Schweizerischer Altphilologenverband
Association Suisse des Philologues Classiques
Associazione Svizzera dei Filologi Classici
 

Bulletin 77/2011

Inhalt

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Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Am 17. März war es nach langer und sorgfältiger Planung endlich soweit: Die Tagung des SAV konnte über die Bühne gehen! Der Bericht und der Abdruck der Begrüssungsrede durch Prof. Dr. Heidi Wunderli-Allenspach, lädt viele von uns noch einmal ein, den hoffentlich für alle in guter Erinnerung bleibende Tag Revue passieren zu lassen.

Eine ebenso grosse Freude ist es mir, in dieser Ausgabe gleich drei neue Projekte rund um das Latein präsentieren zu dürfen: Die Via Latina der Kantonsschule Sursee, das Pilotprojekt in Graubünden Latein als Ergänzungsfach und das Glarnermodell alternatives Grundlagenfach Latein.

Diese Neuerungen zeigen in eindrücklicher Art, dass der Lateinunterricht nicht einfach auf ausgetretenen Pfaden weiterwandelt, sondern beherzt neue Wege geht! Ich wünsche mir sehr, dass solchen engagierten Vorhaben viel Erfolg beschieden ist!

Auf eine anregende Lektüre!

Petra Haldemann
 

Thematischer Artikel

Via Latina - ein Weg zur Rettung des Lateins am Gymnasium
Ein Pilotprojekt an der Kantonsschule Sursee

Die Kantonsschule Sursee bietet heute mit einem Langzeit-, einem Kurzzeitgymnasium und mit der Fachmittelschule über 800 Studierenden die Möglichkeit, eine Maturität zu erlangen.
Im Gymnasium stehen sechs Schwerpunktfächer zur Wahl.
Beim Übergang von der MAV zum MAR stand die Schule vor der Entscheidung, Latein als Grundlagenfach und Schwerpunktfach, oder eins von beiden anzubieten. Das grosse Schwerpunktsfachangebot im Verhältnis zur Schülerzahl bewog die Verantwortlichen, Latein als Schwerpunktfach anzubieten. Die Fachschaft Latein/Griechisch wehrte sich lange für ein Fach Alte Sprachen, was kantonal aber kommentarlos zum SF Latein reduziert wurde.

Hatten bisher durchschnittlich noch 35 Studierende Latein als Maturafach gewählt, sank die Zahl im 1. Jahrgang unter MAR auf 27 (24 bis zur Matur), sank zweimal bis auf 11 und pendelte sonst zwischen 15 und 20 Studierenden. Gleichzeitig sank die Zahl der Interessenten für das Profilfach Latein, die Quelle für das SF, stetig und 2007/08 konnte das Schwerpunktfach erstmals nicht mehr geführt werden (nur 3 S.). Das wiederholte sich im folgenden Jahr. Man suchte nach den Gründen. Häufig genannt wurde die Konkurrenz zwischen den Schwerpunktfächern. Viele S. sagten, Latein hätte sie zwar interessiert, aber das hätte sie an der Wahl ihres Wunschfaches gehindert.

Die Schulleitung war schon daran, Latein aufzugeben, weil es offensichtlich nicht mehr gefragt sei. Da endlich geschah etwas, worauf die Fachschaft Latein/Griechisch schon beim Systemwechsel gewartet hatte, das Bekenntnis der Schule zum Latein. In der Lehrerschaft fand die grosse Mehrheit doch, dass ein Gymnasium dieser Grösse Latein anbieten und Möglichkeiten finden müsse, dieses Fach zu führen. Die Schulleitung nahm dieses Votum entgegen und setzte zwei Arbeitsgruppen ein.

Die erste Gruppe hielt Grundsätzliches fest:

  • Das Fach Latein wird aus der Gruppe der Schwerpunktfächer herausgelöst
  • Es gibt eine Leistungsklasse L (Bedingungen: Gesamtdurchschnitt 4,7 im 1. Semester der 2. Klasse, Empfehlung des Klassenlehrers)
  • Allen Lernenden der 2. Klassen steht die Leistungsklasse offen
  • Die Lernenden der Leistungsklasse wählen frei aus dem Wahlfachangebot
  • In der Leistungsklasse L wird das Zusatzfach "Alte Sprachen" geführt
  • Das Zusatzfach "Alte Sprachen" ist promotionswirksam, ist aber nicht Matura-Fach nach MAR
  • Das Zusatzfach "Alte Sprachen" wird mit vier Wochenstunden dotiert (Total 16)
  • Der Besuch des Profilfaches Latein (2. Klasse) ist nicht Voraussetzung
  • Lernende ohne Lateinkenntnisse werden in einem Einführungskurs annähernd auf den Stand des Profilfaches gebracht
  • Die Lehrpläne sind zu erstellen oder anzupassen
  • Es wird in der 6. Klasse eine Schlussprüfung durchgeführt, die dem Anspruch an eine Maturaprüfung entspricht

Da nun nicht einfach ein Zusatzfach (mit zusätzlichen Stunden) in die Stundentafel aufgenommen werden kann, muss irgendwo abgebaut werden können, ein Preis, den andere Fächer zahlen müssen. So war das auch schon angekündigt worden. Die Bereitschaft dazu war bei den Fachschaften erstaunlich. Mathematik, Französisch, Deutsch, Ethik, Geschichte waren sofort bereit, im Verlaufe des Obergymnasiums Lektionen abzutreten. Begründung war durchwegs folgende: Mit einer Klasse, die aus leistungswilligen und leistungsfähigen Lernenden besteht, kann der vorgesehene Stoff auch mit einer etwas geringeren Stundendotation erarbeitet werden. So konnte eine Wochenstundentafel erstellt werden, die nur zwei Lektionen über dem Normalmass liegt. Das ist der Preis, den die Lernenden bezahlen müssen, allerdings mit dem Vorteil, dass sie im Rahmen eines "Freifaches", das nicht in irgendwelchen Randstunden liegt und dauernd von Ausfällen bedroht ist, das Latinum erlangen können. (s. Prospekt) Da die gebenden Fachschaften nicht leer ausgehen sollen, ist das Zusatzfach als Integrationsfach angelegt. Sie bekommen also zu verschiedenen Zeiten einen Teil ihrer Lektionen zurück, wobei darauf zu achten ist, dass möglichst fächerübergreifend gearbeitet wird. Dazu wird im Stundenplan ein Zeitgefäss angesetzt, das für alle beteiligten Lehrpersonen verbindlich ist. Das ist bei der ohnehin schon grossen Dichte des Stundenplans eine zusätzliche Belastung und schränkt ausserdem die Freiheiten von mindestens vier beteiligten Unterrichtenden (etwas) ein.

Für die Frage des Latinums wurden mit der verantwortlichen Stelle der Universität Zürich, Dr. Christian Utzinger, und dem Berater für Bildungsfragen, Dr. Theo Wirth, die Bedingungen und Anforderungen für die Anerkennung des Latinums ausgehandelt. Die geplante Anzahl Lektionen (16) wird akzeptiert. Die Abschlussprüfungen werden jeweils der Universität Zürich zur Begutachtung vorgelegt.

So konnte die zweite Arbeitsgruppe (2 Fachlehrer und der externe Berater Th. Wirth) im September 2008 die Lehrplanarbeiten aufnehmen, die sich in vielen Sitzungen bis in den Juni 2009 hinzogen. Der Lehrplan ist bis auf wenige Details abgeschlossen. Als Grundlage diente der Lehrplan des SF Latein, wie er bis anhin an der KS Sursee Gültigkeit hatte. Er wurde einerseits entschlackt, anderseits ergänzt, d. h. Grobziele und Lerninhalte weiter präzisiert. Insbesondere wurde der fächerübergreifende Aspekt aus der relativen Unverbindlichkeit herausgeführt und deutlich mit andern Fächern verknüpft, um dem Anspruch des Integrationsfaches wirklich gerecht zu werden (s. Lehrplan).

Parallel zu diesen Arbeiten ersuchte die Schule die kantonale Bildungsdirektion um die Erlaubnis für ein fünfjähriges Pilotprojekt (s. Projekteingabe) und bewarb sich um einen Preis an der kantonalen Plattform "Potenzial Gymnasium". Fortuna (oder war es die Qualität des Projektes) meinte es gut. Der Schulversuch wurde genehmigt, was nicht selbstverständlich ist, da zunächst vor allem Kosten entstehen durch die grössere Anzahl an Lehrerstunden. Das Projekt war auch erfolgreich beim "Potenzial Gymnasium". Mit dem ersten Preis bekam die Schule noch einen schönen Zustupf für diverse Anschaffungen, die für die Via Latina (der Name ergab sich nach etlichen wieder verworfenen Vorschlägen) wünschenswert scheinen.

Im Frühjahr 2009 trat die Schule mit dem neuen Lehrgang an die Öffentlichkeit. An einem Informationsanlass für Schüler und Schülerinnen der 2. Klassen und deren Eltern wurde das Projekt detailliert vorgestellt und stiess gleich auf grosses Interesse. Viele Eltern begrüssten dieses Vorgehen zur Verankerung des Lateins am Gymnasium. In der Folge meldeten sich 22 Interessenten, die den Lehrgang im Herbst denn auch begannen.

Für die Lernenden wie auch für die Lehrenden begann eine spannende Zeit. Vieles war gewöhnungsbedürftig, manchmal sogar irritierend, für die Schüler und Schülerinnen z. B., dass diesselbe Sache gleichzeitig von zwei verschiedenen Seiten behandelt wurde und die Ansichten divergieren konnten (griech. und röm. Geschichte, allg. Sprachwissenschaft). Positiv war und ist aber, dass man sich in vieler Hinsicht ergänzt und durch die "doppelte" Behandlung eine willkommene und beabsichtigte Vertiefung erzielt. Das rechtfertigt auch den zusätzlichen Aufwand der Lehrpersonen für die regelmässigen Absprachen untereinander, und ist zugleich der Lohn dafür. Hier könnten nun all die verschiedenen fächerübergreifenden Themen, die bereits behandelt worden sind, aufgeführt werden. Das würde jedoch den Rahmen dieses Berichtes sprengen.

Was ist nun mit dem Latein? Der vollständige Titel des Integrationsfaches lautet ja "Europäische Kulturen und Sprachen mit Latein". Für den reinen Lateinunterricht stehen in der 3. Klasse 3 bis 3,5, in der 4. Klasse 2 bis 2, 5 Lektionen pro Woche zur Verfügung. Das ist nicht allzu viel. Ich habe mich deshalb für ein schnell fortschreitendes Lehrwerk entschieden, da alle Lernenden entweder schon ein Lateinjahr hinter sich oder wenigstens eine Einführung im Verlauf des 2. Semesters der 2. Klasse erhalten haben. Meine Wahl ist auf die "Itinera" (Verlag Klett) gefallen. In 15 Lektionen werden alle wichtigen Erscheinungen der lateinischen Sprache behandelt, wobei die letzte Lektion auch entfallen oder in die Lektürephase verschoben werden kann. Das Lehrwerk bietet genügend Übungen, einiges ist fakultativ. Die Sachtexte kommen der Thematik "Europäische Kultur" sehr entgegen. Im letzten Herbst wurde eine weitere Via-Latina-Klasse eröffnet. Die Teilnehmerzahl ist mit 15 nicht mehr ganz so hoch. Der Reiz des Neuen ist vielleicht schon etwas verflogen. Doch sind die Lernenden nach wie vor überzeugt, eine gute Wahl getroffen zu haben. Leider haben sich nach der letzten Informationsveranstaltung zur Via Latina, die sehr gut besucht war und wiederum auf positives Echo gestossen war, bis jetzt nur 6 Schülerinnen und Schüler für die Via Latina entschieden. Wir stellen fest, dass zwar sehr viele Eltern den Lehrgang für ihre Kinder wünschen, diese jedoch häufig ganz andere Präferenzen haben. Wir suchen nach der Analyse der Gründe für dieses Wahlverhalten weitere Wege, die Lernenden für den neuen Weg zu gewinnen.

Urs Lütolf
 

Anzeigen und Mitteilungen

Interdisziplinäre Tagung Elemente - ΣΤΟΙΧΕΙΑ - ELEMENTA vom 17. März 2011 an der Kantonsschule Hohe Promenade in Zürich

Das stimmt zuversichtlich: Der SAV lädt ein, und die Leute kommen in Scharen. Hocherfreut begrüsste denn auch Lucius Hartmann, Präsident des SAV, an die 150 Personen und eröffnete die Tagung, die den zeitlichen Bogen von den Vorsokratikern bis in die Gegenwart und darüber hinaus spannte, passend mit Μηδεὶς ἀγεωμέτρητος εἰσίτω, dem - allerdings erst bei Michael Psellos, 11. Jh., greifbaren - Motto von Platons Akademie. Obwohl die ETH Zürich nicht in der Lage war, den überraschend vielen Angemeldeten entsprechende Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, liess es sich deren Rektorin, Frau Heidi Wunderli, selbst "alte" Lateinerin, nicht nehmen, in den Anlass einzuführen und mit dem Hinweis auf Jacques Brels Deklinationstango rosa rosam ... von 1958 ein witziges, aber durchaus ernst gemeintes - und vom Publikum entsprechend quittiertes - Bekenntnis zu den alten Sprachen abzulegen.

Die von Lucius Hartmann, Martin Müller und Philipp Xandry hervorragend organisierte und vom gesamten Vorstand getragene Veranstaltung, bei der erfreulicherweise bewusst viel Zeit für persönliche Begegnungen eingeplant war, begann mit dem Referat von Frau Regula Kyburz-Graber (Universität Zürich). Sie gab Einblicke in die Forschung zum fächerübergreifenden Unterricht, deren Ergebnisse auf praktischer 'Feldarbeit' am Gymnasium Liestal beruhen, und zeigte auf - was nur wenige überrascht haben dürfte - , dass diese Form des Unterrichts die Möglichkeiten eines Einzelfaches übersteigt, den Unterricht sozusagen entprivatisiert, näher zur Welt heranführt und deshalb sowohl für Lehrende wie Lernende einen Erkenntnisfortschritt darstellt.

Obwohl der Begriff für Element, στοιχεῖον, erst bei Platon vorkommt, wird er sachlich schon bei den Vorsokratikern verwendet, so in der später klassisch gewordenenen Vier-Elemente-Lehre des Empedokles. Frau Laura Gemelli (Universität Zürich) führte in ihrem Vortrag in die bunte poetische Sprache des Empedokles ein und erklärte, dass seine Verse dem Laien unverständlich und wohl eine Art Geheimdokument für einen Schüler gewesen und deshalb verschlüsselt gewesen sein müssen. Mit ihrer behutsamen Analyse von Fragmenten aus dem Gedicht Über die Natur machte Gemelli den anwesenden Nichtphilologen auf eindrückliche Art klar, was philologische Knochenarbeit ist. Aus der Arbeit an diesen Versen ergibt sich, dass die Elemente göttliche Wesen mit eigenem Bewusstsein und Charakter sind. Der moderne Mensch muss sich vergegenwärtigen, dass damals Religion, Mythos und Naturwissenschaft noch nicht getrennt waren, dass abstraktes begriffliches Denken noch nicht möglich war. Trotzdem vermag Empedokles auch heute noch zu wirken, beispielsweise, indem er uns den Respekt vor der Natur lehrt.

Wie Vergangenes genau rekonstruiert und die Echtheit gewisser - teurer!- Gegenstände wie Edelstein überprüft werden kann, zeigte auf gerade für Laien verständliche und sehr lebendige Art Detlef Günther (ETH Zürich) in seinem Vortrag mit dem Titel Die Bedeutung von Spurenelementen für die Rekonstruktion der Vergangenheit und Gestaltung der Zukunft. Es war faszinierend mitzuverfolgen, wie man herausgefunden hat, dass Hochkulturen wie die der Maya aufgrund länger anhaltender Trockenheit untergegangen sind. Günther bezeichnete sein Institut als Scotland Yard der Chemie, und in der Tat nahm ihm das Publikum den - übrigens mit allen PR-Wassern gewaschenen - erfolgreichen Detektiv auf Spurensuche mit Spurenelementen problemlos ab.

Am Nachmittag stand eine grosse Palette von Workshops zur Auswahl. Die Themen reichten von Pythagoras über die griechischen Atomisten, Platons Timaios oder Ovids Kosmogonie, allesamt auch unter dem Blickwinkel der Wirkungsgeschichte betrachtet, bis zur Didaktik der Interdisziplinarität. Der etwas intimere Rahmen dieser Veranstaltungen führte dazu, dass von der Möglichkeit, Fragen zu stellen und eigene Überlegungen einfliessen zu lassen, reger Gebrauch gemacht wurde.

Den Abschluss der Tagung bildete der bekennende Platoniker Bruno Binggeli (Astronom an der Universität Basel) mit seinem Referat über antike Reminiszenzen im Weltbild der modernen Physik und Kosmologie. Schon die Überschrift Quarks, Quasare, Quintessenz zeigte seine Affinität zur Philologie bzw. Rhetorik. Er erklärte die drei Q als Gegengewicht zu www. Noch besser wäre für ihn P.P.P. für Pythagoras, Platon, Plotin gewesen... Nach seinem aufschlussreichen Abriss zur Geschichte der Materie und der Elemente bis zur Quantenphysik, der übrigens Heraklit sehr nahe kommt, stellte er - für Laien überraschend - fest, Elementarteilchen seien nicht beständig, das moderne Vakuum sei ein Plenum = Zustand niedrigster Energie, ja wir wüssten heute nicht mehr so recht, was Materie eigentlich ist. Was mythisch bei Empedokles beginne, ende 2500 Jahre später mit Ungewissheit. Weiter: Das beobachtbare Universum sei dem aristotelischen Weltbild ähnlich, es sei unter anderem endlich und kugelförmig. Dabei gelte das Licht als quinta essentia. Immer wieder schuf Binggeli Querbezüge zu Platon, Aristoteles und zu den Neuplatonikern, was im einprägsamen Schlusssatz gipfelte: Die Antike ist lebendiger denn je. Wenn das doch nur auch von der Gesellschaft gehört würde!

Beno Meier

Begrüssungsrede zur Tagung durch Prof. Dr. Heidi Wunderli-Allenspach, Rektorin ETH

Guten Morgen meine Damen und Herren

Mir fällt die Ehre zu, als Rektorin der ETH Zürich einige Grussworte an Sie zu richten. Als "alte Lateinerin" komme ich dieser Aufforderung gerne nach.

Rosa, rosa, rosam, rosae, rosae, rosa
Rosae, rosae, rosas, rosarum, rosis, rosis

Das ist eine etwas abenteuerliche Deklination. Doch den meisten von Ihnen wird bekannt sein, woher sie stammt. Das sei der älteste Tango der Welt, so singt Jacques Brel in seinem berühmten Chanson über den Lateinunterricht.

C'est le tango des forts en rien, qui déclinent de chagrin
Et qui seront pharmaciens, parce que papa ne l'était pas.

Latein sei langweilig und zu nichts nutze und würde nur gebüffelt, weil man werden müsse, was die Eltern nicht waren: z.B. Apotheker. Und weiter geht's bei Jacques Brel mit wohl formulierten Dornenspitzen gegen den Lateinunterricht.

Die Deklination von lateinischen Vokabeln mag ein uraltes Lied sein, in das nicht alle gleich gerne einstimmen; die Kritik an der Schule und - stellvertretend für sie - am Unterricht alter Sprachen ist wohl kaum viel jünger als die Schule und der Unterricht von Griechisch und Latein als Fremdsprachen selber.

Mit den Generationen wechselten allenfalls die Kritikpunkte. Heute werden in der Diskussion vor allem bildungsökomische Argumente ins Feld geführt. Im Kampf um die knappen Zeitressourcen haben die alten Sprachen an den Gymnasien einen schweren Stand. Gymnasien sollen Heranwachsende zu selbständig denkenden Menschen erziehen, die in einer durch Wissenschaft und Technik geprägten Gesellschaft verantwortungsvoll handeln sollen. Deshalb - so argumentieren verschiedenste Exponenten - sollen Lateinstunden gestrichen und naturwissenschaftliche Fächer stärker gewichtet werden. Ich kann dem so nicht zustimmen, gerade auch als Rektorin der ETH Zürich.

Die Frage nach dem "Wie viel Latein" ist vielleicht neu. Die existentiellere Frage nach dem "Warum Latein überhaupt" haben sich aber schon viele Schüler- und Elterngenerationen gestellt: Wozu überhaupt Sprachen lernen, die nicht mehr gesprochen werden? Die Antwort könnte lauten: Weil es sie gibt - in freier Anlehnung an Edmund Hillary, der auf die Frage, weshalb er den Mount Everest bestiegen habe, geantwortet haben soll: " ... because it's there!" - Also nochmals: Weil es die alten Sprachen gibt und weil sie Teil und Fundament unserer kulturellen Umwelt sind.

In der Verordnung über die Anerkennung von gymnasialen Maturitätsausweisen (MAR) werden in Artikel 5 die Bildungsziele aufgeführt; im Abschnitt 4 heisst es:
Maturandinnen und Maturanden finden sich in ihrer natürlichen, technischen, gesellschaftlichen und kulturellen Umwelt zurecht, und dies in bezug auf die Gegenwart und die Vergangenheit, auf schweizerischer und internationaler Ebene...

Wenn das keine Antwort auf die Frage "Warum Latein" ist!

Neben der Studierfähigkeit ist auch die Wissenserhaltung ein wesentliches Ziel der gymnasialen Bildung.
Mit Wissenserhaltung ist aber nicht gemeint, dass jede Maturandin und jeder Maturand denselben Wissenskanon mit ins Leben nehmen soll. Aber - jede Schülergeneration soll genügend altsprachlich Gebildete hervorbringen, um diese philologisch-historische Dimension im kollektiven Gedächtnis zu erhalten.

Aufgabe der Altphilologen an den Gymnasien ist es, mit gutem Unterricht genügend junge Leute für Ihr Fach zu begeistern. Und sie sollen den Mut aufbringen, ein durchaus elitäres Image zu pflegen. Latein und Griechisch sind Fächer für junge, ehrgeizige Leute, die leistungswillig sind und die von der thematischen Breite der gymnasialen Bildung profitieren wollen, bevor sie sich im Studium spezialisieren müssen. Wir wissen, dass ETH-Studierende mit einem altsprachlichen Hintergrund in der Basisprüfung überdurchschnittlich gute Noten erzielen.

Aus unserer Sicht hat Jacques Brel wohl gar nicht so Unrecht, wenn er singt:
C'est le tango des bons pères qui surveillent l'œil sévère
Les Jules et les Prosper qui seront la France de demain.
(Ihm sei verziehen, dass er die bonnes mères und Juliettes vergessen hat. Denn unsere Zukunft baut genauso auf sie wie auf die Jules und Prospers. Das nur in Klammern.)

Ambitiöse und motivierte junge Leute lernen alte Sprachen, weil es sie gibt. Es ist daher die Aufgabe der Altphilologen, zu zeigen, dass es sie gibt und wie vital sie sind.

Mir scheint, dass der Schweizerische Altphilologenverband mit der heutigen Tagung genau dies tut. Unter dem Motto "Begegnungen schaffen!" haben sich Vertreterinnen und Vertreter der Universitäten und der Mittelschulen, der Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften versammelt, um über die Grenzen ihrer Disziplin hinweg miteinander den Dialog zu pflegen. Ich denke, dass Altphilologen als Vertreterinnen und Vertreter von Sprachen, denen sich die Wissenschaftler Europas bis tief in die Neuzeit hinein bedienten, dazu besonders berufen sind.

Meine Damen, meine Herren, ich wünsche Ihnen eine spannende und inspirierende Tagung. Leider werde ich nicht weiter teilnehmen können, doch wird die ETH Zürich kompetent vertreten durch meinen Kollegen Detlef Günther, der ein Hauptreferat halten wird.

Ich danke Ihnen.

Heidi Wunderli, Rektorin der ETH

Latein und seine GegnerInnen

Eine merkwürdige Diskrepanz ist festzustellen. Einerseits boomt der Lateinunterricht seit Jahren wieder, besonders in Deutschland, wo seit 2001 die Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler um mehr als 30% auf über 830'000 im Schuljahr 2008/09 angestiegen ist und nur von der Zahl der Englisch- und Französischschüler übertroffen wird, aber teilweise auch in der Schweiz. Allein im Kanton Zürich dürften die "Lateiner" zusammen mit den "Griechen" mittlerweile die Gesamtzahl von 5'000 um einiges überschritten haben, im Kanton Luzern hat die Kantonsschule Sursee mit ihrer "Via Latina" ein zukunftsträchtiges neues Modell gestartet, der Kanton Graubünden hat neuestens für die Absolventen des neusprachlichen Kurzgymnasiums das Lateinobligatorium eingeführt, im Kanton Sankt Gallen haben sich im Frühjahr 2010 "Erziehungsrat und Regierung deutlich zum Wert des Lateins und für seine Förderung ausgesprochen", und der Chef des bernischen Mittelschulamtes hielt im Januar 2010 fest, "dass man bei den alten Sprachen dringend etwas in Bewegung setzen muss." Doch andererseits gibt es einflussreiche Personen, die mit einem erstaunlichen Eifer das Fach bekämpfen und dabei auch höchst zweifelhafte Begründungen ins Feld führen.

Der Popanz des "logischen Lateins"

Zu diesen Personen gehört seit Jahren Elsbeth Stern, Professorin für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich (davor: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin). Sie tritt an Elternabenden auf, sie äusserte sich im Internet und in Publikationen, u.a. im "SPIEGEL Wissen" 3/2010 oder in der Kinderausgabe (!) "Dein SPIEGEL" 12/2010; und wie Pilze nach einem Sommerregen sprossen Online-Lateingegner hervor, die die Sternschen Behauptungen kritiklos weitertrugen und mit ihnen das definitive Begräbnis des Lateins einforderten. Immer "beweist" Frau Stern die Nutzlosigkeit des "Lateins" mit dem Hinweis auf ihre Untersuchungen, in denen sie (mit Ludwig Haag) gezeigt habe, dass Latein weder, wie behauptet werde, das logische Denken fördere (2000 Haag/Stern, vgl. das Literaturverzeichnis) noch den Fremdsprachenerwerb erleichtere (2003 Haag/Stern). Dass ihr oberster Chef, der ETH-Präsident Prof. Dr. R. Eichler, im Lateinunterricht einen erheblichen Nutzen sieht, scheint ihr kein Anlass zum Nachdenken zu sein: In einem Interview zu den Gründen der hohen Durchfallquoten bei den ersten ETH-Zwischenprüfungen erwähnte R. Eichler die unzureichende Beherrschung des Deutschen und ergänzte: "Wer Latein oder Griechisch hatte, ist oft auch an der ETH gut. Deshalb muss die nächste Maturareform die Kompetenz einer exakten Sprache stärker gewichten."

Eine grundsätzliche Bemerkung, bevor ich mich den beiden Gegenargumenten E. Sterns zuwende*. Schon rein sachlich ist es völlig abwegig und unzulässig, Latein bloss aus den genannten beiden Gründen als nutzlos abzutun: Jeder Lateinbefürworter weiss, dass es viel wichtigere Begründungen gibt, allerdings auch anspruchsvollere, die man nicht so leicht als Schlagworte missbrauchen kann. Über solche Begründungen zu sprechen ist hier nicht der Ort; immerhin ist zu berichten, dass E. Stern vor Zeiten selber weiter gedacht hat. Auf die Frage, ob als Konsequenz ihrer Untersuchungen das Latein am Gymnasium abgeschafft werden sollte, lehnte sie dies dezidiert ab, denn Latein vermittle ein sprachliches Metaverständnis besser als eine lebendige Sprache und sollte deshalb seinen Platz an den Gymnasien behalten. Doch die Zeiten solcher Einsicht scheinen vorbei zu sein, jetzt lässt sich Frau Stern im SPIEGEL für Kinder zitieren mit dem apodiktischen Satz "Latein lernen bringt nichts."

Nun zum ersten Argument der Lateingegner. Die von ihnen bekämpfte Behauptung von Lateinbefürwortern, wonach Latein - einfach so, als Sprache - das logische Denken schule, kann man jedoch nur noch selten hören (zum Glück): Den meisten ist nämlich klar, dass die Behauptung in dieser platten, verkürzten Form den wahren Sachverhalt verfälscht; doch eignet sich eine solche Verkürzung natürlich gut als Popanz, den man aufbaut, damit man ihn abfackeln kann. Wenn also manche Latein-Fachleute von "Denkschulung" sprechen, dann meinen sie erstens nicht einfach das "Latein", sondern den Lateinunterricht, in welchem - sofern er gut ist - stringentes Denken, Sprechen und Schreiben v. a. beim Übersetzen ins Deutsche geübt wird; aus diesem Grund ist in gewissen Berliner Gymnasien mit einem Migrantenkinder-Anteil von bis zu 80% das Fach Latein derart en vogue: Mehr als 60% wählen es, weil sie selber erleben, dass die Art des Lateinunterrichts ihr Deutsch fördert. Zweitens verstehen besagte Fachleute unter "logischem Denken" nicht die klassische Logik als übersprachlich gültige Wissenschaft vom richtigen Denken, mit den logischen Schlüssen etc., sondern eine bestimmte "Sprachlogik", nämlich die differenzierte Form der lateinischen Literatursprache. Hier liegt der Hund begraben; die Lateingegner sind nämlich zu Opfern einer Äquivokation geworden, wie der Begriff in der klassischen Logik lautet: Die - leider fragwürdige und missverständliche - Benennung als [Sprach-]"Logik" wird von den Lateingegnern nicht als Äquivokation erkannt, sondern sie missverstehen diese "Logik" als Logik im ursprünglichen Sinn. Die Folge: Sie führen, wie Haag/Stern, sog. wissenschaftliche Untersuchungen durch, in denen sie ehemaligen "Lateinern" bzw. "Nichtlateinern" z. B. klassische logische Schlüsse, Syllogismen, vorsetzen etwa vom Typ "Alle grünen Dosen sind groß. Alle großen Dosen sind rund." Und die Probanden müssen dann unter fünf vorgegebenen Antwortmöglichkeiten die eine richtige finden, ich zitiere eine (falsche) Beispielsantwort aus den fünfen: "Keine grüne Dose ist rund." Dass bei solchem Treiben die "Lateiner" nicht besser abschneiden als ihre Kollegen, ist "logisch": Syllogismen zu schulen gehört in keinen Sprachunterricht, auch nicht in den lateinischen. Doch Frau Stern und ihre KollegInnen erkennen nicht, dass sie etwas ganz anderes untersuchen, als sie meinen. Ihre Arbeiten zum "logischen Latein" sind daher wertlos - aber sie richten deshalb nicht weniger Schaden an, denn wer unter den Lesern und Hörern weiss schon, wie die Wirklichkeit hinter der irrigen "Beweisführung" aussieht.1

"Latein hat keinen Effekt auf das Lernen von anderen Sprachen wie beispielsweise Spanisch."

Dieser Satz von E. Stern, eine ihrer Formulierungen des zweiten Gegenarguments gegen Latein, kann als Fazit einer anderen Untersuchung gelten, die sie und L. Haag mit 50 Testpersonen durchgeführt haben: mit je 25 Studentinnen, die an deutschen Gymnasien entweder Latein oder Französisch gelernt hatten und nun nach 1 Semester Spanischkurs an der Universität eine Deutsch-Spanisch-Übersetzung von 150 Wörtern anfertigen mussten. Ergebnis: "Participants who had learned French at school made markedly fewer grammar errors and slightly fewer vocabulary errors in the Spanish test than participants who had learned Latin." K. Westphalen hat gezeigt, dass diese studentischen Fehler fast ausnahmslos gar nicht mit Übertragungsfehlern aus dem lateinischen Sprachwissen erklärt werden können (2003 Westphalen). Umso unverfrorener klingt der direkt nachfolgende Satz: "Knowledge of Latin is probably not an optimal preparation for modern language learning." Diese Verallgemeinerung ist methodisch in keiner Weise erlaubt. Das ist nun zu belegen.

Beginnen wir mit schlichten Lebenserfahrungen. Eine ETH-Studentin, die einen längeren Aufenthalt in Südamerika verbrachte, schrieb: "Ich habe vorgängig ein wenig mit einem Buch Spanisch gelernt (während 5 Wochen an je 3 Tagen pro Woche). In der Schule [in Südamerika] konnten sie es kaum glauben, dass ich es mit einem Buch in dieser kurzen Zeit so weit gebracht hatte. Meiner Meinung nach halfen mir die Alten Sprachen insofern, dass ich ein ganz anderes Verständnis und einen anderen Zugang zu Sprachen habe. Im Altsprachenunterricht lernt man, wie eine Sprache funktioniert, wie sie aufgebaut ist, lernt Strukturen analysieren und erkennen. Die ganze Sprachstruktur hat man schon im Kopf und muss dann beim Erlernen einer neuen Sprache diese Strukturen nur noch mit den betreffenden Ausdrücken füllen. Das Verständnis ist bereits vorhanden." Ähnliches berichtet eine ältere Frau: "Ich habe schon in der Schule gerne Latein gemacht. Später, als ich viel im Ausland war, hat es mir geholfen, andere Sprachen zu lernen, sogar in Indien beim Hindi. Es ist wie ein Gerüst, in das man alle Sprachen reinfüllen kann." Eine Schweizer Hispanistin, eine bekannte Übersetzerin, erzählt, wie ihr das Latein das Erlernen des Spanischen erleichtert hat. Eine Psychologiestudentin erlebte Entsprechendes im Italienischunterricht, "und zwar viele Jahre, nachdem ich keinen Lateinunterricht mehr hatte. Während andere über die Grammatik stöhnten, schien mir diese plausibel und logisch." Solche Stimmen liessen sich beliebig vermehren. Und nebenbei: In diesen Erfahrungen von Schweizerinnen ist Französisch als Lernhilfe überhaupt nie erwähnt worden, das ist angesichts der an deutschen Gymnasien durchgeführten Studie aufschlussreich und macht diese noch fragwürdiger: Alle hatten das hierzulande fast überall obligatorische Französisch neben dem Lateinischen besucht.

Krasser könnte die Unvereinbarkeit des Resultats von Haag/Stern mit diesen Lebenserfahrungen nicht sein. Wenn man nicht die eine Seite von vorneherein als falsch bezeichnen will, dann gibt es nur eine Lösung: Die beiden Positionen beziehen sich gar nicht auf denselben Gegenstand! Mit dem Wort "Latein" sind divergierende Dinge gemeint und bezeichnet - offenbar eine zweite Äquivokation.

Setzen wir hier an. Schaut man genauer hin, so erkennt man, dass in der Tat eine Gleichsetzung, eine Nichtunterscheidung von Latein als Sprache und Latein als Unterricht der Sprache Latein vorliegt. Sprechen wir demzufolge von nun an nicht von Latein, sondern von Lateinunterricht. Diese neue Formulierung führt zu einer Erkenntnis: Latein als Sprache darf man zwar als überall gleich ansehen, laudavi und laudabam ist in allen Gymnasien gleich - nicht aber den Unterricht! Hier begehen E. Stern und alle ähnlich argumentierenden Psychologen einen methodischen Grundfehler, der m. W. noch nirgends wirklich dingfest gemacht worden ist: Für diese Forscherinnen ist auch der Lateinunterricht (LU) eine fixe Grösse; sie nehmen etwa Folgendes einfach an: "Was für die besagte Gruppe in der Studie LU ist bzw. war, ist für alle Schüler und überall derselbe LU". Das verrät ganz deutlich der oben zitierte Satz "Knowledge of Latin is probably not an optimal preparation for modern language learning": Wie leichthin ist aus dem vorangegangenen ersten Satz die Generalisierung dieses zweiten Satzes entstanden! Logisch betrachtet: Wir haben einen klassischen Induktionsschluss vor uns: Schluss vom Einzelfall auf sämtliche Fälle. Genau in dieser Generalisierung liegt der entscheidende, unbeachtete Fehler: Der Induktionsschluss ist hier nicht erlaubt. Denn im Unterschied zu Latein als Sprache ist jeder Unterricht in Latein in jeder Klasse wieder anders. (NB: Latein kann hier mit irgendeinem anderen Fach verglichen werden, z. B. mit Mathematik: Auch diese ist überall dieselbe, aber jeder von uns weiss, wie unterschiedlich auch hier der Unterricht im Einzelnen ist.)

Angewendet auf die zitierten Lebenserfahrungen: Die ETH-Studentin und die anderen ehemaligen Lateinschülerinnen hatten einen zwar jeweils unterschiedlichen altsprachlichen Unterricht erlebt, aber in einem Punkt muss sich dieser offensichtlich deutlich von dem der Stern-Gruppe unterschieden haben. In welchem?

In Unterricht jener Schülerinnen war der "Transfer", der nun hier zum Thema wird, in irgendeiner Form gegenwärtig, etwa durch immer neues Vergleichen von Latein zumindest mit bekannten Schulsprachen (Deutsch, Französisch, Englisch) und damit durch Aufzeigen von Gleichheiten, aber auch von Verschiedenheiten. Oder der Transfer wurde vorbereitet, indem die Funktionen hinter den sprachlichen Formen deutlich herausgearbeitet, verständlich gemacht und gelernt wurden und damit sich als übertragbar erweisen konnten, wenn in einer anderen Sprache ähnliche oder gleiche Funktionen, aber mit anderen Formen zu lernen waren. Denn genau so wird der von E. Stern und anderen bestrittene Transfer möglich, wie eines von vielen Beispielen erläutern soll.

Viele Sprachen erzählen anders als Deutsch

In den meisten indogermanischen Sprachen gibt es innerhalb der Vergangenheitsformen eine Differenzierung, die im Deutschen nicht mehr vorhanden und deshalb für uns schwierig zu begreifen ist: In Erzählungen einerseits die schlichte Ereigniskette, im Lateinischen im Perfekt, andererseits die "Kulisse" dafür, die umgebenden Sachverhalte, im Lateinischen im Imperfekt. Man nennt diese Funktionen "Aspekte", weil der Sprecher die Möglichkeit hat, seiner "Anschauung" entsprechend das Geschehen bzw. die Szenerie zu gestalten. Latein erzählt, wie ein gescheiter Schüler formulierte, "stereo", Deutsch bloss "mono", weil in der deutschen Hochsprache unterschiedslos das Präteritum verwendet wird.

Und hier kommt es nun ganz auf die Art des Lateinunterrichts an. Der eine Lehrer etwa führt einfach die Formen von laudavi (Perfekt) und laudabam (Imperfekt) ein und sagt: "Die Lateiner haben zwar zwei Vergangenheitszeiten, aber für die Übersetzung wählt ihr einfach aus, was euch besser scheint: ich habe gelobt oder ich lobte." Schluss und basta, und das nächste Thema kommt - eine angesichts der heutzutage wenigen Lateinstunden beinahe begreifliche Kürze der Behandlung. Doch dann haben wir eben jenen dürftigen Unterricht, wie er in einem der oben erwähnten, auf E. Sterns SPIEGEL-Text basierenden Online-Artikel beklagt wird: " Beim Lernen von Latein ist es das ausschliessliche Ziel, Texte zu verstehen und in seine Muttersprache zu übersetzen. Der Unterricht konzentriert sich auf die Vermittlung der Grammatik, der Vokabeln und aufs Übersetzen ins Deutsche. Das Lernen ist fokussiert auf das stumpfe Pauken von Vokabellisten und Grammatikregeln."

Nun aber zum anderen Lehrer. Er nimmt die Behauptung ernst, der Lateinunterricht fördere die Bildung, und zeigt, wie verschieden die Sprachen die Welt fassen: Er führt den Begriff des Aspekts ein und lässt die Schüler erkennen, dass es im Deutschen völlig anders läuft. Und zu guter Letzt führt er über die verständliche erste Schülerreaktion des "Delirant isti Romani" hinaus; die Schüler gelangen zur Einsicht, dass die Aspektbeachtung eigentlich eine faszinierende Sache und in vielen Sprachen wesentlich ist, in den Tochtersprachen des Lateins wie Französisch, Spanisch und Italienisch, in den slawischen Sprachen, im Alt- und sogar erweitert im Neugriechischen, in anderer Weise auch im Englischen (oder in den semitischen Sprachen). Wenn immer möglich, tut er dies in Zusammenarbeit mit den anderen SprachlehrerInnen. Dieser zweite Lehrer hat die Transferfähigkeiten geweckt, geschult und die Schüler dazu gebracht, weitere Sprachen in derselben Weise zu durchschauen und damit leichter und schneller zu lernen. Transfer wird in der Fachwelt etwa so definiert: "Transfer bedeutet die Nutzung von früher erworbenem Wissen im Hinblick auf neue Inhalte oder neue Situationen"; oder wie E. Stern schreibt: "Der grösste Lernfortschritt kann erwartet werden, wenn die gestellten Aufgaben neu sind, aber auf der Grundlage des verfügbaren Wissens gelöst werden können" (2006 Stern, 49). Genau eine solche Situation haben wir vor uns, wenn die letztgenannten Schüler etwa im Französisch- oder Spanischunterricht mit den Aspekten konfrontiert werden: Die Funktionen sind ihnen vom Latein her vertraut, sie können sie anhand der neuen Formen erkennen und brauchen nur noch diese zu lernen. Es kann auch Russisch sein: Ein ehemaliger Lateinschüler und heutiger Russischstudent schreibt: "Die Verben und ihre Aspekte bereiten mir keine Mühe, das Lernen des Vokabulars hingegen ist zeitaufwendig." Es ist also genau nicht so, wie E. Stern nicht müde wird zu behaupten, dass man mit Latein nichts ausser Latein lernen könne. - Fazit: Die methodischen Mängel machen auch diese Untersuchung unbrauchbar.

Aufbau ist nötig, nicht Abriss

An den Gymnasien ist heutzutage eines vonnöten: fächerübergreifende Zusammenarbeit der Sprachfächer, um die Muttersprache und den Erwerb von Fremdsprachen zu fördern. Die Mehrsprachigkeitsdidaktik, die heute in aller Munde ist, hat hier ihr Arbeitsfeld. Und hierin kann der Lateinunterricht (nach wie vor spreche ich nur von einem seiner Bereiche, dem Sprachunterricht) seine unverwechselbare Rolle spielen: Gerade weil er als einziger Sprachunterricht nicht auf die Kommunikationsfähigkeit der Schüler in der betreffenden Sprache abzielen muss, soll er im Dienste aller Sprachfächer und in Zusammenarbeit mit ihnen die "nützlichen", da transferierbaren Hintergründe aufzeigen. Es geht um eine Art "Entbabylonisierung" der Sprachen, um die Förderung eines grundlegenden und sprachübergreifenden Verständnisses, das jeden Fremdsprachenerwerb erleichtert. Heute trägt dieses Verständnis den Namen "sprachliche Allgemeinbildung", mit teilweise sehr neuen Inhalten. Hier gäbe es viel zu sagen.

Aber um einen solchen Latein- und Sprachunterricht zu evaluieren, bräuchte es viel weiter entwickelte Untersuchungen als die von Haag/Stern und anderen Lateingegnern. Die methodische Schwäche besteht ja insbesondere darin, dass aus der Vielzahl der Variablen die entscheidenden nicht erkannt und deshalb nicht berücksichtigt worden sind. Denn ein blosser Übersetzungstest Deutsch-Spanisch evaluiert natürlich nicht, welches Sprachverständnis vorhanden ist, z. B. das Verständnis der Aspekte; der Übersetzungstest sagt nicht aus, ob der Spracherwerb leichter oder mühsamer stattgefunden hat, wie leicht jemand in eigenem Tun eine Sprache sich erwirbt, wie schnell der Erwerb irgendeiner Sprache vonstatten geht, sei es Spanisch oder Russisch oder auch eine nichtindogermanische Sprache.

Theo Wirth, ehem. Fachdidaktiker für Latein und Griechisch an der Universität Zürich
thwirth@cheironos.ch

Literaturverzeichnis
2000 Haag/Stern:
Haag, Ludwig/ Stern, Elsbeth (2000): Non scholae sed vitae discimus? Auf der Suche nach globalen und spezifischen Transfereffekten des Lateinunterrichts. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 2000, 14, 146-157 (Zwischenbericht in: AU 2000, 4+5, 86-89).
2003 Haag/Stern:
Haag, Ludwig/ Stern, Elsbeth (2003): In Search of the Benefits of Learning Latin. Journal of Educational Psychology, 2003, 95, No. 1, 174 -178.
2003 Westphalen:
Westphalen, Klaus (2003): Latein oder Französisch? Überlegungen zum Bildungswert der zweiten Fremdsprache - Replik auf eine empirische Untersuchung. Forum Classicum 2003, 1, 3 - 11. = www.altphilologenverband.de/forumclassicum/pdf/FC2003-1.pdf
2006 Stern:
Stern, Elsbeth (2006): Lernen - Was wissen wir über erfolgreiches Lernen in der Schule? Pädagogik 2006, 58 (1), 45 - 49.

1 Diese knappe zusammenfassende Kritik des ersten Arguments der Lateingegner ist im "Forum Classicum" 4/2010 genauer dargestellt und begründet - samt dem neckischen Detail, dass im oben genannten Dosenbeispiel den Autoren Haag/Stern selber ein logischer Fehler unterläuft. (> Text)
* Dieser Beitrag gibt in überarbeiteter und stark gekürzter Form ein Referat wieder, das in einem Arbeitskreis des DAV-Kongresses 2010 gehalten worden ist. Titel des Arbeitskreises: "Latein nützt nichts - oder nützt es doch? (1) Zu Transfer und Zusammenarbeit zwischen Latein und den anderen Sprachfächern". (> Text)

Lingua Latina Genauae non delenda est

Le 25 novembre 2010, la grille horaire du nouveau Cycle d'orientation (CO) du canton de Genève a été rendue publique. Elle ne comporte plus, pour la 9ème HarmoS (actuelle 7ème), ni enseignement du latin ni enseignement de langue et culture latines.

Cette nouvelle grille horaire s'inscrit dans le cadre du PER (Plan d'études romand) et de la loi 10176, qui instaure les mêmes disciplines pour tous les élèves en première année du CO (9ème HarmoS). Cette loi a été adoptée par une large majorité de citoyens genevois le 17 mai 2009.

Le PER " reprend et concrétise les finalités et objectifs de l'école publique tels qu'ils figurent dans la Déclaration du 30 janvier 2003 de la CIIP " (http://www.plandetudes.ch/web/guest/presentation-generale) qui proclame notamment que " Les langues anciennes participent à la formation culturelle et linguistique des élèves " ( http://www.ciip.ch/pages/activites/Langues/fichiers/decla_langues.pdf).

Le projet de loi 10176 prévoyait pour la première année du CO l'enseignement des mêmes disciplines pour tous les élèves. Ainsi, ce projet de loi permettait d'imaginer deux possibilités pour la première année du CO : soit un enseignement du latin adressé à tous les élèves, soit la suppression de l'enseignement du latin.

Avant et après la votation du 17 mai 2009, la question du latin en première année du CO a été au centre des débats. La Commission de l'enseignement du Grand Conseil et le Grand Conseil avaient souhaité que tous les élèves bénéficient d'un enseignement de langue et culture latines avec une dotation horaire et des objectifs différenciés en fonction du regroupement. Cette proposition avait la faveur du Conseiller d'État Charles Beer et du DIP et avait été un des arguments utilisés lors de la campagne précédant la votation.

Au lendemain de la votation du 17 mai 2009, le Département de l'instruction publique (DIP) a écrit sur son site : " Le Grand Conseil souhaite l'introduction d'un espace dans la grille-horaire pour que tous les élèves de 7ème année aient accès à quelques éléments de la structure du latin. Ces éléments peuvent être mis à profit pour mieux appréhender le français et les autres langues vivantes ainsi que des éléments de base de la culture antique. Dans le regroupement au niveau d'attentes le plus élevé, le programme en latin est plus poussé. " (http://www.ge.ch/dip/GestionContenu/detail.asp?mod=dossier.html&id=900#latin)

En juin 2010, la Direction générale du CO a présenté aux collaborateurs du DIP un modèle de nouvelle dotation horaire pour le CO. Il était alors prévu que les élèves de 9ème HarmoS aient trois heures de langue et culture latines dans le regroupement 3 et une heure de langue et culture latines dans les regroupements 1 et 2.

Or, le 25 novembre 2010, la grille horaire du nouveau Cycle d'orientation ne comportait plus du tout de latin en 9ème HarmoS. À cela s'ajoutait une perte de deux heures de latin sur l'ensemble du CO. Cette décision qui ne respecte aucun des engagements précédents a suscité de nombreuses réactions, allant de l'incompréhension à l'irritation la plus vive, parmi les différents partenaires de l'école (parents, élèves, enseignants), au sein de la population et du monde politique. Une interpellation urgente écrite a été déposée le 16 décembre 2010 au Grand Conseil par Madame la Députée Aurélie Gavillet, de nombreux courriers ont été envoyés au Conseiller d'État Charles Beer, une pétition a été lancée le 28 février 2011 et une motion a été déposée au Grand Conseil le 18 mars 2011.

Vous pouvez soutenir le latin à Genève en téléchargeant la pétition sur www.latiniste.ch/petition.pdf. La pétition doit être renvoyée au plus tard le 15 avril 2011 à l'adresse postale suivante : " Comité de soutien pour le latin ", Rue Louis-Favre 4, 1201 Genève. Toutes les personnes qui se sentent concernées peuvent signer la pétition. Vous trouverez en outre de nombreux documents et liens sur ce sujet sur le site http://www.latiniste.ch.

Patricia Arpin

Anmerkung der Redaktion: Am 20. April konnten über 17000 Unterschriften eingereicht werden.

Latein als Ergänzungsfach: Pilotprojekt in Graubünden

Im Kanton Graubünden sind zur Zeit grössere Veränderungen im Bereich Latein geplant oder in Umsetzung. Beim Langzeitgymnasium wurde der Lateinunterricht von der ersten und zweiten Gymnasialklasse in die zweite und dritte verschoben. Die Stundendotation hat sich dabei geändert: bisher 4/4, neu 4/3 Lektionen. Nach der dritten Klasse gibt es für die Interessierten zwei Fortsetzungsmöglichkeiten, einerseits kann wie bisher ein Latinumskurs besucht werden, der mit einer von den Universitäten anerkannten Zusatzprüfung abgeschlossen wird, andrerseits gibt es eine neue viel versprechende Perspektive: Latein als Ergänzungsfach.

Im Rahmen der Teilrevision des Mittelschulgesetzes und des Maturitätsanerkennungsreglementes MAR hat die Bündner Regierung beschlossen, dass der Lateinunterricht auch für Absolventinnen und Absolventen des Kurzzeitgymnasiums attraktiver und verbindlicher werden soll. Alle Maturandinnen und Maturanden, die für ein Studium an einer Universität auf Latein angewiesen sind, sollen diese Kenntnisse während der Mittelschulzeit erwerben. Diejenigen Schülerinnen und Schüler, die eine neolateinische Sprache als Schwerpunktfach wählen (Französisch, Spanisch, Italienisch oder Rätoromanisch), müssen bereits in der dritten Klasse mit Latein beginnen (3 Lektionen) und in der 5. Und 6.Klasse das Ergänzungsfach Latein belegen. Diese neue Regelung hat begreiflicherweise nicht bei allen Romanisten Begeisterung geweckt, sie fürchten nämlich um die Existenz ihrer Schwerpunktfächer.

Die Schweizerische Maturitätskommission (SMK) hat am 19. März 2009 einem Antrag des Amtes für Höhere Bildung des Kantons Graubünden für einen Schulversuch mit Latein als Ergänzungsfach stattgegeben. Die ursprüngliche Idee und Initiative kam von der Evangelischen Mittelschule Schiers. Der Schulversuch gemäss Art.19 MAR ist zeitlich auf fünf Jahre limitiert und endet im Schuljahr 2015 /2016. Das Projekt wird von Prof. Dr. Rudolf Wachter (Universität Basel) begleitet und evaluiert.

Das neue Ergänzungsfach eröffnet die Möglichkeit, dass Latein mit den modernen Fremdsprachen sinnvoll kombiniert werden kann. Auch für die vom MAR Art. 11 geforderte Interdisziplinarität (Latein - moderne Fremdsprachen) eröffnen sich vielfältige fächerübergreifende Arbeitsmöglichkeiten. Das zusätzliche Angebot ist auch für naturwissenschaftlich interessierte Gymnasiasten oder für alle, die einen von den Universitäten anerkannten Lateinabschluss anstreben, attraktiv. Diejenigen Schülerinnen und Schüler, die sich nicht für Latein entscheiden, belegen in der 3. Klasse ein Fach "Einführung in Physik und Chemie" und "Informatik". Bei den Anmeldungen für das Kurzzeitgymnasium haben sich im Frühjahr 2011 an der Bündner Kantonsschule von 158 zur Aufnahmeprüfung Angemeldeten 47 für das Fach Latein entschieden, aus unserer Sicht ein erfreulicher Anfang. Neben der Bündner Kantonsschule Chur beteiligen sich voraussichtlich auch die Evangelische Mittelschule Schiers, das Hochalpine Institut Ftan und die Klosterschule Disentis an diesem Pilotversuch.

Weitere Informationen sind beim Projektleiter und Unterzeichnenden erhältlich.

Urs Grazioli

Glarus beschreitet mit einem alternativen Grundlagenfach Latein neue Wege

Im Zuge der Glarner "Kanti-2010-Reformen" beschritt die Fachschaft Latein neue Wege und bietet auf das neue Schuljahr 2011/12 - statt einem SPF, das neu in der 4. Kantonsschulstufe begonnen hätte - ein alternatives Grundlagenfach "Englisch oder Latein" ab der 3. Kantons-schulstufe an. Die Schüler müssen sich neuerdings jeweils auf die 3. Kantonsschulstufe hin entscheiden, ob sie Englisch oder Latein als Grundlagenfach wollen.

Für die "Lateiner" ist Latein promotionswirksam und wird mit einer Maturitätsprüfung abgeschlossen. Sie besuchen das Grundlagenfach Englisch zusammen mit denjenigen, die sich (gegen Latein und) für Englisch als Grundlagenfach entschieden haben, die Lateinlektionen sind also zusätzlich. Englisch ist für die "Lateiner" nicht promotionswirksam, die Englischnote erscheint aber im Zeugnis. Wechsel sind in der 3. und 4. jeweils auf Semesterende möglich. Damit die Stundenbelastung im Maturitätsjahr nicht zu gross wird, wird "Lateinern" der Besuch des Integrationsfachs erlassen.

Breite Bildung als Maxime

Das neue Modell fördert Schüler, deren Interessen und Begabungen in verschiedenen Bereichen liegen. Die Fachschaft Latein musste in den letzten Jahren immer wieder feststellen, wie vielseitig interessiert viele Schüler waren / sind und für sie daher die SPF-Wahl eher eine Qual als eine Wahl war. So wurde das SPF Latein zwar oft gewählt, aber vielfach nur als 2. Wahl, was in den meisten Fällen - nur selten kam ein SPF in 1. Wahl nicht zustande - einer Abwahl des Lateins gleichkam.

Durch den Systemwechsel können nun gerade diese Schüler auch zu ihrem Lateinabschluss gelangen. Neu können die Schüler für sich ein noch individuelleres und noch breiteres Bildungsangebot zusammenstellen, sprich Latein und ein SPF (Angewandte Mathematik und Physik, Bildnerisches Gestalten, Bio-Chemie, Italienisch, Spanisch, Musik, Wirtschaft und Recht) kombinieren.

Genau diesen Mehrwert scheinen die Glarner Schüler erkannt zu haben. So wählten beinahe 50% der jetzigen "Zweitklässler" Latein als Grundlagenfach und auch bei Schülern, die aus der Sekundarschule an die Kanti übertreten werden, stiess dieses Modell auf regen Gefallen.

Weitere Informationen sind beim Unterzeichnenden erhältlich.

Martin Stüssi
 

Weiterbildung

Helvètes en Érétrie (28.10.2010 / WBZ-CPS 10.03.42)

Trente-quatre participants des deux côtés de la Sarine ont suivi, avec plaisir et intérêt, dans les murs du Musée des antiquités de Bâle, la journée de formation continue 2010 consacrée aux fouilles menées par l'École suisse d'archéologie en Grèce (ESAG) d'une part, et de l'autre à l'exposition " Cité sous terre " qui met en lumière les découvertes des archéologues suisses en Eubée.

Dans son exposé, l'archéologue Karl Reber, professeur à l'Université de Lausanne et directeur de l'ESAG, a retracé l'histoire d'Érétrie en général et celle des fouilles en particulier. Sa présentation nous a permis d'apprécier le travail effectué depuis les premiers coups de pioche, de suivre l'évolution du site grâce à des documents photographiques étalés dans le temps -ceux pris en septembre 2009 à l'occasion des pluies torrentielles qui se sont abattues sur l'île n'étaient d'ailleurs pas les moins impressionnants.

L'après-midi, c'est en deux groupes (un francophone et l'autre alémanique) que nous avons visité l'exposition. Grâce à une mise en scène originale de la première salle, les visiteurs sont transportés à Érétrie même, celle d'aujourd'hui, qui dévoile peu à peu son histoire et les richesses archéologiques qu'elle recèle. On y entraperçoit une société méditerranéenne globalisée dans laquelle l'Eubée, dès les temps les plus reculés, constituait une sorte de plaque tournante diffusant les différentes découvertes et marchandises. La grande salle du sous-sol permet ensuite d'entrer dans la vie quotidienne des habitants à l'époque classique. Plusieurs thèmes y sont développés par secteurs.

Finalement, une discussion animée, menée par le professeur Reber, le directeur adjoint du Musée, M. Andrea Bignasca et le médiateur culturel, M. Laurent Gorgerat, autour des difficultés que rencontrent nos disciplines et la transmission de la culture antique a réuni une nouvelle fois l'ensemble des participants. Si cela fait du bien de pouvoir exprimer, à chaque niveau représenté, les soucis et les déceptions qui nous habitent, il faut veiller aussi à ne pas tomber dans la déprime car la lutte continue, camarades !

Octobre 2010
Christine Haller

Castelen V, 12.01.2011: Latein und Mehrsprachigkeitsdidaktik

Das Tagungsthema 'Latein und Mehrsprachigkeitsdidaktik' besitzt hohe Aktualität. Nur so ist es zu erklären, dass über 60 Personen aus der gesamten Schweiz an der Weiterbildungsveranstaltung teilnahmen. Darunter waren Sprachlehrpersonen der Sekundarstufe 1 und 2 sowie Vertreter/innen von Erziehungsdirektionen, der PH FHNW und der Universitäten. Zentrale Frage der Veranstaltung war, wie der Lateinunterricht in die neuen Konzepte der Fremdsprachendidaktik der EDK und von HarmoS integriert werden kann. Im Eröffnungsreferat erläuterte Prof. Dr. Giuseppe Manno, Leiter der Professur Didaktik der romanischen Sprachen und ihre Disziplinen der PH FHNW, das Konzept der Mehrsprachigkeitsdidaktik. Die Forschung hat bewiesen, dass die Vorteile positiver Transfers zwischen den Sprachen die Nachteile durch Interferenzen bei weitem überwiegen. Der Unterricht in den verschiedenen Fremdsprachen soll daher kombiniert und koordiniert werden. Welche Rolle kann Latein dabei spielen? Prof. Manno gab die Antwort: "Latein baut Brücken." Es vermittelt viel transferierbares Wissen in der Morphosyntax (Bsp. Partizipialkonstruktionen) und vor allem im lexikalischen Bereich. Sowohl der panromanische Wortschatz als auch der internationale Wortschatz bestehen zu einem grossen Teil aus griechischen oder lateinischen Wortstämmen. Das Englische prägt als internationale Wissenschaftssprache zahlreiche lateinische und griechische Neologismen. Latein erfüllt nach Prof. Manno eine wichtige Stützfunktion im Fremdsprachenlernen. Was noch fehle, sei ein theoretisches Konzept, welches die Rolle(n) und die Aufgabe(n) des Latein in den Fremdsprachenkonzepten der obligatorischen und postobligatorischen Schulen festlege. Der zweite Vortrag von Martin Müller, Dozent Fachdidaktik Alte Sprachen der PH FHNW, beschäftigte sich mit dem Volksschullehrplan passe-partout für Französisch und Englisch, welcher eine konkrete Umsetzung der Didaktik der Mehrsprachigkeit darstellt. Martin Müller zeigte auf, dass Latein in zwei der drei Kompetenzbereichen, nämlich 'Bewusstsein für Sprache und Kulturen' sowie 'lernstrategische Kompetenzen', mit der Konzeption des passe-partout übereinstimmt und Substantielles beitragen kann. Er forderte eine Öffnung des Lateinunterrichts hin zu den modernen Fremdsprachen und zeigte anhand von Hinweisen auf vorhandene Ressourcen und mit eigenen Beispielen, wie der Lateinunterricht seine Stützfunktion im Fremdsprachenunterricht in der Praxis erfüllen kann. Zum Schluss skizzierte er ein mögliches didaktisches Konzept, wie sprachenübergreifendes Lernen in den Lateinunterricht integriert werden könnte. In jedem Fall sind seiner Meinung nach Änderungen in der Aus- und Weiterbildung notwendig, um den Lehrpersonen das nötige linguistische Rüstzeug zukommen zu lassen.

Nach dem Mittagessen teilten sich die Teilnehmer/innen auf 4 Workshops auf, in denen Unterrichtsmaterialien zu allen drei Kompetenzbereichen von passe-partout vorgestellt und diskutiert wurden. Pius Meyer, Dozent Fachdidaktik Alte Sprachen der PH FHNW, leitete den Workshop 'lernstrategische Kompetenzen - Wörterlernen', Claudia Perler und Romina Failla, beide Lehrerinnen der OS Basel, die Workshops 'Bewusstsein für Sprache: Syntax, Morphologie, Vokabular', Martin Müller führte durch das Thema 'Texterschliessung, Textlinguistik'.

Alle Teilnehmer/innen erhielten einen Ordner mit sämtlichen Materialien der Tagung. Den Abschluss bildete ein ausgezeichnetes Referat von Prof. Dr. Peter Blome, Direktor des Antikenmuseums, in welchem er einige prächtige Neuerwerbungen des Antikenmuseums Basel präsentierte.

Die Weiterbildung wurde von der Arbeitsgruppe 'Latein macht Schule' organisiert, welche sich seit mehreren Jahren für die Erhaltung des Lateins in der Volksschule einsetzt. Unser Dank gilt Frau Professor Henriette Harich-Schwarzbauer, Ordinaria für Lateinische Philologie der Universität Basel, welche die Durchführung des Anlasses in Castelen - Augst ermöglicht hat.

Martin Müller

Weitere Informationen sowie downloads unter: www.lateinmachtschule.ch

47. Ferientagung für Altphilologen in München
vom 06. bis 09. September 2010

Auch die diesjährige zentrale Fortbildungstagung für Lehrkräfte der Alten Sprachen in Bayern fand wieder in Schloss Fürstenried statt, organisiert und geleitet von Dr. Rolf Kussl, Ministerialrat des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus. 140-150 Anmeldungen seien eingegangen, konnte der Tagungsleiter bei der Begrüssung festhalten. Tatsächlich wurden aber für gewisse Vorträge im Saal, der 165 Personen Platz bot, noch zusätzliche Stühle hereingetragen. Der "Dialog"-Band 44 mit den Vorträgen der Veranstaltung 2009 ist bereits erschienen. Die genauen Angaben: Themen und Texte - Anregungen für den Lateinunterricht; im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus herausgegeben von Rolf Kussl, mit Beiträgen von Klaus Bartels, Ulrich Eigler, Hans-Joachim Glücklich, Niklas Holzberg, Markus Janka, Sven Lorenz, Friedrich Maier, Alfons Städele; erschienen in der Reihe: Dialog Schule Wissenschaft - Klassische Sprachen und Literaturen, Bd. 44; Kartoffeldruck-Verlag Kai Brodersen, Speyer 2010 (ISBN: 978-3-939526-09-4).

Über die gehaltenen Vorträge und angebotenen Workshops orientiert das Programm. Es traten zum ersten Mal als Redner auf die Professoren Kuhlmann, Glücklich und Stroh (dieser mit feurigem Impetus). Die Tagung eröffnete der Referent aus Zürich, unser Prof. Dr. Klaus Bartels, zu: "'Handwerkende Natur' oder glücklicher Zufall? - Aristotelisches vs. Darwinistisches Naturverständnis", mit Materialien, die auch im Unterricht anwendbar sind, gedacht als ein "Brückenschlag" zwischen den Alten Sprachen und den Naturwissenschaften. Eine gelungene Abwechslung brachte am ersten Abend die musikalische Darbietung von OStD Dr. Wilhelm Pfaffel, der Jan Nováks "Cantica Latina" einem zahlreich anwesenden Publikum bekannt machte, selbst den Instrumentalpart auf dem Keyboard ("clavicymbalo canente" laut Programmheft) spielte und die Kompositionen erläuterte. Die Musiker ernteten längsten Applaus. - Die Beiträge werden im nächsten "Dialog"-Band (Nr. 45) greifbar sein.

Zur Thematik am Mittwochabend ("Erörterung aktueller Fragen des altsprachlichen Unterrichts"): Zuerst zu den Schülerzahlen: Die im letzten Bulletin (SAV, Nr. 75, April 2010, S. 29) mitgeteilten Zahlen sind nur eingeschränkt vergleichbar; jetzt heisst es z.B. L1 in den Jahrgangsstufen 5-10 (statt 5-11). Aber immer noch gilt die damals formulierte Feststellung, dass in Bayern das Gesamt der L-Schüler auf hohem Niveau, doch mit leicht sinkender Tendenz, konsolidiert. Die folgenden Zahlen wurden für das abgeschlossene Schuljahr 2009/10 bekanntgegeben. L1 (d.h. Latein als erste Fremdsprache) wird in den Jahrgangsstufen 5-10 von ca. 35'219 Schülerinnen und Schülern an 110 Gymnasien, die Ll anbieten, belegt. Für die Jahrgangsstufe 5 allein lautet die Zahl 6'530 (gegenüber dem Vorjahr ein winziger Anstieg von 6'509), was gut 13% aller Schülerinnen und Schüler dieser Stufe entspricht (die gleiche Prozentzahl gilt für die Summe 35'219). Latein als zweite Fremdsprache (L2) findet weiterhin ungebrochene Akzeptanz. L2 der Jahrgangsstufen 6-10 bringt es auf ein Total von ungefähr 111'553 Schülerinnen und Schülern (49.6%). Die Zahl des Vorjahres lautet (Stufen 6-11) 126'500 mit einem relativen Anteil von 49.4%. Trotz der numerischen Differenz bedeutet dies Konstanz. Zusammen mit den Schülern, die in der Oberstufe des acht- bzw. neunjährigen Gymnasiums Latein in einem Kurs oder Seminar belegten, ergibt sich (ab Jahrgangsstufe 5 gerechnet) eine Gesamtzahl von ca. 160'861 (ca. 42%) Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, die im Schuljahr 2009/10 Latein erlernten. Im vergangenen Jahr lautete der vergleichbare Anteil noch 45.9%, was mir auffällig erscheint. Die Kernfrage ist doch wohl diese: Wie können die Schüler animiert werden, bis Ende Jahrgangsstufe 12 durchzuhalten? - Zum Fach Griechisch: Die Zahl der Schüler, die ein humanistisches Gymnasium besuchen oder das humanistische Angebot eines Sprachlichen Gymnasiums nützen, bewegt sich seit Jahren auf etwa gleichem Niveau. Im Schuljahr 2009/10 erlernten in den Jahrgangsstufen 8-12(13) insgesamt ca. 3'711 Schülerinnen und Schüler an 54 Gymnasien Griechisch. Es darf immerhin vermerkt werden, dass Bayern von allen Bundesländern derzeit die meisten Schüler mit Griechisch vorweisen kann. - Zur Rangordnung der Schulen mit L1-Angebot: Im zentralen Jahrgangsstufentest im Fach Deutsch sind unter den besten 50 bayerischen Gymnasien solche mit dem Angebot von Latein als erster Fremdsprache überrepräsentiert. 2009 waren es 35 Schulen (von den genannten 110); mit anderen Worten: Jede dritte Schule erreichte diesen Rang (ein Aufstieg gegenüber dem Vorjahr). Auf einem Papier wurde dazu nebst Anderem festgehalten: "Diese erfreulichen Ergebnisse sind auch Belege für die Bedeutung des Lateinischen als gymnasiales Grundlagenfach und den hohen Stand des altsprachlichen Unterrichts in Bayern." - Zur Lehrerversorgung: Derzeit unterrichten an staatlichen Gymnasien ca. 2'100 Lehrkräfte mit der Fakultas Latein. Aufgrund des hohen Bedarfs an L-Lehrern zählt das Fach Latein auch weiterhin zu den Mangelfächern (wie Mathematik, Informatik und die naturwissenschaftlichen Fächer). Die Zahl der Studienreferendare hat sich sprunghaft auf 92 erhöht. - Zur Abiturnote: Die in den Jahrgangsstufen 11 und 12 erbrachten Leistungen fliessen zu 2/3 in die Abiturnote ein, die Abiturprüfung selbst zählt 1/3. - Zum "Grundwissen Latein": Was zu den "grundlegenden Kenntnissen im Fach Latein" gehört, soll der Schüler im Internet, unterstützt durch Links, abrufen können. Ein Entwurf wurde vorgelegt unter den Titeln: Sprache und Text; Topographie und Kunst; Geschichte; Politik und Gesellschaft; Alltags- und Privatleben; Religion und Mythos (diese Themen kann die Lehrkraft im Unterricht der Klassen 5-8 frei einbringen); dazu Literatur (mehr für die folgenden Schuljahre gedacht).

Das Ambiente der Tagung war herzlich. Die Teilnehmenden kamen mit den Kollegen und Referenten ins Gespräch. Unter den Ausstellern, die mit vielen Neuerscheinungen aufwarteten, zeigte zum ersten Mal der Verlag C.H. Beck sein Sortiment. Am Schluss der Tagung dankte Dr. Kussl für die aktive Beteiligung und erntete selbst lang andauernden Applaus.

Zürich, den 21. Oktober 2010
Bernhard Löschhorn

Programm der Tagung (PDF-Dokument)

 

Euroclassica

Euroclassica - Academia Homerica

La 14e édition de l'Academia Homerica aura lieu du 8 au 18 juillet 2011. Les participants se retrouveront à Athènes avant d'entreprendre la traversée vers Chios où se dérouleront les cours, conférences et excursions prévus par le programme.
Tous les renseignements utiles se trouvent sur le site www.euroclassica.eu
Date limite d'inscription : 10 mai 2011

Euroclassica - Academia Ragusina

C'est à Dubrovnik que se déroulera du 26 au 30 avril 2011 la seconde Academia Ragusina portant sur les débuts de la Renaissance. Des conférences et ateliers se dérouleront les mercredi et jeudi ; les participants auront par ailleurs l'occasion d'assister à un concert et de visiter les hauts lieux de la ville.
Tous les renseignements utiles se trouvent sur le site www.euroclassica.eu
Date limite d'inscription : 15 février 201

Christine Haller
 

Rezensionen

Michael Weithmann, Xanthippe und Sokrates. Frauen und Männer im alten Athen, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2010, 203 S. CHF 33.90 (€ 19.90), ISBN 978-3-89678-707-1

Wenn ein Buch mit wissenschaftlichen Ansprüchen in dritter - korrigierter und aktualisierter - Auflage erscheint, ist das ein deutlicher Hinweis darauf, dass sein Thema bei einem grossen Lesekreis auf überdurchschnittliches Interesse stösst und dass es in gefälliger Form, gut lesbar und verständlich, dargeboten wird. Der Autor, geb. 1949, Wissenschaftlicher Bibliothekar an der Universität Passau, geht das Thema aus zwei verschiedenen Perspektiven chiastisch zum Titel an: Der "männliche Blick" liefert uns den kultur- und zeitgeschichtlichen Rahmen im Athen des 5. Jhs. v.Chr., der "weibliche Blick" die "verborgene Situation" der Frau in der griechischen Polis. Dabei geht es dem Autor vor allem darum, das seit Xenophon und Antisthenes grassierende Bild der Xanthippe als eines unverträglichen, zänkischen Hausdrachen zu korrigieren. Das grösste Problem bei diesem Thema ist - wen wundert's? - die Quellenlage. Über Frauen wurde normalerweise nur berichtet, wenn sie irgendwie aus dem gesellschaftlichen Rahmen fielen (S. 80). Man hielt sich offenbar an die berühmte Aussage des Thukydides, wonach die beste Frau diejenige ist, von der positiv wie negativ am wenigsten die Rede ist (Thuk. 2,45,2). Zudem ist die Frage nicht überall zufriedenstellend zu lösen, was von den Quellen zu halten ist. Dass Myrto als weitere Frau des Sokrates neben Xanthippe ins Reich des Klatsches gehört, wird man dem Autor ohne weiteres abnehmen, hingegen wird seine Behauptung, Sokrates habe im Lykeion gelehrt und so für seinen Lebensunterhalt gesorgt haben, nicht jedermann überzeugen. Zu einfach tönt die Begründung des Autors, Platon und Xenophon hätten nur deswegen behauptet, Sokrates habe kein Geld genommen, um ihn von den Sophisten abzugrenzen (S. 39; 130). Viel Wissenswertes teilt uns der Autor mit, das ausser in Fachkreisen wenig bekannt sein dürfte: so etwa, dass die Griechen nur den Begriff der Päderastie, nicht aber den der Homosexualität bzw. der Homosexualität als Lebensform kannten (S. 21); dass in aristokratischen Kreisen die Frauen verehrt, in demokratischen hingegen von den "Phallokraten" erniedrigt wurden (S. 97); dass Xanthippes Name auf aristokratische Abstammung mit entsprechendem finanziellem Hintergrund hinweist (S. 113ff.) und dass Sokrates gegenüber den Frauen durchaus positiv eingestellt war und die Ehe als Zeugungs-Gemeinschaft angesehen hat (S. 136f.). Warum er allerdings erst mit etwa 58 Jahren die etwas über 20-jährige Xanthippe geheiratet hat, wird nicht diskutiert.

So anregend und originell das Buch ist, so hat es doch einige Mängel: Neben relativ vielen Druckfehlern wie phtonos (S. 32; 136), Dionysos von Syrakus (S. 153), Anthistenes (S. 159) u.a. sind Quellenangaben häufig falsch: so stimmt beispielsweise S. 92 der Verweis auf Homer nicht, ebenso S. 98 auf Hesiod; S. 132 ist Apologie 26d fehl am Platz und Xen.symp. 5,12 ist gar nicht möglich (ebd.). S. 136 trifft die Xenophonstelle für Lysistrate nicht zu. Da ist wohl bei der Umsetzung des Anmerkungsteils zugunsten der Quellenangabe direkt im Text einiges schief gelaufen. Als Spur davon taucht S. 66 eine Anmerkung 44 auf. Auch sind einzelne Begriffe veraltet oder scheinen sonst nicht zu passen, so etwa Kabale für die erotischen Abenteuer des Zeus (S. 124), Bastarnerinnen (S. 132; ein germanisches Volk im 3. Jh.v.Chr.), Trireme (S. 59, 75) passt streng genommen für griechische Schiffe nicht. Bilder, die besprochen werden, sollten abgebildet sein - der Leserschaft zuliebe!

Beno Meier

Wolfgang Moschek, Der Limes. Grenze des Imperium Romanum, Darmstadt (Primus Verlag) 2010 (Geschichte erzählt, hrsg. von K. Brodersen, U.A. Oster, Th. Scharff und U. Schneider), 144 S., 15 s/w Abb., 1 Karte, CHF 29.90 (WBG-Preis € 12.90), ISBN 978-3-89678-833-7

In sechs Kapiteln skizziert Wolfgang Moschek die wechselvolle Geschichte der römischen Reichsgrenze. Moschek doktorierte zum Thema 'Limes' und wirkt als Lehrer für Geschichte und Geographie in Dieburg (so die Angaben auf S. 144). Der schmale Band erschien in der Reihe Geschichte erzählt, die so unterschiedliche Themen vereint wie Die Welt Homers, Hexenjagd in Deutschland, Die Spanische Grippe oder Ich bin Spartacus (immerhin 10 der 27 Bände behandeln Themen der Antike).

Publikationen zum Thema 'Limes' gibt es bekanntlich zuhauf. Moschek beschränkt seine Literaturhinweise auf ganze elf Titel, die er jeweils kurz kommentiert. Entsprechend ist im vorliegenden Büchlein nicht eine Gesamtschau zum Thema oder sogar ein umfassender Forschungsüberblick zu erwarten. Vielmehr merkt der Leser bald, dass es Moschek vornehmlich um die Idee des Limes, fast möchte man sagen, um die Ideologie geht, die hinter diesem grössten Bauwerk der Antike steckt. Und diese erschöpft sich eben keineswegs in der Schutzfunktion der Grenzbauten - im Gegenteil: Ab der Zeit Hadrians ist der Limes in erster Linie "als Zeichen der maiestas imperii, der Machtfülle und Erhabenheit des Imperiums" zu verstehen (S. 92 mit Verweis auf G. Alföldy). Er war ein Zeichen, das nicht nur gegen aussen, sondern mindestens ebenso sehr nach innen wirken sollte. "Bemerkenswert sind die vielen Stellen, an denen Mauer und Palisade vom Innern des römischen Reiches aus sichtbar sind. Dafür wurden an manchen Stellen sogar taktische Nachteile hingenommen, indem die Limeslinie nicht auf die Höhe von Hängen gelegt wurde, wo man sie gut hätte verteidigen können, sondern weiter nach innen und unten, wo die leichtere Ueberwindbarkeit durch den Feind zugunsten einer besseren Sichtbarkeit in Kauf genommen wurde" (S. 81).

Eingangs geht Moschek kurz auf Die Grenzen der Stadt, Die Grenzen des Tempels und Die Grenzen des Hauses in der römischen Tradition ein (S. 11ff). Die damit verbundenen sakralen Vorstellungen und Riten wurden gemäss Moschek auch auf die Reichsgrenze übertragen, z.B. die rituelle Entsühnung des Landes im Rahmen der suovetaurilia (S. 88ff), aber auch die Bemalung von Stadtmauern mit weissem Putz und rotem Fugenstrich, die man für die Limesmauern übernahm (S. 63). Unglücklich formuliert der Autor, wenn er bereits im pomerium der Stadt Rom eine Abgrenzung zwischen einem "wilden ungeordneten Raum der Natur" und einem "Raum der Kultur" sieht (S. 11). Diese begriffliche Zuspitzung entstammt doch eher dem Denken des 18. und 19. Jahrhunderts als römischen Vorstellungen.

Zu bemängeln sind etliche Fehler, besonders bei lateinischen Ausdrücken und Zitaten (S. 89: "Die suovetaurilia geht (!)...", S. 100: converunt statt convenerunt, S. 114: munimentium statt munimentum, aber auch "Antonius-Wall" statt "Antoninus-Wall", S. 87). Aergerlich ist, dass bei Quellenzitaten die Stellenangabe oft fehlt. Schliesslich verlangt das Thema nach mehr und besserem Kartenmaterial. Die 15 Abbildungen in Schwarzweiss sind dagegen gut für einen 'Spontaneinsatz' im Unterricht zu gebrauchen. Wer als Lehrperson eine kompakte, kluge Synthese zur Geschichte des Limes sucht, ist mit dem vorliegenden Bändchen gut bedient. Wer Text- und Anschauungsmaterial insbesondere für jüngere Schüler sucht oder seinen Schützlingen etwas zum Selbststudium in die Hand geben will, findet zweifellos geeigneteres Material.

Zum Schluss sei auf das spannende Kapitel über die Forschungs- und Rezeptionsgeschichte verwiesen (S. 117-140). Hier zeigt Moschek eindrücklich, wie weit der Weg von den ersten Entdeckungen und Deutungsversuchen der Ueberreste bis zum heutigen Gesamtbild der römischen Grenzbefestigungen war. In Mittelalter und früher Neuzeit gab es Bezeichnungen wie "Pohlgraben", "Schweingraben" oder "Teufelsmauer". 1884 bilanzierte dann August von Cohausen als erster ähnlich wie heute Moschek: "Der Phalgraben (sic!) ist keine Grenzwehr, wenigstens keine mechanische, sondern eine moralische - er hat keinen taktischen Zweck" (S. 131). Heute bilden die Limites in Grossbritannien und Deutschland zusammen das Weltkulturerbe "Frontiers of the Roman Empire". Weitere Länder möchten sich mit ihren Limesabschnitten anschliessen.

Thomas Schär

Heiner Knell, Kaiser Trajan als Bauherr. Macht und Herrschaftsarchitektur, Darmstadt (WBG) 2010, 151 S., CHF 48.90, ISBN 978-3-534-23659-6

Zu den monumentalen Bauwerken, die im Auftrag von Kaiser Trajan in Rom und anderswo errichtet wurden, existieren im Einzelnen selbstverständlich schon unzählige Publikationen, eine zusammenfassende Gesamtbetrachtung seiner Herrschaftsarchitektur fehlte bislang. Diese Lücke schliesst nun Heiner Knell, emeritierter Professor für Klassische Archäologie an der Technischen Universität Darmstadt.

Sein Werk hilft, Trajans Bautätigkeit im Gesamtkontext zu sehen und zu verstehen. Natürlich liess sich Trajan bis an die Grenze des Erträglichen als militärisch erfolgreicher Kaiser zelebrieren, wie am Beispiel der Trajanssäule, der Reiterstatue auf dem Trajansforum oder des Siegesmonuments in Adamklissi zu erkennen ist. Seine Bautätigkeit dient aber andererseits auch dem Zweck, ihn als umsichtigen Herrscher zu zeigen, der auch die Interessen des niederen Volkes zu vertreten wusste. Für letzteres stehen etwa die umfangreiche Erweiterung des Circus Maximus in Rom oder die Trajansthermen mit der dazugehörigen Wasserversorgung.

Die Abbildungen umfassen Rekonstruktionsskizzen, Münzbilder und Schwarzweiss-Fotografien des heutigen Zustands der Bauwerke. Knell will dies ausdrücklich nicht nur als "Illustration" des Textes verstanden wissen, sondern als eigentliche Dokumentation der besprochenen Bauwerke. Diese Dokumentation ist durch ihre Anschaulichkeit auch im Schulunterricht direkt nutzbringend einsetzbar.

Im Interesse einer besseren Lesbarkeit verzichtet Knell auf Anmerkungen, auch eine umfassende Bibliographie fehlt. Die wichtigsten Belegstellen aus der antiken Literatur fügt er kursiv gesetzt in Klammern direkt in den Text ein, worunter aber in manchen Abschnitten die Lesbarkeit auch wieder leidet.

Inhaltlich kann diese Monographie über Trajans Herrschaftsarchitektur nur als geglückt und empfehlenswert bezeichnet werden; was enorm peinlich ist, ist die schlechte Redaktion - da muss WBG über die Bücher. In den beschreibenden Texten fällt ein stilistisch merkwürdiger Wechsel zwischen Präteritum und Perfekt auf. Ein Beispiel von S. 61: "Damit war erreicht, dass dieser Tempel zwar nicht auf dem Platz dieses Forums stand und somit nicht (...) Teil dieser Anlage gewesen ist (...)" Ebenfalls sind zahlreiche Kommafehler zu vermerken. In Sätzen wie dem folgenden werden systematisch falsche Kommata gesetzt: "Dabei lassen die Szenen der Reliefs keinen, episch vorgetragenen Zusammenhang erkennen." (S. 111)

Das Schlimmste sind die hanebüchenen Druckfehler, die weit über kleine Versehen und den gelegentlichen Buchstabendreher hinausgehen. So etwa S. 43 "Reisterstandbild"; S. 44 " auf den (...) Forumeigangs"; S. 59 "der höchstens Instanz"; S. 61 "monmumentales Format"; S. 108 "paecunia sua fecit"; S. 112 in einem einzigen Satz die folgenden Fehler: "Musterrungsszene", "Reffieffeld", "Militärdient"; S. 113 "Legiminität" (!); S. 114 "Dauerhaftligkeit", S. 120 "Xanthen" (im Register auch so!); S. 123 "hunderdtausend"; S. 133 "einen gehobenere Standart" (!) usw. Allein solche kleinere und grössere Schnitzer habe ich über zwei Dutzend gefunden, von den Kommafehlern und den stilistischen Schwächen abgesehen. Das ist eindeutig zu viel für ein Buch von 150 Seiten!

Beat Hüppin

Cassio Dione, Storia romana, Vol. VIII (libri 68-73), Introduzione di Alfredo Valvo, traduzione di Alessandro Stroppa, note di Guido Migliorati, testo greco a fronte, Milano (BUR Rizzoli, Classici greci e latini) 2009, 263 pp., € 11.00, ISBN 978-88-17-03880-5

Cassio Dione è autore d'una monumentale Storia di Roma in 80 libri, scritta in greco, di cui ci sono pervenuti più o meno integri i libri 36-60; il resto ci è pervenuto in frammenti o attraverso i compendi bizantini di Xifilino e Zonara. Si tratta d'uno storico importante. Grazie a Cassio Dione, infatti, possiamo farci un'idea della parte perduta dell'opera di Livio, da cui spesso dipende, anche se non in modo esclusivo. Con Cesare, Cicerone Appiano e Plutarco, è fonte importantissima per le età cesariano-pompeiana, triumvirale e augustea. Il racconto dioneo della prima età imperiale è complementare a quello di Tacito e lo supplisce per le parti lacunose. Infine, senza il racconto di Cassio Dione saremmo peggio informati, e in qualche caso privi d'un racconto continuato, sugli imperatori da Nerva in poi. Soprattutto, Cassio Dione è il testimone principe dell'età severiana, delle trasformazioni nella struttura dell'impero avvenute fin lì e dei problemi politici di quell'epoca.

Insomma, ce n'è per dire che è importante. Cassio Dione, tuttavia, è un autore dallo stile volutamente turgido e artificioso, la cui lettura non è sempre palmare, e pone ulteriori problemi nei libri che conserviamo attraverso i compendi bizantini. Manca, a tutt'oggi, un commento scientifico complessivo; disponiamo di pur meritori commenti storici a libri singoli: quello ai libri 41-42,1-2, a cura di Nadia Berti, pubblicato nella collana delle "Ricerche dell'Istituto di Storia Antica dell'Università Cattolica di Milano" (Milano 1988); quello al libro 53, a cura di Eralda Noè, uscito nella "Biblioteca di Athenaeum" (Como 1994); quello ai libri 53,1-55,9 a cura di John Rich (Warminster 1990); quello ai libri 55-56, a cura di Peter Swan (Oxford 2004); quello ai libri 64-67, a cura di Charles Murison (Atlanta 1999). Tutto a questo, a fronte d'una bibliografia che invece è imponente e di cui qui mi limito a ricordare la monografia fondamentale di Fergus Millar, A Study of Cassius Dio (Oxford 1964).

Come si vede, sul fronte dei commenti storici, e ancor di più sul fronte dei commenti filologici, il più rimane da fare; per questo è importante disporre d'una traduzione, che mette a disposizione una prima interpretazione. Fino a vent'anni fa disponevamo di due sole traduzioni moderne di tutto Cassio Dione, quella inglese ad opera del Cary nella "Loeb Classical Library" (1914-1926) e quella tedesca ad opera del Veh (Zürich und München 1985-1987). Per 'moderne' intendo quelle uscite dopo l'edizione critica del Boissevain (Berlin 1895-1901), la prima a tener conto di quasi tutti i manoscritti e ancora oggi edizione di riferimento.

Attualmente, nella "Collection des Universités de France" sta uscendo, a cura di vari studiosi, una nuova edizione critica, con traduzione a fronte e note in calce; fra il 1991 e il 2008 sono usciti i libri 41-42, 45-46, 48-49, 50-51. L'opera è dunque ancora lontana dal compimento. Nel 2004 è uscita a Madrid una traduzione in spagnolo, a cura di vari studiosi, che copre i frammenti dei libri 1-35 e i libri 36-45. Infine, a partire dal 1996, nella collana "Classici greci e latini" della BUR sono stati finora pubblicati 8 volumi con il testo del Boissevain, la traduzione italiana e note a piè pagina; i primi 4 volumi comprendono i libri 36-51, tradotti da Giuseppe Norcio, i secondi 4 volumi comprendono i libri 52-73, tradotti da Alessandro Stroppa.

Basti questo per dire quanto sia prezioso, sui libri 68-73, il lavoro di Alessandro Stroppa e, per le note, di Guido Migliorati; il volumetto, concepito come opera di alta divulgazione, rende un servizio prezioso agli studenti, ai professori di liceo e alle persone colte, ma contribuisce anche ad attenuare una lacuna che affligge gli studiosi, perché, almeno fin che mancherà uno strumento più completo, servirà anche per una prima consultazione. Chiunque abbia avuto bisogno, per le sue ricerche, di consultare specifici passi di storici antichi sa quanta differenza ci sia fra il disporre di buoni commenti e il non disporre di nulla.

Proprio per questo sarebbe deprecabile che l'editore, per un improvvido mutamento di strategia commerciale, rinunciasse a completare l'opera, come purtroppo c'è da temere. Al contrario, sarebbe bene che si stampassero e si corredassero di traduzione e note anche i frammenti dei primi 35 libri.

Giancarlo Reggi

Philip Matyszak, Legionär in der römischen Armee (aus dem Englischen von Jörg Fündling), Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2010, 224 S., CHF 33.90 (€ 19.90), ISBN 978-3-89678-822-1

'Reenactment' ist Musik in den Ohren all jener, die es sich zum Ziel gesetzt haben, historische Ereignisse mit Gleichgesinnten zusammen möglichst authentisch nachzugestalten und für sich selbst und andere wieder lebendig werden zu lassen. Nun, das vorliegende Buch mit dem plakativen Untertitel 'Der ultimative Karriereführer' versteht sich nicht als Aufruf, sich einem Trupp von Hobby-Legionären anzuschliessen, sondern liefert fundierte Einblicke in Werdegang und Alltag eines römischen Legionärs um 100 n.Chr.

Philip Matyszak, promoviert in Alter Geschichte (in Oxford) und Dozent an der Cambridge University, stützt seine Ausführungen auf allseits bekannte antike Quellen, eine ganze Palette moderner Sekundärliteratur (auch aus dem angelsächsischen Bereich), aber auch auf jüngere Erkenntnisse aus der experimentellen Archäologie.

Das Buch liefert 'Wissen, unterhaltsam verpackt' (so die Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Es lädt mit einem gefälligen Layout und einer übersichtlichen Gliederung mit zahlreichen Illustrationen auch einen Laien geradezu zum Lesen ein, kann aber ebenso gut als Nachschlagewerk von Nutzen sein und stellt auch den einigermassen Sachkundigen ab und zu auf die Probe: Wie kam es zur Bildung der 'legiones geminae'? Warum ist ausgerechnet der 'signifer' Verwalter der 'Pensionskasse'? Ist die Formulierung 'Milites exercitati facile intellegi possunt; abundant tamen tirones periculosi.' mit der Übersetzung 'Profis sind berechenbar; die Welt wimmelt von gefährlichen Anfängern.' wirklich richtig interpretiert? Hat man die Vorverlegung des Jahresbeginns tatsächlich als Folge von Marius' Heeresreform zu sehen (S.22) oder gehört sie doch ins Jahr 153 v. (Der Kleine Pauly, s.v. Kalender)?

Von der Rekrutierung bis zum 'Pensions-Schock' wird die ganze Legionärs-Laufbahn mit viel Freude am Detail sehr anschaulich geschildert: Der angehende Soldat erfährt, welche Heereseinheit am besten zu ihm passt ('Wenn du reiten kannst, wozu laufen?'), wo bei möglichst geringem Risiko die besten Karrieremöglichkeiten warten, was man im Umgang mit Vorgesetzten beachten muss, welche Feinde am meisten zu fürchten sind, usw., alles am Schluss des Kapitels schön zusammengefasst in der Rubrik 'de re militari', eventuell ergänzt durch eine praktische Checkliste.

Gewöhnungsbedürftig ist die teilweise sarkastische, ja oft auch respektlose Ausdrucksweise: '... der grossen triumviralen K.-o.-Runde der innerrömischen Endausscheidung, bekannt unter dem Namen Bürgerkrieg, ...' (S.23) oder '..., also muss man das Schwert gleich nach dem Zustechen ganz brutal herumdrehen, damit man es schön herausziehen und anderswo wiederverwenden kann' (S.73). Da scheint eine gehörige Portion schwarzer britischer Humor mit eingeflossen zu sein; aber vielleicht ist es gerade das, was das Buch für jugendliche Leser (Empfehlung: ab 14 Jahren!) so anziehend macht.

Peter Bracher

Jörg Fündling, Sulla, Darmstadt (WBG) 2010, 208 S., CHF 48.90, ISBN 978-3-534-15415-9

In der Reihe "Gestalten der Antike" ist ein weiterer Band erschienen, diesmal über Lucius Cornelius Sulla. Der Verfasser ist Latinist und Althistoriker Jörg Fündling, der in Bonn promoviert hat und inzwischen Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH Aachen ist.

Die Geschichte Sullas ist niemals in dem Ausmass Allgemeinwissen wie die von Caesar, Cicero oder anderen Gestalten der römischen Politik - das sagt Fündling in seinem Vorwort zu Recht, und genauso wird Sullas Bedeutung oft unterschätzt, wo er doch eine ganze nachfolgende Generation in der untergehenden römischen Republik geprägt hat, ja in ihren Erinnerungen lebendig geblieben ist. Wie hat doch etwa Sallust nachdrücklich darauf hingewiesen, wo Catilina sein "Handwerk" gelernt habe? Die ganze Politikergeneration von Caesar und Cicero ist ja in der Zeit von Marius, Sulla usw. gross geworden, denken wir nicht zuletzt auch an Ciceros Rede Pro Sex. Roscio Amerino, die uns ein anschauliches Beispiel der Wirren im Zusammenhang von Sullas Proskriptionen überliefert, denken wir auch an Sallusts eher vernichtendes Urteil über Sulla im Rahmen seines Bellum Iugurthinum: "Nam postea quae fecerit, incertum habeo pudeat an pigeat magis disserere."

Wie dem auch sei, die Geschichte von Sullas Aufstieg und Fall, von seinem erbitterten Kampf gegen Cinna, seiner unerhörten Willkür bei den Proskriptionen und all dem anderen, was ihm teilweise vielleicht nachträglich zu Unrecht angedichtet worden ist, ist nicht ganz einfach nachzuvollziehen, auch mit dem vorliegenden Buch nicht. Fündlings Buch zeichnet sich aber dadurch aus, dass es sauber anhand der Quellen gearbeitet ist und wirklich versucht, die Geschichte um Sulla verständlich und umfassend nachzuzeichnen. Der Verfasser weiss auch um die Grenzen der überlieferten Quellen und versucht dann löblicherweise nicht, irgendetwas herumzufantasieren. Merkwürdig muten vereinzelte ironisch oder zynisch formulierte Wertungen oder Kommentare an, die nicht recht zum zwar lebendigen, letztlich aber doch recht nüchternen Erzählstil des gesamten Werks passen wollen. Etwas salopp formulierte Kapitelüberschriften ("Tanz auf dem Vulkan", "Der Lotse geht von Bord" usw.) deuten aber auch klar darauf hin, dass die Publikation durchaus populärwissenschaftlich einzuschätzen ist, dies jedoch auf sehr hohem Niveau. Für Personen, die nicht vom Fach sind (Althistoriker oder Latinisten), setzt das Buch trotz des populärwissenschaftlichen Einschlags letztlich wohl zu viel voraus. Für alle anderen, die das nötige Vorwissen mitbringen, dürfte sich diese Monographie über Sulla als durchaus wertvoll erweisen.

Beat Hüppin

Ludwig Bernays, Homers Odyssee, Rombach Verlag (Rombach Wissenschaften, Reihe Paradeigmata, hrsg. v. B. Zimmermann e. a., Bd. 10) 2010, 397 S., CHF 74.90, ISBN 987-3-7930-9612-2

Sage mir, Muse, die Thaten des vielgewanderten Mannes (J. H. Voss, 1781)
Nenne mir, Muse, den Mann, den vielgewandten (R. Hampe, 1979)
Muse, erzähl mir vom Manne, dem wandlungsreichen (K. Steinmann, 2007)
Sing und erzähle mir, Muse, vom Helden, der vielerlei Länder / einst durchstreifte (Bernays 2010)

Bereits die Wiedergabe von polu/tropon von Od. 1,1 bei vier Übersetzern aus drei Jahrhunderten lässt Charakteristisches der Übersetzungen spüren: der "klassische Voss" ist sozusagen realistisch, Hampe und Steinmann (wie auch W. Schadewaldt in der Prosaübersetzung von 1958 ['vielgewandten']) lassen den "listenreichen Odysseus" erblicken, die neuste Version ist wieder 'realistischer' und fällt vor allem durch die paraphrasierende Wiedergabe auf.

Warum drei Jahre nach Steinmann wieder eine Übersetzung der Odyssee? Vor allem, weil L. Bernays mit grosser Wahrscheinlichkeit schon bevor Steinmanns Übersetzung erschien, mit der Arbeit begonnen hatte. Bernays ist ja einer jener selten gewordenen Vertreter der humanistischen Bildungstradition, der erst nach langer Tätigkeit als Arzt klassische Philologie studierte und seither auf literarischem Gebiet arbeitet und veröffentlicht. Die Odyssee-Übersetzung ist auf Anregung eines Freundes entstanden, der "anstelle des altväterischen Textes von J. H. Voss eine klar verständliche Wiedergabe ... in heutigem Deutsch wünschte" (7). In einer kurzen Einleitung (S. 7-19) gibt der Übersetzer die Kriterien für die Erarbeitung seines Textes. Er weiss sich Voss, Hampe und Steinmann verpflichtet, verzichtet aber darauf, für sämtliche griechische Vokabeln eine Übersetzung zu geben und gibt so oft eine "freiere Übertragung" (9). Bezüglich des Hexameters macht er manchmal bewusst einen dem Versrhythmus synkopenartig entgegengesetzten Wortakzent, um Monotonie zu vermeiden. Seine Überzeugung, dass jedes einzelne Buch der Odyssee "ein nach einfachen Proportionen klar gegliedertes eigenständiges Kunstwerk" (7) ist, verifiziert er in der Übersetzung durch entsprechende Anmerkungen. Andere Anmerkungen betreffen textkritische oder überlieferungsgeschichtliche Fragen oder geben Sachinformationen für Leser, die nicht die ganze griechische Mythologie im Kopf haben. Der Übersetzer stützt sich ebenfalls auf führende Gräzisten wie J. Latacz und W. Burkert.

Dass die neue Übersetzung ihr Ziel erfüllt, nämlich als rhythmisierter Text von Liebhabern antiker Teste und nicht nur von Spezialisten gelesen zu werden, soll eine kurze Leseprobe beweisen (Od. 3,14-18):
"Telemach, sei jetzt bitte nicht schüchtern und allzu bescheiden. / Schliesslich hast du doch darum die Seefahrt gewagt, um zu hören, / wo dein Vater sich könnte befinden und welches sein Los war. / Geh also gleich in das Haus des pferdekundigen Nestor, / um zu erkunden, wes Sinnes er ist und wie weit er Bescheid weiss".
Nicht nur aus Respekt vor der enormen Leistung eines klassischen Philologen aus Liebe, sondern auch, weil Bernays einen guten Lesetext vorlegt, ist zu wünschen, dass diese Übersetzung in einem weiteren Kreis wahrgenommen und gelesen wird.

Alois Kurmann

Hugo Caviola, Regula Kyburz-Graber, Sibylle Locher, Wege zum guten fächerübergreifenden Unterricht. Ein Handbuch für Lehrpersonen, Bern 2011 (Verlag hep), 174 S.

Gründe, fächerübergreifenden Unterricht zu praktizieren, gibt es genügend: Die Lernenden freuen sich über lebensnahe Themen, über selbständige Arbeitsformen; die Lehrenden sehen einen Gewinn in der Zusammenarbeit mit Kolleg/innen, in der Interaktion mit anderen Fächern; die Unterrichtsforschenden sehen das Potenzial, Lernziele und Fähigkeiten in der Schule zu vermitteln, welche diejenigen der Einzelfächer übersteigen und ein "Denken in Zusammenhängen" (S.22) ermöglichen, durch das sich die Lernenden in der beruflichen und wissenschaftlichen Welt besser zurechtfinden können. Nicht ohne Grund ist fächerübergreifender Unterricht auch im Artikel 11a des MAR fest verankert. Die praktizierenden Lehrpersonen wissen aber auch um die vielen Hindernisse, welche es zu überwinden gilt: die organisatorischen Hürden wie passende Unterrichtsgefässe sowie die Bezahlung bei Team-Teaching; das Finden der passenden Lehrpersonen und der geeigneten Klassen; schliesslich das Entwickeln von Themen, welche den Erfordernissen fächerübergreifenden Unterrichtens entsprechen. Das Buch gibt allen interessierten Lehrpersonen der Sekundarstufe 2 einen wertvollen Überblick. Sie finden darin die Beschreibung von Zielen und Qualitätskriterien, methodische Hinweise und viele Ideen. Das Buch ist aus einem mehrjährigen Forschungsprojekt am Gymnasium Liestal entstanden. Die Autor/innen reichern ihre Ausführungen mit Stimmen von Lehrpersonen und Lernenden sowie zahlreichen inspirierenden Unterrichtsbeispielen an, wodurch sie fest in der Praxis verankert werden. In Pro- und Kontra-Absätzen werden Gedankengänge kritisch hinterfragt. Reflexion beispielsweise wird im Sinne von Wissenschaftspropädeutik als wichtiges Qualitiätskriterium angeführt. Lehrende werden mit Zustimmung den Kontra-Reflexion-Abschnitt zur Kenntnis nehmen, in welchem ausgeführt wird, wie schwierig es ist, die Lernenden dazu zu bringen, sich vom Unterrichtsgegenstand zu lösen und eine reflektierende Position einzunehmen. Der Leser erhält aber auch wertvolle praktische Hinweise, wie diesem Problem begegnet werden kann. Eine Möglichkeit besteht darin, sich einem Problem zunächst mit der Alltagsbetrachtung zu nähern und es anschliessend in die Fachperspektiven aufzufächern. Dabei sind Phasen des Team-Teachings wichtig, in denen die Lehrpersonen ihre Fachperspektive vertreten. Es gibt aber auch zahlreiche Unterrichtsformen, in denen sich Schüler/innen die Rollen von Fachexperten aneignen und ihr Fach beispielsweise in einer Expertenrunde diskursiv vertreten. Das Buch eröffnet so dem Leser Reflexionsräume zu den wichtigsten methodisch-didaktischen Aspekten des fächerübergreifenden Unterrichtens und bietet auch Instrumente für die Praxis. Erwähnt seien hier stellvertretend die Beurteilungskriterien für Leistungsnachweise.

Ein differenziertes und anregendes Buch zu einem wichtigen Unterrichtsthema.

Martin Müller

Die Vorsokratiker, Band III: Anaxagoras, Melissos, Diogenes von Apollonia. Die antiken Atomisten: Leukipp und Demokrit, Griechisch-lateinisch-deutsch, Auswahl der Fragmente und Zeugnisse, Übersetzung und Erläuterungen von M. Laura Gemelli Marciano, Artemis & Winkler 2010 (Sammlung Tusculum), 636 S., ISBN 078-3-538-03502-7

Der letzte der drei Bände der neuen Vorsokratiker-Auswahl zeichnet sich durch die gleichen positiven Merkmale aus wie die zwei vorangehenden. Zu jedem Vorsokratiker werden die Fragmente und Zeugnisse zu Leben und Werk aufgeführt, dann gibt die Herausgeberin eine ausführliche Übersicht über Leben und Werk und im dritten Teil Erläuterungen zum Text. Aus der Sicht einer Lehrperson an Gymnasien sind die folgenden Punkte positiv zu bewerten: Auch diesen dritten Band benutzt man wohl noch vor dem klassischen "Diels-Kranz", weil man hier eine deutsche Übersetzung sämtlicher aufgenommenen griechischen und lateinischen Texte hat. Das ist für die Vorbereitung von Schulstunden wie auch für Aufgabenstellung an Schüler eine unschätzbare Wohltat, sind doch gerade die Texte aller in diesem Band vertretenen Vorsokratiker alles andere als leicht zu übersetzen. Zur Begründung einzelner Übersetzungen bedient man sich gerne der ausführlichen Erläuterungen, in denen mithilfe von Paralleltexten aus verschiedensten literarischen Gattungen (Tragödie, Philosophie, Medizinische Schriften, christliche Theologie) Begriffe geklärt werden. Übersetzungen, die von solchen bei Diels-Kranz abweichen, werden häufig mit dieser Methode der parallelen Textstellen begründet. Ebenso dankbar ist man für die übersichtsmässige Darstellung der Lehre der einzelnen Denker, sodass man deren Textfragmente im grösseren Zusammenhang verstehen kann. Den Umgang mit dem "Klassiker" und dieser neuen Ausgabe ermöglicht die Konkordanz zu allen drei Bänden, in der die Nummern von Diels-Kranz und Gemelli Marciano einander gegenübergestellt werden. Hier wird auch ersichtlich, dass in dieser neuen Ausgabe Text aufgenommen sind, die man bei Diels-Kranz nicht findet.

Wenn man am Ende dieses dritten Bandes auf das ganze Werk zurückblickt, kann man erahnen, welch enorme philologische Kenntnis Frau Gemelli in diesen drei Bänden ausbreitet. Man wird wohl noch einmal zurückgehen, um den "Anhang" in Band I zu lesen (S. 373-465), in dem die Herausgeberin ihre Sicht dessen darlegt, was vorsokratische Philosophie ist, und in welchem Sinn man von "vorsokratischer Wissenschaft" sprechen kann. Diese fast 100 Seiten sind geeignet, uns, die wir bei der Arbeit in der Schule meistens von der Hand in den Mund leben müssen, eine Sicht auf die Vorsokratiker zu geben, die ungewohnt ist und zur Auseinandersetzung mit anderen, seit dem Studium verfestigten Sichten herausfordert.

Alois Kurmann

Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit Hermann Korte, Homer und die deutsche Literatur (Reihe Text und Kritik, Sonderband 8/10), Edition Text und Kritik, München 2010, 303 S. Brosch., CHF 53.40

Dass Homer und Troja im deutschen Sprachraum vor wenigen Jahren erhöhte mediale Aufmerksamkeit beanspruchten, mag mittlerweile wohl wieder vergessen sein, obwohl unterdessen ohne Medienklamauk weitere Gesamtübersetzungen der homerischen Epen das Licht der Buchwelt erblickt haben, wie man der über 200 Titel umfassenden Bibliografie [!] entnehmen kann (Helmut van Thiel, "Homers Iliaden". Erschlossen, übersetzt und erläutert, Münster [recte Berlin] 2009, bzw. "Homers Odysseen", Erschlossen, übersetzt und bearbeitet [recte erläutert], Berlin 2009, - mit der extravaganten, seit langem verfochtenen These, dass gleich drei der für "Ilias" und "Odyssee" postulierten Dichter Homer geheissen haben könnten, vielleicht Grossvater, Vater und Enkel; ferner die Fortsetzung von Lataczs wissenschaftlich angelegtem Iliasprojekt und als anderes Extrem die Liebhaberübersetzung, die Ludwig Bernays von der "Odyssee" jüngst vorgelegt hat, vgl. Rezension von A. Kurmann in diesem Bulletin). Auch wenn man nicht gerade, wie im Klappentext vermutet, an einen "engen Zusammenhang mit virulenten kulturellen Umbrüchen" und an ein "verstärktes Interesse an der Antike" glauben möchte, wird man gespannt zum vorliegenden Band greifen, der an die vergangenen Diskussionen anknüpft, die Fragestellung zur einen Hälfte aber in andere Richtung fokussiert: Wie hat Homer auf die deutschsprachige Literatur gewirkt und welches Bild hat die Spätrenaissance, haben Grimmelshausen, Klopstock, Goethe, Wilhelm von Humboldt, die Romantiker, Gustav Schwab, die biedermeierlichen Idylliker (zu denen auch Voss zu rechnen ist), Nietzsche von ihm entworfen? Die Antworten darauf sind äusserst vielfältig und erhellend. Ein Dutzend präzis analysierender Essays aus der Feder ebenso vieler Spezialisten schreitet diese Wirkungs- und Deutungsgeschichte ab. Goethes Bekenntnis in der "Italienischen Reise" angesichts der antiken Kunstwerke, die ihn an Homer erinnern, - "Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen, da ist die Notwendigkeit, da ist Gott" - ertönt da aus beträchtlicher geistiger Ferne.

Für den Philologen im engeren Sinn recht eigentlich bestimmt sind hingegen die rahmenden Beiträge, die als eine Art Nach(-)Lese und als abklingendes Wetterleuchten nach den heftigen Grabenkämpfen um eine angemessene Übersetzung der homerischen Epen zu verstehen sind. Charakteristisch für diese Aspekte ist der Aufsatz von Burkhard Reis, "Homer-Übersetzen mit der Lupe", der sich auf die Untersuchung des Ilias-Proömiums an zwölf Beispielen in Prosa und in Versen konzentriert und den Leser mit Recht in Ratlosigkeit versetzt, wem er nun die Palme reichen soll und ob überhaupt. Hermann Korte vergleicht die Übersetzungsstrategien von Rudolf Alexander Schröder und Thassilo von Scheffer. Der umstrittenste Exponent der neuen Homerexegese kommt wieder zu Wort und darf nochmals zornig mit dem Holzschwert fuchteln ("Latacz' Arbeit - ein völlig selektiv und ideologisch tendenziös mit den Quellen umgehendes Machwerk"). Von Kurt Steinmann ist nach der "Odyssee" auch eine versifizierte "Ilias" in Arbeit, wie man aus einem Gespräch mit dem Übersetzer, der seine Prinzipien erläutert, erfährt. Die dargebotene Kostprobe aus dem 6. Buch weist allerdings die bekannten rhythmischen Mängel auf, gleich zu Beginn: "Hektor indes schritt aúf Alexándros' Haus zu, das schöne" (mit leichter Korrektur käme man zu einem halbwegs akzeptablen Hexameter: "Hektor schritt indes auf Aléxandros'..."). Markus Janka schliesslich entwirft eine Apologie der "rhapsodischen" Methode, die Raoul Schrott für sich in Anspruch nimmt, holt die den gleichen Prinzipien verpflichtete, aber in Vergessenheit geratene Hörfunkfassung der "Odyssee" (Christoph Martin, 1996) aus dem Dornröschenschlaf und postuliert für die Postmoderne "neurhapsodische" Methoden der Vermittlung eines "entstaubten" literarischen Erbes ("Neue Rhapsoden braucht das Land"), wagt sich aber dann doch an eigene, freilich hinkende, Hexameter: "Könnte ich núr freien Laúf meinem wütenden Zorn [ménos kai thym˜s] jetzt lassen" - um eine Zeile aus Goethes "Hermann und Dorothea" mit seinen mustergültig rhythmisierten Hexametern abzuwandeln: "Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Metrik".

Bruno W. Häuptli
Binding Stiftung
Update: 2.5.2012
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