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Schweizerischer Altphilologenverband
Association Suisse des Philologues Classiques
Associazione Svizzera dei Filologi Classici |
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Minute und SekundeDer antike Mensch stand mit der Sonne auf und ging mit der Sonne zu Bett, und so mass und zählte er vom 4. Jahrhundert v. Chr. an auch seine Stunden: zwölf von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und wieder zwölf von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Nur an den Tagundnachtgleichen einmal im Frühjahr und einmal im Herbst waren alle diese Stunden gleich lang; im Sommer gab es fünfviertelstündige Tagesstunden und entsprechend kürzere Nachtstunden, im Winter umgekehrt dreiviertelstündige Tagesstunden und entsprechend längere Nachtstunden. Von einer peinlich genauen Pünktlichkeit "auf die Minute" oder gar auf die Sekunde ist der antike Mensch verschont geblieben. Nichtsdestoweniger sind unsere Minuten und Sekunden, was die Wörter betrifft, lateinisches, und was die Sache betrifft, letztlich auch griechisches Erbe, nur dass diese Minuten und Sekunden in der Antike noch nicht Bruchteile von Stunden, sondern Bruchteile von Bogengraden bezeichneten. In diesem alten Sinn sprechen die Astronomen ja bis heute von "Bogenminuten" und "Bogensekunden". Lassen wir die Uhr hier in Mega-Schritten duch die Sprachen und Epochen rückwärts laufen: Hinter der "Minute" steht das lateinische Verb minuere, "vermindern, verringern", und dahinter wieder das Adverb minus, "weniger", das uns aus dem Eins-plus-Eins, Eins-minus-Eins geläufig ist; hinter der "Sekunde" steht das lateinische Zahlwort secundus, "der Folgende, der Zweite", und dahinter wieder das Verb sequi, "folgen", dem wir etwa auch in der "Sequenz" und der "Konsequenz" begegnen. So ist die "Minute", wörtlich verstanden, eine "Verminderte, Verringerte", die "Sekunde", wörtlich verstanden, "die Folgende, die Zweite". Das weibliche Geschlecht der beiden Mini-Masse gibt einen Fingerzeig auf das fehlende Bezugswort. Ursprünglich und vollständig heisst die Minute im Spätlateinischen pars minuta prima, "erster verminderter Teil", die Sekunde entsprechend pars minuta secunda, "zweiter verminderter Teil". Die Bruchteile beziehen sich auf das ursprünglich babylonische, sogenannte Ptolemäische sexagesimale Masssystem: Der "erste verminderte Teil" bezeichnete ein Sechzigstel der Einheit, der "zweite verminderte Teil" ein Sechzigstel eines Sechzigstels dieser Einheit, zunächst eines Bogengrades, später einer Aequinoktialstunde. Schon mehr als zwei Jahrhunderte vor dem grossen Ptolemaios, der um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. in Alexandria lebte und lehrte, stossen wir im 1. Jahrhundert v. Chr. bei dem griechischen Mathematiker und Astronomen Geminos auf die frühesten Belege dieser "verminderten" Bogenmasse: Da bezeichnet ein próton leptón (hexekostón) ein "erstes Kleines (Sechzigstel)" eines Bogengrades und dann einer Stunde, und ein deúteron leptón (hexekostón) ein "zweites Kleines (Sechzigstel)" dieses Bogengrades und dann dieser Stunde. So paradox es scheinen mag: Nicht unserem täglichen und zuweilen ja tatsächlich minütlichen und sekündlichen irdischen Tun und Treiben, sondern den ungewordenen, unvergänglichen himmlischen Gestirnen galten diese ersten kleinen Sechzigstel und diese zweiten noch viel kleineren Sechzigstel: Es war die Ewigkeit des Göttlichen, die da so buchstäblich minutiös auf die Minute, auf die Sekunde genau vermessen und berechnet wurde. Die alten Griechen noch des klassischen Perikleischen Zeitalters, die Zeitgenossen eines Sophokles und eines Herodot, eines Sokrates und eines Platon scherten sich in ihren Alltagsgeschäften noch nicht einmal um die zwölf Stunden eines ganzen runden Tages von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, geschweige denn um ein Sechzigstel oder gar um ein Sechzigstel eines Sechzigstels eines solchen Zwölftels. Für diese Glücklichen weit jenseits aller Sekundengenauigkeit unserer Funkuhren und Quarzuhren war die übliche Verabredung auf dem Markt zu der Zeit, "wenn die Agora sich füllt" oder auch "wenn die Agora sich leert" genau genug; in der Zwischenzeit, wenn der Markt voll war, traf man sich ohnehin. Klaus Bartels Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001. | ||
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Update: 7.5.2010
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