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Bulletin 79/2012

Inhalt

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Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Diese Ausgabe des Bulletins ist für einmal ein wenig umfangreicher als die vorausgegangenen. Es beinhaltet sehr viele verschiedene interessante und lesenswerte Artikel, welche die Beschäftigung mit den Alten Sprachen in der Schweiz abbilden. Dabei erhalten wir sowohl Einblick in die neuste Forschungsarbeit an der Universität als auch in die Rolle des Latein und Griechisch an den Schulen.

Der Leitartikel stammt aus der Feder von Rudolf Wachter und widmet sich L'origine du nom de Perséphone. Gleich im Anschluss findet sich eine Abhandlung von Lucius Hartmann zum Thema Latein als Brückenfach.

Die diesjährige Weiterbildung hat den Legionärspfad von Vindonissa zum Thema. Das Programm und die Anmeldung findet sich in diesem Heft.

Ausserdem kann der Sonderband "Elemente - ΣTOIXEIA - ELEMENTA" von der letztjährigen Tagung, bezogen werden.

Auf eine anregende Lektüre!

Petra Haldemann
 

Thematischer Artikel

L'origine du nom de Perséphone

Aufgrund der vielen linguistischen Sonderzeichen kann der Artikel nur im PDF-Format gelesen werden.

Prof. Dr. Rudolf Wachter
 

Anzeigen und Mitteilungen

Latein als Brückenfach - Zur Korrelation von Latein mit allen anderen gymnasialen Fächern

Einleitung

Latein gehört zu den Fächern, die objektiv gesehen (d.h. von der Anzahl Lektionen und dem Anteil der Schülerinnen und Schüler aus betrachtet) am meisten unter dem MAR 95 (Maturitätsanerkennungsreglement) gelitten haben. Aus verschiedenen Gründen ist das Fach nach wie vor hohem Legitimationsdruck ausgesetzt. Im Zusammenhang mit der von Wirtschaft und Gesellschaft geforderten Stärkung der Naturwissenschaften wird es oft einseitig den Sprachfächern zugeordnet, in Konkurrenz zu naturwissenschaftlichen oder technischen Fächern gesetzt und damit mit angeblich guten Gründen aus dem Fächerkanon der allgemeinbildenden Gymnasien gestrichen.

Dieser Beitrag soll zeigen, dass es sehr wohl auch gute Argumente gibt, gerade Latein als Fach im Gymnasium beizubehalten oder gar zu stärken. Dabei geht es keineswegs darum, das humboldtsche Ideal einer Schule in der Tradition des 19. Jh. wiederaufleben zu lassen oder den Niedergang des Gymnasiums zu beklagen. Für einmal sollen inhaltliche oder methodische Gründe, welche für das Latein sprechen, nicht im Vordergrund stehen, auch wenn sie an sich grosses Gewicht hätten, sondern höchstens zur Erklärung eines auf den ersten Blick überraschenden - oder vielleicht doch nicht so überraschenden - Resultats dienen. Untersucht man nämlich die Noten im Zürcher Untergymnasium, so kann man unschwer feststellen, dass von den Noten in allen Fächern die Lateinnoten am besten mit den Noten aller anderen Fächer korrelieren, dass also das Latein den allgemeinbildenden, auf einen breiten Fächerkanon abgestützten Charakter des Gymnasiums als einzelnes Fach am besten abbildet.

Die Korrelation

Dieser Beitrag untersucht die Korrelation zwischen den Noten der einzelnen Fächer (für mathematische Einzelheiten, vgl. den Anhang). Eine Korrelation beschreibt den mathe-matischen Zusammenhang zwischen zwei gegebenen Datenreihen, also konkret zwischen den Noten von n Schülerinnen und Schülern im Fach X (x1, ..., xn) und den Noten der gleichen Schülerinnen und Schüler im Fach Y (y1, ..., yn). Dieser Zusammenhang wird mit dem sogenannten Korrelationskoeffizienten bestimmt (vgl. Anhang), der Werte zwischen -1 und 1 annehmen kann.

Wenn zwischen den beiden Datenreihen x1, ..., xn und y1, ..., yn ein hoher Korrelationskoeffizient vorliegt, d.h. wenn der Korrelationskoeffizient sich klar von 0 unterscheidet, besteht ein linearer Zusammenhang zwischen den beiden Datenreihen, d.h. die eine Datenreihe lässt sich mit grosser Wahrscheinlichkeit aus der anderen berechnen oder vorhersagen. Konkret bedeutet dies, dass man aus den Noten des einen Fachs die Noten des anderen Fachs - je nach Höhe des Korrelationskoeffizienten - mehr oder weniger gut voraussagen kann. Je mehr Daten vorliegen, d.h. je grösser n ist (konkret: je mehr Noten verfügbar sind), desto kleiner kann der Korrelationskoeffizient sein, um einen solchen Zusammenhang postulieren zu können.

Statistik

Datenbasis

Die vorliegende Untersuchung wurde mit den Daten von drei Zürcher Kantonsschulen durchgeführt (zwei Schulen in Zürich und eine Schule auf dem Land). Verwendet wurden die Zeugnisnoten in den promotionswirksamen Fächern von Schülerinnen und Schülern aus den ersten und zweiten Klassen von mindestens drei Frühlings- und Herbstsemestern (1.1 = erstes Semester der ersten Klasse, 1.2 = zweites Semester der zweiten Klasse, 2.1 = erstes Semester der zweiten Klasse, 2.2 = zweites Semester der zweiten Klasse). Unberücksichtigt blieben die Noten am Ende der Probezeit. Ebenso wurden Schülerinnen und Schüler mit unvollständigen Zeugnisnoten weggelassen. Total wurden 7528 Notenreihen betrachtet. Da nicht alle Fächer an allen Schulen im gleichen Semester unterrichtet werden (z.B. Geschichte), ergeben sich z.T. unterschiedliche Schülerzahlen. Das Zürcher Untergymnasium eignet sich sehr gut für diese Untersuchung, da die Klassen noch ohne Profile oder Schwerpunktfächer geführt werden und daher die maximal mögliche Anzahl Schülerinnen und Schüler mit ihren verschiedenen persönlichen Interessenschwerpunkten und Fähigkeiten erfasst wird.

Auswertung

Korrelation
Tabelle 1: Korrelation zwischen den Zeugnisnoten in der gesamten Unterstufe

Abkürzungen: D = Deutsch M = Mathematik G = Geschichte
E = Englisch B = Biologie GG = Geographie
F = Französisch C = Chemie BG = Bildnerisches Gestalten
L = Latein P = Physik MU = Musik

Die Fächergruppen sind folgendermassen berechnet:
Sprachen (Spr.) = Mittelwert D/E/F (d.h. ohne Latein)
Mathematik und Naturwissenschaften (MN) = Mittelwert M/B/C/P
Geistes- und Sozialwissenschaften (GSW) = Mittelwert G/GG
Musische Fächer (Kunst = Kun.) = Mittelwert BG/MU

Bei der Korrelation zwischen einem Fach und einer Fächergruppe wird der Mittelwert der Fächergruppe jeweils ohne das betreffende Fach berechnet, um das Resultat nicht zu verfälschen. Also drückt z.B. der Wert 0.437 nur die Korrelation von D zu E/F aus (und nicht zu D/E/F), oder 0.391 zeigt nur die Korrelation von M zu B/C/P (und nicht zu M/B/C/P). Hingegen ist 0.324 der Korrelationskoeffizient von D zu M/B/C/P und 0.315 derjenige von M zu D/E/F.

Der höchste Wert pro Zeile (zu einem einzelnen Fach und zu einer Fächergruppe) ist jeweils schwarz markiert (z.B. korreliert F am stärksten mit L, nämlich 0.615, und am stärksten mit den Sprachen, nämlich 0.540).

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen sind gering; wo sie relevant sind, wird dies bei der Interpretation spezifisch vermerkt. Bei einer Schule werden die Naturwissenschaften Chemie und Physik fachübergreifend unterrichtet. In diesem Fall sind die Noten nach Zufallsprinzip der Chemie bzw. der Physik zugeordnet worden, um die Resultate möglichst nicht zu verfälschen.

Auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Semestern sind relativ gering und werden bei der Interpretation jeweils vermerkt. Die Schlussfolgerungen werden davon nur marginal tangiert. Grundsätzlich ist bis auf wenige Ausnahmen von Semester zu Semester ein Anstieg aller Korrelationskoeffizienten zu beobachten, d.h. es gibt keine Betonung der Unterschiede, sondern eher eine Verschiebung zu einer grösseren Ähnlichkeit zwischen den einzelnen Noten. So korreliert z.B. Englisch im Semester 2.1 nur sehr schwach mit Chemie (0.098) und im Semester 2.2 schon spürbar besser (0.186).

Interpretation

Grundsätzlich kann man feststellen, dass bis auf drei Ausnahmen jedes Fach am besten mit seiner Fächergruppe korreliert, d.h. also D/E/F/L mit den Sprachen, C/M/P mit den MN, G mit den GSW und BG mit den musischen Fächern. Drei Fächer weichen von dieser erwarteten Zuordnung ab, nämlich Biologie, Geographie und Musik. Dafür soll unten noch eine Erklärung gegeben werden. Dass die Korrelation zwischen einem einzelnen Fach und einer Fächergruppe (z.B. L zu MN 0.426) meist deutlich höher ist als zu jedem Fach aus der betreffenden Gruppe einzeln (z.B. L zu M 0.416, zu B 0.340, zu C 0.216, zu P 0.251), liegt daran, dass durch die Berechnung des jeweiligen Schnitts der einzelnen Noten das Notenbild insgesamt ausgeglichener wird, dass daher Abweichungen weniger stark ins Gewicht fallen und damit der Korrelationskoeffizient wächst.

Es ist zu beachten, dass eine grosse Korrelation nicht grundsätzlich gleiche Noten bedeutet, sondern bloss eine ähnliche Verteilung, d.h. wenn Schüler A im Fach X besser ist als Schülerin B, dann ist er bei einer hohen Fächerkorrelation zwischen den Fächern X und Y mit grosser Wahrscheinlichkeit im Fach Y ebenfalls besser als Schülerin B. Faktisch ist allerdings trotzdem eine relativ grosse Nähe der Noten anzunehmen, da die Notenschnitte (zumindest der für diese Untersuchung relevanten Fächer) nicht allzu stark unter einander variieren: Vom Schnitt der Lateinnoten weichen die meisten Fächer nämlich nur um 0.15 ab. Konkret unterscheidet sich also z.B. bei einer hohen Korrelation zwischen Latein und Französisch die Französischnote bei dem Grossteil der Schülerinnen und Schüler nur um max. 0.5 von der Lateinnote. Eine hohe Korrelation bedeutet selbstverständlich nicht per se eine enge Verwandtschaft von zwei Fächern in Inhalten und Methoden, sondern nur, dass eine Schülerin oder ein Schüler im Vergleich zu den anderen Schülerinnen und Schülern ähnlich positionierte Noten hat. Dies trifft jedoch offensichtlich mit grosser Wahrscheinlichkeit nur dann für sehr viele Schülerinnen und Schüler gleichzeitig zu, wenn die beiden Fächer ähnlich unterrichtet (und v.a. auch ähnlich geprüft) werden. So lässt sich z.B. die überraschende Tatsache erklären, dass Biologie viel stärker mit den Geistes- und Sozialwissenschaften als mit der Mathematik und den Naturwissenschaften korreliert (dies gilt für alle beteiligten Schulen), weil Biologie in der Unterstufe eben eher wie ein geisteswissenschaftliches Fach unterrichtet wird als wie ein naturwissen-schaftliches. Analog ist vermutlich die grössere Nähe der Geographie zu den Natur-wissenschaften zu erklären, wobei der Unterschied hier allerdings deutlich weniger markant ist als bei der Biologie und zudem das Bild nicht bei allen Schulen gleich ist.

Besonders auffällig ist die niedere Korrelation von Bildnerischem Gestalten mit praktisch allen Fächern einzeln (ausgenommen Deutsch) und mit allen Fächergruppen. Hier ist anzunehmen, dass das Fach durch seinen besonderen Zugang (visuell und taktil, stärkeres Gewicht auf kreativ-gestalterischen Fähigkeiten) auch andere Notenverteilungen bewirkt. Es scheint mir daher sinnvoll zu sein, das Fach bei der weiteren Interpretation nur am Rand zu berücksichtigen.

Bemerkenswert ist die ausgesprochen niedere Korrelation von Englisch mit fast allen nicht-sprachlichen Fächern und insbesondere mit den Naturwissenschaften Biologie, Chemie und Physik (0.135 ist der kleinste Korrelationskoeffizient in der Tabelle, wenn man das Bildnerische Gestalten nicht in die Untersuchung einbezieht). Eine ähnliche Verteilung ist (allerdings mit deutlich "besseren" Werten) nur noch bei Französisch festzustellen. Der Grund dafür kann darin gesehen werden, dass die in diesen beiden Fremdsprachen notwendigen Kompetenzen und Fertigkeiten (z.B. mündliche Kommunikation und Hörverständnis) im Vergleich zu den anderen Gymnasialfächern sehr spezifisch sind. Eine analoge Aussage lässt sich natürlich auch zu den naturwissen-schaftlichen Fächern Chemie und Physik machen, wobei hier die Korrelationskoeffizienten im Vergleich zu den beiden erwähnten Sprachen doch deutlich höher sind.

Nicht überraschend ist die Tatsache, dass Deutsch sehr gut mit eigentlich allen Fächern korreliert, da mangelnde Kompetenz in der Erstsprache meist auch Schwierigkeiten in den anderen Fächern mit sich zieht, wobei diejenigen Fächer am wenigsten betroffen sind, in denen das sprachliche Verständnis und Formulierungsvermögen nicht im Vordergrund steht, sondern der Schwerpunkt auf anderen Kompetenzen liegt, nämlich die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer (ohne die Biologie).

Bis auf wenige Ausnahmen wachsen, wie oben erwähnt, die Korrelationskoeffizienten im Verlauf der Semester, d.h. die bestehenden Unterschiede zwischen den Fächern werden nicht stärker betont, sondern eher verwässert. Dies hängt womöglich damit zusammen, dass die individuellen Unterschiede der einzelnen Schülerinnen und Schüler, welche beim Start der gymnasialen Laufbahn bestanden, mit der Zeit ausgeglichen werden. Bezogen aufs Latein lässt sich aus den Resultaten Folgendes entnehmen:

  • Sprachen:
    Latein weist die höchste Korrelation zur Gruppe aller Sprachfächer auf, notabene mit dem höchsten Wert in der Tabelle insgesamt (0.641). Am höchsten ist die Korrelation, was zunächst wenig zu überraschen vermag, mit Französisch (0.615).
    [gilt für alle Schulen zusammen und für jede Schule allein; gilt für jedes Semester]

  • Mathematik und Naturwissenschaften Biologie, Chemie und Physik:
    Latein weist unter den Nicht-MN-Fächern nach der Geographie die höchste Korrelation zu den MN auf (0.426).
    [gilt für alle Schulen zusammen und für jede Schule allein; gilt für 1.1, 1.2 und 2.1, in 2.2 hat Musik eine höhere Korrelation]
    Dabei ist diese Korrelation sogar höher als diejenige von Biologie und Mathematik zu den MN (0.324 bzw. 0.391).
    [gilt für alle Schulen zusammen und für zwei Schulen allein; gilt nur für 1.1 und 1.2]
    Besonders hoch ist die Korrelation zwischen Latein und Mathematik (0.416); hier wird Latein nur noch von der Chemie und Physik übertroffen.
    [gilt für alle Schulen zusammen und für zwei Schulen allein; gilt für 1.2 und 2.1, in 1.1 korreliert die Geographie noch stärker, in 2.2 die Biologie]
    Im Semester 1.2 ist Latein sogar das Fach, mit dem Mathematik am stärksten korreliert.
    [gilt für alle Schulen zusammen und für jede Schule allein]

  • Naturwissenschaften Chemie und Physik:
    Latein weist zusammen mit Deutsch (die Werte liegen nahe beieinander) von den Sprachfächern die höchste Korrelation zu den naturwissenschaftlichen Fächern Chemie und Physik auf (0.268 bzw. 0.230), ebenso zur eher geisteswissenschaftlichen Biologie (0.340).
    [gilt für alle Schulen zusammen und für jede Schule allein; gilt für jedes Semester]

  • Geistes- und Sozialwissenschaften:
    Latein weist unter den Nicht-GSW-Fächern nach der Biologie und der Chemie die höchste Korrelation zu den GSW auf (0.406).
    [gilt für alle Schulen zusammen; einzeln betrachtet gibt es in zwei Schulen kleine Abweichungen; gilt nur für Semester 1.2, in 1.1 korreliert die Mathematik noch stärker, in 2.1 und 2.2 Deutsch, dafür die Chemie weniger stark]

  • Musische Fächer (nur Musik):
    Latein weist nach der Mathematik die höchste Korrelation zur Musik auf (0.329).
    [gilt für alle Schulen zusammen und für zwei Schulen allein; gilt für 1.1 und 1.2, in 2.1 korreliert Deutsch noch stärker, in 2.2 diverse Fächer]

  • Gesamtbild:
    Neben Deutsch ist Latein das Fach mit den höchsten Korrelationen zu allen Fächern (ausser zum Bildnerischen Gestalten), wobei Latein oft markant höhere Korrelationen als Deutsch aufweist, so insbesondere zu Französisch und Mathematik.
    [gilt für alle Schulen zusammen und für jede Schule allein; gilt für jedes Semester]

Latein ist damit offensichtlich das Fach, welches über die gesamte Breite der gymnasialen Unterstufe, also beinahe über das ganze Fächerspektrum - es fehlen eigentlich nur die Fächer (E)WR und AM - die vergleichsweise höchsten Korrelationen zu allen Fachgruppen und zu fast allen individuellen Fächern aufweist. Durch die Noten im Latein lassen sich folglich die Noten in allen anderen Fächern am besten abschätzen, d.h. Latein gibt von allen Fächern mit der grössten Wahrscheinlichkeit an, wie eine beliebige Schülerin, ein beliebiger Schüler die allgemeinbildende Ausbildung des Gymnasiums absolvieren wird. Wer in Latein gut ist, ist sehr wahrscheinlich auch in allen (!) anderen Fächern gut, wer in Latein Probleme hat, wird auch in den meisten anderen Fächern Schwierigkeiten haben. Latein ist quasi das "Fach der Mitte" oder Brückenfach, welches das disparate Spektrum aller gymnasialen Fächer am besten abdeckt.

Aus der Realität des Unterrichts ist klar, dass weder die Inhalte noch die Didaktik oder Methodik des Lateinunterrichts Ursache für den beobachteten Zusammenhang sind. Selbst der enge Zusammenhang zwischen Latein- und Französischnoten lässt sich nicht so einfach nur durch die Verwandtschaft der beiden Sprachen erklären, da sich der Unterricht und die Bewertung von Schülerleistungen in den beiden Fächern doch ziemlich deutlich unterscheiden - man denke nur an den Stellenwert der Mündlichkeit und der aktiven Sprachbeherrschung im Französischunterricht. Die hohe Korrelation mit praktisch allen Fächern schliesst auch rein inhaltliche Gründe praktisch von vornherein aus, auch wenn sich so natürlich zumindest die Beziehung zu den anderen Sprachfächern gut erklären lässt. Gute Lateinschülerinnen und -schüler erreichen nicht deshalb in Mathematik und Geographie ebenfalls gute Leistungen, weil sie in Latein einen Text über Eratosthenes' Berechnung des Erdumfangs gelesen haben (wenn dies denn überhaupt behandelt wird).

Es scheint mir daher vielversprechender zu sein, den Zusammenhang zwischen Latein und den anderen Fächern dadurch zu erklären, dass im Lateinunterricht in überdurchschnittlichem Mass und in einer grösseren Breite als anderswo Kompetenzen und Qualitäten gefordert und ebenso gefördert werden, welche auch in anderen Fächern benötigt werden, so z.B. sprachliche Kompetenzen wie Wörter und Grammatik lernen, Satzbau verstehen, (komplexe) Inhalte erfassen und interpretieren, analytische Kompetenzen wie die Zerlegung eines komplizierten Problems in Teilprobleme und das Herausarbeiten von Lösungsansätzen oder überfachliche Kompetenzen wie Hart-näckigkeit und Präzision.

Einzig mit den "echten" Naturwissenschaften Chemie und Physik - Biologie rückt in der Unterstufe, wie oben dargelegt, eher in die Nähe der GSW - ist die Korrelation vergleichsweise niedrig, da sich hier die Kompetenzen, welche von den Schülerinnen und Schülern erwartet werden, am deutlichsten unterscheiden bzw. am spezifischsten sind. Und doch weist Latein auch hier die höchste Korrelation von allen Sprachfächern auf, im Vergleich zu den Fremdsprachen (E und F) ist sie sogar markant höher, so dass Latein von den Fremdsprachen den Naturwissenschaften klar am nächsten steht.

Ausblick

Dass die in dieser Studie beobachteten Zusammenhänge nicht zufällig sind oder sich etwa bloss auf das Untergymnasium beschränken, lässt sich unschwer aus Untersuchungen auf der Maturstufe und beim Studienbeginn erweisen. So schreibt Prof. Dr. F. Eberle in dem Bericht EVAMAR II (S. 220): "Die Gruppe des Schwerpunktfachs "Alte Sprachen" hat unter dem Aspekt der Ausgeglichenheit bzw. Ausgewogenheit der Kompetenzen (im Sinne einer allgemeinen Studierfähigkeit) am besten abgeschnitten." (Geprüft wurden Kompetenzen in der Erstsprache, der Mathematik und der Biologie.) Und in der ETH-Studie "Maturanoten und Studienerfolg. Eine Analyse des Zusammenhangs zwischen Maturanoten und der Basisprüfung an der ETH Zürich, Dezember 2008" (veröffentlicht am 16.1.2009) kann man lesen (S. 14): "Absolventen mit Schwerpunkt "Physik/Angewandte Mathematik" oder "Latein/Griechisch" erreichen signifikant bessere Basisprüfungsergebnisse als alle anderen Absolventen." Offensichtlich verfügen Lateinschülerinnen und -schüler über die breiteste Allgemeinbildung (EVAMAR II) und sind gleichzeitig in der Lage, auch in den stark mathematisch-naturwissenschaftlich geprägten Basisprüfungen an der ETH Erfolg zu haben (ETH-Studie). Der ETH-Präsident, Prof. Dr. Ralph Eichler, äussert sich folgendermassen zu dieser Thematik (Interview im Tagesanzeiger vom 5.9.2008): "Wer Latein oder Griechisch hatte, ist oft auch an der ETH gut. Deshalb muss die nächste Maturareform die Kompetenz einer exakten Sprache stärker gewichten."

Zusammenfassung

Latein nimmt im Fächerkanon des Untergymnasiums eine Schlüsselrolle als "Fach der Mitte" oder Brückenfach ein. Einerseits ist es das typische Sprachfach (höchste Korrelation zu allen anderen Sprachfächern), andererseits ist es das Sprachfach, mit dem die Mathematik und die Naturwissenschaften (jedes Fach für sich und auch alle zusammen) am stärksten korrelieren, wobei der Unterschied zu den anderen Sprachfächern besonders bei der Mathematik augenfällig ist. Gleiches gilt für die Korrelation von Latein mit den Geistes- und Sozialwissenschaften und mit den musischen Fächern.

Das Fach Latein verkörpert daher durch seine Mittelstellung zwischen den grossen Fachgruppen par excellence die allgemeinbildende Komponente des Gymnasiums. Will man an dieser Komponente festhalten - und dagegen spricht sich momentan niemand aus -, ist auf der Grundlage dieser Untersuchung ein Verzicht auf Latein oder eine weitere Schwächung dieses Fachs absolut fragwürdig - gerade auch im Untergymnasium, wo es nicht nur, aber auch darum geht zu überprüfen, ob für eine bestimmte Schülerin, für einen bestimmten Schüler die gymnasiale Ausbildung in ihrer ganzen Breite wirklich geeignet ist.

In einer Zeit, in der auch die Hochschulen immer stärker auf Interdisziplinarität Wert legen und interdisziplinäres Arbeiten an den Gymnasien gezielt gefördert werden soll, ist es doch wohl absurd, ausgerechnet das Fach zu marginalisieren, welches seinen Platz per se offensichtlich inter disciplinas hat.

Anhang: Mathematische Grundlagen

In der Statistik spricht man von Korrelation, wenn sich gewisse Daten (y-Werte) mit grosser Wahrscheinlichkeit linear aus anderen Daten (x-Werte) ermitteln lassen. Linear bedeutet, dass man y durch a ˙ x + b (für passende Zahlen a und b, welche die Lage der Gerade beschreiben) (zumindest in Annäherung) bestimmen kann oder dass sich der Zusammenhang durch eine Gerade (zumindest in Annäherung) ausdrücken lässt, wie dies im folgenden Beispiel für den Zusammenhang zwischen Körpergrösse und Gewicht gemacht ist.


Grafik 1: Zusammenhang zwischen Körpergrösse und Gewicht

Beispiele für den Zusammenhang von zwei Datenreihen

a) Zeit und Weg (bei nahezu gleichbleibender Geschwindigkeit) Ein Fahrzeug bewegt sich mit ca. 60 km/h (d.h. ca. 1 km/min). Aus der Zeit (x) kann man den Weg (y) bestimmen.


Tabelle 2: Zeit und Weg

Man kann davon ausgehen, dass man nach 120 min ca. 120 km zurückgelegt hat. Die Formel zur Berechnung von y lautet demnach in diesem Fall y = 1 ˙ x + 0 (d.h. a = 1 und b = 0, es handelt sich um eine sogenannte Proportion).

b) Zusammenhang zwischen Körpergrösse und Körpergewicht (entnommen aus Th. Jahnke, H. Wuttke, Mathematik: Stochastik, Berlin 2006):


Tabelle 3: Körpergrösse und Gewicht

Die Formel zur Berechnung von y aus x lautet in diesem Fall etwa y = 75 ˙ x - 68 (d.h. a = 75 und b = -68).

Der Korrelationskoeffizient

Um zu zeigen, wie eng der Zusammenhang wirklich ist, wird der sogenannte Korrelationskoeffizient r berechnet.

Dabei gilt:
n Anzahl der Datenpaare (xi / yi)
xi einzelne Daten (x-Werte)
yi einzelne Daten (y-Werte)
xm arithmetisches Mittel der x-Werte ( = Durchschnitt)
ym arithmetisches Mittel der y-Werte (= Durchschnitt)
sx Standardabweichung der x-Werte
sy Standardabweichung der y-Werte
Die Standardabweichung ist ein Mass für Streuung von Werten. Bei einer Normalverteilung (vgl. Grafik 2) liegen 68% der Werte im Bereich von xm-s, 95.4% in xm-2s und 99.7% in xm-3s. Die Standardabweichung sx wird folgendermassen berechnet (für y analog):

Σni = 1 xi ˙ yi ist eine Kurzform für x1 ˙ y1 + x2 ˙ y2 + ... + xn ˙ yn
Der Formel kann entnommen werden, dass man bei der Berechnung des Korrelationskoeffizienten die x- und y-Werte vertauschen kann.


Grafik 2: Normalverteilung (Gauss'sche Glockenkurve)

Beispiel b): Zusammenhang zwischen Körpergrösse und Körpergewicht (vgl. oben Tabelle 3)

Zur Verwendung des Korrelationskoeffizienten

Besteht zwischen den beiden Datenreihen kein linearer Zusammenhang, liegt der Korrelationskoeffizient bei 0. Lässt sich hingegen jeder Wert exakt vorausbestimmen, ist der Korrelationskoeffizient 1 oder -1. Der Koeffizient ist negativ, wenn der Zusammenhang gerade umgekehrt ist (die x-Werte wachsen, während die y-Werte abnehmen). Je höher der Korrelationskoeffizient ist, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenhangs. Im obigen Beispiel (r = 0.834) ist daher der Zusammenhang sehr wahrscheinlich.

Je grösser die Anzahl Werte ist, desto kleiner kann r sein, um einen Zusammenhang mit grosser Signifikanz (d.h. mit kleiner Fehlerwahrscheinlichkeit) postulieren zu können. D.h. wenn nur wenige Datenpaare verfügbar sind, muss r deutlich grösser sein, damit der beobachtete Zusammenhang nicht rein zufällig ist.

Dieser Zusammenhang muss aber keinesfalls auf einer Kausalität beruhen, wie das folgende Beispiel zeigen soll (vgl. http://www.univie.ac.at/ksa/elearning/cp/quantitative/quantitative-108.html): Storchenpopulation und Geburtenrate korrelieren z.T. mit einem Koeffizienten von bis zu 0.7. Zwischen den beiden Entwicklungen besteht aber offensichtlich kein kausaler Zu-sammenhang, sondern sie korrelieren unabhängig voneinander mit einer dritten Grösse, dem Wirtschaftswachstum.

Umgekehrt ist ein tiefer Korrelationskoeffizient kein Beweis dafür, dass überhaupt kein Zusammenhang oder keine Kausalität zwischen zwei Datenreihen besteht. Der Zusammenhang lässt sich allerdings mathematisch nicht durch eine lineare Funktion oder anders gesagt durch eine Gerade ausdrücken. Beispielsweise beträgt der Korrelationskoeffizient zwischen den Zahlen 1, 2, 3 ..., 10 und den zugehörigen Werten der Sinusfunktion (sin (1), sin (2), sin (3), ..., sin (10)) "nur" -0.17, obwohl mathematisch gesehen sehr wohl ein Zusammenhang vorliegt.

Lucius Hartmann

Eine verkürzte Fassung dieses Beitrags erscheint im Gymnasium Helveticum 2/12 (April 2012).

Dritter Schweizerischer Lateintag

Lateintag


Samstag, 17. November 2012
9 bis 19 Uhr
Rund um das Lateinschulhaus
5200 Brugg

Nihil difficile amanti!

Lateintag.ch und die Pädagogische Hochschule der FHNW (Professur Romanische Sprachen Prof. Dr. Manno) bieten: Die lateinische Sprache als Brücke zu neuen Sprachen, als Brücke von Küste zu Küste, als Brücke in Zukunft und Vergangenheit.

21 Workshops und Vorträge, Podiumsdiskussion, festliches Finale des Theaterwettbewerbs PLAUTUS PLACEBIT! mit römischer Verpflegung.

Römerkalender für das Jahr 2013

Aus Anlass des 3. Schweizerischen Lateintags in Brugg am 17. November 2012 erscheint wiederum ein Kalender, zum ersten Mal in deutscher und in französischer Version.

Der Römerkalender für das Jahr 2013 enthält grossformatige farbige Illustrationen, Bildlegenden und Zitate (lateinisch mit Übersetzung) zum Thema PONTES ET VIAE: Brücken und Strassen.

Er zeigt Reliefs und aquarellierte Zeichnungen, Glasscheibe und Gemälde, Inschriftstein und Bronzestatuette und Bauten im Gelände.

Antike und heutige Brückenbauer, römische Reisende, Händler, Legionäre und Menschen des 21. Jahrhunderts überqueren Flüsse auf Pontonbrücken, Brücken aus Holz und aus Stein und sind unterwegs auf Strassen in Spanien, Deutschland, Italien, Rumänien, Iran und in der Schweiz.

Zitate von Gaius Iulius Lacer, Ammianus Marcellinus, Caesar, Catull, Ausonius, Seneca, Publilius Syrus, Ovid, Octavianus Augustus, Montanus, Statius, Vitruv und Hildegard von Bingen.

Format A3, Preis Fr. 29.00 exklusive Verpackung und Porto. Bei Bestellung bis 15. August: Fr. 25.00

Bestellungen an Verena Füllemann, Römerstrasse 11, 5400 Baden, Fax 056 222 42 10 oder v.fuellemann@bluewin.ch

Auslieferung ab 15. Oktober 2012

Plakate des FASZ

Das Forum Alte Sprachen Zürich hat für den Anlass "Latein baut Brücken" 21 Plakate zu verschiedenen Themen des Lateinunterrichts erstellt. Diese Plakate eignen sich sehr gut für Werbeveranstaltungen. Sie können unter http://www.fasz.ch/fasz/lateinbautbruecken/plakate.php im PDF-Format abgerufen und bestellt werden. Bei Bestellungen bis Ende April kann ein reduzierter Preis von 30 Franken pro Exemplar (Fotopapier) bzw. 15 Franken (Normalpapier) (zuzüglich Versandkosten) angeboten werden.

Lucius Hartmann

Sonderband "Elemente - ΣTOIXEIA - ELEMENTA"

Ab April kann der Sonderband zur Tagung "Elemente - ΣTOIXEIA - ELEMENTA" vom 17. März 2011 zum Preis von 20 Franken pro Exemplar bei Lucius Hartmann bezogen werden. Der Band enthält Beiträge von Prof. Dr. H. Wunderli, Prof. Dr. R. Kyburz, Prof. Dr. L. Gemelli, Prof. Dr. B. Binggeli, M. Müller, L. Hartmann, Prof. Dr. Ch. Riedweg und Prof. Dr. A. Stückelberger.

Lucius Hartmann

Archäologe auf Zeit

Als Laie Seite an Seite mit Wissenschaftlern die Antike erforschen

Kelten, Römer, Germanen, Slawen, Awaren - sie alle besiedelten neben vielen weiteren Völkern einst den europäischen Raum. Ihre Spuren finden sich im Boden: Siedlungsreste, Waffen, Gebrauchsgegenstände, Schmuck und Schätze.

Die Beschäftigung mit der Geschichte des eigenen Kulturraumes fasziniert immer mehr Menschen. Viele Laien verfügen über einen hohen Wissensstand zum Thema Archäologie. Die Möglichkeit, selbst an einer Grabung teilzunehmen, war Privatpersonen bisher allerdings nur in Ausnahmefällen möglich.

Die "ARGE Archäologie" bietet interessierten Amateuren seit zehn Jahren die Möglichkeit der aktiven Teilnahme an hochklassigen archäologischen Grabungen im europäischen Raum - auch ohne praktische Vorkenntnisse. Renommierte Universitäten, Museen und freie archäologische Institute sichern als wissenschaftliche Partner dabei das gebotene Niveau des Programms.

Bei der Erforschung hellenistischer Heiligtümer, römischer Amphitheater, frühchristlicher Bischofssitze, awarischer Gräberfelder, keltischer Druidentempel oder mittelalterlicher Burgen wird Geschichte buchstäblich "begreifbar". Die persönliche Teilnahme und Mitarbeit an einer Grabung eröffnet Einsichten und Erkenntnisse, die über Buchwissen weit hinausgehen.

Der jeweils einwöchige Aufenthalt ab € 1.280,00 beinhaltet die fachlich begleitete tägliche Mitarbeit an der Grabung, eine Einführung in die Geschichte der untersuchten Kultur, die theoretische und praktische Vermittlung der Methoden der Archäologie, das Kennenlernen antiker Handwerkstechniken - und natürlich Austausch, Gespräche und Diskussionen mit den beteiligten Forschern und Studenten. Thematisch ergänzende Exkursionen runden das Programm ab.

Ein erheblicher Teil der Einnahmen ergeht an die Grabungen und unterstützt damit die laufende wissenschaftlichen Arbeit und die Fortführung der Grabungsprojekte.

Mitglieder des Schweizerischen Altphilologenverbandes erhalten auf jede Reisebuchung 5% Rabatt.

Kontakt:
ARGE Archäologie
Verein der Freunde der Archäologie
Büro: Löfflergasse 56
1130 Wien - Österreich
Telefon 0043 (0) 664 57 17 021
Fax 0043 (0) 1 892 03 20
info@arge-archaeologie.at
www.arge-archaeologie.at

Umfrage zur Situation der Alten Sprachen, Schwerpunkt Latein, an den Gymnasien der Kantone Schwyz, Unterwalden, Uri und Zug

Im Rahmen des traditionellen Treffens der Lehrpersonen der Alten Sprachen des Kantons Schwyz (SZ) und einiger umliegender Kantone in Einsiedeln fand im Frühling 2011 eine Umfrage zu ihren Unterrichtsfächern an dreizehn Gymnasien mit mehrheitlich sechsjähriger Ausbildung statt, deren wichtigste Ergebnisse hier vorgestellt werden und deren ausführliche Auswertung auf www.swisseduc.ch zur Verfügung steht.

Die mit einer Rücklaufquote von 100% repräsentative Umfrage zeigt die Situation an den verschiedenen Gymnasien im Schuljahr 2010/2011.

Im Bereich der Alten Sprachen und der antiken Kultur sind Angebote selten. In der Regel kann man Latein als Schwerpunktfach (SPF) mit einer vierjährigen Ausbildung belegen. Im SZ überwiegt im SPF, im Gegensatz zu den anderen Kantonen mit durchschnittlich 16 Jahreswochenstunden (JWS), eine dreijährige Ausbildung mit 13.4 JWS: die höchste Stundendotation weisen mit 19 JWS im Grundlagenfach Einsiedeln und mit 18 im SPF Stans auf. Bei einem Total von drei bis neun SPF wird gewöhnlich eine Klasse mit SPF Latein pro Schuljahr geführt, deren Grösse stark variiert und die tendenziell unterdurchschnittlich belegt ist.

Im SPF im SZ werden für die Lehrmittelphase, die zwei JWS weniger als in den anderen Kantonen umfasst, Lehrmittel für Latein als dritte Fremdsprache verwendet. Man lernt ein Vokabular von ungefähr 1000 Wörtern und die Morphologie aktiv. An den anderen Schulen kann die Anzahl gelernter Wörter einiges höher sein. Elektronische Hilfsmittel findet man sehr selten.

Das Vokabular wird in der Regel in der Lektürephase auf gut 1000 bis 2300 Wörter ausgebaut. Die Zeit der Arbeit mit Originaltexten, in der viele unterschiedliche Unterlagen zum Einsatz kommen, liegt im SPF im SZ um fast vier JWS tiefer als an den anderen Schulen. Die Anzahl der behandelten Autoren in Prosa und Poesie hingegen ist vergleichbar.

In der Lehrmittelphase verwendet man an Prüfungen, die von wenigen bis neunzig Minuten dauern und alle Aspekte des Lateinunterrichts berücksichtigen, keine Hilfsmittel. Andere Formen der Beurteilung gibt es im Gegensatz zur Lektürephase hier kaum. Die Übersetzungsprüfungen (mit Fragen zu Hintergrundwissen) der Lektürephase, die man mit wenigen Ausnahmen mit einem Wörterbuch schreibt, dauern zwischen 45 und 90 Minuten.

Bei der schriftlichen Matura, die an fast allen Schulen vier Stunden dauert und die Verwendung eines Wörterbuches vorsieht, verlangt der SZ die Übersetzung eines Prosatextes, während die anderen Kantone auch Textanalyse und Hintergrundwissen prüfen. Die mündliche Matura zeigt ein einheitliches Bild: Alle legen (aus dem Unterricht bekannte) Originaltexte vor, die in fünfzehn Minuten analysiert, übersetzt und mit Hintergrundwissen versehen werden.

Die ausserschulischen Aktivitäten, eintägige Exkursionen, Teilnahme am Lateintag oder Römerfest, Reisen zu antiken Stätten, gehören an allen Schulen zur Ausbildung und werden durch Aktivitäten wie Theaterbesuche oder Kochen nach Apicius abgerundet.

Ivana Bosoppi Käser
 

Weiterbildung

Der Vindonissa-Legionärspfad wissenschaftlich und didaktisch

Termin
5. September 2012

Programm:
9.30
Rahel Göldi, Betriebsleiterin Vindonissapark - Legionärspfad:
Begrüssung und Präsentation der Angebote von Vindonissa-Legionärspfad
10-12
Rahel Göldi:
Führung zu ausgewählten Stationen mit Informationen zur Archäologie und zur museumspädagogischen Konzeption
12-14
Mittagessen in der Fabrica
dreigängiges römisches Mahl (auch vegetarisch)
14-15.30
Philipp Xandry, Kantonsschule Freudenberg:
Lebende Antike im Lateinunterricht. Vorstellen eines Schulprojekts zum Thema 'Legionäre'
15.45
Prof. Dr. phil. habil. Peter-Andrew Schwarz, Universität Basel Departement Altertumswissenschaften, Ur- und frühgeschichtliche und Provinzialrömische Archäologie Vindonissa-Professur:
Vindonissa im Brennpunkt von Lehre und Forschung
17.00
Ende der Veranstaltung

Optional
Übernachtung in den Contubernia des Legionärslagers mit Betreuung durch Geschichtsvermittler, inkl. römisches Abendessen. Dauer bis ca. 9.30 des Folgetages.
Kosten: Fr. 78.-

Kosten:
Fr. 130.- pro Person; inkl. Mittagessen (Mineralwasser und Café)

Anmeldung:
bei Martin Müller unter bauder@sunrise.ch
Bitte angeben:
Name, Vorname, Adresse, Tel.-Nr., ev. Schule;
Wenn vegetarisches Menue gewünscht
Wenn Übernachtung im Contubernium gewünscht

Bestätigung:
Eine Kursbestätigung wird vor Ort ausgestellt.

48. Ferientagung für Altphilologen in München
vom 05. bis 08. September 2011

Am Montag, dem 5. September 2011, begrüsste Dr. Rolf Kussl, Ministerialrat des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, wieder in Schloss Fürstenried die rund 150 Teilnehmenden (mit Lehrkräften und Gästen) - das Haus sei "randvoll ausgebucht" - zur diesjährigen, wieder von ihm selbst organisierten und geleiteten 48. zentralen Fortbildungstagung für Altphilologen, die bis zum Donnerstag, dem 8. September, dauerte. Unter den namentlich Begrüssten war in absentia eine persona notissima besonders herausgehoben: Hans Schober. Er habe an 46 Tagungen teilgenommen, könne aber dieses Jahr aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein. Der Tagungsleiter legte ein von ihm verfasstes Grussschreiben auf, in das jeder, der es wollte, seine Unterschrift setzen konnte.

Der Tagungsleiter gab zu Beginn die folgenden Punkte bekannt. Zusätzlich zu den im verschickten Programm angekündigten Workshops findet ein vierter statt, angeboten von OStR Dr. Sven Lorenz (München) mit dem Titel: "Der 'motivierende Einstieg' in die Lateinstunde". Der "Dialog"-Band 45 (mit den Beiträgen der letztjährigen Tagung) ist bereits ausgeliefert; dieser sei der umfangreichste der ganzen Reihe, weil der Beitrag Wilfried Strohs zu "Philosophie und Rhetorik in der antiken Bildungsgeschichte" allein 95 Seiten fülle. Wer im Band blättert, entdeckt, dass zusätzlich zu den Vorträgen auch die Ergebnisse des von Dr. Lorenz im vergangenen Jahr angebotenen Workshops aufgenommen wurden (Ergebnisse, in die auch Anregungen von anderswo eingeflossen sind; s. die Bemerkung des Verfassers, S. 278 Anm. 1, und die Einleitung des Herausgebers, Dr. Kussl, S. 7 u. 9). Der Tagungsleiter konnte gleich jetzt auf zwei neue Publikationen der beiden Redner, die anschliessend auftraten, hinweisen: K. Bartels "Jahrtausendworte - in die Gegenwart gesprochen", ausgewählt, übersetzt und vorgestellt von K.B., Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2011 (ISBN: 978-3-8053-4369-5; auch als Lizenzausgabe bei der WBG erhältlich); K.-W. Weeber "Latin reloaded. Von wegen Denglisch - alles nur Latein!" Primus Verlag, Darmstadt, 2011 (ISBN: 978-3-89678-751-4; auch in WBG).

Im Chor aller Redner kristallisierte sich ein im besten Sinne agonales Prinzip heraus, das in der epischen Formulierung zum geflügelten Wort wurde: αἰὲν ἀριστεύειν καὶ ὑπείροχον ἔμμεναι ἄλλων (Ilias 6,208 u. 11,784). Dieses war freilich unausgesprochen, wurde aber doch einmal deutlich über die Grenzen Bayerns hinaus erhoben von Dr. Scheibmayr, als es galt, in der Bewältigung der begrifflichen Klärung der "Kompetenzen" (im schulischen Bereich) und ihres Beitrags zur gymnasialen Bildung es besser machen zu wollen als die anderen Bundesländer.

Das verschickte Programm war ansprechend. Was dieses hergeben sollte, konnte nur einer ermessen, der dabei war. Bereits die drei Programmpunkte des Montags prägten sich besonders ein. Prof. Dr. Klaus Bartels (Zürich) stimmte ein mit der Thematik: "Musse und Unmusse vs. Arbeitszeit und Freizeit - Lebenskoordinaten der Antike". Die Thematik setzte auch die Kenntnis des Griechischen voraus. Aus der Tischvorlage seien darum aus der Nikomachischen Ethik des Aristoteles (p. 1177 b 4f.) die folgenden Worte ins griechische Alphabet zurücktranskribiert: ἀσχολούμεθα …, ἵνα σχολάζωμεν (in der Übersetzung des Referenten: "Wir leisten die Unmusse, um die Musse geniessen zu können, …"). Prof. Dr. Karl-Wilhelm Weeber (Wuppertal), der auch schon oft an den Tagungen aufgetreten ist, verband mit seinen Ausführungen zu: "Panem et circenses oder: Wenn der Satiriker zum Historiker mutiert - Ein Klischee als Herausforderung, Ärgernis und Chance" eine Werbung für Juvenal in der Schule (die Schwierigkeiten lägen im Wortschatz, nicht in der Syntax; Juvenal könne man höchstens Geschichtsklitterung, aber nicht Geschichtsverfälschung vorwerfen). Die historische Analyse war messerscharf; es fehlte auch nicht der Blick auf die moderne Politik. Die Darlegungen des Archäologen Prof. Dr. Klaus Stefan Freyberger (DAI, Abt. Rom) über: "Sakrale Kommunikationsräume auf dem Forum Romanum in römischer Zeit" erbrachten, basierend auf einer neuen und unvoreingenommenen Sicht der Fakten, viele Überraschungen: Die ungemeine Anhäufung von sakralen Räumen konnte ja z.B. nicht plötzlich gefüllt worden sein. Im Anschluss an den Vortrag wollte die rege Diskussion nicht enden. Der Tagungsleiter meinte zum Redner: "Sie müssen sich nicht wundern, wenn Sie wieder eingeladen werden."

Das Programm steuerte auf ein zentrales Schlagwort zu: die Kompetenz. Die folgenden Wortverbindungen, die sich zu einem Kompetenzenkatalog vereinen lassen, hörte man: Methoden-, Sach-, Sprach-, Text-, Selbst- und Sozialkompetenz. Prof. Dr. Peter Kuhlmann (Göttingen) sprach über: "Kompetenzorientierter Lektüreunterricht" und bot einen Workshop an zu: "Kompetenzen und Portfolio im Lektüreunterricht". StR Dr. Werner Scheibmayr (ISB) referierte stringent über: "Kompetenzen im altsprachlichen Unterricht" (die Ausführungen basierten auf Ergebnissen eines Arbeitskreises mit dem Ziel, Kompetenzmodelle für den Unterricht in Bayern zu entwickeln) und gab ein umfangreiches Papier ab mit kompetenzorientierten Aufgabenbeispielen zu den "Grundlegenden Kenntnissen im Fach Latein" (weiter unten noch einmal genannt). P. Kuhlmann gliederte klug in einen theoretischen und einen praktischen Teil (zu Plautus' Mostellaria). Wichtig sei: "Die Schüler können ... anwenden", es gelte das Leitmotiv "Vom Wissen zum Können". Seine Darlegungen mündeten laut Tischvorlage in das Fazit: Die "3 konkreten Leitlinien kompetenzorientierter Lektüre im Lateinunterricht" sind: "selbständiges Handeln (Methodenkompetenz); alle Bereiche der Sachkompetenz abdecken (Sprache, TEXT, Kultur); persönliche Auseinandersetzung (Selbstkompetenz, Motivation)". Für W. Scheibmayr ist es ein lohnender Perspektivenwechsel, es brauche keinen neuen Lehrplan, nur eine Weiterentwicklung des bestehenden. Die Bundesländer hätten vereinbart, Standards in Deutschland einzuführen (Man spürt die Hand der Obrigkeit; P. Kuhlmann gab in der Diskussion aus dem Hintergrund bekannt: Wer den Begriff der Kompetenz in die Kurse nicht einbringe, dessen Kurse würden gestrichen.). W. Scheibmayr sensibilisierte zum Einstieg mit der folgenden Formel: Wer nichts weiss, ist nicht kompetent; wer mit dem Wissen nichts anfangen könne, auch nicht. Zur Kompetenzerwartung kommen die Inhalte hinzu. Die verschiedenen Kompetenzen führen zu einem ganzheitlichen Bildungsverständnis. Die drei Buchstaben ARS dienten als Richtschnur: Analysieren (Erklären von einzelnen Elementen), Reflektieren (um einen umfassenden Überblick zu gewinnen), Synthetisieren (um zu einer neuen Einheit durch Kombination und erneuter Integration zu kommen). In der Diskussion wurde auch vermerkt, dass der Ausdruck "kompetent" ideologisch aufgeladen sei. Dazu ein eigener Gedanke: Der deutsche Ausdruck wäre doch: man ist "gerüstet (für etwas)". Schreibt einer eine ungenügende Arbeit zu einem Gebiet aus der Wissenschaft, so muss er gewärtigen, zu hören zu bekommen, dass er für diese Arbeit nicht gerüstet sei (so hatte sich einst der berühmte Wilhelm Schulze ausgedrückt [mir einmal mitgeteilt von Prof. Dr. Meinrad Scheller; es gelang mir nicht, die Aussage wenigstens über die "Kleinen Schriften" Schulzes zu verifizieren]). In der Politik: Roman Herzog, Deutscher Bundespräsident von 1994-1999, äusserte sich in einem Vortrag in Zürich (verkürzt nachgedruckt in der "Neuen Zürcher Zeitung" vom 18. Nov. 2011, S. 24) über "Neuordnung Europas - welche Aufgaben und Institutionen?" u.a. zum Problem, dass die europäischen Gemeinschaften des letzten halben Jahrhunderts zunehmend mit Aufgaben der internationalen Friedenssicherung belastet werden, und sagte: "Dass sie dafür ausreichend gerüstet sind, ist zu bezweifeln." Beide Male heisst es "gerüstet für". Im Unterschied dazu ist der meist isoliert verwendete Begriff "kompetent" nicht aussagekräftig, weil das "wozu", also die Anwendung weggelassen wird.

Zu den beiden anderen am Dienstag und Mittwoch gehaltenen Vorträgen: Prof. Dr. Markus Janka (er vertritt die Klassische Philologie und die Fachdidaktik der Alten Sprachen an der Universität München) referierte zum Pflichtstoff Caesar im Lehrplan. Das Thema: "Das Bild des Gaius Iulius Caesar in der Literatur seiner Zeit und in der modernen Rezeption" wurde anschaulich und fast reisserisch behandelt; Filmszenen und Fernsehserien wurden eingeblendet. Caesarische Urszenen (Rubicon, Iden des März) wurden multimedial und epochenübergreifend verglichen. Einbezogen wurde auch das wechselvolle Verhältnis römischer Potentaten (Caesar-Pompeius) und das Ende auch des Letzteren. Prof. Dr. Niklas Holzberg (München), seit kurzem emeritiert (der Tagungsleiter wünscht sich, dass er weiterhin zur Verfügung stehen würde, hatte er sich doch im Besonderen um die Aus- und Weiterbildung der Lehrer verdient gemacht), sprach, mit schauspielerischem Talent, über: "Warum nicht auch einmal die 'Witwe von Ephesus'? Zu Interpretation und Rezeption von Petron 110,6 - 113,2", beleuchtete das Thema von allen Seiten, der Realismus sei nur ein scheinbarer, die Deutung aufgrund des Textes selbst (§ 113) offen, so dass man sagen kann: 'Warum nicht einmal eine Parodie eines Moralexempels?'

Am Mittwochabend gab es unter dem Titel "Erörterung aktueller Fragen des altsprachlichen Unterrichts" viele Informationen. Zu den Abiturprüfungen: In diesem Jahr wurden Abiturprüfungen in zwei Jahrgängen (G9 und G8) abgenommen. 37'537 Teilnehmende waren es in G9, 31'909 in G8; das Durchschnittsalter ging auf 18 Jahre und 7 Monate zurück; die Bestehensquote senkte sich von 98.67% in G9 auf 97.17% in G8; G8 verzeichnete einen Zuwachs von "guten" und "sehr guten" Noten, was die Bestehensquote drückte; Bayern liegt jedoch immer noch über dem Mindeststandard. - Die folgenden Faktoren haben sich u.a. begünstigend auf den G8-Landesschnitt ausgewirkt: Die mündliche und die schriftliche Note wurde 1 : 1 gewichtet; gute Ergebnisse der Seminarfächer, die mit 90 von 900 Punkten (10%) in die Wertung eingehen; gute Ergebnisse in den beiden Kolloquiumsprüfungen, die mit 120 von 300 Bewertungseinheiten nun einen höheren Anteil (40%) an der Abiturnote ausmachen als bisher (25% in G9). Im Vergleich zu G9 gab es deutlich weniger Schüler mit einem Schnitt von lediglich 3.6 - 4.0. - Die Seminare Alte Sprachen (Jg. 2009/11) waren gut besucht. 1304 Schüler nahmen am W-Seminar in Latein in 107 Kursen teil (125 Schüler in 10 Kursen in Griechisch). Im P-Seminar waren es 1112 Schüler in 85 Kursen in Latein (57 Schüler in 5 Kursen in Gr). - Die folgenden Punkte können bei der Interpretationsaufgabe (in Gr/L) berücksichtigt werden, die jedoch kein verbindliches Gliederungsschema darstellen: Inhalt und Struktur - Sprache und Stil - literarhistorische Einordnung - Gattung - historische Einordnung (Einbezug des historisch-sozialen, evtl. auch des biographischen Kontexts des vorgelegten Textes) - Metrik (wenn ein metrischer Text vorliegt) - Übersetzungsanalyse (wenn ein Übersetzungsvergleich gefordert ist).

Zum Fach Griechisch: Der in den Jahrgangsstufen zu behandelnde Stoff wird "nachjustiert" (vgl. KMS 23.4.08). Zum Lehrbuch KAIROS wird mehrfach Kritik angemeldet: Der grammatische Teil sei zu wenig anschaulich, der sprachwissenschaftliche Teil zu kürzen; die Rolle und die Darbietung des Neugriechischen müsse überdacht werden; der Rückgriff auf das Latein fehle. Abhilfen: Eine Systemgrammatik wird vorbereitet. KAIROS, in Überarbeitung, erscheint ca. Ende September 2011. Kürzungs- und Verlagerungsmöglichkeiten basieren auf neuer Statistik.

Landeswettbewerb Alte Sprachen in G8 und G9 (zweijährig): Es ist zu bemerken, dass ein Teilnehmer, der es in die dritte Runde (Colloquium) geschafft hat, ausdrücklich wünschte, dass dieses in der lateinischen Sprache abzuhalten sei. - Neue Terminlisten zu 2010/12 bzw. 2011/13 wurden aufgelegt. - Es ist möglich, dass statt der Seminararbeit bei Belegung eines W-Seminars aus dem sprachlichen, literarischen und künstlerischen Bereich (mit oder ohne Bezug zum Seminarthema) ein gleichwertiger Wettbewerbsbeitrag zugelassen ist.

Schülerzahlen: Die folgenden Zahlen wurden für das abgeschlossene Schuljahr 2010/11 bekanntgegeben (die Angaben des vorangehenden Jahres [s. Bull. SAV, Nr. 77, April 2011, S. 28f.] sind in eckigen Klammern eingefügt): Schüler mit L1 (Jahrgangsstufen 5-10): 36'252 [ca. 35'219], nämlich 13% [ca. 13%]; L1 (nur Jahrgangsstufe 5): 6'397 [6'530], nämlich 12.8% [ca. 13%]; Schüler mit L2 (Jahrgangsstufen 6-10): 113'399 [ca. 111'353], nämlich 49.7% [49.6%]. Zusammen mit den Schülern, die in der Oberstufe des 8- bzw. 9-jährigen Gymnasiums Latein in einem Kurs oder Seminar belegten, ergibt sich, von Jahrgangsstufe 5 an gerechnet, ein Total von ca. 166'451 [ca. 160'861] Schülerinnen und Schülern, nämlich 42.9% [ca. 42%]. Das Gesamt der Gr-Schüler (Jahrgangsstufen 8-13; inkl. Seminare, ggf. Doppelzählungen) lautet 3'812 [ca. 3'711]. Man ersieht, dass die Zahlen in etwa konstant sind. Diese Grössen wurden im Schuljahr 2004/05 erreicht. Es kann immer noch gesagt werden, dass sich diese Frequenzen auf hohem Niveau einpendeln. Die Summen der L1-Schüler (nur Jahrgangsstufe 5) sind über die Jahre hinweg mit 12-13% stabil. Das Total der Gr-Schüler ist, absolut gesehen, konstant, nimmt aber, in Relation zur steigenden Gesamtzahl aller Schüler, ab.

Lehrerbedarf (aller Fächer): Eine Graphik, die die Prognosen für die Jahre 2010-2025 abbildet, zeigt, dass zwar noch im Jahre 2010 sich die Zahlen der Bewerber und die des Bedarfs der Schulen etwa decken (1600 gegenüber 1550). Aber die Schere geht auf: Die Zahl der zu erwartenden Bewerber steigt, der Bedarf sinkt (für das Jahr 2015 lautet die Prognose: 2340 Bewerber übersteigen den Bedarf von 820 deutlich). Allgemein kann gesagt werden: "Mittelfristig wird in praktisch allen Fächern ein Überangebot an Bewerbern erwartet; fächerspezifisch gibt es hinsichtlich der Einstellungsaussichten jedoch Unterschiede: In Mathematik, Informatik, in den naturwissenschaftlichen Fächern und in Latein wird auch noch in den nächsten Jahren ein verhältnismässig grosser Einstellungsbedarf bestehen. Dagegen wird der Bedarf in Deutsch, den modernen Fremdsprachen, Geografie, Geschichte sowie Wirtschaft und Recht stark rückläufig sein, da dieser nach jetzigem Sachstand im Wesentlichen durch die dann bereits vorhandenen Lehrkräfte gedeckt sein wird." - Im Augenblick sieht es tendenziell für L+ noch gut aus (Stand 2.9.11): Von den 45 L-Bewerbern (mit der Fächerkombination D,E,F,G,Gr) sind nur 8 nicht eingestellt worden, davon 4 mit L/Gr ohne Beifach; die anderen sind nachgerückt für Beurlaubungen, Stellenabsagen, usw. Bei Kath. Theol. + L gibt es 1 Restanz, bei Evang. Theol. + L keine. - Der Bedarf an (guten) Gr-Lehrern ist gegeben. - Die Zahl der L-Studienreferendare erreichte einen neuen Höhepunkt.

Übriges: Das "Grundwissen" ist im Unterricht zu behandeln und wird an der Abiturprüfung vorausgesetzt. Ein ausführliches Dossier (57 Seiten) zu "Grundlegende Kenntnisse im Fach Latein" lag auf, ebenso dazu kompetenzorientierte Aufgabenbeispiele (85 Seiten). - L1-Schulen im Leistungsvergleich: Im D-Test 2007/08/09/10 haben von den 50 besten Gymnasien 43/39/35/37 ein L1-Angebot. Dies heisst, dass die L1-Schulen "deutlich überrepräsentiert" sind. In der Gesamtauswertung der bayerischen D/M/E-Tests sieht es für die L1-Schulen noch besser aus: Unter den 25 besten Gymnasien figurierten im Jahre 2004/05 19 mit L1-Angebot (davon sind 15 humanistische Gymnasien), im Jahre 2006/07 waren es 16 mit L1-Angebot (davon 14 HG). Dies bedeutet meines Erachtens nichts Anderes als, dass das Fach Latein von den begabten und begabteren Schülerinnen und Schülern gewählt bzw. durch den Entscheid ihrer Eltern gefördert wird.

Der letzte Tag klang mit zwei Vorträgen aus: Prof. Dr. Jan-Wilhelm Beck (Regensburg) gab zu: "Normative Vorgaben und die lateinische Literatur der klassischen Zeit - Römische Originalität und griechische Gattungen" mit gediegenen Ausführungen und ausgefeilten Formulierungen einen literaturgeschichtlichen Überblick. Er machte bewusst, dass Wissen zu Graeca auch für einen L-Lehrer unabdingbar ist, und setzte beim Hörer gute Kenntnisse voraus, damit die Nuancen der Wertung wahrnehmbar wurden. - OStR Dr. Michael Lobe (Nürnberg) knüpfte an die Archäologie des Montagabends an; er sprach über: "non fumum ex fulgore, sed ex fumo dare lucem - ein augusteisches Thema". In der Tischvorlage fügte er dem Zitat aus Hor. ars 143 im Titel bei: Raummetamorphosen im augusteischen Rom. An der Wand war projiziert: Monumentale Raummetamorphosen … Der Vortrag war in zwei Abschnitte gegliedert: die Umgestaltung des forum Romanum unter Augustus und die Neugestaltung des campus Martius durch Agrippa.

Wie immer zeigten die Verlage ihr reiches Sortiment. Die Tagung bot Gelegenheit für kollegiale Gespräche. Das Ambiente war herzlich, gestattete aber doch auch wohltuende Distanz. Es war klar, dass die Teilnehmenden reich beschenkt den Weg nach Hause antreten konnten, was auch dadurch zum Ausdruck kam, dass der Tagungsleiter als Zeichen des Dankes am Ende der Tagung verdienten, lang anhaltenden Applaus entgegennehmen durfte.

Zürich, den 30. November 2011
Bernhard Löschhorn

Programm der Tagung (PDF-Dokument)

Merhaba, Türkiye! - Ein Reisebericht

Entspannt sitzt Hussein, unser Busfahrer, hinter dem Lenkrad und steuert sein Gefährt auf einer unbefestigten Schlagloch-Schotter-Piste überaus rasant den Berg hinauf. Als er dann noch am Rande eines steilen Abhangs ein todesmutiges Wendemanöver beginnt, stehen manchem von uns Schweissperlen auf der Stirn - nicht nur wegen der spätsommerlichen Hitze im Süden der Türkei. Der geneigte Leser sei beruhigt, es haben alle überlebt.

Unvergessliches Erlebnis

Wir sind mittendrin auf der Studienreise des SAV vom 3.-10. September 2011 nach Pamphylien, Pisidien und Lykien. Um es gleich vorwegzunehmen: Die Reise war ein unvergessliches Erlebnis, nicht zuletzt aufgrund der umsichtigen und sehr angenehmen Reiseleitung Bruno Colpis, des wunderbaren türkischen Reiseleiters Zafer Güney und der gesamten Reisegruppe.

Nach einem ruhigen Flug empfing uns eine drückende Hitze am Flughafen von Antalya. Der Bus, der uns zum Hotel bringen sollte und uns dann auf der gesamten Reise zur Verfügung stand, war schnell gefunden, und nachdem im Hotel (fast) alle Zimmer-, Balkon-, Klimaanlagen- und sonstige Probleme hatten gelöst werden können, fielen wir in einen erwartungsvollen (Kurz-) Schlaf.

Die folgenden Tage boten ein intensives und abwechslungsreiches Programm. Jeden Morgen erwarteten uns Hussein und Zafer gutgelaunt vor dem Bus und brachten uns zu den verschiedensten Zielorten. Unschätzbar waren auf den ausgedehnten Busfahrten die spannenden Erklärungen unseres türkischen Reiseleiters, der sich als enzyklopädischer Kenner der Türkei und ihrer Geschichte auswies; besonders seine persönlichen, engagierten Schilderungen und seine Exkurse zu Politik und Kultur der heutigen Türkei hinterliessen bei der Reisegruppe einen bleibenden Eindruck.

Bemerkenswerte Exkursionen

Vom Hotel in Antalya aus, dessen malerische Altstadt mit Hafen und Hadrianstor wir nur am ersten Nachmittag flüchtig zu Gesicht bekamen, begannen wir unsere täglichen Touren und besichtigten unter fachkundiger Führung u.a. Termessos (am 1.Tag), eine Ruinenstadt in Pisidien, auf ca. 1000m Höhe im Taurus-Gebirge gelegen, die schon bei Homer Erwähnung gefunden hatte und später von Alexander d.Gr. erfolglos belagert wurde, oder Myra (am 2.Tag) mit seiner St. Nikolauskirche und den imposanten lykischen Felsengräbern. Am dritten Tag stand ein Ausflug nach Side, einst der grösste antike Hafen Pamphyliens, mit einem gut erhaltenen Theater und einem kleinen aber ansprechenden Museum in den ehemaligen Thermen auf dem Programm.

Als besondere Leckerbissen durften wir mehrmals erleben, wie Bruno Colpi vor Ort griechische Hexameter vortrug oder einen antiken Autor in deutscher Übersetzung zitierte. Die Texte erzählten von den Orten, an denen wir uns gerade befanden - begeisternd!

Überhaupt konnte man sich bildungshungrig immer wieder neben ein Grüppchen irgendeine Fachfrage wälzender pensionierter Altphilologen stellen und einfach zuhören - ein Bildungserlebnis erster Güte!

Die restlichen Tage waren erfüllt von Begegnungen mit den in der Antike so gefürchteten Erdgasflammen (Chimaira), mit Olympos, das für seinen Hephaistoskult berühmt war, und Phaselis, einer Ruinenstadt mit drei Häfen, deren einen die ehemalige türkische Ministerpräsidentin Tansu Çiller käuflich zu erwerben versuchte, wie mir Zafer Güney erzählte. Damit ging der 4. Tag zu Ende.

Höhepunkt des nächsten Tages bildete zweifelsohne das Theater von Aspendos, eines der am besten erhaltenen Bauwerke der Antike. Hier kamen wir in den Genuss einer Rezitation der Kraniche des Ibykus, die dank der überwältigenden Akustik bis in die oberen Zuschauerränge sehr gut zu hören war.

Als die Sonne begann, langsam dem Mond und der Nacht Platz zu machen, hatten wir Perge erreicht und waren verblüfft über die Grösse und Reichhaltigkeit dieser ehemaligen Römerstadt. Den überwiegenden Teil der hier gefundenen antiken Überreste konnten wir am letzten Tag im Museum von Antalya bestaunen.

Am Nachmittag nahmen wir in Pisidien Abschied vom Taurus-Gebirge und besichtigten die Ausgrabungen und Rekonstruktionen in Sagalassos, das auf einer Höhe von 1450 - 1750 m.ü.M. liegt und mit einem Nymphäum zu Ehren des römischen Kaisers Hadrian, einer Badeanlage und der Bibliothek des T. Flavius Severianus Neon beeindruckte.

Eine wunderbare Reise und ein nachhaltiges Bildungserlebnis ging zu Ende. Ich möchte es an dieser Stelle nicht versäumen, allen Mitreisenden und besonders allen an der perfekten Organisation Beteiligten meinen Dank auszusprechen. Zurück bleiben vielfältige Erinnerungen an das Erlebte und Gesehene und der Wunsch, dieses tolle Land, seine Menschen und Schätze bald wieder besuchen zu können.

Andreas Kaiser

Weiterbildung in der Türkei
Reisegruppe

Weiterbildung in der Türkei
Limyra: Wo ist es nur, das Grab des Perikles?

Weiterbildung in der Türkei
Nymphaion von Sagalassos

Weiterbildung in der Türkei
Theater von Aspendos

 

Euroclassica

Activités 2012

6-16 juillet 2012
15e Academia Homerica à Athènes et à Chios. Étudiants et enseignants sont les bienvenus.
La lecture d'Homère portera sur l'Iliade, ch. 6 ; les conférences auront pour thème Homer in the world ; des cours intensifs de grec moderne seront également mis sur pied.

2-9 août 2012
4e Academia Latina à Rome, réservée aux élèves latinistes de 15 à 18 ans.
Des leçons et visites-excursions autour du thème Aere perennius permettront aux participants de se familiariser davantage avec la civilisation romaine.

31 août-2 sept. 2012
Conférence annuelle et Assemblée générale à Vilnius (Lituanie).

De plus amples renseignements concernant ces activités peuvent être obtenus à l'adresse : www.euroclassica.eu ou auprès de la soussignée.

Christine Haller
 

Rezensionen

Jochen Fornasier, Lysias. Historischer Spionageroman, Darmstadt/Mainz (Verlag Philipp von Zabern) 2011, 272 Seiten, CHF 30.50 (€ 19,90), ISBN 978-3-8053-4372-5

Das Verhältnis zwischen Athen und Sparta hat sich deutlich verschlechtert. Perikles befürchtet einen Angriff Spartas gegen Athen und Attika. Um die Getreideversorgung sicherzustellen, schickt er den jungen Reiteroffizier Lysias in geheimer Mission ins Bosporanische Reich (heute Krim). Dieser soll dort "eine Expedition vorbereiten, die die Tyrannen vertreiben und ein demokratisches, athenerfreundliches System installieren soll" (Klappentext). Was Lysias dort alles erlebt, schildert der Archäologe Fornasier, Jahrgang 1968, Autor von "Das Bosporanische Reich" (2002) und "Amazonen" (2007) in leicht lesbarer Form, wobei die grösstenteils plausible Handlung zügig vorankommt. Allerdings: Für einen Roman findet sich etwas wenig Fleisch am Knochen, obwohl das Fleischliche bei der Hauptfigur alles Andere verdrängt - auch die Auftragstreue. Überhaupt hat man bei diesem Lysias das Gefühl, ein moderner, im Fitnesszentrum zu wohlgeformten Muskeln gekommener oberflächlicher Beau von bisweilen erschreckender Naivität, sozusagen ein Mann ohne Eigenschaften, habe sich in die Antike verirrt. Ist er deswegen so farblos und uninspiriert dargestellt, weil er Soldat ist? Eine entsprechende Ironisierung durch den Autor ist aber nicht zu spüren, allenfalls dort, wo Lysias die sprichwörtliche Arroganz der Athener zum Vorwurf gemacht wird. Beeindruckend dagegen ist Thymnes, der Skythenfürst, gezeichnet, dessen erster Auftritt als rücksichtsloser rasender Reiter, der alles, was sich ihm in den Weg stellt, überrennt, zu den dramatischen Höhepunkten des Romans zählt. Das Beste am Buch ist das Nachwort. Da wird der Fachmann spürbar, da steht der Autor auf festem Boden und liefert hochinteressante Hintergrundinformationen zum Romangeschehen. Es ist zu bedauern, dass Fornasier von seinem fundierten archäologischen Wissen nicht mehr in die Handlung eingebaut hat. Im Atelier des Goldschmieds Dias beispielsweise hätte der innerkulturelle Austausch zwischen Skythen und Griechen um einiges anschaulicher - warum nicht mit Hilfe einer Skizze oder Abbildung? - zum Ausdruck gebracht werden können. Hingegen darf vom interessierten Durchschnittsleser nicht einfach erwartet werden, dass er Fachbegriffe wie etwa Goryt - von Reitervölkern verwendeter geräumiger Köcher für Bogen, Pfeile und Speere - kennt. Hilfreich wäre eine Übersichtskarte, z.B. auf der Umschlaginnenseite. Trotzdem: Es ist ein grosses Verdienst des Autors, eine Region erschlossen zu haben, die vielen Lesern nur wenig bekannt sein dürfte - Sotschi wird ja erst 2014 ins Zentrum rücken!

Beno Meier

Alain Ferdière, Gallia Lugdunensis, Eine römische Provinz im Herzen Frankreichs; mit Beiträgen von Armand Desbat, Monique Dondin-Payre und William van Andringa. Aus dem Französischen von Andrea Rottloff, Darmstadt (Verlag Philipp von Zabern) 2011, 168 Seiten, CHF 43.90

Das 2011 aus dem Französischen übersetzte Buch des Archäologen und Althistorikers Alain Ferdière befaßt sich detailreich mit der Geschichte und der Bedeutung der wichtigen Provinz Gallia Lugdunensis, dem Gebiet Galliens, das Cäsar keltisch nennt, dessen Grenzen sich im Verlauf der Zeit jedoch wiederholt änderten. Das chronologisch geordnete Werk behandelt anhand der Angaben von Cäsar, Cassius Dio, Tacitus, Plutarch u.a., die jeweils direkt im Text zitiert werden, zunächst die Eroberung durch Cäsar, die kurz darauf erfolgte Gründung von Lugdunum durch Munatius Plancus, die neue Einteilung der kaiserlichen Provinz mit ihren 25 Verwaltungsbezirken (civitates), die Baumaßnahmen des aus Lyon stammenden Claudius, die Wirren im Dreikaiserjahr, die die Gegend betreffen und die darauf folgenden eher ruhigen Jahrhunderte. Genau untersucht wird die Romanisierung (Akkulturation), die an verschiedenen Orten unterschiedlich schnell erfolgte, was z. B. an der allgemeinen Infrastruktur, Handwerkserzeugnissen, Bauwerken und deren Ausstattung deutlich wird.
Etwa die erste Hälfte des Buches nimmt das nun folgende Kapitel über das Leben in der Provinz in der Antike ein. Dabei geht es - wiederum sehr detailliert - um die Militärpräsenz, die Lage und Bedeutung der einzelnen Orte, insbesondere Lugdunum (als Hauptort unter Einbezug von kürzlich erfolgten Entdeckungen aus vorrömischer Zeit) sowie Augustodunum und Caesarodunum (Autun und Tours als Beispiele für große und kleine Orte).
Illustriert werden die Informationen durchgehend mit 135 Farb- und 18 Schwarzweißabbildungen von Bauwerken und Schauplätzen in der Gegenwart, Mosaiken, Kupferstichen, (z. t. digitalen) Rekonstruktionen, Stadt- oder Übersichtsplänen, Tabellen usw.
Es folgen Kapitel über Landwirtschaft, Bergbau, Handelswege, Münzwesen, Religion (inkl. Kaiserkult) und Grabkultur.
Die zweite Hälfte des Werkes ist den vielseitigen Entwicklungen während der Spätantike mit ähnlichen Themen gewidmet, wobei für historische Ereignisse dieser Epoche wesentlich mehr Quellen zur Verfügung stehen als für die Kaiserzeit. Zur Sprache kommen u.a. auch die mehrfachen Provinzteilungen und Grenzverschiebungen, Änderungen der Handelswege, Reduktion der ländlichen Siedlungen und Umbenennungen von Orten zu Gunsten der Civitasbezeichnungen (z. B. Lutetia > ad Parisios > Paris); dazu kommt die Untersuchung der Folgen der Christianisierung. Nur marginal wird hingegen der Übergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter behandelt.

Nicht kleine Fehler wie ein falscher Verweis auf eine Seitenzahl, sondern eher die Fülle der Einzelheiten hindert gelegentlich den Lesefluß, und da und dort sind Wiederholungen bei der Betrachtung von Fakten unter verschiedenen Gesichtspunkten festzustellen. Dennoch ist das Buch, das allerdings einige historische Kenntnisse der Kaiserzeit und Spätantike voraussetzt, sehr lesenswert, da es interessante Einblicke in einen sonst eher weniger bekannten Teil des Imperium Romanum bietet.

Iwan Durrer

Christopher Howgego, Geld in der antiken Welt. Eine Einführung, Darmstadt/Mainz (Verlag Philipp von Zabern) 2011, 229 S., CHF 32.90, ISBN 978-3-8053-4322-0

Hier handelt es sich um die zweite Auflage dieses Standardwerks, dessen englische Originalausgabe 1995 erschienen und erstmals 2000 in deutscher Übersetzung greifbar war. Als kongeniale Übersetzer fungierten Johannes und Margret K. Nollé, die ja selber Archäologen und Numismatiker sind. Inhaltlich scheint diese zweite Auflage unverändert, nur mit einem neuen Vorwort der Übersetzer und einer aktualisierten Bibliographie versehen.

Just zu der Zeit, da ich das Buch zugesandt bekommen hatte, fand sich im Tages-Anzeiger die Ankündigung eines Vortrags: "Das heutige Griechenland steht am Rand eines Staatsbankrotts. Dabei haben die Griechen das Münzgeld erfunden." Der "Blick am Abend" würde diesen Zusammenhang wohl mit falschem Fremdwörtergebrauch als "ironisch" bezeichnen. Aber ebendiese Erfindung und weitere Ausbreitung des Münzgeldes ist Thema dieses Buches. Hauptinhalte sind: der Gebrauch von Münzgeld, die Emission von Münzen (Herkunft des Metalles, Münzstätten etc.), Münzprägung und Imperialismus (These: der Charakter eines Grossreiches lässt sich an seinem Münzsystem ablesen), Münzgeld im Dienste der Politik (z. B. Repräsentation und Legitimation der römischen Kaiser), die Wanderung von Münzgeld und schliesslich Münzverschlechterungen/Inflation. Was das Buch hingegen bewusst nicht leistet, ist eine Katalogisierung der Münzen und Münzmotive.

An Versehen sind aufgefallen: S. 77 "Averner", S. 83 "den von Caesar (...) benutzten technische Begriff", S. 84 "Catana". Auf S. 79 stolpert der in den politischen Strukturen dieser Zeit weniger bewanderte Leser über folgendes: "die tetrarchische Periode mit ihrer Betonung der Einheit (...) der Kaiser und ihrer Caesares". Aber es hat seine Richtigkeit damit, gab es doch in dieser Tetrarchie jeweils zwei Augusti und zwei Caesares. Definitiv inkongruent ist hingegen folgender Satz: "Die Machtkämpfe zwischen 306 n. Chr. und die Erringung der Alleinherrschaft durch Konstantin rief eine Vielfalt verschiedener Münztypen hervor."

An Howgegos Argumentationsstil fällt allgemein auf, dass er zu einfache Antworten und Fehlschlüsse meidet, bei Interpretationen der Faktenlage immer eine gesunde Vorsicht und Skepsis walten lässt. Dies wird auch von den Übersetzern in ihrem neuen Vorwort lobend herausgestellt und in Kontrast gebracht zu einer konstatierten "Krise der Geisteswissenschaft", die sich in "allgemeiner geistiger Orientierungslosigkeit, einem (...) Mangel an präsentem Wissen und allgemeiner kultureller Kompetenz" usw. manifestiert. Bezüglich der gegenwärtigen Informationsflut gilt eben, was auch Frank Zappa sagte: "Information is not knowledge." Und dass Howgegos Werk nicht in erster Linie Informationen, sondern Wissen vermitteln soll, ist auf jeder Seite spürbar. Sicher, es ist kein leicht rezipierbares Buch, da es schon viel Wissen über die Herrschaftsstrukturen und über die antike Geographie voraussetzt. Zudem werden manche Gedankengänge auch sprachlich recht kompliziert ausformuliert. Insofern dürfte das Buch von einem breiteren Publikum sicher bald irritiert weggelegt werden. Für Studenten aller Disziplinen, die sich der Numismatik als Hilfsdisziplin bedienen, ist es aber eine unverzichtbare Einführung.

Beat Hüppin

Dizionario delle scienze e delle tecniche di Grecia e Roma. A cura di Paola Radici Colace, Silvio M. Medaglia, Livio Rossetti, Sergio Sconocchia, Pisa-Roma (Fabrizio Serra editore) 2010, 2 voll., 1343 pp., € 295 (brossura ed e-book) / € 445 (rilegato), ISBN 978-88-6227-184-4 (brossura) / 978-88-6227-203-2 (rilegato), E-ISBN 97-888-6227-382-4

Per il rinnovamento della didattica del latino e del greco nelle scuole secondarie superiori è opportuna una maggiore attenzione alla cultura materiale, alla storia antica delle scienze e delle tecniche, alla storia dell'agricoltura e della medicina. Sono temi su cui l'attenzione dei giovani si desta facilmente. So per esperienza quale fascino susciti in loro sapere qualche cosa del sistema astronomico antico (pretolemaico, nel caso del ciceroniano Somnium Scipionis) e del modello eliocentrico proposto da Aristarco di Samo in pieno III sec. a.C.; oppure, della storia della medicina fra Ippocrate, i medici ellenistici e Galeno. L'esigenza non è nuova, anzi fu posta già da Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff quando pubblicò il suo Griechisches Lesebuch (Berlin 11902), in opposizione ai programmi d'allora, ancora legati alla vecchia tradizione retorica. Peraltro, tutti i testi che si leggono abitualmente nelle scuole offrono spunti per un commento in chiave non solo letteraria; anzi, per capirli davvero è a mio avviso necessario comprendere a fondo la cultura di cui sono espressione, compresi gli spunti scientifici e, appunto, gli elementi di cultura materiale.

Allo scopo, potrà risultare di grande aiuto il Dizionario delle scienze e delle tecniche di Grecia e Roma. Il titolo è attentamente calibrato: si tratta, infatti di un grosso dizionario piuttosto che d'una piccola enciclopedia. Perciò va da sé che il numero delle voci sia limitato: al caso, sono poco più di 400 lemmi (in italiano), elencati alle pp. 17-20. Tuttavia un glossario alfabetico posto in calce al secondo volume (pp. 1187-1274) permette di orientarsi facilmente anche a chi cerchi informazioni più puntuali. Per esempio, se si parte dalla parola 'alloro', una freccia rinvia innanzitutto alla voce Arboricoltura (pp. 152-154) e precisamente alla sua sezione 2 (Alberi selvatici, pp. 152-153); è però dato un rinvio anche alle voci Arbusti (pp. 154-155), Farmacologia 2.1.8 (p. 489) e Piante aromatiche 3.2 (p. 830). La parola 'aratro' rinvia alla voce omonima (pp. 149-150), alla voce Aratura 2-3 (pp. 150-151) e alla voce Attrezzi agricoli 3 (pp. 238-239, dove in realtà si parla dell'erpice, per l'aratro una freccia rinvia alla voce apposita).

Come si vede, le parole del glossario sono per lo più in italiano; se ne trovano però anche in latino e in greco. Per esempio se si cerca la parola 'puls' si trova a p. 1254 un doppio rimando: 'puls fabacia', e 'puls punica'; il primo rinvia a Legumi 3 (pp. 630-631), dove apprendiamo che la puls fabacia è "una polenta di fave destinata alle occasioni rituali come offerta a una divinità (Macrob. sat. 1,12,33)"; il secondo rinvia ad Alimentazione in Roma 3 (pp. 95-99), dove si vede che la puls punica, citata da Cato agr. 85, era "un tipo di saporita crema fatta con alica - una farina di grano duro - formaggio fresco, miele e uova" (p. 97). Se si cerca la parola 'μᾶζα' (p. 1233) si trova un rinvio a Pane 2 (pp. 774-775).

Alcune voci sono corredate da illustrazioni di documentazione archeologica: così, per esempio, Alimentazione in Grecia (pp. 83-90), Alimentazione in Roma (pp. 90-104), Nautica (pp. 715-728). Tutte le voci, redatte da vari studiosi, sono corredate di bibliografia, indicata in forma abbreviata. Invece la bibliografia estesa è indicata alle pp. 1039-1185. I curatori sopra indicati sono 'responsabili d'unità'. Essi stessi ed altri collaboratori sono 'curatori d'area'; per esempio, Sergio Sconocchia è responsabile di tutta l'area 'medicina', che comprende voci sulla semeiotica medica, sugli strumenti chirurgici, sulla farmacologia, sulle scuole ellenistiche di medicina, su singoli medici (non solo Ippocrate e Galeno, ma anche Erasistrato, Erofilo, Asclepiade di Prusa, Celso, Scribonio Largo, Sorano, Gargilio Marziale, Oribasio e altri).

Naturalmente, in un'opera di questa mole, dove una parte cospicua è riservata anche alla filosofia, qualche lacuna è inevitabile. Noi Svizzeri, per esempio, saremmo contenti di trovare una citazione del muro gallico, di cui conserviamo vestigia cospicue sul Münsterhügel di Basilea e sul Mont Vully presso Avenches. Esso è sì celtico, ma a partire dai Commentarii di Cesare (descrizione in Gall. 7,23) sta ben dentro gli orizzonti della cultura romana, perciò se ne sarebbe dovuto parlare.

Ancora, non ho trovato alcun accenno alla disposizione in quincuncem delle viti o degli ulivi, e in ogni caso non se ne trova alcun riferimento nel glossario. Eppure la disposizione in quincuncem ha tanta parte nel paesaggio agrario delle monocolture arboricole almeno dal I sec. a.C. in poi, con una connotazione non soltanto estetica, ma anche agronomica, come risulta chiaro da Varro rust. 1,7,2, da Verg. georg. 2,273-283, da Quint. inst. 8,3,7 e come convengono gli agronomi d'oggi: vd. p. es. C. Fideghelli, in Enciclopedia agraria italiana, X (1978) s.v. Piantagione.

Qualche lacuna si trova anche nelle voci singole; per esempio nella voce Sismologia sarebbe stato necessario citare il maremoto euboico descritto da Th. 3,89,1-5, giacché lo storico fu il primo a rendersi conto che è il terremoto a provocare il maremoto, e non il contrario, come pensava Democrito (su questo rinvio al mio Eclissi e sismi nell'opera storiografica di Tucidide, "A&R", n.s. 51, 2006, pp. 1-22).

Tuttavia questi piccoli difetti, e altri che ciascuno potrà riscontrare secondo le proprie competenze, non infirmano i molti pregi del Dizionario diretto da Paola Radici Colace, destinato a trovare un posto importante fra gli strumenti di prima consultazione, a beneficio di studenti, studiosi e, non ultimi, gli insegnanti.

Giancarlo Reggi

Klaus Bartels, Jahrtausendworte in die Gegenwart gesprochen, Philipp von Zabern 2011, 200 S., CHF 28.90

Was als "zeitlos" angepriesen wird, wirkt verdächtig. Alles ist ja in einer bestimmten Zeit entstanden, und wenn es bis in die Gegenwart weiterlebt und - wirkt, ist es nicht zeitlos, sondern aktuell, oder kann denkenden Menschen helfen, Gegenwärtiges zu verstehen. In diese Kategorie stelle ich ohne Bedenken das Buch unseres Kollegen Klaus Bartels.

Anders als in den meistens etymologisch konzipierten "Wortgeschichten" werden hier Worte und Gedanken vorgestellt, die, in ferner Zeit geäussert, heute noch ansprechen. Sie sind unter 12 Oberbegriffe eingereiht, die ihrerseits schon Aktualität evozieren, wie Selbsterkenntnis, Gotteserkenntnis, Global Village, Alternatives Leben, Natur und Technik, Bildung und Wissenschaft. Die einzelnen - im Ganzen 123 - Lemmata unter diesen Obertiteln (z. B. 'nach uns der Weltbrand', ein Schatz im Text, Bücherverbrennungen) umfassen je eine oder zwei Seiten und enthalten einen oder zwei Texte und eine meist historische Situierung sowie eine kurze, prägnante Interpretation auf die heutige Zeit hin. Ein Beispiel: S. 68 wird unter dem Oberbegriff Global Village im Lemma "Plutopolitismus" aus Athenaios' Deipnosophistai die Antwort eines jungen Mannes aus Megara auf die Frage, woher er stamme, " er habe Vermögen", als "die goldene Kreditkarte zum weltweit gültigen Reisepass" gesehen. Die Wirkung solcher Jahrtausendworte, wie z. B. das von den Dreifüssen, die selber aus der Werkstatt des Hephaistos zum Versammlungsplatz der Götter laufen, (Il 18,372ff) und von Aristoteles in einem neuen Kontext (Politica 1,4,1253b) in dem Sinn verwendet wird, dass Werkzeuge entweder "auf einen Befehl oder auf eine vorgängige Wahrnehmung hin" tätig werden, wird mit "entweder programm- oder sensorgesteuert" verdolmetscht.

Die Übersetzungen, mit wenigen Ausnahmen von K. Bartels selber gemacht, erscheinen in heutiger Diktion. So wird σφόδρα πλούσιος zu "megareich", oder der schnelle Wechsel des Schicksals (Simonides Frg. 6 Diehl = Campbel 417), möglichst wörtlich als "denn nicht einmal der Wechsel einer langeflügelten Mücke ist so schnell" lautet sachgerecht und anschaulich mit Homoioteleuton und Alliteration: "Denn noch plötzlicher als das Hierhin und Dorthin einer flügelschwirrenden Fliege, so ist der Wechsel".

Die Texte sind ohne Ausnahme interessant und anregend; einige sind vielen bekannt ("eines Schattens Traum", das Mass aller Dinge, "geh mir aus der Sonne") die meisten aber sind auch für Bildungsbürger (falls es sie noch gibt) neu. Für welches Publikum ist dieses Buch geschrieben? Für alle jene, die Klaus Bartels aus seiner reichen Vermittlertätigkeit zwischen Antike und Moderne kennen, die seine Kombinationsgabe, mit der er weit Auseinanderliegendes zusammenbringt, schätzen, denen aus den "Wortgeschichten" immer wieder etymologische Blitzlichter aufgehen. Für uns "philologische Berufsleute" sind die Texte im Anhang durch die Lebensdaten der zitierten Autorenund durch genaue Stellennachweise erschlossen und verleiten zum selbständigen Weiterlesen in den Originalen. So erweist sich als wahr, was der letzte Text sagt: "In einer philologischen gemeinschaftlichen Wahrheitssuche trägt der Verlierer den grösseren Gewinn davon: in dem Masse, in dem er hinzugelernt hat" (Epikur, Gnom. Vat 74).

Alois Kurmann

Roma e l'eredità ellenistica. Atti del convegno internazionale. Milano, Università statale, 14-16 gennaio 2009. A cura di Silvia Bussi e Daniele Foraboschi, Pisa-Roma (Fabrizio Serra editore) 2010, 226 pp., € 95.00 (brossura ed e-book) / € 190 (rilegato), ISBN 978-88-6227-278-0 (brossura) / 978-88-6227-279-7 (rilegato) / 978-88-6227-332-9 (elettronico)

Gli studi sull'ellenismo, con attenzione per le forme di propaganda, per la storia economica e sociale, per la cultura materiale, caratterizzano la scuola milanese fin dai tempi del magistero di Mario Attilio Levi, che a propria volta, insieme al suo maestro Gaetano De Sanctis, aveva coltivato rapporti d'amicizia con Michael Rostovtzeff. È perciò naturale che proprio all'Università statale di Milano sia stato tenuto un convegno internazionale su Roma e l'eredità ellenistica. Ciò è avvenuto all'inizio del 2009, e gli atti sono usciti, con notevole rapidità, già nell'ottobre 2010.

Si tratta d'un libro di lettura non facile per chi non si occupi abitualmente di queste problematiche; esso tuttavia merita di essere segnalato anche in una rivista di e per insegnanti di scuola secondaria, perché tocca alcuni temi che interessano direttamente la didattica. Mi limito a indicare il più significativo in tal senso: il contributo di Arnaldo Marcone (pp. 200-215) sulla concezione del monarca come dio presente, originaria dell'Egitto, poi estesasi ai monarchi ellenistici e infine sfociata a Roma nel culto dell'imperatore, è a mio avviso molto utile per chi voglia capire Verg. ecl. 1,41 (nec tam praesentis alibi cognoscere divos, dove alibi è a Roma, come si evince da tutto il contesto, a partire dal v. 19). A mio avviso, infatti, l'ecloga riflette il superamento dell'ideologia tradizionale repubblicana in favore d'un'ideologia ellenistico-romana che stava emergendo nel partito cesariano, vincitore delle guerre civili combattute fra il 49 e il 42 a.C.; essa avrebbe trovato il suo compimento nella politica di Antonio in Oriente e in qualche modo sarebbe stata poi fatta propria da Augusto e dai suoi successori (all'inizio, invero, non senza riserve, particolarmente evidenti nel caso di Tiberio). Per capire il problema occorre considerare che l'ecloga fu composta nei prima anni Trenta del I sec. a.C., ben prima che fosse conferito a Ottaviano, ormai unico signore dell'impero, il cognomen di Augustus (e, più ancora, di Σεβαστός in Oriente), ciò che avvenne soltanto nel 27. Perciò riflette sì una mentalità sincretistica fra ellenismo e Roma, ma non può ancora riflettere l'ideologia augustea.

Su un piano del tutto diverso, uno scritto difficile ma affascinante è quello di Biagio Virgilio (pp. 55-107), nel quale si ricostruisce criticamente il testo della lettera imperiale del santuario di Sinuri, in Caria, con l'ausilio dei calchi del parigino Fonds Louis Robert. Lo scritto, istruttivo non solo per chi si interessi di epigrafia, ma anche, da un punto di vista metodologico, per un filologo puro, permette, fra l'altro, di capire in che cosa l'uso delle nuove tecnologie possa essere d'aiuto nella ricerca antichistica e in che cosa non aggiunga nulla. Oggi nella scuola, infatti, ci troviamo tutti di fronte al duplice rischio di mitizzarle o di rifiutarle per partito preso.

Non disponendo dello spazio per aggiungere altro, propongo l'elenco completo dei contributi: D. Foraboschi, Introduzione, pp. 9-17; P. Desideri, Il mito di Alessandro in Plutarco e Dione, pp. 19-31; C. Miedico, Comunicare il potere presso la corte di Demetrio Poliorcete, pp. 33-54; B. Virgilio, L'epistola reale del santuario di Sinuri presso Mylasa in Caria, sulla base dei calchi del Fonds Louis Robert della Académie des Inscriptions et Belles Lettres, pp. 55-107; G. Bejor, Pergamo, propaganda di stile, pp. 109-112; L. Troiani, Polibio e l'"epifania" nel tempio di Gerusalemme, pp. 113-117; D. Foraboschi, Programmazione ellenistico-romana?, pp. 119-129; L. Asmonti, The Democratic Model from Hellenistic Athens to Republican Rome: Cicero on Demochares of Leuconoe, pp. 131-139; G. Brizzi, Forme principi della guerra tra Grecia e Roma: qualche ulteriore considerazione, pp. 141-151; A. Coppola, Storie di statue: vincitori e vinti nella Graecia capta, pp. 153-163; S. Bussi, Egitto e Nubia tra ellenismo e Roma: continuità e fratture nella politica internazionale di Roma, pp. 165-175; H.M. Cotton-B Legras, Presentazione del libro di Silvia Bussi, Le élites locali nella provincia d'Egitto di prima età imperiale, pp. 177-182; B. Legras, Rome et l'Égypte: les transferts de droit familial d'Octave à Caracalla, pp. 183-192; A.Savio-A.Cavagna, La monetazione egiziana di Augusto: ideologia imperiale e substrato egiziano, pp. 193-204; A. Marcone, Un "dio presente": osservazioni sulle premesse ellenistiche del culto imperiale romano, pp. 205-215; L. Capponi, Impulsore Chresto: una risposta dai papiri, pp. 217-226.

Giancarlo Reggi

Katharina Volk, Ovid, Dichter des Exils, Darmstadt (Verlag Philipp von Zabern/WBG) 2012, 173 S., CHF 32.90, ISBN 978-3-8053-4368-8

Die englische Originalausgabe mit dem schlichten Titel "Ovid" erschien bereits 2010; nun liegt eine deutsche Übersetzung vor (von Dieter Prankel). Der Titel ist ausserdem auch als Hörbuch erhältlich. Es mag skurril anmuten, dass eine Philologin deutscher Muttersprache ein Werk zunächst auf Englisch verfasst und später eine andere Person dieses Werk in die Muttersprache der Autorin übersetzen muss... Natürlich ist die englische Erstausgabe dem Umstand geschuldet, dass Katharina Volk nach dem Abschluss ihres Studiums in den USA tätig war (Promotion in Princeton, Associate Professor an der Columbia University).

Das Buch versteht sich als Überblick, der in erster Linie Appetit machen soll, sich mit Ovid eingehender zu beschäftigen. Es ist keine wissenschaftliche Abhandlung im eigentlichen Sinne, sondern eine Einführung, die an ein breiteres Publikum gerichtet ist - auch an eines, das möglicherweise gar kein Latein kann. Diesem Umstand geschuldet, sind die zitierten Ovidpassagen sehr häufig nur in Übersetzung gegeben. Für den Kenner ist das kein Manko, sind die einschlägigen Originaltexte doch bei ihm im Bücherregal ohnehin greifbar. (Bei den wenigen längeren Textstellen, die in Latein wiedergegeben sind, fällt eine merkwürdige Inkonsequenz auf: dort ist der Buchstabe v nach der angelsächsischen Tradition als u gesetzt, wie in der Originalausgabe des Buchs. Bei einzelnen lateinischen Wörtern, die innerhalb des Textes erwähnt werden, oder teilweise auch in den längeren Textstellen wurde aber handkehrum ein v gesetzt.)

Die Besonderheit an der Darstellung Volks liegt darin, dass nicht ein Werk nach dem anderen behandelt wird, wie dies in herkömmlichen Übersichten der Fall wäre, sondern themenweise vorgegangen wird (Mythos, Frauen, Rom, Kunst und andere mehr). Innerhalb jedes Themas werden dann die verschiedenen Werke der Reihe nach angeschnitten. Natürlich kann man so vorgehen. Für den Geschmack des Rezensenten ergibt sich dadurch aber ein mäandrierender und leicht ermüdend wirkender Erzählstil, zumal sich Volk dann auch noch öfters wiederholt.

Wer schon einiges über Ovid weiss und die Werke gelesen hat, findet in Volks Buch ohnehin wenig bis nichts Neues. Auch stellt sie keine gewagten Thesen oder dergleichen auf. In den strittigen Fragen der Forschung beschränkt sie sich im Wesentlichen darauf, die bekannten Thesen zu referieren (Paradebeispiel bei Ovid ist natürlich die Frage nach der Verbannung). Somit ist dieses Buch sicher ideal geeignet für Personen, die noch wenig von Ovid wissen, aber idealerweise Grundkenntnisse der Antike und der Literaturgeschichte haben.

Ein Ärgernis finde ich den Untertitel, der ja in der Originalausgabe fehlte: "Dichter des Exils". Hier wird m. E. die falsche Erwartung geweckt, dass sich das Buch hauptsächlich mit Ovids Exildichtung beschäftige. Natürlich wird auch die altbekannte Frage diskutiert, was mit carmen et error gemeint ist, natürlich werden die einschlägigen Stellen aus den Tristia und Epistulae ex Ponto aufgeführt usw., aber niemals in dem Ausmass, das den Untertitel "Dichter des Exils" rechtfertigen würde. Die Kapitel, die sich im Speziellen mit dem Exil befassen, finden auf wenigen Seiten Platz...

Beat Hüppin

Yves Gerhard, André Bonnard et l'hellénisme à Lausanne au XXème siècle, Vevey (Ed. de l'Aire) 2011, 200 p., CHF 36.00, ISBN: 9782940478125

Avec cet ouvrage, Yves Gerhard veut combler une lacune dans les publications qui ont trait à l'enseignement à l'Université de Lausanne. Comme rien n'avait été publié jusqu'ici en rapport avec le grec et qu'il ne se sentait pas à même de remonter plus haut dans l'histoire, c'est la fresque de l'hellénisme tel qu'il a été porté par ses principaux enseignants universitaires qui se déroule au fil des pages, avec, en arrière-plan, les vicissitudes qui ont marqué dans le canton de Vaud - comme ailleurs - l'enseignement de la discipline en amont de l'Université durant les dernières décennies.

Si le professeur Claude Calame, bien que retraité de la faculté, est encore actif et présent dans toutes nos mémoires, ceux qui l'ont précédé - François Lasserre, André Rivier -, tendraient à être oubliés si cet ouvrage ne revenait pas en rafraîchir le souvenir. Parmi ces personnalités, il en est une, au parcours inattendu, qui a été marquée par son temps et qui l'a marqué également : André Bonnard. Yves Gerhard lui consacre la moitié la plus intéressante de son livre, enrichie de photos, copies de documents d'époque et témoignages divers. Le nom de Bonnard est connu loin à la ronde aujourd'hui encore -une collègue russe à qui je demandais il y a peu comment elle s'était initiée à la civilisation grecque a immédiatement cité le professeur lausannois !

André Bonnard (1888-1959) est nommé en 1928 à l'Université de Lausanne. Il y accomplira toute sa carrière suscitant enthousiasme et engouement pour la littérature grecque : ses cours et conférences attirent une foule subjuguée par son éloquence. Il marque ses étudiant(e)s. Ses traductions des poètes tragiques n'ont pas vieilli ; elles ont été mises en scène à plusieurs reprises et jusqu'à tout récemment (Antigone, 2004-2005, Œdipe Roi, 2009).

Par ailleurs Bonnard est un intellectuel définitivement engagé à gauche, qui défend l'idée d'humanisme contre les nationalismes des années 30 et leurs conséquences. Après la Seconde guerre mondiale, naïvement, il croira que le système soviétique pourrait assurer la paix, et se laisse aveugler par le stalinisme. Il veut y voir un renouveau fondé sur des valeurs purement humanistes, qui lui rappelle la Grèce antique...

Durant la guerre froide, Bonnard milite, donne des conférences, entretient une correspondance avec d'autres intellectuels communistes européens. Il finira par être arrêté alors qu'il se rend à Berlin-Est en 1952 en tant que membre du Conseil mondial de la paix. La presse se déchaîne. Un procès a lieu. Bonnard est condamné à quinze jours d'emprisonnement avec sursis et sauve sa chaire in extremis grâce au soutien de ses collègues. Il consacrera les dernières années de sa vie aux trois volumes de Civilisation grecque, son œuvre à n'en pas douter la plus connue, traduite en pas moins de dix langues -dont le russe- et rééditée en 2011 aux Éditions de l'Aire.

Christine Haller

Gabriela Kompatscher Gufler, Reinhard Pichler, Lehr- und Übungsbuch zur lateinischen und griechischen Metrik (Latein-Forum 73/74), 2. verb. Aufl., Innsbruck 2011, Brosch. 105 S., ISBN 978-3-9503242-0-4

Nach den beiden missratenen Metrik-Compendia, die Hans-Joachim Glücklich und Stephan Flaucher vor nicht allzulanger Zeit herausgebracht haben (vgl. Rezension SAV Bulletin 72, Oktober 2008, 29-31), nimmt man mit einiger Skepsis einen neuen Versuch zur Hand, der nicht nur in die lateinische, sondern gleich auch noch in die griechische Metrik einführen soll. Wie steht es um die didaktische Ernte, die hier eingefahren wird, und welcher Ausbildungsstufe ist der Leitfaden angemessen? Die Autorin deklariert das Heft, das sie als Skript für eine Lehrveranstaltung an der Universität Innsbruck ausgearbeitet und erprobt hat (darum hier als 2. Auflage bezeichnet), als schlanke Einführung in die antike Metrik, die den Studierenden zum begleitenden Selbststudium dienen soll. Die wichtigsten Grundkenntnisse werden tatsächlich in Kürze vermittelt, kompliziertere Fälle wie die Iambenkürzung nur gestreift, wie überhaupt auf den Einbezug der gesamten Komödiendichtung verzichtet wird, was leider auch für die Sprechverse der Tragödie gilt (s.u.). Bei der Behandlung von Muta cum liquida fehlt wie in den meisten Metriken (ausser bei Raven) die Kombination mit f, die nie Position bildet, doch findet man immerhin den wichtigen Hinweis, dass über Wortfuge und Kompositionsfuge in diesem Fall immer Dehnung stattfindet (ob-ruit, et rex). Reizvoll wäre es natürlich gewesen, in einer solchen "Doppelmetrik" auf gräzisierende Besonderheiten der klassischen Dichtung einzugehen wie die im Latein sonst nicht gestattete homerisierende Prosodie (Dehnung auslautender Kürze vor Doppelkonsonant: Aen. 8,425 Brontesqué Steropesque). In der Frage der Versaussprache referiert K. die Extrempositionen Boldrinis, der jeglichen Vers-Iktus für die klassische Epoche bestreitet, und Glücklichs, der Verse wie Prosa lesen will, kommt zwar zum Schluss, dass wir nicht wissen, wie man in der Antike Verse gelesen hat, setzt aber dann doch in den Schemata durchgehend die irritierenden altmodischen Versakzente ein (anders im griechischen Teil).

Doch wie bringe ich den Studierenden die Verslehre bei? Symptomatisch für die problematische Methodik ist die Gebrauchsanweisung Wie erkenne ich ein Versmass? "Richtungsweisend ist ein Blick [!] auf die [!] Dichter." Wenn man wisse, welche Dichter in welchen Versmassen geschrieben hätten, könne man bereits eine Eingrenzung vornehmen (vorausgesetzt, der Dichter des jeweiligen Übungstextes ist von vornherein bekannt). So etwa bei Catull und Horaz: "Wenn wir durchgehend etwa gleich lange Verse vorliegen haben", handle es sich höchstwahrscheinlich um Hexameter, phalaeceischen Hendekasyllabus ...- doch nicht genug damit, es folgen noch weitere sieben Lösungsvorschläge, inkl. ein abschliessendes "etc." - ein didaktisches Verwirrspiel. Oder Ovid, Tragödie, "Hexameter". Der einzige erhaltene, von Quintilian zitierte Sprechvers aus Ovids einziger Tragödie Medea ist allerdings kein Hexameter, sondern wie zu erwarten ein iambischer Trimeter nach griechischem Muster: servare potui: perdere an possim, rogas? (dazu ist in den Suasorien des älteren Seneca ein anapästischer Dimeter aus einem Canticum der Medea überliefert, vgl. meine Ausgabe Ovid, Ibis - Fragmente - Ovidiana, Reihe Tusculum, 1996, S. 82-86, Kommentar S. 319-324). Wenn schliesslich statt als Alpha und Omega als zweitletztes Mittel zur Klärung des metrischen Sachverhalts die metrische (oder ist nicht präziser die prosodische gemeint?) Analyse empfohlen wird - "Man bestimmt die Quantität der Silben und schliesst aus ihrer Anordnung auf das Versmass" (S. 42), dann ist vollends das Pferd am Schwanz aufgezäumt. Wenn alles nichts hilft, gibt es "nach wie vor die einfachste Methode, sich zu jedem Versmass einen Beispielvers, bzw. zu jeder Strophenform eine Strophe zu merken, so dass der jeweilige Rhythmus mühelos auf jedes andere Gedicht in der entsprechenden metrischen Form übertragen werden kann" - womit sich die Frage, wie man einen Vers erkennt, zum hermeneutischen Zirkel ründet. - Die Angst vor Plagiatsvorwürfen treibt seltsame Blüten: die eingestreuten Illustrationen aus dem Internet sind mit bis zu 100 Zeichen umfassenden Links, die antiken Zitate mit genauer Angabe der Edition, der sie entnommen sind, ausgestattet - da ist die philologische Genauigkeit ad absurdum geführt.

Die griechische Metrik, die von Reinhard Pichler (MMag - dies die zertifizierte österreichische Titelei für "Doppelmagister") vorgestellt wird, ist bekanntlich schon von der Prosodie her reichlich komplexer als die lateinische. Die Anforderungen an studierende Anfänger, an die hier zu denken ist, sind allerdings eher bescheiden, der Umfang ist knapp bemessen (S. 52-80), wovon allerdings sechs Seiten exemplarisch allein den sieben Prooimion-Versen der Ilias gelten. Die Ausführungen zur Prosodie bleiben notgedrungen fragmentarisch, sind aber übersichtlich dargelegt. Als Kürzel werden die von Paul Maas benützt. Die Auswahl der Textbeispiele ist einigermassen exquisit (Fragmente des Archilochos, der Sappho, des Mimnermos, Anakreon, Solon, Bakchylides, dazu etwas Homer, Theokrit, Aischylos) - ist dies tatsächlich der Studienplan für angehende Gräzisten? Gleiches gilt für die behandelten "wichtigsten" Versmasse, zählt der akephale Hipponakteus, das Reizianum oder der Telesillus doch kaum zur Alltagslektüre.

Die restlichen Seiten (81-104) enthalten die Lösungen der üblichen Aufgaben in Form von metrischen Schemata (im lateinischen Teil gar mit Angabe aller Synaloephen) und ein Glossar mit den Grundbegriffen. In der anschliessenden knappen Literaturliste fehlen die Referenzwerke, in denen sich auch komplexere Fälle nachschlagen lassen: D.S. Raven, Latin Metre, London 1965; Martin L. West, Greek Metre. Oxford 1982; Dietmar Korzeniewski, Griechische Metrik, Darmstadt 21989. Dafür würde man besser auf Sickings extravagante Griechische Verslehre verzichten. Was Frisks Griechisches etymologisches Wörterbuch in dieser Liste zu suchen hat, ist unerfindlich.

Bruno W. Häuptli

Lucius Ampelius, Liber memorialis - Was ein junger Römer wissen soll. Lat. / dt. Hrsg., eingeleitet und übersetzt von Ingemar König, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2010 (Reihe Texte zur Forschung 94), 150 S., Ppb. CHF 56.90, ISBN 3-534-22983-5

Einem wie auch immer gearteten Zufall ist es zu verdanken, dass eine der skurrilsten antiken Schriften dank einem einzigen Manuskript überlebt hat, das allerdings infolge der danach erfolgten Drucklegung (editio princeps 1638 von Salmasius) wie häufig in solchen Fällen vernichtet wurde (vgl. Ovid, Heroides 16, 39-144; 21, 145-248, Druck 1477 nach verlorener Druckvorlage). Das kleine Werk des vermutlich kaiserzeitlichen Autors (2./3. Jh.?) liegt hier erstmals in einer sorgfältig edierten und kommentierten, mit einer kenntnisreichen Einführung und deutscher Übersetzung ausgestatteten Ausgabe vor. Wenn man der freien Wiedergabe des originalen Titels folgen will: Was muss ein junger Römer in der späteren Kaiserzeit wissen? Dass es nicht nur einen, sondern sechs Herkulesse gab, fünf Minerven, fünf Apollos, fünf Sonnengötter, vier Venusse? Dass in Sikyon die Haut des Marsyas und die Ruder der Argonauten aufbewahrt wurden sowie der Kessel, in dem Medea den zerstückelten Pelias kochte? Dass die drei Erdteile Europa, Asien und Libyen heissen? Welches waren die Könige der Parther, Kappadoker, Armenier usw.? Die berühmtesten (zwölf) Völker in Asien? Schon eher: Wie viele berühmte Scipionen mit ehrenden Beinamen gab es (Lösung: fünf)? Kurz: ein Sammelsurium von Fakten und Kuriositäten aus verschiedensten Wissensgebieten, das auf ein anspruchsloses Bildungskonzept schliessen liesse. Die Quellen, aus denen dieses "Buch des Grundwissens" (König) schöpft, sind mit einer Ausnahme nicht genauer nachweisbar: Astrologisches und astronomisches Wissen oder Halbwissen ist schlecht und recht aus einer astrologischen Schrift des Publius Nigidius Figulus abgekupfert, deren erhaltene Fragmente (auch diese zweisprachig) der Ausgabe im Anhang beigegeben sind. Den Buchtitel erwähnt der Autor selber in seiner Widmung an einen nicht weiter bekannten Macrinus, der das hochgesteckte Ziel hat, "alles wissen zu wollen". Das lässt sich allerdings auch in anderer Richtung deuten, wie andere Ausgaben zeigen: aide-mémoire (Marie-Pierre Arnaud-Lindet 1993), lexicon (Vincenza Colonna1980). Sueton, Jul. 56,6 erwähnt Caesars Notizbuch: libellus memorialis. Vielleicht handelt es sich einfach um eine Gedächtnisstütze oder ein bescheidenes Nachschlagewerk, das im Unterricht eingesetzt werden konnte.

Bruno W. Häuptli

Mary Beard, Pompeji: das Leben in einer römischen Stadt. Aus dem Englischen übersetzt von Ursula Blank-Sangmeister unter Mitarbeit von Anna Raupach, 480 S., 113 s/w Abb., 23 farbige Abb., 21 Pläne, Geb. (Kart.), CHF 43.50, ISBN 978-3-15-010755-3

Angesichts der laufenden Schreckensmeldungen über den Verfall Pompejis kann man die Versuche, die versunkene Stadt wenigstens in der Vorstellung zum Leben zu erwecken, nur begrüssen. Die Autorin der neuen umfangreichen Darstellung lehrt seit 2004 als Professor of Classics in Cambridge. Ihre Publikationen - über römische Religion, den Parthenon, das Kolosseum, den römischen Triumph - wurden aber zum grossen Teil im amerikanischen Cambridge von der Harvard University Press verlegt. Die Originalausgabe des Pompeji-Buches erschien erfolgreich unter dem Titel "The fires of Vesuvius: Pompeii lost and found", Cambridge, Mass. 2008, 2010 (Sonderausgabe: "Pompeii: the life of a Roman town", London 2008, 2009). Ist dieses Buch tatsächlich "ein Vergnügen und jede Zeile wert" (Paul Stänner in Deutschlandradio Kultur)? Der Leitsatz der Autorin, "Tatsache ist, dass wir sowohl sehr viel mehr als auch sehr viel weniger über Pompeji wissen, als wir denken", bestätigt sich bei der Lektüre: eine eindeutige Aussage sucht man wie die Nadel im Heuhaufen. "Vermutlich, wohl, vielleicht, offenbar, offensichtlich, mag ja sein, wer weiss, wahrscheinlich nur zum Teil richtig, nicht unbedingt, höchstwahrscheinlich, könnten, dürften, mögen, es ist schwer zu sagen, soweit wir wissen, natürlich ist beides möglich, wir können vermuten, man kann nur ahnen, ich bezweifle sehr, ich habe da so meine Zweifel, wir müssen bedenken, einige Archäologen haben angenommen, es kann unmöglich so gewesen sein, wir laufen Gefahr, allzusehr zu simplifizieren, wir alle können uns gut vorstellen, wie es gewesen sein muss, selbst da, wo wir einen eindeutigen Hinweis finden, können wir nicht wissen, ob wirklich, es kann genausogut anders gewesen sein, ob das allgemein üblich war, entzieht sich unserer Kenntnis, wir haben keine Ahnung wie oft das oder jenes, diese Frage lässt sich besonders schwer beantworten" - die Autorin spekuliert wortreich über lauter Belanglosigkeiten: Wir wissen nicht, wo die Kinder geschlafen haben, wie viele Personen in einem Bett Platz hatten, ob die Hausbesitzer im Erdgeschoss schliefen oder oben, wie oft im Triclinium gegessen wurde und wie üppig, ob die Gartengeräte im Speisesaal in der Eile zurückgelassen oder üblicherweise dort aufbewahrt wurden, "so überraschend das auch für uns sein mag", oder ob sie gar von Raubgräbern stammen. Man wird vor lauter Geschwätzigkeit zum Schatzsucher in den zwölf behandelten Themenkreisen: Das Leben in einer alten Stadt, Straßenleben, Heim und Herd, Malen und Dekorieren, Seinen Lebensunterhalt verdienen: Bäcker, Bankier und garum-Hersteller, Wer regierte die Stadt? Die Freuden des Körpers: Speisen, Wein, Sex und Thermen, Spaß und Spiele, Eine Stadt voller Götter, Epilog: Stadt der Toten, Wie wär's mit einer Besichtigung? Die Abbildungen, von denen gerade einmal 23 farbig sind, entsprechen, ausser auf dem Schutzumschlag, nicht dem heutigen Minimalstandard.

Bruno W. Häuptli

Psyche perspicua pulchritudine. Ein Spielfilm von Claude Aubert

Mit diesem Zitat aus dem Originaltext betitelt der Autor seinen 2.Film, der kürzlich in Lausanne erfolgreich Premiere hatte. Er zeigt die Geschichte von Amor und Psyche, wie sie uns Apuleius in seinen Metamorphosen erzählt. Diese unterscheidet sich ja vom Grossteil der antiken Mythen durch ihre märchenhaften Züge; auch wurde sie oft als Gleichnis für den Weg der Seele interpretiert (Psyche = Seele!).

Wie es durch die Jahrhunderte viele verschiedenartige Darstellungen gegeben hat, so kann sich heute sicher auch ein Filmautor gewisse Freiheiten erlauben, wenn er diese unsterbliche Geschichte neu gestalten will. Aufgrund der beschränkten technischen und finanziellen Mittel (der Film ist privat finanziert ohne jegliche Unterstützung durch Sponsoren, die Darsteller sind Laienschausspieler, Dutzende von Freiwilligen haben im Hintergrund mitgeholfen) hat Claude Aubert die Geschichte in ein bukolisches Milieu verlegt. Psyche ist hier keine Prinzessin, sondern ein junges Mädchen vom Land, der Palast des Cupido ist ein lauschiger Wiesenplatz inmitten von Tannen und Felsen. Das grösste Problem für den Filmer stellte aber zweifellos die Tatsache dar, dass nach Apuleius alle Begegnungen Psyches mit ihrem Gemahl in absoluter Dunkelheit stattfinden. Aubert lässt seinen Amor in diesen Szenen in einem langen grünen Kapuzenkleid mit Augenschlitzen auftreten. Dieses Grün verschmilzt fast mit dem Grün der Wiese und macht ihn so gewissermassen unsichtbar. Die berühmte Szene, in der sich Psyche nachts mit der Lampe ihrem Mann nähert, wobei dann der Tropfen heissen Oels den Amor weckt und verletzt, konnte ebensowenig eins zu eins umgesetzt werden. Hier versucht Psyche bei Tageslicht dem schlafenden Amor die Kapuze wegzuziehen. Dabei entfällt ihr einer der Pfeile, die sie aufgehoben hatte, und weckt ihn.

Die Kernaussage der Erzählung wird durch diese und andere Anpassungen an das Medium Film nicht verändert. Eine Vertiefung jedoch erreicht der Autor dadurch, dass er die verschiedenen Figuren psychologisch nuancierter darstellt als das antike Vorbild. Dies gilt insbesondere für die Hauptperson, Psyche. In der Art, wie sie manchen Personen begegnet, werden verschiedene Facetten ihres Charakters deutlich, wobei von Anfang an die auch bei Apuleius hervorgehobene verhängnisvolle Neugier im Vordergrund steht. Eindrücklich ist dargestellt, wie die heimtückischen Ratschläge der Schwestern Psyche in ihren Träumen zusetzen. Das monstöse Tier, als welches jene ihr den Amor geschildert haben, wird verkörpert durch exotische Tiere mit riesigem offenem Maul. Sehr effektvoll zeigt der Film auch die verzweifelte Suche der jungen Frau nach ihrem verlorenen Geliebten. Sie irrt gleichsam durch die ganze Welt: über hohe Berge, durch Gletscher des Nordens, tropische Wälder und Wüsten. Nachdem sie die ihr von Venus auferlegten Prüfungen bestanden hat (statt 4 wie bei Apuleius sind es hier nur 3, was eigentlich zum Märchencharakter passt), kommt es schliesslich zur festlichen Hochzeit, und Psyche, geläutert und gereift, wird als Göttin in den Olymp aufgenommen. - Noch viele Feinheiten in der Charakterzeichnung auch der übrigen Personen wären zu erwähnen, ebenso das Spiel mit symbolischen Objekten, das sich nur dem Kenner entschlüsselt.

Kaum zu glauben, dass der Film ausschliesslich in der Schweiz, in freier Natur aufgenommen worden ist! Die Landschaftsaufnahmen sind von bestechender Schönheit. Diese kommt umso mehr zur Geltung, als die Kamera nicht wild herumspringt, sondern dem Zuschauer gleichsam ein ruhiges Mitschreiten ermöglicht. Durch die leuchtenden Farben vieler Kostüme entsteht eine surreale Stimmung, die dem Märchencharakter der Geschichte entspricht. - Das Ganze ist mit Musik untermalt, die eigens für den Film komponiert wurde und oft sehr wirkungsvoll die im Bild gezeigten Vorgänge verdeutlicht. Was die Sprache betrifft, so ist es in der heutigen Schweiz unmöglich geworden, sie direkt im Freien aufzuzeichnen, ohne dass störende Geräusche (Motoren usw.) dazwischen kämen. Claude Aubert erzählt und kommentiert daher die Vorgänge aus dem Off. Er tut dies in einem rhythmisierten, eher literarischen Französisch, das gut zur Stimmung des Filmes passt. Hie und da werden Fachkollegen ein eingeflochtenes antikes Zitat erkennen. In unserer visuell geprägten Epoche ist es sinnvoll und zeitgemäss, sich der Antike mit Hilfe des Mediums Film anzunähern. Bei entsprechender Vorbereitung durch den Lehrer ist diese wunderschöne Verfilmung des Märchens von Apuleius für alle Stufen des Gymnasiums zu empfehlen.

Die DVD kann bestellt werden bei www.swissdvdshop.ch/psyche-perspicua-pulchritudine/product_info.php/products_id/1822
Der Text des Erzählers kann als pdf heruntergeladen werden bei www.latinistes.ch/Dossier-pdf/psyche-melo-poetique.pdf

Barbara Bucher-Isler
Binding Stiftung
Update: 24.4.2012
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