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Motivation

Die moderne Gesellschaft verlangt nach den ausgeklügelten Reizen der Motivation: Ohne Motivation mag der übersättigte Konsument nichts konsumieren, der desengagierte Mitarbeiter nicht mitarbeiten, der desinteressierte Schüler nichts lernen - ohne Motivation geht, geschweige denn läuft heutzutage gar nichts mehr. "Motiviere mich, Muse ..." so ungefähr hatte doch schon der alte Homer seine ellenlangen Epen angefangen.

Die "Motivation" ist eine Prägung erst des 20. Jahrhunderts. Sie geht zunächst zurück auf das Verb "motivieren", das in seiner älteren Bedeutung "begründen" bereits im 18. Jahrhundert erscheint, und ein französisches motiver, sodann auf das Substantiv "Motiv" und das französische Substantiv und vormalige Adjektiv motif, weiter auf das spätlateinische Adjektiv motivus, "fähig, etwas zu bewegen", und schliesslich auf das Partizip Perfekt Passiv motus des klassisch-lateinischen Verbs movere, "bewegen", das in dem modernen Euro-Wortschatz bis hin zum "Solarmobil" und zum "Mobiltelefon" ja auch sonst eine unermüdliche Mobilität entfaltet hat.

Da bewegt ein Wort das andere; der eigentliche Ursprung der "Motivation" und buchstäblich der Bewegung aber liegt noch jenseits jenes spätlateinischen motivus im Griechischen, genau: in der Aristotelischen Lehre von den vier Ursachen. Im 4. Jahrhundert v. Chr. hatte Aristoteles eine Vierzahl von Ursachen benannt, die er in jeder technischen Produktion und entsprechend auch in jeder natürlichen Reproduktion am Werke sah. Die Vier sind erstens das "Ziel" des Prozesses und zweitens die vorgegebene "Form" des Produktes, die miteinander den Herstellungsprozess von Anfang an bis ins Einzelne bestimmen, drittens der "Ursprung der Bewegung", der den Herstellungsprozess zu Anfang in Gang setzt und bis zu seinem Abschluss in Gang hält, und viertens der rohe "Stoff", der im Laufe dieses Prozesses die gewünschte Form erhält und so in das fertige Produkt eingeht.

Die dritte dieser Ursachen, im Griechischen die arché tés kinéseos, der "Ursprung der Bewegung" - am Beispiel des Hausbaus etwa der Auftrag des Bauherrn an den Architekten und das handgreifliche Zupacken der Bauhandwerker -, ist am Ende Ursprung unserer "Motivation" geworden. Aristoteles nannte diesen "Ursprung der Bewegung" auch kurz kinún oder kinetikón, "Bewegendes" oder "fähig, etwas zu bewegen"; hier schweift ein Gedanke zu den bewegten Bildern der Kinematographie im Cinéma oder, noch kürzer, im Kino hinüber. Die lateinischen Lehnübersetzungen dieser "bewegenden Ursache" lauteten causa movens oder causa motiva, die anschliessende deutsche Lehnübersetzung "Beweggrund".

Im Französischen ist das motif im 14. Jahrhundert, im Deutschen das "Motiv" im 16. Jahrhundert aufgekommen; in der Folge erscheint das Wort in der Kriminologie als das "(Tat-) "Motiv", das den Straftäter zu seiner Tat bewegt, entsprechend in der Kunstgeschichte als das "(Bild-) "Motiv", das den Maler zum Malen und neuerdings auch den Photographen zum Photographieren bewegt, und schliesslich in der Musikgeschichte als ins Ohr fallendes "Motiv" oder als beziehungsreiches "Leitmotiv" - wobei wir schon in der Kunst unter einem "Bildmotiv" längst nicht mehr den Beweggrund zur Darstellung, sondern den dargestellten Gegenstand selbst verstehen.

Im 19. Jahrhundert hat sich zu diesen kriminologischen und kunstgeschichtlichen "Motiven" noch die locomotiva machina gesellt, zunächst im eigentlichen Sinn die Personen- und Güterwagen "vom Ort bewegende" fauchende und pfeifende "Dampf-Lokomotive" und dann im übertragenen Sinn die Parteibasis und Wählerschaft mobilisierende "Wahl-Lokomotive". Und im 20. Jahrhundert hat sich das alte "Motivieren" unter dem Einfluss des englischen to motivate zu seiner heute geläufigen Bedeutung gemausert und alsogleich noch die beflügelnde, alle Kräfte mobilisierende "Motivation" hervorgebracht. Werden wir bald auch noch wie für die Freizeitwelt hinreissende "Animateure", so für die Arbeitswelt mitreisssende "Motivateure" bekommen? Da bleibt nur die Frage: Wer animiert die Animateure, und wer motiviert die Motivateure?

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

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Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster