) haben die beteiligten Studierenden die Kernaussage der Inschrift, nämlich dass es sich um eine Weihinschrift für Merkur und Apollo handelt und dass der Stifter - T(itus) Silius Luscusta - römischer Bürger gewesen sein muss26, bereits bei der Entdeckung erkannt.

Abbildung 15
Abb. 15: Lehr- und Forschungsgrabung Kaiseraugst-Wacht (2012): Blick in den über vier Meter tiefen gemauerten Schacht. Möglicherweise handelt es sich dabei um einen sog. " Eiskeller" (© Universität Basel - Peter-A. Schwarz).

Ein weiteres Anwendungsbeispiel aus dem "daily business" lieferte die oben erwähnte Lehr- und Forschungsgrabung Kaiseraugst-Wacht. Bei der Diskussion mit den Studierenden um die Funktion eines über vier Meter tiefen gemauerten Schachts (Abb. 15) wurde - im Sinne einer Arbeitshypothese - erwogen, ob es sich allenfalls um einen Eiskeller handeln könnte, also um einen Schacht der im Winter mit Eis und Schnee gefüllt worden ist und dann in den Sommermonaten zum Kühlen von verderblichen Lebensmitteln, z. B. von Austern oder Milch, diente. Um diese Arbeitshypothese zu verifizieren, griffen wir auf den lateinischen Schulwortschatz zurück und durchsuchten noch während der Grabung die (digitalen) antiken Quellen nach Begriffen wie nix, gelu oder glacies. Zwar fanden wir in den antiken Texten (noch) keinen eindeutigen Beleg für die Existenz von gemauerten Eiskellern, aber zumindest einige Hinweise, welche die Einlagerung von Schnee und Eis in Gruben bezeugen27. Überliefert ist zudem, dass Schnee und Eis im alten Rom effektiv als Kühlmittel für Wein bzw. Speisen verwendet worden sind28 - und dass der Konsum von Schnee- bzw. Eiswein Krankheiten verursacht29.

Nicht zuletzt wegen solcher exempla erachten die meisten Studierenden, nota bene auch diejenigen, die das Latinum im Rahmen des Bachelor-Studiums nachholen mussten, Lateinkenntnisse grundsätzlich als sinnvoll. "Habitué(e)s" wie "Nachholer/innen" sind jedoch dezidiert der Meinung, dass im universitären Lateinunterricht ein engerer Bezug zu den archäologischen Disziplinen hergestellt werden sollte30. Wir haben deswegen departementsintern angeregt, dass ab und zu Einführungsveranstaltungen zur lateinischen Epigraphik angeboten werden und dass in den Lektüre-Kursen auch archäologisch-historisch relevante Texte, wie z. B. Tacitus, Caesar, Plinius, Ammianus Marcellinus, Cicero, Columella, Velleius Paterculus, Cassius Dio oder Gregor von Tours, behandelt werden.

.... und eine Fokussierung in der Forschung auf den Aargau

Grundsätzlich ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass sich die Vindonissa-Professur auch in der Forschung nicht nur auf den Kanton Aargau bzw. auf die römische Epoche beschränkt31, - trotz der politisch gewollten und auch aus wissenschaftlicher Sicht sehr attraktiven - Fokussierung auf die römischen Fundstellen im Kanton Aargau.

In diesem Zusammenhang ist jedoch mit aller Deutlichkeit darauf hinzuweisen, dass die archäologischen Dienststellen in der Schweiz und - in ganz besonderem Masse die Kantonsarchäologie Aargau - immer wieder eigene Auswertungsprojekte lancieren und diese und andere Forschungsergebnisse auch regelmässig publizieren, sei es in Form von Monographien, von Beiträgen in Kongressakten oder in wissenschaftlichen Zeitschriften32.

So besehen, kann und will die Vindonissa-Professur im Kanton Aargau keine "unique selling position" im Bereich der provinzialrömischen Forschung beanspruchen, sondern möchte in erster Linie unterstützend und als Multiplikator wirken. Dass die Vindonissa-Professur in den vergangenen drei Jahren tatsächlich zu einer Intensivierung der Forschung im Bereich der provinzialrömischen Archäologie geführt hat, lässt sich anhand einiger Zahlen illustrieren: In den Jahren zwischen 1940 und 2012 wurden an der Universität Basel rund 40 akademische Abschlussarbeiten (Dissertationen, Lizentiats- und Masterarbeiten) zu provinzialrömischen Themen verfasst. Bis zur Einrichtung der Vindonissa-Professur im Jahr 2009 bildeten insgesamt zwölf römische Fundstellen/Grabungen im Kanton Aargau Gegenstand von Abschlussarbeiten an der Universität Basel. Seit der Einrichtung der Vindonissa-Professur wurden insgesamt acht Dissertationen über römische Fundstellen/Grabungen im Kanton Aargau in Angriff genommen; sechs abgeschlossene Lizentiats- bzw. Masterarbeiten über römische Fundstellen/Grabungen im Kanton Aargau werden zur Zeit für die Publikation vorbereitet und werden in den Jahren 2013 und 2014 in gedruckter Form vorliegen33.

Die Einrichtung der Vindonissa-Professur hat ferner auch zu einer Intensivierung der interdisziplinären Zusammenarbeit geführt. Viele Abschlussarbeiten haben heute einen ausgesprochen interdisziplinären Charakter. D. h. sie umfassen nicht nur die Auswertung der archäologischen Strukturen und des archäologischen Fundmaterials (Keramik, Kleinfunde aus Metall etc.), sondern basieren auch auf Ergebnissen der archäologischen Nachbardisziplinen (Anthropologie, Archäobotanik, Archäozoologie, Geoarchäologie, Numismatik).

Dass die während des Studiums erworbenen interdisziplinären Kompetenzen (allerspätestens) bei der Masterarbeit praktisch angewendet werden, ist schliesslich auch deswegen sinnvoll, weil diese Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt je länger, je mehr vorausgesetzt werden: Bei allen grösseren Auswertungs- und Publikationsprojekten müssen die verantwortlichen Archäolog/innen nicht nur spezifisch archäologisches Wissen einbringen können (z. B. bei der Auswertung der Befunde und/oder Funde), sondern auch die Arbeit der archäologischen Nachbardisziplinen koordinieren34.

Was wird nun an der Universität Basel von der Vindonissa-Professur konkret erforscht? Ich möchte im Folgenden nicht jedes Thema, das in den vergangen Jahren Gegenstand meiner eigenen Forschungen bildete35 oder im Rahmen einer akademischen Abschlussarbeit behandelt wurde, detailliert vorstellen, sondern beschränke mich an dieser Stelle auf die Charakterisierung der wichtigsten Forschungsfelder36.

Abbildung 16
Abb. 16: Menschliche Überreste extra sepulcretum wie hier im sog. Brunnenhaus in Augusta Raurica (Augst/BL) bilden Gegenstand der Dissertation von Simon Kramis (© Römerstadt Augusta Raurica).

Ein Forschungsfeld umfasst die römischen Nekropolen in Vindonissa und Augusta Raurica37. Mit der pluridisziplinären Auswertung der Nekropolen "Vindonissa Vision-Mitte" (Lizentiatsarbeit von Jakob Baerlocher) bzw. Kaiseraugst-Ziegelhofweg (Masterarbeit von Stefanie Brunner) sowie Kaiseraugst-Widhag (Lizentiatsarbeit Simone Mayer) wurde bereits wichtige Meilensteine erreicht. Die Auswertung der Nekropole "Kaiseraugst-im Sager" bildet Gegenstand der laufenden Dissertationen von Sandra Ammann (Archäologie) und Cornelia Alder (Anthropologie), die im Siedlungsperimeter von Augusta Raurica gefundenen Skelette und Skelettreste sind Gegenstand der Dissertation von Simon Kramis (Abb. 16).

Abbildung 17
Abb. 17: Lebensbild von Markus Schaub mit der weitgehend verlassenen Ober- und Unterstadt von Augusta Raurica (Augst/BL; Kaiseraugst/AG) und dem um 300 n. Chr. errichteten Castrum Rauracense (© Römerstadt Augusta Raurica).

Ein weiteres Forschungsfeld bildet die Unterstadt von Augusta Raurica bzw. das Castrum Rauracense. Dies u.a. deswegen, weil die Vindonissa-Professur in den Jahren 2011 und 2012 hier ihre Lehr- und Forschungsgrabung durchführen konnte (siehe oben), welche (auch) die Abklärung von Fragestellungen ermöglichten, die meinen eigenen Forschungsschwepunkten gehören38. Konkret interessiert mich z. B. in welcher Form das Areal vor bzw. nach dem Bau des Castrum Rauracense genutzt wurde (Abb. 17). Ähnliche siedlungsgeschichtlichen Fragestellungen bilden auch Gegenstand der Dissertation von Anna Flückiger zum Thema "Das Castrum Rauracense und sein "suburbium" vom späten 4. bis zum 6. Jahrhundert n. Chr.".

Paul Pachlatko wertet im Rahmen seiner Dissertation die im Historischen Museum Basel aufbewahrten Fundmünzen aus den vor 1955 durchgeführten Grabungen in Augst und Kaiseraugst aus. Die Ergebnisse der Lizentiatsarbeit von Martin Allemann über die Grabungen im Bereich der spätrömischen Ziegelbrennöfen in der Flur Kaiseraugst-Liebrüti (1971-1975) werden demnächst in gedruckter Form vorliegen.

Abbildung 18
Abb. 18: Blick auf die Grabung Windisch-Metron (1978) im Bereich der Zivilsiedlung Ost von Vindonissa. Es handelt sich dabei um die Überreste von repräsentativen, mit Hypokaustanlagen ausgestatten Wohngebäuden (© Kantonsarchäologie Aargau).

Das dritte Forschungsfeld umfasst das unmittelbare Umfeld und das Umland des Legionslagers von Vindonissa und der Koloniestadt Augusta Raurica. Hannes Flück wertet im Rahmen seiner Dissertation die Grabungen in der unmittelbar westlich des Legionslagers von Vindonissa gelegenen Zivilsiedlung aus, der Verfasser die Baustrukturen in der sog. Zivilsiedlung Ost (Abb. 18).

In den nächsten Jahren möchten wir zudem der Frage nachgehen, ob die Besiedlung des Umlands von Vindonissa bereits mit der Gründung des Legionslagers (um 14/15 n. Chr.) einsetzte oder ob die intensivere Besiedlung und (land-)wirtschaftliche Nutzung des Umlands erst im fortgeschrittenen 1. Jh. n. Chr. erfolgte. Ein erster Schritt in diese Richtung bildete die 2012 abgeschlossene Masterarbeit von Adina Wicki zum römischen Gutshof von Obersiggenthal-Kirchdorf.

Ebenfalls intensivieren möchten wir zudem die Forschungen in dem auf Aargauer Boden liegenden Teil des Umlands von Augusta Raurica. Mit Masterarbeit von Fabio Tortoli über die römische Siedlung in Laufenburg wurde im Jahr 2012 bereits ein wichtiges Etappenziel erreicht; die geplante Masterarbeit von Tina Lander über ausgewählter Grabungen im Fricktal wird den Kenntnisstand zur römischen Besiedlung dieser wichtigen Siedlungskammer in mancherlei Belangen vertiefen und präziseren können39.

Die laufenden und geplanten Forschungen der Vindonissa-Professur sollen mittelfristig u.a. auch Grundlage für eine interdisziplinäre siedlungsgeschichtliche Synthese bzw. für eine Sonderausstellung mit dem Arbeitstitel "Grenze - Zentren - Hinterland - Der Aargau in der Spätantike" bilden. Im konkreten Fall interessieren vorab die verschiedenen "Krisenfaktoren" , die in der Zeit zwischen 250 und 400 n. Chr., d. h. nach einer über zweihundertjährigen Phase der kulturellen Blüte und der wirtschaftlichen Prosperität, zum Niedergang und schlussendlich auch zum Ende der römischen Herrschaft im Kanton Aargau geführt haben.

Zwischenbilanz und Ausblick

Nach knapp vier Jahren darf festgehalten werden, dass die Partnerschaft zwischen dem Kanton Aargau und der Universität Basel für beide Seiten eine Art "win-win"-Situation bildet: Die Vindonissa-Professur trägt u.a. dazu bei, die Breitenwirkung des Kantons Aargau im kulturellen Bereich, nämlich als Standort von verschieden römischen Fundstätten von europäischem Rang, zu verstärken. In erster Linie profitiert der Kanton Aargau jedoch davon, dass zahlreiche noch nicht aufgearbeitete Grabungen im Rahmen von Forschungsprojekten der Vindonissa-Professur sowie in Form von akademischen Abschlussarbeiten (Dissertationen, Lizentiats- bzw. Masterarbeiten) wissenschaftlich ausgewertet und publiziert werden.

Die Universität Basel wiederum profitiert davon, dass der praxisbezogene Teil der akademischen Ausbildung im Bereich der provinzialrömischen Archäologie in enger Zusammenarbeit mit der Kantonsarchäologie Aargau bzw. mit dem Museum Aargau-Legionärspfad und der Römerstadt Augusta Raurica gestaltet werden kann. Letzteres mag auch der Grund dafür sein, dass nahezu alle Studienabgänger/innen unmittelbar nach dem Abschluss einen ihrem Ausbildungsprofil und ihren Interessen entsprechenden Job im Gebiet der (provinzial-)römischen Archäologie gefunden haben - zumindest in Form einer projektbezogenen Anstellung, dem klassischen Sprungbrett zur Festanstellung ...

Peter-Andrew Schwarz

1 Für die Durchsicht des Manuskripts und verschiedene ergänzende und präzisierende Hinweise danke ich Sandra Ammann, Sophia Joray und Frank Fässler. (> Text)

2 Das Engagement des Kantons Aargau war vorerst auf fünf Jahre (i.e. bis zum 31.03.2014) befristet, wurde jedoch im Oktober 2012 bis zum 31.12.2015 verlängert, um die von beiden Partnern angestrebte Verstetigung des finanziellen Engagements des Kantons Aargau breiter abstützen zu können. (> Text)

3 R. Moosbrugger-Leu, Museum - Tätigkeitsbericht des Konservators. Jahresbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa 1959/60, 48. (> Text)

4 Chr. Meier-Freuler, Th. Pauli-Gabi, Forschungsstrategien für Vindonissa. Jahresbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa 2004, 105-107 bes. 106. (> Text)

5 Vgl. dazu J. Trumm, Vindonissa - Stand der Erforschung I. Vorgeschichte, keltische Zeit und der militärische Komplex. Jahresbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa 2010, 37-5; .J. Trumm, Vindonissa - Stand der Erforschung II. Der zivile Komplex. Jahresbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa 2011, 3-22. (> Text)

6 Vgl. etwa R. Fellmann Brogli, Aus der archäologischen Sammlung: Neue Schränke für die Lederfunde. Jahrsbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa 2007, 79-80 bes. 80. (> Text)

7 Vgl. S. Deschler-Erb, Ö. Akeret, Archäobiologische Forschungen zum römischen Legionslager von Vindonissa und seinem Umland: Status quo und Potential. Jahresbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa 2010,13-36 bes. 31. (> Text)

8 Parallel dazu hat die Kantonsarchäologie Aargau im Jahr 2008 begonnen, die älteren Grabungsdokumentationen analog und digital zu erschliessen und archivfähig abzulegen. Vgl. dazu J. Trumm (mit Beiträgen von M. Flück, G. Matter und B. Wigger), Ausgrabungen in Vindonissa im Jahr 2011. Jahresbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa. 2011, 81-101 bes. 83-84 mit Abb. 5. (> Text)

9 Dieses umfasst die Fächer Aegyptologie (Prof. Dr. Susanne Bickel), Alte Geschichte (Prof. Dr. Sebastian Schmidt-Hofner), Graezistik (Prof. Dr. Anton Bierl), Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft (Prof. Dr. Rudolf Wachter), Klassische Archäologie (Prof. Martin A. Guggisberg), Latinistik (Prof. Dr. Henriette Harich-Schwarzbauer), Ur- und Frühgeschichtliche & Provinzialrömische Archäologie (Prof. Dr. Brigitte Röder) und Vorderasiatische Altertumswissenschaft (Prof. Dr. Bruno Jakobs). Vgl. dazu http://daw.philhist.unibas.ch. (> Text)

10 Vgl. dazu M. A. Guggisberg, B. Röder, J. Schibler und P.-A. Schwarz, Archäologie an der Universität Basel heute. In: A. Laschinger, A. Kaufmann-Heinimann (Hg.), Knochen, Scherben und Skulpturen. 100 Jahre Archäologie in Basel. Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Foyer des Rosshofs Basel 22.10.-19.12.2012 (Basel 2012) 96-99. Weitere Informationen zur Vindonissa-Professur finden sich auf der Forschungsdatenbank der Universität Basel (http://www.forschdb2.unibas.ch) sowie auf der Homepage der Vindonissa-Professur (http://vindonissa.unibas.ch). (> Text)

11 Dr. B. Münch, Adjunkt des Rektors der Universität Basel umschreibt im Artikel "Wirtschaft, die Wissen schafft" (NZZ Folio zum Thema Sponsoring vom März 2011, Seite 54-56) die wichtigsten Regeln wie folgt. "In Basel unterliegen auch die [von Dritten finanzierten] Professorenstellen dem normalen Ausschreibungsverfahren der Uni". "Die Geldgeber haben ein Recht auf Informationen darüber, was in der Berufung läuft, und erhalten später einen jährlichen Bericht, damit sie wissen, was mit ihrem Geld geschieht. Der Bericht muss von Ihnen aber nicht genehmigt werden". "In allen Fällen darf die Freiheit von Lehre und Forschung nicht beeinträchtigt werden". (> Text)

12 Z. B. Simon Jeanloz, Auswertung des Fundmaterials aus einer Grubenverfüllung im Hinterhof eines römischen Streifenhauses, Windisch-Bachthalen (V.006.2, Grube 12.10); Tina Lander "Befund- und Fundauswertung Grabung Kaiseraugst-Wacht 2012- Feld 25 und 26"; Stefanie Brunner, "Ein römischer Pfostenbefund auf der Fehlmannmatte (Windisch)"; Fabio Tortoli "Ausgrabung Windisch-Breitacker: Ein Keller im Süden der Besiedlung von Vindonissa Einblicke in das 2. und 3. Jh. n. Chr.". (> Text)

13 Z. B. Sarah Lo Russo, "Die Steinkeller der Unterstadt von Augusta Raurica". (> Text)

14 Z. B. Tina Lander, "Auswertung der geoarchäologischen Bodenprobe V.006.2/M2 (Windisch-Bachthalen)"; Sarah Lo Russo, "Auswertung der geoarchäologischen Bodenprobe aus einer Werkgrube in der Schmiede der Phase III.1 in Parzelle 8 - Nachweisbarkeit einer Abschreckgrube". (> Text)

15 Vgl. dazu C. Grezet/P.-A. Schwarz, Basler Archäologie-Studierende auf der Wacht. AUGUSTA RAURICA 2011/2, 12-15. (> Text)

16 Weiteres dazu unter http://www.prospektion.ch. (> Text)

17 Vgl. dazu P. Nagy, P.-A. Schwarz, Archäologische Prospektionen im Kanton Obwalden. Vorbericht zur Kampagne 2012. Jahrbuch Archäologie Schweiz 96, 2013 (im Druck). (> Text)

18 Zu den einzelnen Methoden vgl. M. Posselt, B. Zickgraf und C. Dobiat (Hrsg.), Geophysik und Ausgrabung. Einsatz und Auswertung zerstörungsfreier Prospektion in der Archäologie. Internationale Archäologie: Naturwissenschaften und Technologie Bd. 6 (Rahden/Westf. 2007) und J. Bofinger, S. Kurz, S. Schmidt, Hightech aus der Luft für Bodendenkmale Airborne Laserscanning (LIDAR) und Archäologie. Denkmalpflege in Baden-Württemberg 36/3, 2007, 153-158. (> Text)

19 Vgl. J. Trumm (mit Beiträgen von M. Flück, G. Matter und B. Wigger), Ausgrabungen in Vindonissa im Jahr 2011. Jahresbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa. 2011, 81-101 bes. 90-93 mit Abb. 14-15. (> Text)

20 A. Laschinger, P.-A. Schwarz (mit Beiträgen von M. Bolliger, L. Burckhardt, S. Joray, T. Lander, E. Martin, C. Portmann, D. Reber, L. Rindlisbacher, T. Schär und F Tortoli, Vindonissa quellfrisch. Von der Quelle bis zur Kloake - Wasserversorgung in römischer Zeit. Begleitheft zur gleichnamigen Sonderausstellung im Vindonissa-Museum Brugg 5.8.-13.11.2011 (Brugg 2011); R. Hänggi, Vindonissa-Museum: Jahresbericht 2011. Jahresbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa 2011, 109-110. (> Text)

21 Sarah Bühler, Marina, Casaulta, Laura M. Caspers, Andreas Callierotti, Tina Lander; Lukas Freitag und Cordula Portmann. (> Text)

22 Vgl. etwa Basellandschaftliche Zeitung (bz) vom 26.08.12 (online Ausgabe); Tagesanzeiger vom 28.08.2012 (online Ausgabe); Neue Zürcher Zeitung Nr. 228 vom 1.10.2012, Seite 40 ("Lateinkenntnisse werden zur Spezialität"); NZZ am Sonntag vom 21.10.2012, Seite 76-77 ("Denken wie die alten Römer"); Neue Zürcher Zeitung vom 13.03.2013 (online Ausgabe) sowie Basler Zeitung vom 14.09.2012, Seite 16 ("Latein ist Teil unserer Kultur - Offener Brief zur Abschaffung des Lateinobligatoriums an der Uni Basel"). (> Text)

23 Vgl. etwa M. Andreotti, Überall, wo Rom war - Der Einfluss des Lateins auf die deutsche Sprachgeschichte. SVA Bulletin 75, 2010, 8-14; U. Lütolf, Via Latina - ein Weg zur Rettung des Lateins am Gymnasium Ein Pilotprojekt an der Kantonsschule Sursee. SVA Bulletin 77, 2011, 5-8; Theo Wirth, Latein und seine GegnerInnen. SVA Bulletin 77, 2011, 13-20. (> Text)

24 Vgl. in diesem Zusammenhang auch L. Hartmann, Latein als Brückenfach - Zur Korrelation von Latein mit allen anderen gymnasialen Fächern. SVA Bulletin 79, 2012, 18-26. (> Text)

25 Vgl. dazu etwa B. Rütti, C. Aitken. Der Schatz. Das römische Silber aus Kaiseraugst neu entdeckt. - Le Trésor. L'argenterie romaine de Kaiseraugst redécouverte. - The Treasure. The Roman silver from Kaiseraugst rediscovered. Augster Museumsh. 32 (Augst 2003) oder M. Peter, Der Kaiseraugster Silberschatz. In: R. Salathé (Red.), Augst und Kaiseraugst: Zwei Dörfer - eine Geschichte (Liestal 2007) 86-90 (jeweils mit Verweis auf weitere Literatur). (> Text)

26 C. Schucany und P.-A. Schwarz, Eine Weihinschrift an Merkur und Apollo aus Oedenburg (Biesheim/F). In: Ch. Ebnöther, R. Schatzmann (Hrsg.), Oleum non perdidit. Festschrift für Stefanie Martin-Kilcher. Antiqua 47 (Basel 2010) 267-283. (> Text)

27 Seneca (nat.quaest IV B 13 78,23); Plutarch (Mor. 692). Beide Autoren erwähnen zudem, dass der eingelagerte Schnee z.B. mit Stroh, Erde und/oder Leinentüchern abgedeckt werden muss. (> Text)

28 So u.a. bei Martial (V 64, 2; IX, 22, 8; XIV 103), Seneca (ep. 78,23) und Plinius (NH XIX 55; XXXI 23). (> Text)

29 Galenus (X 468). (> Text)

30 Ergebnis einer Diskussion mit 18 Studierenden der Prähistorischen und Naturwissenschaftlichen Archäologie, der Ur- und Frühgeschichtlichen und Provinzialrömischen Archäologie und der Klassischen Archäologie auf der Forschungs- und Lehrgrabung Kaiseraugst-Wacht im Juli 2012. (> Text)

31 In diesem Zusammenhang sei z. B. auf die Masterarbeit von Cecilie Gut über die frühmittelalterliche Landsiedlung Jegenstorf BE (im Druck) bzw. auf die laufenden Dissertationen von Melanie Giger zu Tasgetium (Eschenz, TG), von Sven Straumann zur Insula 30 in Augusta Raurica (Augst, BL), von Rahel C. Ackermann über die Münzstätte in Haldenstein (GR), von Martin Allemann über das spätrömische Basilia oder auf die Habilitationsschrift von Gabriele Rasbach über das spätaugusteischen "Forum" von Waldgirmes (Lahnau, Hessen, D) verwiesen. Einzelheiten dazu siehe http://vindonissa.unibas.ch/forschung/qualifikationsarbeiten. (> Text)

32 Vgl. z.B. J. Trumm, Vindonissa - intra muros, extra muros. Ausgrabungen 2003-2006 im Süden des Legionslagers Windisch. In: A. Morillo, N. Hanel & E Martin (eds.), Limes XX - XX Congresso International de estudio sobre la frontiere Romana / XXth International Congress of Roman Frontier Studies, León (Espa–a), Septiembre, 2006.Anejos de Gladius 13/1 (Madrid 2009) 1371-1382; S. Benguerel, V. Engeler-Ohnemus, Zum Lagerausbau im Nordwesten von Vindonissa. Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa XXI (Brugg 2010); R. Frei-Stolba et al., Schweiz. Kunstführer: Das Amphitheater Vindonissa Brugg-Windisch (Bern 2011); Th. Doppler (Hrsg./éd.), Spreitenbach-Moosweg (Aargau, Schweiz): ein Kollektivgrab um 2500 v.Chr. - Spreitenbach-Moosweg (Argovie, Suisse): une sépulture collective vers 2500 av. J.-C. Antiqua 51 (Basel 2012). (> Text)

33 Einzelheiten dazu siehe http://vindonissa.unibas.ch/forschung/qualifikationsarbeiten. (> Text)

34 Im nachfolgenden, im Sinne eines Beispiels angeführten Zitat wurden hinter den Namen der AutorInnen jeweils auch deren Fachgebiet vermerkt (in eckigen Klammer). M. Reddé (dir.), C. Schucany, P.-A. Schwarz [Archäologie] (mit Beiträgen/unter Mitarbeit von B. Gissinger [Archäologie], P. Biellmann [Numismatik], C. Fortuné [Archäologie], F. Ginella [Archäozoologie], H. Hüster-Plogmann [Ichthyologie], S. Jacomet [Archäobotanik], M. Joly [Archäologie], L. Popovitch [Numismatik], J. Schibler [Archäozoologie], A. Schlumbaum [Dendrologie], P. Vandorpe [Archäobotanik], L. Wick [Palynologie], Oedenburg - Fouilles Françaises, Allemandes et Suisses à Biesheim et Kunheim, Haut-Rhin, France 2: L'agglomération civile et les sanctuaires Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 79,2,1 (Fouilles) und 79,2,2 (Matériel et études) (Mainz 2011). (> Text)

35 Zum Beipiel R. Bellettatti und P.-A. Schwarz, Zur Baugeschichte der Badeanlage auf dem Windischer Sporn. Jahresbericht der Gesell-schaft Pro Vindonissa 2009 (2010) 43-95; S. Ammann, P.-A. Schwarz (mit Beitr. von E. Marti-Grädel, M. Kühn und M. Klee, Ph. Rentzel, A. Schlumbaum und Elisabeth Schmid, t), Eine Taberna in Augusta Raurica. Ein Verkaufsladen, Werk- und Wohnraum in Insula 5/9. Forschungen in Augst 46 (Augst 2011); H.-R. Meier und P.-A. Schwarz (Hrsg.): Chr. Ochsner (mit Beitr. von A. Baier, C. Heitz R. Schorta, Th. Meier, S. und M. Volken), Die Grabfunde des 12. bis 19. Jahrhunderts aus dem Basler Münster. Repräsentation im Tod und kultureller Wandel im Spiegel der materiellen Kultur. Materialhefte zur Archäologie in Basel 23 (Basel 2013). (> Text)

36 Einzelheiten zu den im Folgenden erwähnten Forschungsprojekten finden sich unter http://vindonissa.unibas.ch/forschung/qualifikationsarbeiten. (> Text)

37 Vgl. dazu allgemein L. Berger, Führer durch Augusta Raurica. 7. Auflage des von Rudolf Laur-Belart begründeten "Führers durch Augusta Raurica" (Basel 2012) 342-356; D. Hintermann (Hrsg.), Vindonissa-Museum-Brugg - Ein Ausstellungsführer (Brugg 2012) 155-164. (> Text)

38 Vgl. dazu allgemein P.-A. Schwarz, Das Castrum Rauracense und sein Umland vom 3. bis 6. Jh. n. Chr. In: M. Konrad, Chr. Witschel (Hrsg.), Römische Legionslager in den Rhein- und Donauprovinzen - Nuclei spätantik-frühmittelalterlichen Lebens? Akten des Internationalen Kolloquiums vom 28 bis 30. März 2007 in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. Bayerische Akademie der Wissenschaften - Philosophisch-Historische Klasse Abhandlungen Neue Folge, Heft 138 (München 2011) 307-350. (> Text)

39 Vgl. dazu vorerst D. Wälchli, Rückblick auf 15 Jahre archäologische Prospektion im oberen Fricktal. Vom Jura zum Schwarzwald 74, 2000 (2001), 39-49. (> Text)

 

Anzeigen und Mitteilungen

Wer lernt Latein oder Altgriechisch in der Schweiz?
Die erste landesweite Umfrage

Bis jetzt wusste man nicht, wie viele Schülerinnen und Schüler in der Schweiz eine Alte Sprache lernen. Die existierende statistische Grundlage des Bundes ist mangelhaft und sogar irreführend, denn sie weist nur die Matura-Abschlüsse des Schwerpunktfaches Latein bzw. Griechisch aus; dass es daneben noch andere vollgültige Matura-Abschlüsse in den beiden Sprachen gibt (als Grundlagenfach oder als Latinumsprüfung), wird nirgends ersichtlich. Dieses Manko hat denn auch dazu geführt, dass einzelne Medien in Unkenntnis der Situation zu tiefe Zahlen publizierten und den Untergang der Alten Sprachen in naher Zukunft kommen sahen.

Die Jahresversammlung des Schweizerischen Altphilologenverbandes SAV beschloss daher im November 2012, eine gesamtschweizerische Übersicht zu schaffen. Die Organisationsform des SAV erleichtert ein solches Unternehmen, da für derartige Fragen sog. Kantonskorrespondentinnen und -korrespondenten bestimmt sind, die in ihren Kantonen die einzelnen Gymnasien kontaktieren und deren Zahlen erheben lassen können.

Der Vorstand des SAV und der Unterzeichnete danken den KantonskorrespondentInnen und den KollegInnen in den einzelnen Gymnasien ganz herzlich für ihre Arbeit. Sie wird nicht ohne Echo bleiben!

Die Erhebung in den Kantonen fand von Dezember 2012 bis Anfang März 2013 statt, die Zahlen wurden vom Unterzeichneten gesammelt und ausgewertet; die Auswertung wird nun veröffentlicht. Die Umfrage erfasst praktisch lückenlos alle öffentlichen und privaten Gymnasien der Schweiz. Nicht erfasst sind die altsprachlichen Zahlen in den Sekundar- oder Bezirksschulen jener Kantone, die ein System mit freiwilligen Kursen zwecks Vorbereitung auf das Gymnasium haben; faktisch haben also noch mehr SchülerInnen Lateinunterricht, als die von uns erhobenen Zahlen zeigen. Gefragt wurde bei jeder Schule (a) nach der Gesamtzahl der SchülerInnen, (b) nach der Gesamtzahl derjenigen, denen der Latein- bzw. Griechisch-Unterricht überhaupt angeboten wird (effektives Wählersubstrat)1, und (c) nach der Zahl der tatsächlichen Latein- bzw. Griechisch-SchülerInnen (obligatorischer oder fakultativer Unterricht). Die Resultate der einzelnen Schulen wurden in einer kantonalen Übersicht und die 26 Kantonsübersichten in einer CH-Übersicht zusammengezogen. Alle diese Tabellen - kantonsweise die Schulen und die kantonalen Übersichten sowie die gesamtschweizerische Tabelle - werden hier publiziert. Damit erlaubt unsere Umfrage noch weitergehende Aussagen; z.B. kann man feststellen, in welchen Kantonen es nicht nur (drei- oder vierjährige) Kurzgymnasien, sondern auch Langgymnasien gibt, wie riesig die Differenzen zwischen den Kantonen rein zahlenmässig sind, und wie bunt die Schulsysteme in der Schweiz sich entwickelt haben... Auch wird offensichtlich, dass die Latein- und Griechischzahlen v.a. in Abhängigkeit vom geltenden kantonalen Schulsystem stehen; Kantone mit Langgymnasien und obligatorischem Lateinunterricht im 7./8. Schuljahr stehen natürlich ganz anders da als Kantone, die (fast) nur Kurzgymnasien mit nur fakultativem Lateinunterricht kennen. Zudem bildet sich die so verschieden durchgeführte MAR-Revision von 1994 ff. gut erkennbar ab.

Die wichtigsten Zahlen (sie beanspruchen natürlich keine absolute Genauigkeit):

Beinahe jede(r) fünfte Gymnasiast(in) in der Schweiz besucht das Fach Latein oder Altgriechisch: 18.4%, in absoluten Zahlen: 13'894 (bezogen auf die Zahl jener, denen eine alte Sprache überhaupt zugänglich ist: 75'319).1

17.2% (12'968 von 75'319) besuchen das Fach Latein, 2.1% (926 von 44'835) das Fach Altgriechisch (bezogen jeweils auf die Zahl jener, denen Latein bzw. Altgriechisch überhaupt zugänglich ist).1

Die Differenzen unter den Kantonen (Latein und Griechisch zusammen): In absoluten Zahlen bilden die Kantone Zürich und Uri die Extreme, über 6'000 altsprachliche SchülerInnen gegenüber 0; in relativen Zahlen steht Appenzell-Innerrhoden mit 49.4% an der Spitze, gefolgt von den Kantonen Graubünden und Appenzell-Ausserrhoden, Uri steht am anderen Ende mit 0%.

Der Vergleich mit den Zahlen des Bundes: Wie oben ausgeführt, weist die Bundesstatistik nur die Maturitätsabschlüsse gemäss den Schwerpunktfächern aus, in den Alten Sprachen sind es gut 1'000 gegenüber total rund 18'000 Maturitäten, d.h. rund 5.8%; unberücksichtigt in den Bundeszahlen bleiben wie gesagt die anderen, gleichwertigen Abschlussmöglichkeiten in Latein bzw. Griechisch (als Grundlagenfach oder als Latinumsprüfung). Wenn also in einzelnen Medien der Schluss suggeriert wird, die Quote der Latein- und Griechisch-SchülerInnen befinde sich auf dem gleichen tiefen Stand und Latein werde zum Exotenfach, so ist dies also falsch: Die Quote liegt mehr als dreimal höher.

Die Resultate der Umfrage stellen wir auf www.philologia.ch/statistik/ in folgenden Formen zur Verfügung:

März 2013
Theo Wirth

1 Die Unterscheidung zwischen der gesamten Schülerschaft eines Gymnasiums (in der Tabelle "Total" genannt: 76'903) und der Zahl jener, denen die Alten Sprachen überhaupt zugänglich sind (in der Tabelle "effektives Wählersubstrat" genannt: 75'319, darin enthalten 44'835 für Griechisch), ergibt sich aus dem Umstand, dass in einzelnen Kantonen die Gymnasien in einzelnen Schuljahren, z.B. im ersten, keinen Lateinunterricht anbieten (> Text)

LATÉNIUM

Parc et musée d'archéologie, Hauterive-Neuchâtel (www.latenium.ch)
Action 2013

La réputation du Laténium n'est plus à faire et nombreux sont ceux qui ont en tête d'organiser, une fois, une sortie personnelle, familiale ou scolaire sur les rives du lac de Neuchâtel avec l'intention de s'arrêter au Laténium.

2013 devrait inviter à la réalisation de cette idée ; en effet pendant toute l'année, chaque premier dimanche du mois, une visite guidée gratuite de l'exposition permanente aura lieu de 11 heures à midi. Ce sera l'occasion d'apprécier aussi l'intérêt pédagogique d'une visite au Laténium. N.B. Si la visite gratuite se fait en français, des visites et des ateliers-animations conduits en allemand sont tout à fait possibles ; il suffit d'en faire la demande (tél. 032 889 86 85).

Le site est magnifique même quand il pleut, mais rien ne vous empêche d'attendre un dimanche de beau temps pour suivre la visite et profiter ensuite de la terrasse de la cafétéria ou du bord du lac. L'endroit se prête à un pique-nique ou/et une baignade, voire à une virée en bateau.

Christine Haller

Neues Vorstandsmitglied Daniel Rutz

Daniel Rutz

An der letzten Jahresversammlung (23. November 2012 in Luzern) wurde ich von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zum neuen Vorstandsmitglied des SAV für den zurücktretenden Ivo Müller gewählt. Ich studierte in den Jahren 1990-2000 an der Universität Zürich Latein, mittelalterliche Geschichte und Altgriechisch. Im Rahmen des Forschungsprojektes "Repertorium Poenitentiariae Germanicum" von Prof. Dr. em. Ludwig Schmugge war ich wiederholt zu Forschungszwecken im Archivio Segreto Vaticano tätig. Seit 2006 unterrichte ich als Latein- und Griechischlehrer an der Kantonsschule Sargans (St.Gallen) und lebe mit seiner Familie in Mels.

Spendenaufruf

Liebe Mitglieder des SAV

Unser Flyer (http://www.latein.ch/shop/flyer/) geht in die nächste Auflage. Dieser Erfolg freut uns sehr, die hohen Druckkosten weniger. Wir sind allerdings überzeugt, dass auch die gute Druckqualität (vierfarbig, schweres Papier) dazu beiträgt, dass der Flyer beim Publikum so gut ankommt.

Wie Sie sicher wissen, wurde das CERTAMEN HELVETICVM (http://philologia.ch/Schule/certamen.php) in diesem Jahr zum erstenmal ausgeschrieben. Dem Sieger offerieren wir eine Reise nach Rom oder nach Griechenland (bei einer griechischen Aufgabenstellung). Der Club Grand Hôtel & Palace (http://www.clubgrandhotelpalace.ch) übernimmt als Sponsor grosszügigerweiser die Hälfte der Kosten.

Wir erlauben uns deshalb zur Deckung dieser Ausgaben zu einer Spende aufzurufen. Benützen Sie bitte den Einzahlungsschein, der dem Bulletin beigelegt ist, oder zahlen Sie direkt ein auf unser Konto 40-29541-3 (IBAN: CH09 0900 0000 4002 9541 3), Vermerk: "Spende 2013".

Wir danken herzlich.

Philipp Xandry

Buchanzeige

Aphrodite ungeschminkt

Beno Meier
Aphrodite ungeschminkt

Beno Meier unterrichtete an der Kantonsschule Olten Latein und Griechisch. Oft verblüffte er seine Schülerinnen und Schüler mit überraschenden Antworten und erstaunlichen Querverbindungen zwischen der Antike und der Gegenwart. Für einmal antwortet er nicht nur dem neugierigen Schüler, sondern lässt auf humorvolle und nie belehrende Art ein breites Publikum anschaulich erfahren, warum Mythen zeitlos sind und wie sie unser eigenes Leben in all seinen Facetten widerspiegeln.

In Geschichten, die unter die Haut gehen, erleben wir menschliche Extremsituationen und vernehmen in griffiger Sprache und mit viel Selbstironie ebenso Spannendes aus Geschichte und Philosophie. Der Autor zieht mit klugen Gedanken einen weiten Kreis von Alltagsproblemen, wie ein Mann sie sich etwa mit einer schönen Frau einhandeln kann, bis zur Erhellung, warum die Epikureer keine Lustmolche sind und wie die Stoiker die Grundlagen des Völkerrechts geschaffen haben.

Eine wahre Schatztruhe des Denkens!

Bruno Colpi, ehemaliger Direktor Kantonsschule Olten

130 Seiten
gebunden
11 x 17,5 cm
Perlen Reihe
2013
CHF 25.80 - EUR 19.80
ISBN 978-3-905848-76-2

 

Weiterbildung

Studienreise des SAV nach Sizilien vom 15. bis 22. September 2012

Alle Menschen streben von Natur nach Wissen; dies beweist die Freude an den Sinneswahrnehmungen, denn diese erfreuen an sich, auch abgesehen von dem Nutzen, und vor allen anderen die Wahrnehmungen mittels der Augen. (Aristoteles, Metaphysik)

Dieser Satz von Aristoteles könnte durchaus als Motto über der Studienreise des SAV stehen, denn unsere Augen wurden reich beschenkt mit Wahrnehmungen vom Schönsten. Aber wo die Wahrnehmung ist, da ist die Täuschung nicht fern, und man könnte behaupten dass das Verwirrspiel zwischen diesen beiden Polen uns fast ständig begleitet hat.

Es begann bereits in Catania, wo man nicht immer ganz sicher sein konnte, ob die dunklen Fassadenteile ihre Farbe dem schwarzen Lavastein oder dem ganz normalen Zivilisationsdreck verdanken, oder ob das zwischen Häusern eingeklemmte Theater ein antikes Kulturgut oder bloss ein Steinbruch ist.

Und in der mächtigen Festung Euryalos, die Syrakus vor Angriffen vom Land her schützen sollte, wurde das Verwirrspiel von oberirdischen Mauern, Durchlässen, Gräben, Sackgassen und unterirdischen Gängen ganz bewusst als militärische Taktik eingesetzt.

Verwirren könnte auch die Frage, wo er denn nun tatsächlich begraben liegt, der geniale Sohn der Stadt Syrakus: Archimedes. Wir dürfen die Phantasie spielen lassen! Und im Steinbruch des antiken Syrakus findet sich ein Paradiesgarten, der zum Lustwandeln einladen würde, müsste man sich nicht dauernd vor Augen halten, dass an diesem Ort tausende Sklaven und Gefangene auf scheusslichste Art zu Tode kamen. Das Gejohle der Touristen zum Testen der Akustik im sogenannten Ohr des Dionysios wirkt auf diesem Hintergrund schon fast frivol.

Und besucht man auf der (Halb-)Insel Ortigia den Dom mit der prächtigen barocken Fassade, dann trifft man dahinter auf den ursprünglichen griechischen Tempel, dessen Säulen einfach übernommen wurden. Es ist unserer Wahrnehmung überlassen, ob wir den griechischen Tempel oder die christliche Kirche sehen wollen.

Auch in der 'Hauptstadt' des sizilianischen Barock, in Noto, können wir nicht ganz sicher sein, ob die schier unendliche Treppe vor dem Dom unsere Blicke himmelwärts führen will, oder ob sie zur Demonstration der überlegenen Macht der Kirche gegenüber dem 'darunter' liegenden weltlichen Rathaus dient. Auch bei den berühmten Balkonen am Palazzo Nicolaci Villadorata ist es nicht einfach zu entscheiden, ob nun die überdimensioniert und phantasievoll gestalteten Konsolen dazu dienen, die Balkone zu stützen, oder ob die eher winzigen Balkone ein Vorwand sind, um lustvoll die üppige und ironisch-spöttische Pracht entfalten zu dürfen.

Das raffinierteste Spiel mit der Wahrnehmung erlebte ich (als Neuling in diesem Gebiet) jedoch bei den Tempeln von denen wir zahlreiche beeindruckende Beispiele zu sehen bekamen, sei es in Agrigent, Selinunt oder Segesta.

Die Tempel sind die perfekte Materialisierung einer Idee. Sie stehen da, in sich ruhend, keiner Ergänzung und keiner Verbesserung bedürfend, so als wären sie nicht bloss einem Gott geweiht, sondern von einem Gott geschaffen. Und dabei ist die Idee die hinter diesen gottähnlichen Kunstwerken steckt, die einfachste aller denkbaren: eine 'Garage' oder ein 'Schuppen' (sit venia verbo) von rechteckigem Grundriss für das Gottesbild. Aber was auf den ersten Blick so simpel wirkt, wird in seiner Umsetzung zu einem wahrhaften Kunstwerk, das unsere Wahrnehmung auf raffinierte Weise 'täuscht'. Damit wir den Tempel als einfaches, ebenmässiges und ideales Gebilde wahrnehmen, mussten die Tempelbauer mit etlichen Tricks unsere Wahrnehmung so verführen, dass wir vermeinen, eine einfache Gestalt wahrzunehmen, während das materielle Gebilde in Wirklichkeit ein hoch komplexes Konstrukt ist. Und diese Verführungen haben sogar Namen: Entasis, Kontraktion, Kurvatur. Das Kunstwerk wird so zur Verquickung von aisthesis im Sinne von Wahrnehmung mit aisthesis im Sinne von Schönheit. Und diese Wunderwerke der Architektur und der bewusst verführenden Gestaltung bringen uns zum Staunen, das ja bekanntlich der Anfang der Philosophie ist. Man fühlt sich mitten ins Höhlengleichnis von Platon versetzt, in welchem es ja auch um das Meinen gegenüber dem wahren Wissen geht. Oder man beginnt sich mit Watzlawick zu fragen 'Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Ich bin fast versucht zu sagen, dass es diesen genialen Tempelkonstrukteuren gelingt, uns durch diese so besonders und bewusst gestaltete materielle Wirklichkeit hindurch einen Blick auf die Idee an sich tun zu lassen.

Aber lassen wir das, denn inzwischen haben wir bereits einen Sprung oder eine Fahrt über einige Jahrhunderte hinweg getan und sind im angeblich so finstern Mittelalter angekommen, in Palermo, wo Christen, Juden und Muslime zur damaligen Zeit in gegenseitiger Toleranz neben- und miteinander lebten und sogar gemeinsam an demselben Gotteshaus bauten, etwas was uns so aufgeklärten Christen anscheinend nicht mehr möglich ist.

Die Kathedrale von Monreale, hoch über Palermo, wurde in unglaublich kurzer Zeit erbaut, mitsamt den 6'000 m2 Mosaiken, deren Thematik ja wohl weitgehend vorgegeben war, aber deren künstlerische Gestaltung und Ausführung eher das ausgereifte Ergebnis eines künstlerischen Lebenswerkes sein könnte. Auch da müssen wahrhaft geniale Künstler am Werk gewesen sein! Eine Erholung von dieser Farbenpracht bietet der Dom in Palermo mit der klassizistischen Architektur, die in ihrer Schlichtheit an die Antike anknüpft, oder noch viel mehr die kleine Kirche 'S. Giovanni degli Eremiti', die ohne Verzierungen auskommt und gerade dadurch beeindruckt, und die mit ihrem paradiesischen Kreuzgang eine Oase inmitten der betriebsamen Grosstadt bildet.

Täuschung oder eher Verführung zu einer erwünschten und beabsichtigten Sichtweise bot sich auch auf anderer Ebene an: die oft nicht klare Unterscheidung von religiöser und weltlicher Macht. Bereits die Tempel wurden bewusst auf der höchsten Geländestelle errichtet, nicht um dem 'Himmel' möglichste nahe zu sein, sondern auch und vor allem um den anfahrenden Schiffen von weitem zu signalisieren, welche Macht hinter diesen Bauten zu erwarten und zu befürchten sei. Diese Doppelfunktion trafen wir auch in Cefalu, wo die Kirche zugleich eine militärisches Bollwerk ist. Oder beim Wettstreit um 'Zentimeter' zwischen Monreale und dem Dom in Palermo, um Überlegenheit zu signalisieren.

Und von vielem habe ich noch gar nichts gesagt, z.B. von den jeweils örtlichen Museen voller Kostbarkeiten, von denen jede einzelne bei uns einen eigenen zentralen Ausstellungsraum bekäme. Diese Museen, die allein einen wochenlangen Besuch wert wären, mussten wir Zeitnot-gedrungen fast im Schnellzugstempo durchstreifen. Oder man könnte stundenlang erzählen von den vielfältigen Geschichten, die in den Mosaiken der Villa del Casale dargestellt sind. Oder da wären noch die griechischen Theater, deren phänomenale Akustik uns mit antiken Textrezitationen hörbar nahe gebracht wurde. Dass diese Theater immer an schönster Aussichtslage erbaut wurden, lässt einen bösen Gedanken aufkommen: ob wohl die grossartige Aussicht dazu dient, die Zuschauer/Zuhörer dennoch zu entschädigen, falls es ihnen langweilig werden sollte, oder ob dieser Eindruck einfach entsteht, weil die Bühnenaufbauten nicht mehr erhalten sind. Wie dem auch sei, der Blick vom Theater in Taormina auf den Ätna sucht seinesgleichen.

Bruno Colpi hat uns mit bewundernswerter Kompetenz und wohltuender Feinfühligkeit durch all diese an sich erfreuenden, aber auch irritierenden Wahrnehmungen geführt, so wie einst Odysseus seine Gefährten zwischen den Versuchungen von Skylla und Charybdis hindurch geschleust hat, mit dem Unterschied allerdings, dass uns Bruno Colpi dazu nicht die Ohren verstopft, sondern uns im Gegenteil hellhörig gemacht hat für die grossen und kleinen historischen Zusammenhänge und uns die Augen geöffnet hat für die wunderbaren Zeugnisse der antiken Kultur, so dass das Wahrnehmen zum reinen Genuss wurde. Dafür sei ihm ganz herzlich gedankt, sowie auch allen andern, die zum Gelingen dieser eindrücklichen Studienreise beigetragen haben.

Segesta
Tempel von Segesta
Taormina
Theater in Taormina mit Blick auf Ätna
Reisegruppe
Die Reisegruppe
Jürg Hänggi

49. Ferientagung für Altphilologen in München
vom 09. bis 11. September 2012

Mit einem ἀπροσδόκητον begann die Einladung zur diesjährigen zentralen Fortbildungstagung in München (Schloss Fürstenried): Beginn am Sonntag, Dauer bis Dienstag, also mit Ende nach nur drei Tagen. Dr. Rolf Kussl, Ministerialrat des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, der wieder für Organisation und Leitung verantwortlich zeichnete, erklärte bei der Eröffnung, nicht Spargründe seien ausschlaggebend gewesen, sondern Terminzwänge, da der Schulbeginn bereits auf Donnerstag angesetzt war; länderübergreifend sei dies abgesprochen und gelte nicht nur in diesem Jahr. Der Andrang zu dieser Tagung war mit 165 Anmeldungen enorm und in diesem Ausmass bisher singulär. Der Tagungsleiter durfte auch bekanntgeben, dass der "Dialog"-Band 46 bereits erschienen und zum ersten Mal farbig gestaltet sei. Er leitete schnell über zum ersten Vortrag.

Ich unterbreche und vermerke zu diesem Band 46 der Reihe "Dialog Schule-Wissenschaft - Klassische Sprachen und Literaturen" die folgenden Angaben: "Altsprachlicher Unterricht - Kompetenzen, Texte und Themen" im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus herausgegeben von Rolf Kussl, mit Beiträgen von Klaus Bartels, Jan-Wilhelm Beck, Klaus Stefan Freyberger, Niklas Holzberg, Markus Janka, Peter Kuhlmann, Michael Lobe, Sven Lorenz, Renate Markoff, Werner Scheibmayr, Karl-Wilhelm Weeber; Kartoffeldruck-Verlag Kai Brodersen, Speyer, 2012 (ISBN: 978-3-939526-16-2), 297 Seiten. Nicht nur die Vorträge der letztjährigen Tagung sind aufgenommen, sondern auch die Ergebnisse wenigstens zweier Workshops. Ohne dass ein einzelner Beitrag den Umfang sprengte, erhöhte sich dadurch die Seitenzahl auf fast 300. In verdankenswerter Weise stammen aus der Hand des Tagungsleiters und Herausgebers Kurzzusammenfassungen der einzelnen Titel mit Begründung der Reihung innerhalb dieses Bandes. Beiträge aus früheren "Dialog-Bänden" werden von den Autoren gerne zitiert, so dass es angebracht wäre, nicht nur die Schulen, sondern auch gewisse Bibliotheken zu beliefern. Bis jetzt fehlen diese Bände in der Zentralbibliothek Zürich.

Die Einzelheiten der Tagung (7 Vorträge, 4 Workshops) entnehme man dem über das Internet greifbaren Programm. Im Zentrum stand die Latinistik. Eingeladen waren Referenten, die beim Publikum erfahrungsgemäss gut ankommen: Prof. Dr. Niklas Holzberg (zu Horaz und Properz) - er lehrt jetzt nach seiner Emeritierung in Bamberg und kehrte so in seine fränkische Heimat zurück -, OStR Dr. Sven Lorenz (Ovid), Prof. Dr. Markus Janka (Martial mit Rezeption) und Prof. Dr. Thomas Baier (Catull) - es gehe ihm der Ruf voraus, dass überall, wo er hinkomme, die Latinistik aufblühe (er lehrt jetzt in Würzburg): vornehm im Auftritt, dezent in Kleidung und Diktion, treffend und schlagend in der Deutung der Diptychonstruktur der besprochenen carmina, erntete er den längstandauernden Applaus. Wieder eingeladen war Prof. Dr. Klaus Stefan Freyberger (jetzt Leiter der Abteilung Rom des Deutschen Archäologischen Instituts) mit einem Referat zur Basilica Aemilia. Zusammen mit StDin Renate Markoff (Dillingen) bot er wieder einen Workshop an, dieses Mal über "Die Gräberstrassen in Pompeji" (in der Schule fruchtbar zu machen in Bildungsreisen; vgl. "Dialog"-Band 46, S. 273-281). Mit Prof. Dr. Klaus Bartels (Zürich) rückte das Griechische ins Zentrum ("Kreislauf der Menschendinge" laut Programm), nämlich: "Herodots Kroisosgeschichte: Hybris und Verblendung, Sturz und Erkenntnis"; sein Buch "Veni vidi vici" sei bereits in der 13. Auflage, das Buch "Roms sprechende Steine" nun in der 4., durchgesehenen und ergänzten, Auflage (2012) greifbar. Auch der Präsentation eines besonderen pädagogischen Modells am Albrecht-Ernst-Gymnasium in Oettingen (durch OStDin Claudia Langer und OStR Alois Mayr) wurde Raum gegeben (Stichwort: Lernlandschaft [die Altsprachler seien federführend]). Ausser Programm wurde ein Projekt eines P-Seminars im Fach Griechisch zu Sophokles vorgestellt mit dem Titel 'Antigone 2012', bestritten in den Domänen Marketing, Publikum, Regie von 15 Teilnehmenden, 5 Griechen und (lobenswert) 10 Nichtgriechen des Ignaz-Günther-Gymnasiums Rosenheim.

Das Traktandum "Erörterung aktueller Fragen des altsprachlichen Unterrichts", das jeweils an einem Abend stattfand, musste entfallen. Aber es lagen frei zugängliche und verfügbare "Informationen zum altsprachlichen Unterricht in Bayern (Stand 09.09.2012)" auf. Aus diesen sind die folgenden Angaben entnommen. Schülerzahlen des Schuljahres 2011/12 (die Daten der beiden vorausgehenden Schuljahrgänge [2010/11 mit zwei Abiturjahrgängen und 2009/10] sind in eckigen Klammern beigefügt, s. Bull. SAV, Nr. 79, April 2012, S. 35; unmittelbar vergleichbar für die Gesamttotale sind die Angaben des Jahrgangs 2009/10, also die Angaben in der 3. Position): Schüler mit L1, d.h. mit Latein als erster Fremdsprache, der Jahrgangsstufen 5-10: ca. 35600 [36252/ca. 35219], nämlich ca. 13% [13% / ca. 13%]. Daher wird in den "Informationen" festgehalten: "Latein als erste Fremdsprache (L1) ist an den bayerischen Gymnasien weiterhin fest etabliert." Schüler mit L2, d.h. mit Latein als zweiter Fremdsprache, ab Jahrgangsstufe 6 (-10): ca. 111500 [113399/ca. 111353], nämlich 48.6% aller Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 6-10 [49.7% / 49.6%]. Es ist darum erneut festgehalten: "Latein als zweite Fremdsprache (L2) findet weiterhin ungebrochene Akzeptanz." Zusammen mit den Schülern, die in der Oberstufe Latein in einem Kurs oder Seminar belegen (gegebenenfalls mit Doppelzählungen), ergibt sich, ab Klassenstufe 5 gerechnet, eine Gesamtzahl von ca. 163100 [ca. 166451/ca. 160861] Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, die im Schuljahr 2011/12 Latein erlernten. Für L1, nur Jahrgangsstufe 5, bleibt nachzutragen: ca. 5870 [6397/6530], nämlich ca. 12.3% [12.8% / ca. 13%].

Das Gesamt der Gr-Schüler der Jahrgangsstufen 8-12 (inkl. Kurse und Seminare in der Oberstufe [Schüler, die beides belegten, sind doppelt gezählt]) lautet ca. 3750 (an 51 Gymnasien) [3812/ca. 3711]. Man sieht, dass die vergleichbaren Summen etwa konstant sind. In den "Informationen" ist vermerkt, dass sich die Zahlen der Gr-Schüler seit Jahren auf etwa gleichem Niveau bewegen. Es wird auch festgehalten: "Bayern hat von allen Bundesländern derzeit die meisten Schüler mit Griechisch."

Ganz besonders ist herauszuheben, dass sich sogar die hohe Politik eingeschaltet hat: Staatsminister Dr. Spaenle (der Kultusminister des Landes Bayern) hatte sich mit einem Schreiben von Ende 2011 an die Schulen gewandt und diese gebeten, das Humanistische Gymnasium nach Kräften zu fördern. - In der Presse wird registriert, dass man sich durch Latein einen Bildungsvorteil, eine Art 'Abitur plus', erhoffe. Latein sei eine Grundlagensprache, mit der man auch 'Problemlösungskompetenz' erwerbe. Der 'lange Atem', den es zur Erschliessung eines lateinischen Satzes brauche, stosse sogar in der Wirtschaft auf Respekt, wenn auch dies offiziell kaum jemand zugebe. - Dass die Humanistischen Gymnasien und diejenigen Gymnasien, die L1 anbieten, in den zentralen Jahrgangsstufentests sehr positiv abschneiden (die Angaben findet man Bull. a. O., S. 35f.), wurde in der Presse gebührend erwähnt. - In den "Informationen" wird die folgende Feststellung aus früheren Jahren wiederholt: "Diese erfreulichen Ergebnisse sind auch Belege für die Bedeutung des Lateinischen als gymnasiales Grundlagenfach und den hohen Stand des altsprachlichen Unterrichts in Bayern." - Zur Einsicht lagen diverse Papiere auf: Synergieeffekte bei der Sprachbetrachtung und im Grammatikunterricht der Fächer D, E und L/F am Gymnasium (40 Seiten) - Aufgabenbeispiele (Auswahl) zu den "Grundlegenden Kenntnissen im Fach Latein" (26 Seiten, mit Anlagen [17 S.]) - Grundlegende Kenntnisse im Fach Griechisch (46 S.).

Die Verlage präsentierten ihr reiches Sortiment. Trotz der kurzen Dauer der Tagung, die wieder als geglückt zu gelten hat, blieb Raum für das kollegiale Gespräch. Am Ende der Veranstaltung dankte das Publikum mit langem Applaus dem Tagungsleiter, der die Anwesenden mit guten Wünschen für den Schulanfang entliess, nicht ohne auch die Hoffnung mitgeteilt zu haben, die Eindrücke in den Unterricht einfliessen zu lassen und in das Kollegium hineinzutragen, ferner sich auch an der 50. Tagung (2013), einem Jubiläum, wieder einzufinden.

Zürich, den 3. Dezember 2012
Bernhard Löschhorn

Programm der Tagung (PDF-Dokument)

 

Euroclassica

Activités 2013

Les activités proposées sous l'égide d'Euroclassica en 2013 seront variées. Pas moins de trois Academiae devraient avoir lieu. L'Academia Ragusina à Dubrovnik, qui en est à sa troisième édition, ouvrira les feux à la fin du mois de mars, puis suivront, au mois de juillet, l'Academia Homerica, devenue traditionnelle, à Athènes et Chios. Nouveauté cependant cette année, puisque c'est notre collègue Astrid Eitel qui sera en charge de la session consacrée à la lecture d'Homère (Il. 1). La troisième, l'Academia Saguntina, a connu une édition probatoire et discrète en 2012. Elle est désormais appelée à se développer et, espérons-le, à rencontrer le succès qu'elle mérite.

Comme son nom l'indique, l'Academia Saguntina se tient à Sagonte, non loin de Valence en Espagne. Elle s'adresse à des élèves âgés de 16 à 18 ans en moyenne, latinistes et/ou hellénistes, mais aussi à des élèves amateurs de théâtre ancien avec un intérêt pour la civilisation classique. Elle leur propose le matin des visites archéologiques et des ateliers conduits par des spécialistes dans le domaine de la vie quotidienne des Romains. La fin d'après-midi et la soirée sont consacrées au théâtre grec avec initiation aux danses grecques et représentations dramatiques dirigée par des amateurs plus qu'éclairés. Le clou : l'occasion de se produire sur la scène du théâtre romain, haut lieu de la cité, où a lieu régulièrement le festival de théâtre ancien réservé aux écoles.

Les participants sont logés dans un hôtel confortable et accueillant non loin de la plage dont ils peuvent jouir pendant la pause de l'après-midi. On se rend à Sagonte par avion, vol direct jusqu'à Valence, éventuellement Madrid. À la réception des inscriptions, les organisateurs prendront contact avec chacun et selon son itinéraire, l'informeront de la forme d'acheminement retenue depuis l'aéroport pour que chacun arrive le plus facilement possible sur place.

La conférence annuelle aura lieu à Lisbonne à fin août. On y présentera le volume Europatria avec une contribution nationale des principaux membres d'Euroclassica.

Pour plus de détails et de renseignements utiles, rendez-vous sur le site www.euroclassica.eu ou prenez contact avec la soussignée.

Christine Haller
 

Rezensionen

Arnd Morkel, Marcus Tullius Cicero - Was wir heute noch von ihm lernen können, Würzburg (Königshausen und Neumann) 2012, 307 S., CHF 52.90

In den letzten Jahrzehnten sind einige Biographien über Cicero in deutscher und englischer Sprache erschienen. (Über die Biographie von Bringmann siehe die Rezension v. B. Hüppin in Bulletin 76, S. 35 f.). Was fehlt, ist eine Darstellung von Ciceros Gedankenwelt und Philosophie. Diese Lücke füllt, jedenfalls teilweise, das anzuzeigende Buch. Der Autor will keine Darstellung von Ciceros Philosophie geben, seine Perspektive ist von anderer Art, es geht ihm um den Vorbildcharakter Ciceronischen Denkens. Das Buch ist auch nicht nach Werken geordnet, sondern nach Themen, wobei vor allem Stellen aus den Philosophica und den Briefen herangezogen werden.

Folgende Themen werden behandelt:
1. Doppelleben: Zwischen Politik und Philosophie - Was für Cicero Philosophie bedeutet - Wie ernst ist Cicero als Philosoph zu nehmen?
2. Leitthemen: vita activa und vita contemplativa - Im Streit beiden Seiten gerecht werden - Rhetorik - res publica - humanitas.

Der Autor, Politikwissenschafter und nicht Philologe, geht folgendermassen vor: Er nimmt die einschlägigen Stellen zu einem Thema zusammen, interpretiert sorgfältig und arbeitet eng am Text. Man spürt, dass das Buch aus intimer Kenntnis von Ciceros Werk abgefasst ist. Besonders beeindruckend sind die Kapitel über humanitas und der Abschnitt über das somnium Scipionis. Unter dem Stichwort humanitas werden sechs Teilbereiche behandelt, die von Höflichkeit, Geselligkeit über geistige Bildung, sorgfältige Sprache, Wohlwollen bis zu Mitmenschlichkeit reichen. Die Anlagen zur humanitas sind dem Menschen angeboren, müssen aber entwickelt werden, so etwa die artes im weitesten Sinn. Erst die Künste machen den Menschen zum Menschen. Vom homo naturalis bis zum homo humanus ist ein weiter Weg.
Zum somnium Scipionis: Im Gegensatz etwa zu M. Fuhrmann meint Morkel, dass Cicero wirklich an die Unsterblichkeit der Seele und die Verheissung ewigen Lohnes glaubt. Überhaupt nimmt Morkel im somnium einen Grundtenor der Freude und nicht der Resignation (so R. Harder und V. Pöschl) wahr.

Wie sieht Morkel Cicero als Philosophen? Ausgehend vom berühmt-berüchtigten Passus bei Th. Mommsen, ist Morkel hingegen der dezidierten Meinung, Cicero sei durchaus ein Philosoph eigener Prägung. Den Vorwurf, er sei ein blosser Eklektiker, wendet er ins Positive: Zwar sei Cicero kein schöpferischer Denker wie Platon oder Aristoteles, dafür aber offen für verschiedene philosophische Strömungen.

Zum Verhältnis von Philosophie und Politik bei Cicero meint Morkel: Philosophie hat sich auch im tätigen Leben zu bewähren, ist mehr als ein Notbehelf. Nach der Meinung des Autors ist Cicero auch als Politiker ernst zu nehmen.

Mag auch vieles in Morkels Darstellung nicht neu sein - die Art der Darbietung unter quasi didaktischem Aspekt ist ein origineller Ansatz, das Cicero-Bild ausgesprochen positiv. Bemerkenswert ist auch die Sprache. Sie ist von grösster Klarheit, gleich weit entfernt von einem Gelehrtenjargon wie von banalem Erzählduktus; kaum einen Satz muss man zweimal lesen, um ihn zu verstehen; Komplexes bringt der Autor auf den Punkt.

Was können wir von Cicero lernen? - Offenheit gegenüber verschiedenen Theorien, Diskussion sich widersprechender Standpunkte, Absehen von jeder Rechthaberei; Bewahren des geistigen Erbes und Weiterentwicklung des Überlieferten; der Politiker soll auch Denker sein, der wahre Redner gebildet; einfache Sprache als höchste Form der Redekunst, Philosophie soll auch Laien verständlich sein; Tätigkeit für die res publica, politische Elite als Vorbild, das Gemeinwesen nicht unser Eigentum, sondern in unserer Obhut; Überlegungen zu Freundschaft, Alter und Tod - kurz: Renaissancefähigkeit (nach K. Büchner) von Ciceros Gedanken. Diese Punkte bilden die bemerkenswerte Perspektive, den Grundtenor in Morkels Darstellung.

Leider ist das Literaturverzeichnis mangelhaft; es enthält nicht wenige Fehler und Ungenauigkeiten. Doch abgesehen von diesem (kleinen) Makel ist dem Verfasser ein Buch gelungen, das uns Cicero in positivem Licht zeigt. Man liest es in Darstellung und sprachlicher Gestaltung nicht nur mit Gewinn, sondern auch mit Freude. - Was könnte man Schöneres von einem wissenschaftlichen Buch sagen?

Hanspeter Geiger

Renatus Goscinny, Johannes-Jacobus Sempé, Pullus Nicolellus, Latina lingua, in Latinum verterunt Maria Gallica Cruenta, Sanctaedes Dusselpaganica Lustralunda, Pour la traduction en latin : Marie-France Saignes, Élizabeth Antébi, 8 histoires extraites des Histoires inédites du Petit Nicolas de Goscinny et Sempé (2004), IMAV Éditions 2012, ISBN 978-2-915732-45-0, 15 €

Le cadre est donné ! Après Harry Potter, il fallait bien que cet autre favori de la littérature " enfantine " trouve lui aussi sa via Latina ! Mais voilà, n'est pas Goscinnus qui veut. Tous ceux - et ils sont nombreux - qui ont jamais dégusté en français certes, mais aussi dans une autre langue (car les traductions du Petit Nicolas supposées convenir à l'apprentissage d'une langue étrangère sont légion) se rendent compte qu'il y a un sacré défi à relever à vouloir transposer les aventures de ce galopin, relatées dans un français qui n'est déjà plus celui des gosses d'aujourd'hui, dans une langue qui n'est pas celle non plus de Cicéron ! La journaliste Élizabeth Antébi, par ailleurs directrice du Festival Européen Latin Grec (8e édition en mars 2013) et Marie-France Saignes, professeur de langues classiques, qui préfère apparemment l'aspect sanglant de son nom à une étymologie plus paludéenne, s'y sont pourtant lancées en toute connaissance de cause et avec plaisir ; elles s'en expliquent dans leur utile introduction. La quatrième de couverture assure que les enfants qui " ont découvert le plaisir de la lecture grâce au Petit Nicolas (...) désormais vont pouvoir s'initier au latin avec Pullus Nicolellus " (à partir de 12 ans quand même) !
On leur souhaite bonne chance, car même après 50 ans de latin, on a envie de dire " Gloups ! " plutôt que Glaucops est ! (solution retenue pour rendre le " c'est chouette " du Petit Nicolas). Quid des petites phrases allègres de Goscinny ? Quid du monde un brin désuet de Nicolas, Agnan et les autres ? Le dépaysement est là, ça oui, mais pas la spontanéité. En dépit de tout, Pullus Nicolellus ne saurait se lire à livre ouvert (même avec l'aide du lexique fourni, dans lequel on recommandera, au hasard, Servus Pontifex : le maître d'hôtel (d'autel ??), ou encore sollerterphonascum : le smartphone). C'est une satura au sens propre, un salmigondis pas toujours insipide, mais un peu rebutant quand même, qui laisse comme une impression de malaise, qu'aggravent de lourdes fautes grammaticales. Plus d'une fois les traductrices confondent les propositions relatives et les interrogatives indirectes, elles ne maîtrisent généralement pas l'emploi du possessif de la troisième personne, que ce soit à l'intérieur des histoires ou dans les biographies des auteurs en annexe - ainsi trouve-t-on à propos de l'illustrateur Sempé (p.97) : Praeter suas tabulas sua mirabilia graphica illustraverunt Catherina Fiducia e Patricio Modiano aut Fabula Domini Sommer e Patricio Dulcipuero (Süsskind [sic]) -, ni même l'emploi des cas, ni celui du passif, ni encore celui des pronoms, par exemple quand elles rappellent le succès des albums d'Astérix de Goscinny et Uderzo (p.95) : Astericis res gestas in septem et centum linguas dialectosque versa sunt et innumerabiles in orbe ei qui ea legunt. Du latin de cuisine, on vous le disait !

Christine Haller

Karl-Wilhelm Weeber, Hellas sei Dank! Was Europa den Griechen schuldet - Eine historische Abrechnung, München (Siedler) 2012, 368 S., CHF 32.90, ISBN 978-3-8275-0009-0

Wer immer das Buch in die Hand nimmt, Fachmann, Philhellene oder Schüler, legt es mit Gewinn aus der Hand, ob man es ganz liest oder nur einzelne Kapitel herauspickt. Mit seinem Blick auf das Ganze, weg von der engen Sicht der Ökonomen, zeigt Weeber, dass Griechenland bei Europa nicht in Schulden steht, sondern ein "Geberland" ist. Denn die Griechen haben "in zentralen Bereichen unserer Kultur die Grundlage gelegt und das Abendland gewissermassen geistig angeschoben". Das Buch wendet sich an alle, die "etwas mehr über unsere griechische Vergangenheit und Gegenwart erfahren möchten, als die Schlagwörter vom Ursprungsland der Demokratie und der Olympischen Spiele, des hippokratischen Eids und des Delphischen Orakels bieten" (S. 10).
Wer sich beruflich mit dem Altertum beschäftigt, findet natürlich unter den genannten Themen ebenso wie in den Ausführungen zum "Theater" und zur "Philosophie" oder über die "Akropolis und die griechische Kunst" und über das etwas abstraktere Thema "Rhetorik" vieles, was er kennt und erwartet. Dennoch bleibt mehr als Repetition, weil Weeber nicht nur lehrt und belehrt. Man nimmt vielmehr den reichen Schatz eines langen Philologenlebens dankbar entgegen und folgt dem geschickten Didaktiker und erfahrenen Schulmeister, der mit sicherem Gespür auswählt, Altbekanntes neu arrangiert und überraschende Zusammenhänge herstellt. Seine Vorlieben verhehlt er nicht und benützt etwa das Thema "Väter der Geschichte" für längere Ausführungen über den Epitaphios und den Melierdialog bei Thukydides oder widmet Diogenes einen Exkurs. Seine Erzählkunst lebt er beim Thema "Mythos" aus, und ein geistreiches Spiel spielt er im Kapitel über die aktuelle Finanzkrise Griechenlands, wo er mit lauter Fachwörtern aus "unserm täglichen Griechisch" die fatale Situation schildert. Gerne teilt er, wo es sich anbietet, feine, aber treffende Seitenhiebe aus. So belässt er es nicht bei der Beweisführung, dass das griechische Theater auch heute noch "in" und "up to date" und unbestritten ein geistiges Weltkulturerbe ist, das kraftvoll weiterlebt, sondern fügt gleich noch ein Plädoyer für den Griechischunterricht an, das mit dem bitterbösen Satz schliesst: "Nur in der Schule... ist kein Raum mehr dafür, da machen wir dieses literarisch - sprachliche Weltkulturerbe im Namen von Effizienz, Utilität und Ökonomisierung aller Lebensbereiche platt." (Seite 222).
Einseitige Lobhudelei zur Rettung seiner Thesen liegt dem Autor fern. Er verschweigt heikle Themen wie die "Sklaverei" oder die "Stellung der Frau" nicht und debattiert über erotische Konzepte aus dem alten Hellas, wo "Diskontinuität" und "Alterität" vorliegt und "kein grosses Nachahmungspotential zu erkennen ist" (S. 278). Weeber ist stets anregend und unaufdringlich, nie doktrinär. Konträres bringt er differenziert und mit sicherem Urteil und Wissen auf den Tisch, ohne sich aber auf fachwissenschaftliche Debatten einzulassen.

Ein Abkürzungsverzeichnis, Anmerkungen am Schluss des Buches zu den einzelnen Kapiteln, eine reiche Bibliographie und ein Verzeichnis der griechischen Begriffe machen das Buch "Hellas sei Dank" doppelt leserfreundlich. Dank sei auch Karl-Wilhelm Weeber, der mit einem reichen Überblick in einer griffigen und flüssigen Sprache unter Einbezug von Parallelen bis in die Gegenwart für jeden Leser aufzuzeigen vermag, wie viele Gedanken und Verhaltensweisen der Griechen bis heute nachwirken und noch so aktuell sind wie damals.

Bruno Colpi

Innocenzo Mazzini, Letteratura e medicina nel mondo antico, Roma (Casa Editrice Università La Sapienza) 2011, 222 pp., ill., € 32, ISBN: 978-88-958146-0-5

Il libro si rivolge agli studiosi e agli studenti, sia di storia della medicina, sia filologi classici. Perciò il tono è sempre discorsivo e il dettato è facile da seguire. Tema del volume è la presenza della cultura medica nella letteratura greca e latina fino agli scrittori cristiani, ma al di fuori degli scrittori tecnici di medicina; perciò, non sono compresi nell'indagine, se non sullo sfondo, gli scritti del Corpus Hippocraticum, di Celso, di Galeno, eccetera. Ovviamente uno studio di tale portata, che presuppone un dominio largo di tutta la letteratura antica, non può essere esauriente; quanto l'autore mette a disposizione, tuttavia, è molto ed è adeguatamente orientativo.

Il libro è suddiviso in quattro grandi capitoli, chiusi da un apparato iconografico (pp. 147-158) e da un'appendice di profili biografici, letterari e storico-medici, cioè da uno schedario alfabetico che raggruppa nomi e concetti notevoli (pp. 159-195). L'opera è completata da una cospicua bibliografia (pp. 197-206) e da un indice analitico (pp. 207-222).

Il primo capitolo, intitolato Società civile, medicina e medici (pp. 19-37), è uno schizzo di storia sociale della medicina antica, dal razionalismo ippocratico alle scoperte anatomiche e fisiologiche d'età ellenistica, all'introduzione di strumenti chirurgici e oculistici sofisticati nella medesima epoca, alla nascita di scuole mediche diverse, all'introduzione a Roma del medico pubblico, alla figura del medicus amicus, fino al filantropismo e universalismo proprio già del pensiero stoico, ma che si accentua nelle religioni di salvezza e nel cristianesimo.

Il secondo capitolo, Intellettuali, medicina e medici (pp. 39-64), è fondamentale, perché tratta del rapporto fra filosofia e medicina, della ricezione della cultura medica nella ἐγκύκλιος παιδεία ellenistico-romana, e del rapporto controverso fra medicina e arti liberali.

Il terzo capitolo, Occasioni per temi medici nella letteratura (pp. 65-92), presenta, "senza pretese di completezza, una raccolta di occasioni e/o contesti, in cui uno scrittore non medico introduce, trattandolo più o meno estesamente, un argomento propriamente medico" (p. 65). Vi si parla di spunti medici in questioni morali (ascesi, eccessi alimentari o sessuali, vivere sociale, educazione dei giovani, doveri degli ecclesiastici, ecc.).

Nel quarto capitolo, Filologia classica e medicina antica (esegesi, critica letteraria, critica testuale) (pp. 93-146), l'autore propone nuove interpretazioni o nuove proposte di soluzione testuale tenendo conto del linguaggio medico che ravvisa nei passi presi in esame. Per quanto mi riguarda, non sono convinto che Plauto, Aulularia 71 (pp. 94-98) faccia consapevolmente parlare Stàfila in linguaggio medico, a scopo di deformazione comica; inclino piuttosto a pensare che si tratti di una traslazione dal modello greco, come avviene per i passi più sicuramente 'filosofici' dei poeti comici latini. È vero tuttavia che intemperia è resa di ἀκρασία, ed è pur vero che la teoria della κρᾶσις degli umori e delle loro proprietà erano radicate nella tradizione medica italiota, donde potrebbe essere arrivata a Roma, com'è il caso per le notizie sulle virtutes della brassica Pythagorea di cui si legge in Catone, De agri cultura 157.

Sono ineccepibili, per contro, le osservazioni su Lucrezio 4,1260-1263 (pp. 98-100); in particolare, è cogente l'accostamento di concrescunt semina membris, giustamente interpretato come "i semi (sc. dell'uomo e della donna) crescono e si rassodano trasformandosi in membra", con i passi di Ippocrate, Gynaecia 3,322 (τὴν γονὴν πήγνυσθαι), e De natura pueri 17 (αὐξομένην... ἀρθροῦται).

Conclude il capitolo (che contiene anche molto altro) un esame del testo di Apuleio, Metamorphoseis 10,25 (pp. 113-115), dove, se si tiene conto del linguaggio medico, il testo tràdito risulta ben difendibile. In particolare è giusto difendere subditur alia Proserpinae sacra Saluti, intendendo il non altrimenti noto Proserpina Salus come resa latina di Κόρη Σώτειρα (attestato in Pausania 3,13,1 e 8,31,1).

Ciò basta per illustrare sommariamente un libro che, almeno per i primi tre capitoli, può essere messo in mano anche a studenti liceali degli ultimi anni, per esempio per un lavoro di maturità. Gli insegnanti, a propria volta, vi troveranno spunti per percorsi didattici nuovi.

Giancarlo Reggi

Peter Stotz, Die Bibel auf Latein – unantastbar? (Mediävistische Perspektiven 3), Zürich (Chronos Verlag) 2011, 2. Aufl. 2012 (ISBN 978-3-0340-1106-8), 77 Seiten, CHF 15.00

Was kann einem Besseres passieren als nach einem Museumsbesuch im Bookshop auf ein Büchlein zu stossen, welches das Thema der Ausstellung auf so attraktive Weise aufnimmt und vertieft, dass man es noch gleichentags zu Ende liest? So geschehen anfangs 2013 anlässlich der Jahresausstellung der Stiftsbibliothek, die der "Bibel im Kloster St. Gallen" gewidmet ist.
Damit ist auch schon gesagt, dass hier ein äusserst gelungener, konziser Überblick anzuzeigen ist, an dem man höchstens den – bewusst gewählten – "widerborstigen" Titel bemäkeln könnte. Peter Stotz zeichnet in 43 Abschnitten (SS. 7-59) die Geschichte des lateinischen Bibeltextes von den Anfängen bis heute nach, die weit verschlungener und reicher ist als die gängige Unterteilung in Vetus Latina, Hieronymus, Vulgata und Sixto-Clementina es wahrhaben will, so dass der Autor lieber "von der Bibel auf Latein" als "von der lateinischen Bibel" spricht. Dass bei der Überlieferung eines heiligen Textes die dogmatische Frage der Unantastbarkeit eine wichtige Rolle spielt, versteht sich; sie dominiert das Büchlein aber nicht in einer Art und Weise, die dem zünftigen Altphilologen den Lesegenuss schmälern würde. Vielmehr ist es ein Verdienst von Peter Stotz zu zeigen, welch vielfältige Kräfte und pragmatische Gesichtspunkte in der Geschichte des lateinischen Bibeltextes am Werk waren. Das beginnt mit der Frage, wie sich eine lateinische Version der Bibel, ausser mit den praktischen Bedürfnissen der lateinischen Welt, überhaupt legitimiert. Ausgangspunkt scheint die Inschrift INRI am Kreuz über dem Erlöser gewesen zu sein. Das Latein war somit in der Bibel selbst verwurzelt, was ihm eine neue Nobilität verlieh, die später gar gegen die Volkssprachen ins Feld geführt wurde. Häufig war es die Macht der Gewohnheit bzw. die pastorale Hemmung, den Gläubigen neue Formulierungen zuzumuten, welche bremsend wirkte, so zuletzt 1945, als die mit Blick auf das Breviergebet unternommene Neuübersetzung des Psalters, welche das hergebrachte christlich-lateinische Idiom völlig hinter sich liess, unter den Adressaten kaum Freunde fand und in eine Sackgasse führte. Oder wer hätte gedacht, dass Augustinus die ältere, auf der Septuaginta basierende Übersetzung von Hieronymus dessen zweiter, sich am hebräischen Urtext orientierender u.a. deshalb vorzog, weil ihm die Einheit mit der Kirche der östlichen Reichshälfte wichtig war?
Eine besondere Qualität der Arbeit von Peter Stotz besteht darin, dass er die komplexen Zusammenhänge an klaren Beispielen veranschaulicht und mit leicht verständlichen Zitaten belegt. Hier sei nur der Tumult erwähnt, der die nordafrikanische Bischofsstadt Oea (heute Tripolis) erschütterte, als der Abschnitt Jonas 4,6 in der neuen Übersetzung von Hieronymus verlesen wurde: Da liess nämlich Gott über dem von der Sonne Geplagten nicht mehr einen Rizinusstrauch bzw. die gewohnte cucurbita (Septuaginta: kolokýnte) wachsen, sondern neu eine hedera.
Das sehr leserliche und sorgfältig gedruckte Büchlein verbindet viel Basiswissen mit dem Blick für die wesentlichen Leitlinien und ist damit ein sicherer Führer für den Lateinlehrer, der sich in seinem Studium nicht speziell mit der sog. Vulgata auseinander gesetzt hat. Wer einzelne Aspekte selber vertiefen möchte, findet im Anhang (SS. 61-77) reiche "Nachweise – Ergänzungen – Ausblicke".

Hans Haselbach

Mischa Meier (Hg.), Justinian. Neue Wege der Forschung, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2011, CHF 44.90 (regulärer Buchhandel), ISBN 978-3-534-23001-3

Es ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr en vogue, Geschichte mittels Personalisierung grosser Männer zu erzählen. So bedarf es auch einer Rechtfertigung, einen Sammelband zu Justinian vorzulegen, der thematisch einen Anspruch über das Biographische hinaus hat, mithin eben das "Zeitalter Justinians" beleuchten will. Der Herausgeber dieser Sammlung paradigmatischer neuerer Aufsätze, der in Tübingen lehrende Althistoriker Mischa Meier, ist sich dessen natürlich bewusst und plädierte denn auch schon in seiner Habilitationsschrift für ein "anderes Zeitalter" Justinians.

Was das Studium Justinians so dankbar macht, ist die Fülle der Quellen und darüber hinaus von Quellen unterschiedlichster Natur und Wertung, wobei natürlich das prominenteste Beispiel der Hofgeschichtsschreiber Prokop ist, der seinen Herrscher zugleich (offiziell) in den Himmel lobte und (in seiner Geheimgeschichte) als Antichrist verfemte. Was andererseits das Studium Justinians so schwierig macht, ist - die Fülle der Quellen. Denn die Multiperspektivität gebiert ihre eigenen Probleme, zumal viele Schreiber selbst mehr oder weniger nah am Geschehen beteiligt waren und ihrerseits politische Ziele verfolgen. Besonders anschaulich wird das im Beitrag von Roger D. Scott, der Prokops Geheimgeschichte mit dem ebenfalls zeitgenössischen Historiker Johannes Malalas und mit der Reichspropaganda vergleicht.

Die Beiträge stellen Justinian primär als Politiker und theologischen Akteur dar. Dagegen tritt der Initiator des Corpus Iuris Civilis in den Hintergrund: Gesetzestexte werden vor allem als Quellen für andere Fragen verwandt. Bemerkenswert sind die beiden Aufsätze zu den Grossereignissen der justinianischen Herrschaft: Während Geoffrey Greatrex das Geschehen um den Nika-Aufstand in nahezu kriminologischer Kleinarbeit rekonstruiert, analysiert Karl-Heinz Leven die sogenannte Justinianische Pest mit einem sowohl philologischen wie auch medizinischen und arithmetischen Instrumentarium. In beiden Texten bleibt die Person Justinians merkwürdig blass. Während des Nika-Aufstandes erleben wir ihn als zaudern und wankelmütig, während sein Erklärungsversuch für die Pest (sie soll eine gnädige Züchtigung Gottes sein) angesichts des Massensterbens hilflos wirkt.

Fast allen Beiträgen ist gemeinsam, dass sie die Frage nach Restauration und Innovation stellen, also erörtern, ob wir eher von antiken Römern oder von mittelalterlichen Byzantinern sprechen sollten. Praktisch unisono kommen die Autoren zum Schluss, dass die Regierungszeit Justinians diesbezüglich eine Zeit des Umbruchs ist und dass der Kaiser, insbesondere der späte Justinian, eher als Innovator zu apostrophieren ist. Nicht nur setzt er sich in einer Novelle explizit von den 'alten Römern' (palai Rhomaioi) und ihren Gesetzen ab, er beendet auch die Vergabe des honorigen Konsulats (fortan wird nur noch der Kaiser Konsul sein) und in der Kunst und Literatur lassen sich eindeutig neue Tendenzen erkennen, nämlich eine Abkehr von klassischen Vorbildern und eine Hinwendung zu genuin christlichen, manchmal gar apokalyptischen Themen. So vielfältig und solide die Beiträge in diesem Band sind, so stellt sich doch die Frage des Zwecks. Weshalb soll man für eine Sammlung bereits publizierter Aufsätze (ohne Register und ausführliche Bibliographie) um die 40 Franken aufwerfen, wenn die meisten Texte sowieso leicht im (Uni-)Netz verfügbar sind? Ausserdem hätte es dem Sammelband, der ja den Einstieg erleichtern möchte, gut angestanden, die Abkürzungen in den Fussnoten und in den Nachweisen der Erstpublikation aufzulösen. - Dennoch ist die Lektüre dieser soliden und gut lesbaren Forschungsarbeiten eine erhellende und spannende Angelegenheit.

Sundar Henny

Thomas A. Szlezák, Homer oder Die Geburt der abendländischen Dichtung, München (C.H. Beck) 2012, 254 S., CHF 37.90, ISBN 978-3-406-63729-2

Nach den 40 Seiten zu "Homer und der europäische Literaturbegriff" im Buch "Was Europa den Griechen verdankt" (2010 = UTB 3394) legt nun Thomas Szlezák eine grössere Arbeit zu Ilias und Odyssee vor. Das Buch ist bestimmt "für Leserinnen und Lesern, die überzeugt sind, dass die grossen Dichtungen früherer Epochen auch heute mit spontanem literarischen Genuss rezipiert werden können, sofern es nur gelingt, die Kluft, die der zeitliche und mentalitätsgeschichtliche Abstand geschaffen hat, zu überspringen" (Vorwort). Der Autor hat gleich selber ein Buch realisiert, in dem man "mit spontanem literarischen Genuss" mit all dem vertraut gemacht wird, was die Meisterschaft der zwei ältesten Werke der abendländischen Literatur ausmacht.

Nach einer kurzen, präzisen Darlegung der Beschäftigung mit Homer in der Antike und seit F. A. Wolf (1795) bis heute, werden in zwei Teilen Ilias und Odyssee unter folgenden Gesichtspunkten behandelt: Skizze des Geschehens, literarische Form und Gestaltungsmittel, Interpretation ausgewählter Szenen und Situationen, die Welt der Ilias bzw. der Odyssee sowie Bedeutung und Anspruch der beiden Werke. Auf 20 Seiten wird am Schluss die Frage der Abhängigkeit der homerischen Epen von orientalischen Werken (Gilgamesch, Enuma elisch, Atrahasis) behandlet. Glossar, Register von Namen und Sachen und ein Literaturverzeichnis schliessen sich an.

Einige Elemente, die die Lektüre von Szlezáks wirklich zu einem "literarischen Genuss" machen, seien exemplarisch angeführt. Zuerst beeindrucken klare, kurze Charakterisierungen und Beurteilungen einzelner Forschungsrichtungen, z. B. S. 27f. die "Oral-poetry-Forschung" mit der Zustimmung zu Seeck "diese Theorie" habe "mehr Schaden als Nutzen gestiftet", oder die Beurteilung der literarischen Kultur nach der Darlegung der Beziehungen Homers zur Gilgameschdictung, dass diese "in einem qualitativen Sprung eine dichterische Höhe erreicht hat, die ihr in den Zentren des Vorderen Orients versagt blieb" (239). Äusserst wertvoll sind die beiden "Skizzen des Geschehens", die mehr als eine trockene Inhaltsangabe der je 24 Bücher sind, z. B. Anfang von Il 19 "Thetis bringt ihrem Sohn die Rüstung, bei deren Anblick die Myrmidonen ein Zittern erfasst." Die Darlegung des Wesens des Hexameters mit dem Aufweis, das "trotz der ewig gleichen Wiederholung des Hexameter-Schemas" nicht Eintönigkeit aufkommt (98), könnte allen GriechischschülerInnen das Lesen solcher Verse nahe bringen. Die Kunst des Interpretierens, den Höhepunkt der philologischen Arbeit, beweist Szlezák an vier Komplexen der Ilias und acht der Odyssee. Eine halbe Seite genügt beispielsweise, um die Liebesbeziehung von Paris und Helena (Od. 3,383-447) zu deuten: "Von allen Liebesszenen der antiken Literatur ist diese - die erste überhaupt - die tiefgründigste, bösartigste, aber wohl auch psychologisch 'wahrste'. Dargestellt ist nichts Geringeres als das abgründige Phänomen der sexuellen Hörigkeit" (112f).

Noch vieles bietet dieses Buch, was die Lektüre der beiden grossen Epen erleichtert und zum Genuss machen kann: Klare Darlegung literarischer Formen und Gestaltungsmittel (Beschränkung auf eine Episode, Gliederung, Klammertechnik, Ringkomposition, Fernbezüge, Retardation, Reden, Gleichnisse etc.) zwei systematisierende Darlegungen zu "Himmel und Erde, Götter und Menschen, Das Weltbild der Ilias" (121-138) und "Die Welt der Odyssee" (192-213).

Szlezáks Buch legt wunderbar klar und überzeugend dar, was die grossen Homerforscher der neueren Zeit, "die den weiten Blick und den grossen Atem des Dichters ... erfassten" (143) uns geschenkt haben, damit wir wieder "mit spontanem literarischen Genuss" Homer lesen können.

Alois Kurmann
Binding Stiftung
Update: 4.4.2013
© webmaster
Update: 4.4.2013 © webmaster